Vom Kamel zum Algorithmus
Was haben «Joe Camel», eine bekannte Werbefigur der Zigarettenindustrie, und Plattformen wie Instagram und TikTok gemeinsam? Auf den ersten Blick nicht viel. Doch vor einem amerikanischen Gericht wird nun genau dieser Vergleich diskutiert: Social-Media-Konzerne sollen Kinder und Jugendliche mit ihren Plattformen gezielt an sich binden und ihre Nutzung so gestalten, dass eine Abhängigkeit entstehen kann. Die Frage ist deshalb, ob Politik und Gesellschaft Geschäftsmodelle verbieten sollen, die mit der möglichen Abhängigkeit von Kindern Geld verdienen.
Das Geschäft mit der Abhängigkeit
Der aktuelle Prozess gegen den Technologiekonzern Meta, Betreiber von Facebook und Instagram, in Kalifornien erinnert an die grossen Tabakklagen der 1990er-Jahre. Damals wurde Tabakkonzernen vorgeworfen, Minderjährige bewusst in eine Abhängigkeit geführt und bekannte Risiken verschwiegen zu haben. Heute stehen digitale Plattformen im Zentrum. Die Kläger werfen Meta vor, Facebook und Instagram so gestaltet zu haben, dass Kinder und Jugendliche möglichst lange auf den Plattformen bleiben.
Der NZZ-Artikel «Der Fluch des Kamels»[1] zeigt, wie stark diese Parallele inzwischen auch die juristische Auseinandersetzung prägt. Dabei geht es nicht darum, Social Media und Tabak völlig gleichzusetzen. Der Vergleich wirft vielmehr eine grundsätzliche Frage auf: Wo liegen die Grenzen eines Geschäftsmodells, wenn wirtschaftlicher Erfolg und der Schutz von Minderjährigen miteinander kollidieren? Bei sozialen Netzwerken kommt hinzu, dass Algorithmen Inhalte auswählen und damit beeinflussen können, was junge Menschen sehen und wie lange sie auf einer Plattform bleiben.
Kinder und Jugendliche können ihre Nutzung zudem nicht in gleichem Masse selbst steuern wie Erwachsene. Deshalb stellt sich die Frage, welche Verantwortung bei ihnen selbst liegt und wo Eltern, Schulen und Politik gefordert sind.
Warum es politische Regeln braucht
In der öffentlichen Diskussion wird häufig auf Eltern und Schulen verwiesen. Sie sollen Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit Smartphones und sozialen Medien vermitteln. Medienbildung ist wichtig. Sie kann aber nicht die einzige Antwort sein. Gerade bei Kindern stellt sich die Frage, welche Nutzung altersgerecht ist und welche Regeln dafür gelten sollen.
Die Starke Schule beider Basel (SSbB) setzt sich für eine politische Diskussion über eine Altersgrenze für soziale Medien ein. Dabei geht es nicht um eine grundsätzliche Ablehnung digitaler Medien. Entscheidend ist vielmehr, wann Kinder mit welchen digitalen Angeboten in Kontakt kommen und welche Regeln dabei gelten.
Die Primarschule soll weitgehend analog bleiben
Die Frage nach dem richtigen Umgang mit digitalen Medien stellt sich auch in der Schule. Die SSbB hat deshalb Anfang August die kantonale Volksinitiative «Keine digitalen Geräte in den ersten vier Primarschuljahren» mit 2´529 Unterschriften eingereicht. Sie fordert, dass in den ersten vier Primarschuljahren auf den Einsatz digitaler Geräte verzichtet wird. Ab der fünften Primarklasse soll ein punktueller Einsatz schuleigener Laptops oder Tablets weiterhin möglich sein.
Damit geht es der SSbB nicht um eine Rückkehr in eine Welt ohne Technik. Kinder müssen lernen, sich in einer digitalen Gesellschaft sicher und kompetent zu bewegen. Dafür brauchen sie zunächst solide Grundlagen: Lesen, Schreiben, Rechnen, konzentriertes Arbeiten und den direkten Austausch mit anderen Menschen.
Im Zentrum steht deshalb weniger die Frage, ob digitale Technik grundsätzlich gut oder schlecht ist, sondern wann und in welchem Umfang Kinder damit in Berührung kommen sollen. Die Initiative setzt bewusst bei den ersten Schuljahren an. Im Vordergrund stehen deshalb das konzentrierte Lernen grundlegender Fähigkeiten, die soziale Entwicklung und der direkte Austausch mit anderen. Diese Bereiche sind in den ersten Schuljahren besonders wichtig. Zudem muss sichergestellt werden, dass die Schüler/-innen über den Umgang mit digitalen Geräten und Sozialen Medien frühzeitig sensibilisiert und geschult werden. Nur so können Schutz und sinnvolle Nutzung Hand in Hand gehen.
Lena Bucher
Vorstand Starke Schule beider Basel
[1] NZZ am Sonntag, 23.08.2026, S. 35
