Frühfranzösisch: ein politischer Irrtum
Die Standortbestimmung zum Sprachenkonzept wirkt wie eine Absicherung des Bestehenden. Kein Wunder, sitzen doch in der Verwaltung seit Jahren Entscheidungsträger, die das Frühfranzösisch-Konzept eingeführt haben. Trotz schwacher Resultate und sinkender Motivation bleibt im Bericht die zentrale Frage unbeantwortet, ob Frühfranzösisch unter realen Bedingungen überhaupt funktioniert. Die Antwort ist längst offensichtlich. Es ist Zeit, dies auch politisch einzugestehen.
Wenn Fakten ignoriert werden
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Schülerinnen und Schüler erzielen in Englisch klar bessere Leistungen als in Französisch – bei gleichzeitig deutlich höherer Motivation. Französisch ist für viele zum Frustfach geworden. Nach über zehn Jahren Erfahrung müsste dies eine grundlegende Kurskorrektur auslösen. Stattdessen werden die Probleme relativiert. Der Bericht beschreibt die Probleme, weigert sich aber, sie ernst zu nehmen.
Ein Modell fern der Realität
Selbst der Bericht räumt ein, dass der frühe Beginn keinen entscheidenden Vorteil bringt. Gleichzeitig wird argumentiert, Frühfranzösisch könne unter idealen Bedingungen wirken: mit mehr Unterrichtszeit, konsequenter Zielsprache und optimalen Rahmenbedingungen. Doch genau diese Voraussetzungen existieren im Schulalltag nicht. Wer trotzdem daran festhält, argumentiert nicht mit der Realität, sondern mit Wunschdenken. Was theoretisch plausibel klingt, scheitert in der Praxis.
Die falschen Prioritäten
Teilhabe an der Gesellschaft und beruflicher Erfolg hängen in erster Linie vom sicheren Beherrschen der Sprache vor Ort ab – bei uns Deutsch. Gleichzeitig ist gut belegt, dass solide Kompetenzen in der Schulsprache die Grundlage für den Wissenserwerb in allen Fächern sind. Genau hier zeigen sich jedoch wachsende Defizite. Statt die Primarstufe auf diese Schlüsselkompetenzen zu fokussieren, wird sie mit einem überladenen Fremdsprachenkonzept zusätzlich belastet. Das ist keine evidenzbasierte Bildungspolitik, sondern das Festhalten an einem Irrtum. Es ist Zeit für einen Kurswechsel: weniger Ideologie, mehr Realitätssinn – und der Mut, Frühfranzösisch als gescheitert zu erkennen.
Pascal Ryf
Landrat Die Mitte | e. Präsident der Bildungs-, Kultur- und Sportkommission
