Bildungsdirektion kommt zunehmend stärker unter Druck
Morgen Donnerstag reicht Landrat Pascal Ryf (Die Mitte) betreffend «Standortbericht Fremdsprachenkonzept» eine Interpellation mit kritischen Fragen ein. Er bemängelt die Geheimhaltung des Berichts scharf. Mit der Weigerung, den Bericht zu veröffentlichen, hat sich Regierungsrat Markus Eigenmann ein Ei gelegt.
Die Interpellation im Wortlaut
Die Grundlage des geltenden Sprachenkonzepts mit zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe bildet die EDK-Sprachenstrategie von 2004. Diese wurde unter anderem mit neuropsychologischen Argumenten begründet, wonach frühes Lernen für den Spracherwerb «besonders wichtig und profitabel» sei, effizienter verlaufe, günstige Voraussetzungen für das Erlernen weiterer Sprachen schaffe und Strategien des Sprachenlernens fördere. Diese Annahme beruht jedoch auf einer Vermischung von natürlichem Spracherwerb bei sehr hoher Kontaktzeit mit schulischem Fremdsprachenlernen mit wenigen Wochenlektionen; beide Lernkontexte sind wissenschaftlich nicht vergleichbar. Erkenntnisse des natürlichen Spracherwerbs dürfen daher nicht zur Rechtfertigung von frühem schulischem Fremdsprachenunterricht herangezogen werden.
Internationale und nationale Forschung zeigt seit Jahren, dass ein früher schulischer Fremdsprachenbeginn keinen nachweisbaren Vorteil gegenüber einem späteren Einstieg bringt und dass die Hoffnungen in Frühfremdsprachen massiv überschätzt wurden. Ein wirksamer Mehrwert wäre nur unter sehr spezifischen, im Volksschulalltag unrealistischen Bedingungen zu erwarten (muttersprachliche Lehrpersonen, kleine Klassen, viel höhere Kontaktzeit, viel höhere Lektionendotation pro Fremdsprache).
Erziehungswissenschaftliche Forschung betont zudem, dass sprachliche Fähigkeiten in der Unterrichtssprache zentral für emotionales Lernen, Selbstregulation, Schulerfolg und gesellschaftliche Teilhabe sind. Dennoch bleibt die Primarstufe mit zwei Fremdsprachen, komplexen Lehrplänen und zahlreichen Zusatzaufgaben überfrachtet, während die Grundkompetenzen in Deutsch gemäss Bildungsberichten und ÜGK-Resultaten abnehmen und rund 25% der Volksschulabgänger nicht in der Lage sind, einem einfachsten Text die relevanten Informationen zu entnehmen. Ferner lag der Anteil fremdsprachiger Kinder in der obligatorischen Schule gemäss Bildungsbericht 2023 im Kanton BL bei 37% lag. Tendenz steigend.
Vor diesem Hintergrund stellen sich grundlegende Fragen zur wissenschaftlichen Grundlage, zur pädagogischen Angemessenheit und zur Transparenz des Vorgehens der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) bei der Weiterentwicklung des Sprachenkonzepts. Der im Kurzbericht «Sprachkonzept Policy Brief» der Firma Interface aufgeführte Massnahmenkatalog, der offenbar auf der Grundlage des unter Verschluss gehaltenen Gesamtberichtes beruht, vermittelt gemäss kritischen Analysen den Eindruck, eher der Absicherung des bestehenden Frühfremdsprachenkonzepts zu dienen, als die Wirksamkeit unter realen schulischen Bedingungen kritisch zu beurteilen. Die angekündigte Veröffentlichung von Varianten zur Verbesserung der Französischkompetenzen voraussichtlich im Herbst 2026 ohne vorgängige Offenlegung des vollständigen Berichts von Interface erschwert eine breite fachliche und politische Diskussion und weckt Zweifel an der Transparenz des Prozesses.
Gestützt darauf bitte ich den Regierungsrat, folgende Fragen zu beantworten:
1. Weshalb wird der vollständige, mit öffentlichen Mitteln finanzierte Interface-Bericht zur Standortbestimmung nicht bereits heute veröffentlicht, sondern erst zusammen mit den Varianten im Herbst 2026?
