Diagnose zum gescheiterten Sprachenkonzept: multifaktoriell
Multifaktoriell: So könnte der Befund lauten, wenn die Standortbestimmung zum Sprachenkonzept eine ärztliche Diagnose wäre. Ende Mai gab die Bildungsdirektion Baselland den Schlussbericht frei, nachdem sie ihn einige Monate zurückbehalten hatte. (1) Dabei ging es hauptsächlich um das umstrittene Frühfranzösisch, das ab der dritten Primarklasse eingeführt worden war. Denn sämtliche Evaluationen zeigten, dass die Kenntnisse nach 7 Jahren Französisch mit neuem Konzept klar ungenügend waren. Sie lagen auch deutlich unter dem Niveau der Englischkenntnisse, obwohl Englisch erst im 5. Schuljahr eingeführt wird und obwohl der Lehrplan 21 fordert, dass in beiden Fremdsprachen am Ende der Schulzeit gleiche Kompetenzen vorhanden sein sollten.
Wissenschaftliche Grundlage gewünscht
Der Bericht anerkennt diesen Tatbestand. Die Studie sollte nun «den Sprachenerwerb einer zweiten Landessprache und einer Fremdsprache in der Volksschule BL auf eine wissenschaftlich belastbare Grundlage … stellen.»
Diese Formulierung bedeutet sinngemäss: Untersucht werden soll, wie Kinder und Jugendliche eine Fremdsprache in der Volksschule erwerben können, und dies aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse. Eine Frage, welche die Neurologie, die Psychologie und die Unterrichtspraxis beantworten müssten. Neuere und ältere Forschung dazu gäbe es zuhauf. (2)
Umso erstaunlicher, dass der Auftrag jedoch durch folgende zwei Fragen konkretisiert und drastisch eingeschränkt wird:
1. Wo stehen die BL-Schüler(innen) in Französisch und Englisch?
2. Welche Bedingungen und Praktiken auf Ebene Lehrperson, Unterricht und Klas-se/Schule erklären die beobachteten Leistungen?
Die Frage 1 ist bereits mit den Überprüfungen der Grundkompetenzen und den interkantonalen Checks durch professionelle Institute zur Genüge beantwortet. Die «wissenschaftlich belastbare Grundlage» besteht also. Die Frage 2 zielt darauf ab, die gemessenen Leistungsresultate ausschliesslich auf die Arbeit der Lehrpersonen, die Unterrichtspraxis und die Schülerschaft zurückzuführen.
Nicht berücksichtigt
Aufgedrängt hätten sich natürlich zwei weitere Fragen: Inwiefern beeinflusst die Sprachenstrategie der Bildungspolitik die gemessenen Leistungen? Die Frage würde sich auf das Sprachenkonzept als solches beziehen: Die Erstreckung des Unterrichts auf 7 Jahre bei gleichbleibender Lektionenzahl, die Didaktik der Mehrsprachigkeit, die Steuerung des Unterrichts durch Lehrplan und die obligatorischen Lehrmittel sowie die bisherige Ausbildung der Lehrpersonen durch Angehörige der Fachhochschulen. Mit anderen Worten: Inwiefern ist auch die Bildungspolitik ab 2010 für die ungenügenden Leistungen verantwortlich?
Zwingend wäre zudem die Frage: Wie fügt sich das Sprachenkonzept in das gesamte Bildungsprogramm der Volksschule ein? Dass sich zusätzlicher Lernstoff sowohl auf die Unterrichtszeit als auch auf die Verarbeitungskapazität der Kinder auswirkt, hätte nicht vernachlässigt werden dürfen. Denn die Erweiterung hat Konsequenzen für die anderen Fächer und die Motivation.
Stattdessen reduziert die Studie ihren Blickwinkel auf die Ebene des Unterrichts und der Lehrpersonen. Die Auftraggeber wollen ungeschoren bleiben. Sie richten sich nach dem Velofahrerprinzip: Die Studie soll nach oben buckeln, nach unten treten.
Welche Massnahmen nun auch immer ergriffen werden, die Wahrscheinlichkeit, dass sie kaum wirken werden, ist vorhersehbar, denn, falls das Sprachenkonzept und die gewählte Didaktik selbst Anteil an der Misere haben, kann es ohne Änderung der Strategie keine entscheidenden Verbesserungen geben.
