Frühfranzösisch: Ein Massnahmenkatalog fernab jeglicher Realität
Der Bericht zur «Standortbestimmung Sprachenkonzept» erkennt ansatzweise zwar die Probleme, wirksame Lösungsvorschläge zeigt er jedoch keine auf. Statt die strukturellen Ursachen des Scheiterns des Fremdsprachenkonzepts klar zu benennen, präsentiert er ein Sammelsurium von Massnahmen, die an den Schulen kaum umsetzbar sind. Lehrpersonen sollen ausbaden, was die Bildungsverwaltung verursacht hat und die Politik nicht korrigieren will. Der Massnahmenkatalog ist kein Beitrag zur Lösung des Fremdsprachenproblems an den Primarschulen, sondern Ausdruck von Wunschdenken und Symbolpolitik.
Den Bericht «Standortbestimmung Sprachenkonzept» gibt es in zwei Versionen: Eine ausführliche Version im Umfang von rund 130 Seiten und eine 15-seitige Kurzversion, die bereits im Oktober und November 2025 an rund 50 verwaltungsexterne Personen zur Information verteilt wurde. Die vollständige Version behält die BKSD hingegen unter Verschluss.
Bericht erkennt die Probleme, Reissleine zieht er nicht
Der Bericht hält fest, dass erfolgreicher Fremdsprachenerwerb nur dann funktioniert, wenn mehrere Voraussetzungen gleichzeitig erfüllt sind: hohe Sprachkompetenz der Lehrpersonen, genügend Lernzeit, Lehrmittel mit alltagstauglichen Inhalten und aufeinander abgestimmte Rahmenbedingungen. Genau diese Voraussetzungen sind im heutigen Fremdsprachenkonzept nicht gegeben. Die Probleme werden zwar erkannt, statt aber die Reissleine zu ziehen und das Fremdsprachenkonzept grundsätzlich zu überarbeiten, wird der «Schwarze Peter» den Lehrpersonen zugeschoben. Lehrer/-innen sollen die Probleme ausbaden, welche die Bildungsverwaltung verursacht hat. Damit wird ein strukturelles Problem zu einem pädagogischen umgedeutet.
Acht im Bericht vorgeschlagene Massnahmen im Einzelnen
1. Flächendeckende Austauschprogramme
Austauschprogramme zwischen deutsch- und französischsprachigen Klassen sollen ausgebaut und sogar obligatorisch werden. Was plausibel klingt, scheitert in der Praxis, denn es gibt deutlich weniger französischsprachige Partnerklassen als deutschsprachige, weshalb ein flächendeckender Austausch gar nicht möglich ist. Gleichzeitig sind solche Austauschprogramme teuer und organisatorisch zeitaufwändig. Bereits heute existieren Austauschmöglichkeiten, die oft nicht genutzt werden, weil sie nur mit erheblichem Aufwand realisiert werden können.
2. Zertifikate statt echter Lernfortschritt
Als weitere Massnahme wird vorgeschlagen, das französische Sprachdiplom DELF Junior (A1 bis B2) auf freiwilliger Basis anzubieten. Die Schüler/-innen sollen damit ihre Sprachkenntnisse mit einem anerkannten Zertifikat nachweisen und zusätzliche Motivation gewinnen.
Diese Idee ignoriert jedoch, dass ein Grossteil der Schüler/-innen selbst am Ende der Sekundarschule über ungenügende Französischkenntnisse verfügt (siehe Grafik).

Wenn die grundlegenden sprachlichen Kompetenzen nicht vorhanden sind, führt ein Zertifikat kaum zu besseren Lernergebnissen. Gefragt sind wirksame Massnahmen, die möglichst vielen Schüler/-innen helfen, ihre Französischkenntnisse substantiell zu verbessern.
