Frühfranzösisch gescheitert: Standortbericht erteilt Lehrpersonen die «Arschkarte»
Die Standortbestimmung zum Sprachenkonzept im Kanton Basel-Landschaft vermittelt den Anschein einer wissenschaftlichen Analyse. Vielmehr erscheint sie faktisch als Absicherung des bestehenden Fremdsprachenkonzepts an den Primarschulen. Trotz demotivierter Schüler/-innen und seit Jahren ausbleibendem Lernerfolg im Fach Französisch beantwortet der Bericht die entscheidende Frage nicht: Kann Frühfranzösisch unter den realen schulischen Rahmenbedingungen überhaupt funktionieren? Für die erhoffte Wirksamkeit von Frühfranzösisch gibt es bis heute keine belastbare wissenschaftliche Grundlage.
Klare Resultate, trotzdem keine Konsequenzen
Die Ausgangslage ist unmissverständlich: Die im Bericht präsentierten Zahlen zeigen deutlich, dass Schüler/-innen in Englisch wesentlich bessere Leistungen erzielen als in Französisch. Im Leistungsniveau A ist dieser Unterschied sogar noch deutlicher. Nur rund 20% erfüllen im Französisch die Grundkompetenzen (siehe Grafik 1). Über alle drei Niveaus sind es nur etwas über die Hälfte, welche die Grundkompetenzen im Französisch erreichen (siehe Grafik 2).


Gleichzeitig ist die Motivation für Französisch erheblich tiefer. Französisch ist für viele Primarschulkinder zum Frustfach geworden, da der Lernerfolg ausbleibt. Es ist daher wenig überraschend, dass die Akzeptanz von zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe gering ausfällt.
Ein solches Fazit nach über zehn Jahren Erfahrung müsste zwingend eine grundlegende Kurskorrektur auslösen. Doch genau an diesem Punkt bleibt der Bericht auffallend zahnlos. Die negativen Resultate werden zwar benannt, ihre Tragweite jedoch systematisch relativiert und verharmlost. Kritische Bemerkungen bleiben die Ausnahme, und wenn sie auftauchen, werden sie in ein Geflecht von Bedingungen und Einschränkungen eingebettet, sodass ihre Brisanz weitgehend verpufft.
Warum eine grundlegende Infragestellung des Fremdsprachenkonzepts ausbleibt
In der Verwaltung sitzen seit Jahren Entscheidungsträger/-innen, die das Frühfranzösisch-Konzept aktiv eingeführt und politisch vertreten haben. Ein grundlegendes Infragestellen dieses Modells würde bedeuten, anzuerkennen, dass die damaligen Entscheidungen Fehlentscheidungen waren. Entsprechend gross ist die Versuchung, am eingeschlagenen Weg festzuhalten und Probleme nicht als systemisch, sondern als optimierbar darzustellen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb der Bericht kritische Schlussfolgerungen nur zurückhaltend zieht.
Diese Zurückhaltung zeigt sich im Bericht an einigen Stellen. So räumt er ein, dass das Einstiegsalter für den Erwerb einer Fremdsprache nicht isoliert wirkt. Das bedeutet, dass der frühe Beginn für sich allein keinen entscheidenden Vorteil bringt.
Statt diese Analyse ernst zu nehmen und die dringend erforderlichen Konsequenzen zu ziehen, wird die Aussage umgehend relativiert: Der Bericht hält fest, dass ein früher Beginn unter bestimmten Bedingungen Vorteile bringen könne, etwa bei ausreichend Lernzeit, konsequenter Verwendung der «Zielsprache» und passenden Rahmenbedingungen. Damit verschiebt sich die Argumentation weg von der Frage, ob Frühfranzösisch grundsätzlich sinnvoll ist, hin zur Frage, unter welchen idealen Bedingungen nachweisbarer Mehrwert geschaffen würde. Genau darin liegt die Schwäche der Analyse, da sie von einem Modell ausgeht, das im Schulalltag völlig unrealistisch ist.
