Ein Angriff auf Frühfranzösisch, der gar kein Angriff ist
Wer den Frühfranzösischunterricht infrage stellt, greift weder die Romandie noch den nationalen Zusammenhalt an. Er stellt eine bildungspolitische Massnahme auf den Prüfstand, deren Erfolg sich an den tatsächlichen Sprachkompetenzen der Schüler/-innen messen lassen muss. Doch statt über wirksamen Unterricht zu diskutieren, droht Bundesrätin Baume-Schneider nun, den Kantonen politisch die Hände zu binden.
Die Bundesrätin wertet eine Abkehr vom Frühfranzösisch als Affront gegen die Romandie und als Abwertung der Schweizer Kultur und ihrer Landessprachen. Diese Argumentation greift zu kurz. Denn niemand will Französisch aus der obligatorischen Schule verbannen. Zur Debatte steht nicht das Ob, sondern das Wie und Wann des Französischunterrichts. Wer diese Fragen stellt, wertet weder eine Landessprache ab noch stellt er die Mehrsprachigkeit infrage. Er verlangt, dass die Schule ihre Ziele möglichst wirksam erreicht.
Genau das sollte der Massstab der Bildungspolitik sein: Nicht die politische Symbolkraft einer Reform entscheidet über ihren Wert, sondern ihr Nutzen für die Schüler/-innen.
Unbefriedigende Ergebnisse verlangen nach Konsequenzen
Die Überprüfung der Grundkompetenzen zeigt, dass im Sprachenunterricht Handlungsbedarf besteht. Die Leistungen im Französisch sind ungenügend. Auch im Englisch wurden die angestrebten Ziele nicht erreicht. Und selbst im Deutsch zeigt sich eine rückläufige Tendenz. Das ist ein bildungspolitisches Warnsignal, das nicht mit Verweisen auf den nationalen Zusammenhalt beantwortet werden kann.
Wenn die angestrebten Kompetenzen nicht erreicht werden, muss das bestehende Unterrichtsmodell hinterfragt werden. Es wäre verfehlt, den frühen Beginn des Französischunterrichts als unantastbar zu erklären, während gleichzeitig die Lernergebnisse Anlass zur Sorge geben. Ein späterer Unterrichtsbeginn ist sinnvoll, weil damit mehr Zeit für die Festigung der Erstsprache und für einen wirksameren Fremdsprachenunterricht ab der Sekundarstufe gewonnen werden kann.
Wer Französisch als wichtige Landessprache stärken will, sollte sich deshalb nicht auf den Zeitpunkt des Unterrichtsbeginns versteifen. Entscheidend ist, dass die Kinder am Ende tatsächlich Französisch können.
Bundesrätin Baume-Schneider will den Kantonen Vorschriften machen
Bundesrätin Baume-Schneider hat einen Gesetzesentwurf in die Vernehmlassung gegeben, der den Französischunterricht auf der Primarstufe verbindlich festschreiben würde. Vorgeschlagen werden zwei Varianten:
Variante 1: Die geltende HarmoS-Regelung wird im Sprachengesetz verankert. Alle Kinder müssen demnach während der Primarschule zwei Fremdsprachen lernen: eine Landessprache und Englisch.
Variante 2: Die Kantone erhalten mehr Spielraum bei der Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts. Sie müssen jedoch sicherstellen, dass der Unterricht in einer zweiten Landessprache bereits auf der Primarstufe beginnt und bis zum Ende der Sekundarstufe I fortgesetzt wird.
So unterschiedlich die Varianten auf den ersten Blick erscheinen, in einem entscheidenden Punkt sind sie gleich: Der frühe Beginn des Unterrichts in einer zweiten Landessprache soll bundesrechtlich abgesichert werden. Der Spielraum der Kantone bleibt damit begrenzt.
Gerade das ist politisch problematisch. Die Kantone tragen die Verantwortung für ihre Schulen und müssen auf unterschiedliche Voraussetzungen, Erfahrungen und Bedürfnisse reagieren können. Wenn sich die Erkenntnis durchsetzt, dass ein bestehendes Modell überprüft werden muss, darf der Bund diese Diskussion nicht mit zusätzlichen gesetzlichen Vorgaben abwürgen.
Die Kantone wollen eine Kurskorrektur
Folgend ist eine kleine Übersicht der politischen Stossrichtungen einiger Kantone.
| Kanton | Status |
| Zürich, St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden, Thurgau, Schwyz | Politische Vorstösse betreffend Verschiebung des Unterrichtsstart auf die Sekundarstufe sind überwiesen, definitiver Endscheit jedoch ausstehend |
| Aargau | Unterrichtsstart erst an den Sekundar- resp. Bezirksschulen wird angestrebt |
| Uri, Appenzell Innerrhoden | Unterrichtsstart bereits seit mehreren Jahren erst ab Sekundarstufe |
| Basel-Landschaft | Initiative für Unterrichtsstart auf Sekundarstufe wird in Kürze eingereicht. Die notwendigen Unterschriften sind bereits gesammelt. |
Besonders aufschlussreich ist, dass politische Vorstösse in verschiedenen Kantonen auch gegen die Empfehlungen der jeweiligen Regierungen Unterstützung gefunden haben. Das zeigt: Die Forderung nach einer Kurskorrektur ist nicht bloss eine pädagogische Einzelmeinung.
