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Mehr asozial als sozial

Mehr asozial als sozial

Soziale Medien stehen nach wie vor stark in der Kritik. Der Ethikprofessor Peter G. Kirchschläger geht sogar noch weiter: Er fordert in der bz vom 14. September Entzugsmassnahmen für Jugendliche, die ihren Social-Media-Konsum nicht mehr selbst kontrollieren können. Seine Forderungen klingen zunächst radikal und vielleicht übertrieben. Doch die Frage, wie Kinder und Jugendliche vor den negativen Folgen sozialer Medien geschützt werden können, wird immer dringlicher.

Eigenverantwortung ist nicht mehr genug

Eigentlich klingt es verrückt und absurd. Entzugskliniken und Reha-Aufenthalte wegen Social Media. Wenn man jedoch bedenkt, dass grosse Tech-Konzerne ihre Plattformen darauf ausrichten, Nutzer*innen möglichst lange auf den Plattformen zu halten, erscheint die Forderung plötzlich weniger abwegig. Soziale Medien scheinen vielmehr «asozial» zu sein. Sie wurden als Suchtprodukte entwickelt.

Die möglichen Folgen sind längst bekannt. Soziale Interaktionen nehmen ab, genauso wie die schulischen Leistungen, Schlafprobleme nehmen Die negativen Folgen sind uns allen schon lange bekannt. Nur das Ausmass ist uns vermutlich noch nicht vollständig bewusst. Gerade bei Kindern und Jugendlichen stellt sich deshalb die Frage, ob der Hinweis auf Eigenverantwortung noch ausreicht. Ein Verbot ist von Vorteil für alle Beteiligten. So müssen beispielsweise in Schulen und im Elternhaus nicht ständig immer neue Regeln aufgestellt werden.

Politik nimmt seine Verantwortung zu wenig Ernst

Verbote oder Einschränkungen gibt es bei uns zahlreiche. Für verschiedenste Suchtmittel gelten klare Regeln. Alkohol, Tabak und Drogen unterliegen Altersgrenzen und klaren gesetzlichen Vorgaben. Auch beim Glücksspiel gibt es Einschränkungen. Wieso also nicht auch bei sozialen Medien?

Genau wie bei anderen Suchtmitteln braucht es auch bei sozialen Medien klare Einschränkungen. Laut einer aktuellen Umfrage von Watson zusammen mit dem Forschungsinstitut DemoSCOP befürworten 87% der Schweizer Bevölkerung ein Verbot für Minderjährige.

Die SSbB setzt sich deshalb für klare und altersgerechte Grenzen bei digitalen Medien ein. Mit der Initiative «Keine digitalen Geräte in den ersten vier Primarschuljahren» fordert sie, dass Kinder in den ersten vier Schuljahren grundsätzlich ohne persönliche digitale Geräte unterrichtet werden. Lesen, Schreiben, Rechnen, Bewegung und der direkte Austausch sollen in diesem Alter im Mittelpunkt stehen. Ab der 5. Klasse soll ein punktueller Einsatz schuleigener Geräte weiterhin möglich sein.

Eine ganze Generation verloren und süchtig?

Jugendliche, die ihren Konsum nicht mehr selbst kontrollieren können, brauchen Unterstützung, um wieder aus dieser Abhängigkeit herauszufinden.

Genau hier setzt Kirchschlägers Forderung nach Entzugsmassnahmen an. Er nennt Klinikbehandlungen und Reha-Aufenthalte, aber auch bewusst begleitete Auszeiten ohne Smartphone und soziale Medien. Ebenso denkbar seien alternative Freizeitangebote, Sport und Kultur sowie ein betreutes Umfeld mit Familie und Freunden, so Kirchschläger im bz-Artikel vom 14. September.

Völliges Verbot ist nicht zielführend

Nicht ein absolutes Verbot sämtlicher digitaler Medien sollte das Ziel sein. Kinder und Jugendliche müssen lernen, sich in einer digitalen Welt zurechtzufinden. Es braucht vielmehr ein angemessenes Mass, klare Regeln und dort Unterstützung, wo Eigenverantwortung nicht mehr ausreicht.

Die Debatte sollte deshalb nicht mehr nur darum gehen, ob soziale Medien grundsätzlich verboten werden sollen oder nicht. Die entscheidende Frage ist vielmehr, wie streng die Einschränkungen sein müssen und ab welchem Alter Kinder und Jugendliche sozialen Medien ausgesetzt werden sollten. Die Forderung nach einem Mindestalter von 16 Jahren mag radikal klingen, ist aber berechtigt.

Lavinia Beck
Vorstand Starke Schule beider Basel

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