3. Weiterbildungsprogramme lösen das echte Problem nicht
Das vorgeschlagene Weiterbildungsprogramm für Lehrpersonen klingt auf den ersten Blick sinnvoll, ist in der Praxis jedoch kaum umsetzbar. Schon heute gibt es viel zu wenig adäquat ausgebildete Französischlehrpersonen. Das Problem wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Zudem erscheint es wenig überzeugend, Lehrpersonen ausgerechnet an jene Institution in die Weiterbildung zu schicken, die massgeblich zum gescheiterten Frühfremdsprachen-Konzept beigetragen hat. Umfangreiche Weiterbildungen mit dem Ziel, die Sprachkompetenzen der Lehrpersonen deutlich zu erhöhen, sind sowohl zeit- als auch kostenintensiv. Ohne erhebliche zusätzliche Investitionen bleibt auch diese Massnahme ein frommer Wunsch.
4. Immersionsunterricht – didaktisches Wunschdenken
Besonders fragwürdig ist die Forderung, dass Klassenlehrpersonen vermehrt Unterricht in der Zielsprache erteilen sollen. Immersionsunterricht für Primarschulkinder setzt eine sehr hohe Sprachkompetenz voraus, was bei vielen Lehrpersonen nicht der Fall ist. Die Annahme, dass nicht muttersprachliche Klassenlehrpersonen zusätzlich Fachunterricht auf Französisch erteilen könnten, ignoriert diese Realität. Damit wird ein hoch anspruchsvolles didaktisches Konzept als Lösung verkauft, ohne dass die dafür notwendigen Voraussetzungen auch nur ansatzweise erfüllt sind. Der Arbeitsmarkt gibt derart hoch qualifizierte Lehrpersonen gar nicht her. Insbesondere für die Primarschule bleibt echter Immersionsunterricht ein Konzept ohne realistische Erfolgschancen.
5. Reduzierte Lernziele – eine Bankrotterklärung
Was haben die Passepartout-Promotoren versprochen? Die Primarschulkinder würden mühelos Französisch lernen und schon nach kurzer Zeit problemlos sprechen und lesen können. Nun wird – nach dem offensichtlichen Verfehlen dieser Erwartungen – über eine «neue Zielvorstellung» nachgedacht. Mindestens A1 soll Ende der Primarstufe erreicht werden. Diese Massnahme ist ein stilles Eingeständnis, dass das bisherige Fremdsprachenkonzept gescheitert ist.
Statt den Ursachen wirkungsvoll zu begegnen (viel zu kleine Wochenlektionendotation, zu wenig entsprechend qualifizierte Lehrpersonen und mangelnde Kontinuität im Sprachaufbau), wird eine Anpassung des Anspruchsniveaus vorgeschlagen. Politisch ist das pragmatisch, pädagogisch jedoch umstritten. Die Idee, Ziele aufgrund des ausbleibenden Erfolgs nach unten zu korrigieren, ist nichts anderes als eine bildungspolitische Bankrotterklärung. Letztlich werden damit nicht die Ursachen des Problems behoben, sondern lediglich die Zielvorgaben an das unbefriedigende Resultat angepasst. Ein Schildbürgerstreich.
6. Halbklassenunterricht einführen ist illusorisch
Auch der Vorschlag, vermehrt Halbklassenunterricht einzuführen, zeigt die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität. Kleinere Gruppen wären zweifellos sinnvoll, doch gerade auf der Primarstufe fehlt es bereits heute an genügend gut qualifizierten Lehrpersonen und finanziellen Mitteln. Eine Ausweitung solcher Modelle ist unter den aktuellen Bedingungen schlicht unmöglich und würde andere Fächer in Bedrängnis bringen.
7. Technische Spielereien
Ähnlich sonderbar ist die Idee, durch das Umstellen der Betriebssysteme die Französischkenntnisse verbessern zu wollen. Schon heute ist der pädagogisch gezielte Einsatz von Tablets im Unterricht anspruchsvoll genug. Wird das Betriebssystem zudem auf Französisch umgestellt, erhöht sich die Komplexität weiter, ohne dass daraus erkennbarer didaktischer Mehrwert entsteht.