Wer bestimmt, was für die Schule richtig ist?
Die Debatte über Frühfranzösisch ist längst auch eine Auseinandersetzung über die Zuständigkeiten in unserem Bildungssystem. Wie viel Gestaltungsspielraum bleibt den Kantonen, wenn der Bund bildungspolitische Ziele gesetzlich vorschreibt?
Bildungspolitik braucht gemeinsame Ziele, aber nicht zwingend überall identische Wege. Die Kantone müssen die Möglichkeit haben, Unterrichtsmodelle kritisch zu überprüfen, Alternativen zu erproben und aus den Ergebnissen Konsequenzen zu ziehen. Wer kantonale Handlungsspielräume einschränkt, sollte überzeugend begründen können, weshalb dies pädagogisch notwendig ist. Der Verweis auf die nationale Bedeutung einer Sprache allein reicht dafür nicht aus.
Politische Vorgaben statt pädagogischer Lösungen?
Wer den Unterrichtsbeginn des Französisch infrage stellt, stellt damit nicht automatisch die Bedeutung der Romandie oder der Mehrsprachigkeit infrage. Trotzdem wird die Diskussion zunehmend als Frage des nationalen Zusammenhalts geführt. Damit wird eine pädagogische Sachfrage unnötig politisch aufgeladen.
Wenn die angestrebten Sprachkompetenzen nicht erreicht werden, müssen bestehende Unterrichtsmodelle hinterfragt werden dürfen. Wer die Landessprachen stärken will, sollte nicht am frühen Unterrichtsbeginn festhalten, sondern dafür sorgen, dass die Schüler/-innen sie tatsächlich lernen. Entscheidend ist nicht, wann Französisch beginnt, sondern was am Ende dabei herauskommt.
Lavinia Beck, Vorstand Starke Schule beider Basel
Lena Bucher, Vorstand Starke Schule beider Basel

7 Antworten
Um den (zu) frühen Fremdsprachenunterricht gibt es auf der Politbühne Profilneurose en masse. Einmal mehr sollen Qualität und Schein vor Fakten gehen: Was ist denn entscheidend? Ist es ein scheinbar staatstragendes Konzept, fern jeder schulischen Realität? Oder ist es doch viel mehr das Können der zweiten Landessprache auf immerhin mässigem Niveau? 40 Jahre habe ich drei Sprachen unterrichtet: Was heutige Schulabgänger mit «Frühfremdsprache» beherrschen, ist deutlich weniger, als was damals mit vier bis 5 Wochenlektionen an der Oberstufe gelernt wurde. Entscheiden wir uns für anständige Kenntnisse am Ende der Schulzeit, statt reihenweise verfehlter Kompetenzziele!
Solange linke Ideologie im höchsten politischen Gremium die Grundlage bildet für fragwürdige Durchsetzungsbefehle, so lange hat man und frau den Ernst der Lage nicht erkannt. Das Volksschulschiff ist in Schieflage geraten – da hat Markus Somm mit seiner zu Recht beissenden Kritik ins Schwarze getroffen.
Es liegt an der Lehrerschaft und ihnen naheliegenden Organisationen nun mit aller Energie den Abbruch der gescheiterten Übung mit dem überladenen Mehrsprachenkonzept der Primarschule zu verlangen. Schon viel zu lange ist auf dem Buckel einer Mehrheit der Primarschüler ein völlig untaugliches didaktisches Experiment durchgeführt worden. Zwei Drittel der Schüler sind mit der Zersplitterung der Bildungsziele auf drei Sprachen hoffnungslos überfordert. Statt primär richtig Deutsch zu lernen und in einer Fremdsprache erste Erfahrungen zu sammeln, werden die Schüler mit einer Unmenge an sprachlichem Schulstoff eingedeckt. Das fördert die Freude am Sprachenlernen in keiner Weise.
Aufwand und Ertrag beim Frühfranzösisch stimmen überhaupt nicht überein. Es braucht einen sehr hohen zeitlichen Aufwand in der Lehrerbildung, damit die Studierenden die nötige Kompetenz für einen guten Fremdsprachenunterricht erreichen. Als Folge dieses aufwändigen Bildungsprogramms fehlt die Zeit für eine gründliche Ausbildung in den Realienfächern. Diese sind für die praktische Deutschförderung in der Mittelstufe jedoch von grösster Bedeutung. Es ist höchst fragwürdig, wenn in die frühen Fremdsprachen mehr investiert wird als in den Bereich Mensch und Umwelt.