Statt das System zu hinterfragen, wird die Umsetzung in den Vordergrund gerückt
Besonders deutlich wird dies beim Thema Unterrichtsqualität. Der Bericht hält fest, dass mehr zielsprachlicher Input mit besseren Ergebnissen einhergeht. Diese Erkenntnis ist didaktisch unbestritten. Sprachen werden durch Anwendung gelernt, nicht durch abstrakte Vermittlung. Doch genau hier entsteht ein grundlegender Widerspruch: Wenn eine hohe Lektionendotation entscheidend ist, müsste das System so ausgestaltet sein, dass diese auch tatsächlich stattfinden können.
In der Praxis zeigt sich jedoch das Gegenteil. Mit zwei bis drei Wochenlektionen lässt sich kein «Sprachbad» realisieren, das für einen nachhaltigen Spracherwerb notwendig wäre. Dafür wären mindestens zehn Wochenlektionen erforderlich, die konsequent auf Französisch gehalten werden – und zwar durch Lehrpersonen mit entsprechend hohen Sprachkompetenzen. Ein solches Setting ist jedoch illusorisch.
Der Bericht deutet also eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg an, die unter den gegebenen Bedingungen gar nicht erfüllbar ist, ohne diese konkret einzufordern. Stattdessen wird die Verantwortung indirekt auf Lehrpersonen, Unterrichtsgestaltung und Rahmenbedingungen verlagert. Ein strukturelles Problem wird so zu einem Umsetzungsproblem umgedeutet. Damit werden die Lehrpersonen zu Sündenböcken für ein Problem gemacht, das im Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und Verwaltung entstanden ist.
Ein Bericht ohne Alternativen
Auffällig ist zudem, dass grundlegende Alternativen kaum aufgezeigt werden. Zwar wird die Komplexität des Sprachenlernens betont, doch die Möglichkeit, den Zeitpunkt des Beginns grundsätzlich zu hinterfragen, wird nicht in Erwägung gezogen. Stattdessen hält der Bericht fest, dass der wissenschaftliche Beirat keine wissenschaftlichen Argumente gegen einen frühen Beginn sehe. Diese Aussage ist bezeichnend. Es wird nicht gesagt, dass Frühfranzösisch wirksam ist, sondern lediglich, dass es an eindeutigen Gegenargumenten fehle. Damit wird die Beweislast umgekehrt: Nicht die Wirksamkeit muss belegt werden, sondern das Scheitern des Konzepts.
Eine solch dünne Argumentation reicht bei weitem nicht aus, um ein derart komplexes und kostspieliges Fremdsprachenkonzept zu rechtfertigen, dessen erhebliche Schwächen längst offensichtlich sind.
Fazit
Der Bericht zeigt Schwächen auf, relativiert sie jedoch sofort wieder. Er benennt Voraussetzungen für einen erfolgreichen Spracherwerb, ohne zu prüfen, ob diese im bestehenden System überhaupt realisierbar sind. Damit bleibt er widersprüchlich: Er beschreibt zwar die Probleme, zieht daraus aber keine griffigen Konsequenzen, nicht zuletzt aus Rücksicht auf jene Verantwortlichen, die das Frühfranzösisch-Konzept eingeführt haben und um jeden Preis daran festhalten wollen. Statt überfällige Korrekturen anzustreben, begnügt er sich mit der Optimierung des Status quo.
Genau darin liegt der gravierende Konstruktionsfehler des Berichts: Wer das Problem erkennt, kommt kaum darum herum, die grundsätzliche Funktionsfähigkeit des Frühfranzösisch-Konzepts in seiner heutigen Form zu hinterfragen. Diesen Schritt vollzieht der Bericht nicht und wird damit seinem eigenen Anspruch nicht gerecht.
Das Team des Sekretariats der Starken Schule beider Basel (SSbB) bewertet diesen Bericht folgerichtig mit der Note «ungenügend».
