Psyche durch Lesen stärken
Eine neue Studie aus den USA, erschienen im Fachjournal «Psychological Medicine», zeigt: Kinder, die vor dem 10. Lebensjahr mit dem Lesen beginnen, können davon in verschiedener Hinsicht profitieren. Sie zeigen unter anderem eine bessere Aufmerksamkeit und ein besseres Gedächtnis, haben weniger psychische Probleme und verbringen weniger Zeit vor Bildschirmen. Forschende aus China und Grossbritannien untersuchten dafür mehr als zehntausend Jugendliche. Sie führten kognitive und Verhaltenstests durch und werteten Gehirnscans aus.
Früh lesen fördert die Entwicklung
Warum Lesen so viele positive Auswirkungen haben kann, lässt sich unter anderem damit erklären, dass dabei mehrere Bereiche gleichzeitig gefordert werden. Beim Lesen müssen Informationen aufgenommen, verarbeitet und miteinander verknüpft werden. Gleichzeitig bleibt die Aufmerksamkeit über längere Zeit bei einer Sache. Das unterscheidet sich von vielen digitalen Inhalten, bei denen die Reize oft schnell wechseln.
Lesen kann zudem eine ruhige Beschäftigung sein. Wer liest, kann für eine gewisse Zeit Abstand vom Alltag gewinnen und sich ganz auf eine Geschichte oder ein Thema konzentrieren. Gerade für Kinder und Jugendliche kann diese Auszeit eine gute Ergänzung zur Schule und zu sozialen Medien sein.
Auch auf den Alltag kann sich regelmässiges Lesen auswirken. Wer seine Freizeit mit einem Buch verbringt, hat weniger Zeit für andere Beschäftigungen, etwa für Bildschirmmedien. Gleichzeitig kann Lesen dazu beitragen, länger bei einer Sache zu bleiben. So lassen sich möglicherweise auch die in der Studie beobachteten Unterschiede bei Aufmerksamkeit, Schlaf und Bildschirmzeit erklären.
Lesen stärkt auch das Verständnis für andere
Lesen kann nicht nur die Konzentration und das Gedächtnis fördern. Besonders Geschichten können Kindern helfen, andere Menschen besser zu verstehen. Sie lernen verschiedene Lebenssituationen und Sichtweisen kennen und erleben die Welt aus der Perspektive anderer Figuren.
Dabei setzen sie sich mit den Gedanken und Gefühlen der Figuren auseinander. So kann Lesen dazu beitragen, Verständnis für andere Menschen zu entwickeln. Lesen vermittelt deshalb nicht nur Wissen, sondern kann auch die soziale Entwicklung unterstützen.
Wie viel Lesen ist dabei sinnvoll? Die Studie kommt zum Ergebnis, dass etwa zwölf Stunden Lesen pro Woche in der Freizeit besonders positive Zusammenhänge zeigen. Gemeint ist freiwilliges Lesen zum Vergnügen und nicht das Lesen für die Schule.
Interessant ist allerdings: Wer deutlich mehr als zwölf Stunden liest, zeigt nicht automatisch noch bessere Ergebnisse. Bei diesen Jugendlichen nahmen die gemessenen kognitiven Fähigkeiten wieder ab. Eine mögliche Erklärung ist, dass sehr viel Lesen zulasten anderer wichtiger Aktivitäten geht, zum Beispiel Bewegung.
Lesen lohnt sich für alle Kinder
Die Ergebnisse zeigen ausserdem, dass die Vorteile des frühen Lesens nicht einfach mit Intelligenz erklärt werden können. Es könnte zwar sein, dass Kinder mit guten Konzentrationsfähigkeiten von sich aus mehr lesen. Die Forschenden berücksichtigten deshalb verschiedene Faktoren, darunter Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit und die Bildung der Eltern.
Auch andere Untersuchungen weisen auf Vorteile des Lesens hin. Das gilt beispielsweise für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Störungen. Studien zeigen, dass sich durch regelmässiges Lesen nicht nur die Lese- und Schreibfähigkeiten verbessern können. Auch in bestimmten Bereichen des Gehirns wurden Veränderungen festgestellt.
Lesen kann also auf verschiedene Bereiche der Entwicklung wirken. Deshalb lohnt es sich, Kinder möglichst früh zum Lesen zu motivieren und ihnen Freude daran zu vermitteln. Wichtig ist dabei vor allem, dass Lesen nicht nur als Pflicht erlebt wird. Wer gerne liest, kann davon langfristig profitieren. Und es ist nie zu spät, damit anzufangen.
Lavinia Beck
Vorstand Starke Schule beider Basel