Die Sprache von Benutzeroberflächen besteht aus stark standardisierten, sehr begrenzten Begriffen und kurzen Befehlen. Dieser isolierte Wortschatz ist weder systematisch aufgebaut noch in kommunikative Lernprozesse eingebettet und leistet daher nur einen sehr begrenzten Beitrag zum nachhaltigen Spracherwerb. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass die sprachliche Umstellung die Bedienung unnötig erschwert und von den eigentlichen Lernzielen ablenkt.
Zudem zeigen bildungswissenschaftliche Erkenntnisse, dass digitale Geräte im Unterricht nur dann lernwirksam sind, wenn sie gezielt und sparsam eingesetzt werden. Spracherwerb lässt sich nicht durch technische Umstellungen verbessern, sondern durch strukturierten Unterricht mit altersgerechten Lehrmitteln und gut strukturierten Texten.
8. Zu späte Einsicht bei Lehrmitteln und Inhalten
Dass Lehrmittel überprüft und stärker auf alltagsnahe Inhalte ausgerichtet werden sollen, gehört zu den wenigen tatsächlich sinnvollen Forderungen. Zugleich ist dies ein Eingeständnis, dass die bisherigen Fremdsprachenlehrmittel, insbesondere das auf der Primarstufe immer noch teilweise eingesetzte «Mille feuilles», untauglich sind. Diese Kritik ist seit Jahren bekannt und wurde von vielen Lehrpersonen, der Starken Schule beider Basel und dem Lehrerinnen- und Lehrerverein immer wieder geäussert. Statt sie rechtzeitig ernst zu nehmen, wurde viel zu lange an den bestehenden mangelhaften Konzepten festgehalten.

Fazit: Der Bericht erkennt das Problem, verweigert jedoch die Lösung
Auffällig ist, dass die eigentlichen Ursachen des Problems im Bericht durchaus benannt werden: unzureichend ausgebildete Lehrpersonen, zu wenig Unterrichtszeit, ungenügende Lehrmittel und eine überlastete Primarstufe. Statt diese strukturellen Defizite konsequent zu beheben, werden punktuelle pädagogische Massnahmen vorgeschlagen, um das grundlegende Problem zu lösen.
Viele der vorgeschlagenen Massnahmen sind entweder nicht umsetzbar, wenig wirksam oder realitätsfern. Solange die grundlegenden Rahmenbedingungen nicht angepasst werden, wird sich an der Situation nichts ändern. Der vorgeschlagene Massnahmenkatalog verschiebt das Frühfranzösisch-Debakel damit weiter auf die lange Bank. Weder den Schüler/-innen noch den Lehrpersonen ist damit geholfen – und auch dem viel beschworenen nationalen Zusammenhalt nicht.
Charlotte Höhmann
Vorstand Starke Schule beider Basel
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5 Antworten
Ein wirklich treffender Kommentar, der die vorgeschlagenen Massnahmen für eine Aufwertung des Frühfranzösisch seriös auf ihre Realisierbarkeit prüft! Dabei kommt klar zum Ausdruck, dass Charlotte Höhmann die erneuten Anpassungen am längst gescheiterten Mehrsprachenkonzept für praxisuntauglich hält.
Wie sehr den Verfassern des Berichts eine ganzheitliche Sicht auf den Stellenwert des Frühfranzösisch im Gesamtauftrag der Primarschule fehlt, zeigt Punkt vier. Ihnen geht es um die Idee, mit immersivem Unterricht in den Realienfächern mehr Raum für den Fremdsprachenunterricht zu schaffen. Dieser Vorschlag hätte jedoch eine massive Abwertung der Kulturfächer Geschichte, Geografie und Biologie zur Folge. Statt in der Lehrerbildung mehr Zeit in die für Mittelstufenkinder so wichtigen Realienfächer zu investieren, müssten die Studierenden höchst aufwändig für den fremdsprachigen Immersionsunterricht ausgebildet werden.