Jürg Wiedemann
Vorstand Starke Schule beider Basel
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6 Antworten
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das Mehrsprachenkonzept der Primarschule ist ein Murks, der auf Kosten der Mehrheit der Schüler geht. Nur wer den Gesamtauftrag der Primarschule aus den Augen verloren hat, kann so einseitig argumentieren, wie es im Kommentar zur Baselbieter Sprachenstudie getan wurde. Die Rahmenbedingungen fürs Frühfranzösisch können nicht einfach ausgeblendet werden. Die Lektionentafel der Mittelstufe ist im Umfang begrenzt, mehr Ausbildungszeit fürs Französisch geht auf Kosten anderer wichtiger Fächer und die Lernkapazität bei den Primarschülern ist nicht für ein Nebeneinander dreier Sprachen geschaffen. Im Bericht werden diese Tatsachen relativiert, ja geradezu verniedlicht.
Statt mutig den nötigen Schnitt zu machen und die zweite Frühfremdsprache auf die Oberstufe zu verschieben, soll munter weitergewurstelt werden. Wenn es dann noch immer nicht klappt, kann man ja den Schwarzen Peter der Lehrerschaft zuschieben, welche die undankbare Rolle hat, ein Fehlkonzept umsetzen zu müssen. Diese Grundhaltung ist einer verantwortungsbewussten Bildungspolitik nicht würdig.
Die Lehrerschaft weiss, wo es den Hebel in der Primarschule anzusetzen gilt. An erster Stelle steht die Deutschförderung, welche in Verbindung mit einem lebendigen Realienunterricht und mit mehr Trainingszeit fürs Üben verbessert werden muss. Diese Aufgabe ist zeitaufwändig und erfordert auch eine Neuausrichtung der Lehrerbildung mit einer Aufwertung der Realienfächer. Es ist zu hoffen, dass die Lehrerschaft energisch eine Rückbesinnung auf den Grundauftrag der Primarschule fordert.
Der Schaden, den das forcierte Mehrsprachenkonzept angerichtet hat, ist gewaltig. Es ist ein finanzielles, pädagogisches und schulpolitisches Desaster ersten Grades. Jedes weitere Fortsetzen des gescheiterten Konzepts geht auf Kosten der Hauptbeteiligten: den Schülern und den Lehrkräften. Es besteht auf jeden Fall dringender Handlungsbedarf.
Der Standortbericht ist sehr diplomatisch und höflich. Statt er von Misserfolg des Frühfranzösisch an den Primarschulen spricht, sollen die Bedingungen an den Schulen geändert werden, damit es funktionieren könnte. Doch die Schüler sind schon jetzt überfordert mit vielen Fächern. Mehr geht nicht. Dem Bundesrat passt es auch nicht, dass viele Kantone das Frühfranzösisch abschaffen wollen. In vielen Deutschschweizer Kantonen sind dazu Vorstösse hängig. Die Schweizer sollen sich untereinander verständigen können. Das Französisch der Schulabgänger ist aber so schlecht, dass ein Französisch-Studium an der Uni Basel nicht mehr möglich ist. Experten fordern schon lange, das Französisch aus der Primarschule zu verbannen. Besser ist es, zuerst sattelfest in der deutschen Sprache zu werden. Darauf kann dann in der Oberstufe aufgebaut werden. Das ist auch die Forderung der Initiative der Starken Schule beider Basel. Die Unterschriftensammlung läuft noch.
https://www.tagesanzeiger.ch/sprachenstreit-kantone-wollen-franzoesisch-erst-in-der-oberstufe-624936244086
https://www.journal21.ch/artikel/eklatanter-fehlschlag
Es ist kaum.mehr zu ertragen, was sich die basellandschaftliche Bildungs-«Elite» erlaubt. Aus Gesichtswahrungsgründen wird eine Studie in Auftrag gegeben für 200’000 Franken. Die Aussagen dieser Studie sind schlicht nichtssagend, da ständig relativiert wird – genau so, wie es die verantwortlichen Politköpfe eben haben wollen. Der Kanton Baselland würde guttun, ganz grundsätzlich über die Bücher zu gehen, denn im letzten nationalen Bildungsaudit belegte dieser Halbkanton den zweitletzten Platz. Der letzte Platz gehörte dem benachbarten Halbkanton Baselstadt. Wow!
Alles in allem ist so etwas der denkbar schlechteste Einstand des neu gewählten Bildungsdirektors.