Die Lehrerschaft hat den Auftrag, sich für eine Pädagogik einzusetzen, die den Kindern wirklich zugutekommt. Die Bilanz des frühen Mehrsprachenunterrichts ist so ernüchternd, dass der Bildungspolitik nun die Rechnung für dieses Debakel präsentiert werden muss. Das absurde Argument von der staatspolitischen Bedeutung des Frühfranzösisch für den Zusammenhalt der Schweiz ist zurückzuweisen. Wäre es der Politik ernst mit dieser Sorge, müsste sie vielmehr das ungenügende Basiswissen unserer Schulabgänger in moderner Schweizer Geschichte kritisieren. Obwohl hier dringender Handlungsbedarf besteht, kümmert das die meisten Politiker herzlich wenig. Die Lehrerschaft darf sich nicht irritieren lassen und muss jetzt Klartext reden.
Französisch mit Augenmass – Qualität vor frühem Beginn
Es geht nicht darum, Frühfranzösisch grundsätzlich infrage zu stellen – im Gegenteil. Gerade weil Französisch als Landessprache anspruchsvoll ist und beim Erlernen Sorgfalt verdient, sollte der Unterricht erst auf der Sekundarstufe einsetzen. In diesem Alter verfügen die Schülerinnen und Schüler über die nötige Reife und Lernfähigkeit, um sich gezielt und nachhaltig mit dieser Sprache auseinanderzusetzen. Nicht der frühe Beginn entscheidet über den Erfolg, sondern die Qualität des Unterrichts, der der Sprache gerecht wird und den Schülerinnen und Schülern echte Fortschritte ermöglicht. Ein Beginn auf der Sekundarstufe ist kein Rückschritt, sondern eine Chance, die Landessprache nachhaltiger zu lernen.
Die Kantone tragen die Verantwortung für ihre Schulen und müssen den Freiraum erhalten, die Stundentafel pädagogisch sinnvoll und den jeweiligen Gegebenheiten entsprechend zu gestalten. Bildungspolitik braucht Augenmass!
Frühfranzösisch zulasten der Grundkompetenzen durchzusetzen, ist weder zielführend noch wünschenswert. Höchste Priorität muss der deutschen Sprache zukommen. Lesen, Schreiben und Verstehen bilden das Fundament für sämtliche Schulfächer. Wer diese grundlegenden Fähigkeiten nicht ausreichend beherrscht, wird auch in anderen Bereichen Mühe haben. Die Schule muss deshalb zuerst ein solides Fundament schaffen.
Unterschiedliche kantonale Lösungen gefährden den nationalen Zusammenhalt nicht. Die Stärke der Schweiz liegt gerade darin, dass sie Vielfalt zulässt und dennoch zusammensteht.
Anita Biedert
Landrätin SVP
Ab wann und welche Fächer unterrichtet werden, ist nur pädagogisch zu bewerten. Übergeordnet müssen „lesen, schreiben und rechnen” stehen. Ohne diese Grundkompetenzen in der Muttersprache so gut wie nur möglich zu beherrschen, können andere Kompetenzen nicht erlernt werden. So kann keine Schülerin und kein Schüler mit Kenntnissen aus dem Frühfranzösisch-Unterricht in Lausanne in der Westschweiz einen Kaugummi am Kiosk mit fehlerfreiem Französisch kaufen … also verschwendete Unterrichtsstunden – deshalb besser mehr Zeit in die Grundkompetenzen verwenden. Schliesslich ist es absurd, aus dieser Debatte eine nationale Tragödie zu machen. Besser später und dafür richtig, als zu früh und falsch!
Wenn die Kinder mit sechs Jahren in die Primarschule kommen, können sie weder lesen noch schreiben, geschweige denn rechnen. Das sind wichtige Fähigkeiten, sie bilden das Fundament für Wissen und Bildung. Darauf gehört der Schwerpunkt gesetzt. Wenn das Kind mit zwölf Jahren Französisch hat, ist das früh genug. Je mehr Fächer, desto höher die Stundenzahl und die Zeit für Hausaufgaben. Zwei Fremdsprachen erhöhen die Stundenzahl um sechs Stunden. Mit elf Jahren haben die Kinder bereits 31 Schulstunden pro Woche. Die Fächer werden benotet. Der Leistungsdruck steigt. Die Freude am Lernen geht verloren und der Lernerfolg bleibt aus. Das kann nicht das Ziel der Schweizerschulen sein.
Markus Somm in SonntagsZeitung Standpunkte, srf vom 11.10.26, bringt es auf den Punkt: «Sich auf das Wesentliche konzentrieren, lesen, schreiben, rechnen, alles andere abschaffen, bis sich wieder gute Resultate zeigen und v.a. Ordnung und Disziplin einfordern. Genau das ist es! Die «Bildungsmacher» sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Ihnen gehört ein Stück ihrer Kompetenzen weggenommen. Denn ihre Resultate sind ungenügend! Das Volk soll auch über Bildungspolitik entscheiden dürfen.