2. Interface ist ein privates Beratungsunternehmen, das auf seiner Website ausdrücklich hervorhebt, auf Kundenbedürfnisse fokussiert zu arbeiten. Wie lautet der genaue Wortlaut des Auftrags der BKSD an Interface (inklusive Zielsetzung, Fragestellungen, erwartete Produkte, Vorgaben zur Literaturauswahl und zur Darstellung von Alternativen)?
3. Welche Rolle und welches Gewicht hatten Studien der Pädagogischen Hochschulen (PHs), insbesondere solche, welche die von ihnen selbst vertretene Mehrsprachigkeitsdidaktik und das Frühfremdsprachenkonzept stützen?
4. Gibt es nach Kenntnis des Regierungsrats auch nur eine belastbare Studie, welche die Wirksamkeit des frühen schulischen Fremdsprachenunterrichts unter realistischen Volksschulbedingungen zweifelsfrei belegt?
5. Wie wurden die Rückmeldungen an der Validierungskonferenz vom 3.12.25 von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung sowie und der Lehrpersonen – die nicht nur theoretisch, sondern aus der Praxis berichten können – gewichtet?
6. Wie gewichtet der Regierungsrat die Bedeutung solider Kompetenzen in der Unterrichtssprache Deutsch im Vergleich zu zusätzlichen Fremdsprachen auf der Primarstufe – insbesondere im Hinblick auf Schulerfolg, Integration und berufliche Perspektiven?
7. Wie stellt der Regierungsrat sicher, dass bei der Weiterentwicklung des Sprachenkonzepts nicht die Verteidigung früherer Entscheidungen, sondern die bestmögliche Förderung der Schülerinnen und Schüler im Zentrum steht?
Klare Forderung der SSbB
Die SSbB erwartet, dass die Interpellation rasch beantwortet und sämtliche Unterlagen betreffend «Standortbestimmung Fremdsprachenkonzept» umgehend öffentlich gemacht werden.
Charlotte Höhmann
Vorstand Starke Schule beider Basel

2 Antworten
Ich kann mich der Problemanalyse von Daniel Wahl nur anschliessen!
Die Verknöcherung, Selbstgefälligkeit und Unaufrichtigkeit des Verwaltungsapparats der BKSD ist beispiellos.
Fairerweise müsste man hierbei einräumen, dass Markus Eigenmann als neugewählter Amtsvorsteher, der ja irgendwie mit diesen BKSD-Behörden zusammenarbeiten muss, einen nicht ganz einfachen Job übernommen hat, zumindest nicht in der Einarbeitungsphase. Etwas mehr als 100 Tage reichen da wahrscheinlich nicht, um mit diesen Apparatschiks klarzukommen und um sie in die Schranken zu weisen. Letzteres wird allerdings absolut unumgänglich sein!…
Der im Grunde genommen mit einem eigenständigen Verstand gesegnete FDP-Regierungsrat Markus Eigenmann ist, kaum in der Baselbieter Bildungsdirektion angekommen, schon eingeknickt und hat sich von den ideologisch aufgestellten Abteilungsleitern (insbesondere Chefideologe Beat Lüthy) einlullen lassen.
– Dort ist keine Bereitschaft, den eingeschlagenen Kurs zu hinterfragen (weil sie selber den Bildungstanker in unsichere Gewässer gefahren haben).
– Da werden nach wie vor die Ergebnisse manipuliert (um sich nicht in Frage stellen lassen zu müssen).
– Da werden nach wie vor nur genehme Fachkräfte an den Tisch geholt (um keine Kontroverse aufkommen zu lassen).
Ich wette, dass die Bildungsdirektion noch einen Juristen findet, der die Überzeugung vertritt, ein Standortbericht unterstünde nicht dem Öffentlichkeitsprinzip (alles schon mit der BL-Regierung erlebt). Das ist leider die Handschrift, die wir von der Bildungsdirektion schon seit Jahren zu Gesicht bekommen.
Danke, dass es Bildungsexperten wie Pascal Ryf gibt, die Eigenmann herausfordern. Danke, dass es die Starke Schule beider Basel gibt, die nicht locker lässt.