Vor vielen Jahren habe ich das Argument, „Französisch ist eine der Landessprachen“ und sollte deshalb in einem „Sprachbad“ möglichst früh erlernt werden, als sinnvoll erachtet. Leider genügen ein paar „Sprachbäder“ in der Woche nicht, um auch nur im Ansatz genügend Französisch zu können und einen Liter Milch in einem Laden in der französischen Schweiz kaufen zu können.
Im Gegenteil: Im Französischunterricht in der Sekundarstufe müssen zuerst Grammatik, Rechtschreibung und Aussprache korrigiert und dann neu erlernt werden.
Die Ressourcen für Frühfranzösisch in der Primarschule sollten besser dem „Lesen, Schreiben und Rechnen“ zugeteilt werden.
Es ist zu wünschen, dass der neue Bildungsdirektor den Mut hat, Remedur zu schaffen.
Fokus auf die echten Grundkompetenzen setzen!
Der Artikel bringt das systematische Versagen und die Schönfärberei des aktuellen Fremdsprachenkonzepts treffend auf den Punkt. Dem möchte ich noch eine wesentliche Realität aus dem Schulalltag hinzufügen: Das sture Festhalten am Frühfranzösisch ist nicht nur ineffektiv, es geht vor allem auf Kosten der fundamentalsten Fähigkeiten unserer Kinder.
Spätestens seit der interkantonalen Überprüfung der Grundkompetenzen (ÜGK) haben wir es schwarz auf weiss: Ein erschreckend grosser Teil der Schülerinnen und Schüler versteht am Ende der obligatorischen Schulzeit auf Französisch nicht einmal einen einfachen Satz. Das allein wäre vielleicht noch zu verkraften, doch dieselbe Studie bringt noch etwas viel Schlimmeres zutage: Viele Jugendliche verstehen nach neun Schuljahren selbst auf Deutsch keinen einfachen Alltagstext mehr, wie etwa ein simples Backrezept.
Daraus muss zwingend folgende Prioritätensetzung abgeleitet werden:
Zuerst Lesen und Rechnen (auf Deutsch): Die Beherrschung der absoluten Basis in der Hauptunterrichtssprache muss im Lehrplan wieder die unangefochtene oberste Priorität haben.
Fremdsprachen nach Fähigkeit: Erst wenn diese Grundkompetenzen sitzen, sollten Fremdsprachen vertieft werden – und zwar primär für jene Schülerinnen und Schüler, die das zusätzliche Pensum auch wirklich bewältigen können.
Zudem ignoriert das aktuelle System die heutige Klassenzimmer-Realität völlig: Für viele Primarschulkinder ist Französisch in der dritten Klasse bereits die dritte oder gar vierte Sprache. Es ist schlichtweg absurd, dass viele Kinder Französisch lernen müssen, noch bevor sie überhaupt die deutsche Sprache richtig verstehen.
Statt die Lehrpersonen für ein realitätsfremdes Konstrukt verantwortlich zu machen, muss die Politik endlich den Mut haben, die offensichtlichen Fakten anzuerkennen und den Fokus wieder auf das Wesentliche zu richten.
Der Artikel trifft ins Schwarze. Der Bericht nennt zwar im Analyseteil einige Faktoren, die den Misserfolg des Französischunterrichts mitverursachen, darunter auch die zu geringe Stundendotation, vermeidet jedoch jede Kritik am eigentlichen Konzept und an den Lehrmitteln. Umgekehrt wird den Lehrpersonen, die bei der Einführung des Frühfranzösisch mehrere Wochen an Weiterbildung und Indoktrination über sich ergehen lassen mussten, die Hauptschuld am schlechten Resultat zugeschoben. Schwach sind die Massnahmen, die der Bericht vorschlägt: Lernziele anpassen (im Sinne von Reduzieren), Austausch für obligatorisch erklären (obwohl in der Analyse die Wirkung von Austauschen als gering bis nicht existent eingestuft wird), Nachqualifizierung und Weiterbildung für Lehrkräfte (durch die gleichen FH-Dozenten, die für das gescheiterte Konzept verantwortlich sind), mehr Lernzeit (auf wessen Kosten?), mehr digitaler Mitteleinsatz (obwohl unzählige Leistungsresultate belegen, dass mit IT schlechter gelernt wird als ohne).