Berufswahl braucht mehr Praxis
Jugendliche müssen sich für einen Beruf entscheiden, bevor sie genau wissen, welche Fähigkeiten sie mitbringen und was ihnen liegt. Gleichzeitig verlassen sich Betriebe bei der Auswahl stark auf Zeugnisse. Die Schule muss deshalb mehr Möglichkeiten schaffen, praktische Erfahrungen zu sammeln, verschiedene Berufe kennenzulernen und die eigenen Stärken zu entdecken.
Die Berufswahl ist ein wichtiger Schritt ins Erwachsenenleben. Doch wie sollen Jugendliche wissen, welcher Beruf zu ihnen passt, wenn sie viele Tätigkeiten noch nie selbst ausprobiert haben? Erst in der Praxis zeigt sich, ob die eigenen Vorstellungen mit dem Berufsalltag übereinstimmen. Aber ist es dann vielleicht nicht schon zu spät? Gleichzeitig müssen Jugendliche lernen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für ihren weiteren Bildungsweg zu übernehmen.
Mit Fächern wie Berufsorientierung in der Sekundarschule soll den Schüler*innen geholfen werden, verschiedene Berufe kennenzulernen. Über einen Beruf in einem Portfolio zu lesen oder ein Video darüber zu schauen, ist nicht dasselbe, wie praktische Erfahrungen zu sammeln. Die Berufsorientierung sollte nicht bloss darin bestehen, Berufe kennenzulernen und Bewerbungen zu schreiben. Sie muss Jugendlichen auch helfen, ihre Fähigkeiten praktisch zu erproben. Zu spüren, was ihnen liegt, Spass macht und Freude bereitet oder eben auch, was nicht, ist bei der richtigen Berufsfindung wichtig.
Schulnoten zeigen nicht alles
Zeugnisse spielen bei der Lehrstellensuche eine wichtige Rolle und können eine Hilfe für die Arbeitgeber sein bezüglich der Grundkompetenzen. Sie sagen jedoch nur begrenzt aus, ob jemand handwerklich geschickt ist, selbstständig arbeitet, Verantwortung übernimmt, teamfähig ist oder Lösungen finden kann. Solche Fähigkeiten lassen sich nicht allein anhand von Noten beurteilen.
Wer schulisch Mühe hat, kann in der Praxis durchaus überzeugen. Umgekehrt kann sich ein vermeintlicher Traumberuf im Arbeitsalltag als unpassend erweisen. Deshalb sollten Jugendliche möglichst früh Gelegenheit erhalten, verschiedene Tätigkeiten kennenzulernen und ihre eigenen Stärken zu entdecken. Die Schule muss nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Selbständigkeit, Eigeninitiative und praktisches Denken fördern.
Berufsorientierung braucht Praxis
Vom Gendertag respektive dem Zukunftstag bis hin zu Schnupperlehren und Praktika im Gymnasium wird das richtige Ziel verfolgt, jedoch genügt das bei weitem nicht. Zwei Tage lang die Möglichkeit zu haben, einen möglichen Traumberuf zu erleben, kann sehr hilfreich sein. Aber was, wenn sich dieser dann viel eher zum Albtraumberuf entwickelt?
Schulen und Betriebe müssen deshalb enger zusammenarbeiten, damit Jugendliche nicht nur über Berufe informiert werden, sondern einen realistischen Einblick in die Arbeitswelt erhalten.
Leider stehen nicht alle Betriebe Schnupperwochen offen gegenüber: Einerseits ist das verständlich, weil eine Schnupperwoche für sie mit einem deutlichen Mehraufwand verbunden ist, andererseits wäre es gleichwohl extrem wichtig, denn im Endeffekt hat keiner etwas von späteren Angestellten, die völlig andere Vorstellungen vom Beruf haben oder unzufrieden sind.
Fehlentscheide sind kein Scheitern
Nicht jede erste Berufswahl erweist sich als richtig. Das darf kein Grund sein, Jugendliche unter zusätzlichen Entscheidungsdruck zu setzen. Das Schweizer Bildungssystem bietet verschiedene Möglichkeiten, einen Ausbildungsweg anzupassen und sich später weiterzubilden. Diese Durchlässigkeit sollte stärker ins Bewusstsein rücken.
Gleichzeitig darf aber auch nicht zu stark vermittelt werden, dass alles einfach «easy» sei. Die Passerelle beispielsweise wird oftmals als «Jahr, das man dann halt einfach so macht» dargestellt, Tatsächlich wird aber in einem Jahr Passerelle derjenige Stoff kompakt behandelt, der im Gymnasium während vier Jahren unterrichtet wird.
Die Starke Schule beider Basel setzt sich für eine Schule ein, welche die Jugendlichen auf das Leben vorbereitet. Dazu gehört, ihnen etwas zuzutrauen, Eigenverantwortung zu fördern und praktische Erfahrungen zu ermöglichen. Die Bildungspolitik muss dafür sorgen, dass solche Erfahrungen in der Berufsorientierung genügend Platz erhalten. Denn Jugendliche brauchen nicht möglichst früh eine vermeintlich perfekte Entscheidung. Sie brauchen die Chance, herauszufinden, was zu ihnen passt.
Lavinia Beck
Vorstand Starke Schule beider Basel