Der Nutzen dieses fragwürdigen Konzepts wäre gering, der Schaden jedoch gross. Geografie- und Biologielektionen auf Französisch können zwar zum Erwerb von ein paar neuen Französischwörtern führen, doch eine akzeptable inhaltliche Horizonterweiterung ist im Vergleich zu einem auf Deutsch geführten Unterricht nicht zu erreichen. Die Grundfunktion der Realienfächer, die Welt ein Stück weit den Schülern differenziert zu erklären, ginge weitgehend verloren.
Der Auftrag der Primarschule ist eine vielseitige Deutschförderung, nicht eine frühe Mehrsprachigkeit. Realienfächer sind da, um die deutsche Sprache praktisch anzuwenden und auf anschauliche Weise den deutschsprachigen Wortschatz zu erweitern. Damit dies wirklich gelingt, braucht es gut ausgebildete Lehrpersonen, die über ein reichhaltiges Wissen in den Realienfächern und über eine gute Kompetenz im Deutsch verfügen.
Eine exzellente Analyse der Zusammenfassung dieser famosen Standortbestimmung. Es stellen sich folgende Fragen: Warum hat man die Firma «Interface» mit dieser Studie beauftragt und nicht das renommierte Mehrspracheninstitut aus Freiburg? Wie lautete der Auftrag zu dieser Standortbestimmung? Und warum soll diese Standortbestimmung erst im November in voller Länge publiziert werden, wenn die Ergebnisse doch einem erlauchten Kreis bereits im Dezember 25 vorgestellt wurden. Weshalb ist die volle Publikation für die Öffentlichkeit so wichtig? Es erlaubt uns einen Einblick ins Quellenverzeichnis, in die konsultierten Studien, die wir ja genauestens verfolgen! Und keine der uns bekannten Studien belegt, den Vorteil eines früheren Fremdsprachenbeginns. Wohl aber das Gegenteil.
Einmal mehr hat “man” den Mut nicht einzugestehen, endlich mit “Frühfranzoesisch” aufzuhören. Wiederholt stellen Personen (Wissenschaftler ohne praktische Erfahrung) dieselben Thesen auf, eine Sprache in einem “Sorechbad” erlernen zu können. Begleiten sie mal einen Schüler im Welschland beim Kauf einer Orange im Coop – und testen Sie das wissenschaftlich!
Die im Bericht vorgeschlagenen Ideen sind zum Teil gut, scheitern jedoch an deren praktischen Umsetzbarkeit. Wenn von immersivem Unterricht die Rede ist, dann setzt das Immersion voraus. Doch woher all die derart sattelfest französischsprechenden Lehrpersonen nehmen? Austauschprogramme? Wie bezahlen? Das Tablet auf Französisch umstellen? Was bringt das, wenn die Schülerinnen und Schüler die Anweisungen nicht verstehen?
Das Problem ist das ewige Wunschdenken der Politik. Die PHs erhalten den lukrativen Umsetzungsauftrag, scheitern aber krachend daran. Alle Schulreformen der letzten dreissig Jahre waren Rohrkrepierer. Alle! Politik will gefallen, Politikerinnen und Politiker leben aber zu oft im LaLa-Land. Mir scheint es, diese Entwicklung verschlimmere sich sogar. Am Ende geht es nur noch um Gesichtswahrung. Persönliche Haftung für Fehlentscheide existiert nicht, Steuergelder werden buchstäblich zum Fenster hinaus geschmissen. Der Bölima und die Bölifrau finden sich dann am unteren Ende der schulpolitischen Nahrungskette: Die Schülerinnen und Schüler und ihre Lehrpersonen. So darf es nicht weitergehen! Sprachbad? Eine dreckige Pfütze wird nie zu einem schönen See.
Der Artikel beschreibt detailliert, warum die im Standortbericht vorgeschlagenen Massnahmen rhetorisches Vortäuschen von Expertise und Problemlösung, also reine Schaumschlägerei zur Befriedigung der Auftraggeber der Studie darstellen. Weder sind die Massnahmen umsetzbar, noch führt das Autorenteam den geringsten Beweis dafür an, dass sie auch nützen würden.