Befunde und Medikation
Die Studie kann keine gesicherten Mängel auf Seiten der Lehrpersonen und des Unterrichts eruieren. Sie spekuliert vielmehr darüber, welche Voraussetzungen aufgrund von Korrelationen zu besseren Resultaten führen könnten. Ihre Folgerungen münden in Vorschläge, die zwar kategorisch verkündet, aber sofort wieder mit dem Argument relativiert werden, dass nur ein Zusammenspiel aller Massnahmen zu Verbesserungen führen könnten.
Nur multifaktorielle Parameter würden wirken. Insbesondere der Frühbeginn mit Französisch sei für sich genommen kein Nach- oder Vorteil. Die Vorschläge werden in sechs Handlungsfeldern zusammengefasst. Man könnte sie etwa folgendermassen wiedergeben:
1. Die Leistungen werden besser, wenn die Lehrpersonen die Zielsprache (Französisch) im Unterricht mehr gebrauchen.
2. Dazu muss die Professionalität der Lehrpersonen mit Weiterbildung verbessert werden.
3. Die Stundendotation soll erhöht werden, mindestens 30% des Fachunterrichts soll in der Zielsprache erteilt werden (CLIL= content and language integrated learning).
4. Die Motivation für Französisch muss gestärkt werden, insbesondere bei den Schwächeren muss mehr Begeisterung geweckt werden.
5. Der Alltagsbezug muss mehr betont, die Stoffauswahl im Lehrmittel geklärt werden.
6. Der Übergang zur Sekundarschule muss besser definiert und abgesprochen werden.
Die Studie und ihre Widersprüche
Zur Untermauerung der Thesen hat Interface auf eine Fülle von wissenschaftlichen Studien zurückgegriffen und diese mittels KI auf die Ausgangsfragen durchforsten lassen. Pikant daran: Viele der Studien stammen von Fachdidaktikern und -didaktikerinnen, die vehemente Verfechter der Mehrsprachigkeitsdoktrin sind und deren sogenannte Forschung Schlagseite aufweisen dürfte. Der wissenschaftliche Beirat, der die Studie begleitete, besteht ausserdem aus Fachhochschullehrkräften, die kaum eigene Unterrichtserfahrung, schon gar nicht auf der Volksschulstufe haben und von ihrer Tätigkeit und Ausbildung her andere Schwerpunkte vertreten.
So ist denn offenbar niemandem ein eklatanter Widerspruch aufgefallen, der unbedingt erwähnt werden muss: Die Studie fordert, dass die Lehrpersonen sich durch Weiterbildung vertieft mit der Mehrsprachigkeitsdidaktik vertraut machen sollen.
Die Mehrsprachigkeitsdidaktik propagiert aber gerade nicht die Fokussierung des Unterrichts auf die Zielsprache, was die Studie als Erfolgskriterium immer wieder aufgreift. Stattdessen fordert sie, dass die anderen Sprachen als eine wichtige Ressource für die Zielsprache betrachtet werden, die im Unterricht ständig mitbedacht werden müssten. Ja, die Mehrsprachigkeitsdidaktik will sogar davon abrücken, eine Sprache als Schulfach zu führen, sondern mehrere Sprachen gleichzeitig als Kombinationsfach unterrichten lassen.
Solche Ideen wurden den Primarlehrpersonen in der obligatorischen Weiterbildung eingetrichtert. Wenn man ihnen jetzt vorwirft, sie benützten die Zielsprache zu wenig, kommt dies einem Verrat gleich. Man lässt sie ausbaden, was sie nicht selbst angerichtet haben, sondern ihnen von der Fachdidaktik eingebrockt worden ist. Auch die Lehrmittel Mille feuilles und Clin d’oeil sind nach dem Dogma der Mehrsprachigkeitsdidaktik aufgebaut. Seit jeher wird der Fremdsprachenunterricht durch die obligatorischen Lehrmittel stark gesteuert. Wer wider diese Vorgaben die Zielsprache häufiger benützte, hat sich also eigentlich nonkonform verhalten.
Felix Schmutz
Ehemaliger Sekundarlehrer
(1) Karin Büchel, Lukas Oechslin: (Interface 2025) Standortbestimmung Sprachenkonzept, Schlussbericht, veröffentlicht 28.05.2026.
(2) Z.B. Angela D. Friederici: (2017): Language in Our Brain: The Origins of a Uniquely Human Capacity, MIT, Cambridge MA.
