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«Das ist einfach nur noch ein Skandal und grenzenlose Dummheit»

«Das ist einfach nur noch ein Skandal und grenzenlose Dummheit»

Der 68-jährige Bestsellerautor Manfred Spitzer musste heftige Attacken über sich ergehen lassen, nachdem er sein Buch «Digitale Demenz» publiziert hatte. Er stand unter medialem Dauerbeschuss. Populistischer «Professor Klartext» war noch eine der freundlicheren Bezeichnungen. Aber auch Spitzer ist nicht zimperlich. Er ist kein Freund der leisen Töne, wenn es um Kritik an der Digitalisierung an den Schulen geht. Mit den neuen Pisa-Ergebnisse bekommen seine Thesen jetzt Rückenwind: Die Schulleistungen sind in vielen Ländern gesunken. Auch in der Schweiz. Was macht das mit ihm?

Nadja Pastega: Herr Spitzer, diese Woche sind die neuen Pisa-Ergebnisse bekannt geworden. Ergebnis: Deutsche Schülerinnen und Schüler setzen beim Lernen KI besonders häufig ein, gleichzeitig sind sie bei den Pisa-Resultaten auf einen historischen Tiefststand gesunken. Was läuft hier schief?

Manfred Spitzer: Wenn man denken lässt, denkt man nicht selbst. Gelernt wird aber nur, wenn sich im Gehirn Verbindungen ändern, was nur durch deren Benutzung geschieht, also durch aktive geistige Tätigkeit. Mit KI lernen ist wie ein Fahrrad fahren mit Hilfsmotor: Wenn man nicht selbst Muskelkraft aufwendet, wachsen die Muskeln ja auch nicht. Im Gehirn ist das nicht anders.

In der Schweiz gibt ein Viertel der befragten 15-Jährigen an, KI täglich beim Lernen einzusetzen – einer der weltweit höchsten Werte. Das schlägt sich aber nicht in besseren Schulleistungen nieder. Auch in der Schweiz sind die Pisa-Resultate gesunken. Da stellt sich die Frage: Was bringt diese ganze Digitalisierung überhaupt?

Sie bringt Ablenkung, also weniger Aufmerksamkeit und dadurch auch weniger Lernen. Man weiss schon lange aus experimentellen Studien bis hin zu Pisa-Daten: Je mehr ein OECD-Land in die digitale Infrastruktur zwischen 2003 und 2013 investiert hat, desto mehr nahmen die Leistungen im jeweiligen Land ab. Deswegen räumen ja mittlerweile Norwegen, Australien, die Dänen, die Franzosen und die Schweden die Computer wieder aus den Schulen ab.

Was löst diese Wende in der Digitalisierungsdebatte bei Ihnen aus – Genugtuung?

Nein, eher ein Bedauern, dass dieses Umdenken jetzt erst erfolgt und daher so vielen jungen Menschen zwischenzeitlich grosser Schaden zugefügt wurde. Das war unnötig.

Von Ihnen stammt die Aussage: Handys machen dick, dumm und dement. Erstaunt es Sie, dass man Ihnen Panikmache vorwirft?

Ist es Panikmache, wenn man vom Klimawandel spricht? Die gesundheitlichen Schäden der Bildschirmnutzung sind wissenschaftlich belegt. Jede Stunde, die Kinder und Jugendliche vor dem Bildschirm verbringen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie im Alter kurzsichtig werden, um 20 Prozent. Was wiederum die Hauptursache für Erblindung im Alter ist. Panikmache? Nein, Fakt!

Kurzsichtig wurden die Leute auch schon vor dem Zeitalter der Bildschirme.

Es geht hier um das Risiko, vorzeitig zu erblinden, und zwar allein durch digitale Mediennutzung. Das ist, wie wenn man zu viel Zucker isst oder viele gesundheitsschädliche Nahrungsmittel zu sich nimmt und damit das Risiko eines Schlaganfalls erhöht. Natürlich kann man sagen: Schlaganfälle gab es schon immer. Aber wenn man das Risiko von einer Erkrankung erhöht, ist das normalerweise für uns ein Grund, zu sagen: Das machen wir nicht. Untersuchungen zeigen auch, dass das wichtigste vermeidbare Demenzrisiko eine geringe Bildung in jungen Jahren ist.

Was hat das mit Smartphones zu tun?

Digitale Endgeräte reduzieren das Lernen und damit die Bildung. Auch das belegen Studien.

Man hat Ihnen vorgeworfen, Studien selektiv zu zitieren, um ihre «alarmistischen» und «kulturpessimistischen» Thesen zu stützen.

Das ist Unsinn! Dass geringe Bildung zu Demenz führt, kann man im renommierten Medizinfachblatt «Lancet» nachlesen. Ärzte sind per Gesetz verpflichtet, ihr Handeln an neuen, gut fundierten Erkenntnissen auszurichten. Bei Pädagogen gilt das offenbar nicht. Sie tun einfach so, als gäbe es keine neuen Erkenntnisse, und erzählen weiter, wie sehr digitale Endgeräte das Lernen verbessern. Über deren schädliche Auswirkungen sagen sie nichts.

In der Schweiz hat der Zürcher Kantonsrat kürzlich entschieden, dass private Handys, Tablets und Notebooks an den Schulen verboten werden sollen. Er strebt damit eine ähnliche Regelung wie im Aargau oder im Kanton Nidwalden an. In Baselland kommt eine entsprechende Initiative vors Volk.

Ich finde das richtig. Wissenschaftler am renommierten Karolinska-Institut in Schweden haben schon vor drei Jahren in einem Gutachten gezeigt, dass an den schwedischen Schulen seit der Einführung der Digitalisierung in den Klassenzimmern die Schülerleistungen drastisch abgenommen haben. Jetzt setzt man dort wieder auf Schulbücher.

In Deutschland läuft es anders: Die Bundesregierung hat kürzlich erklärt, dass sie wieder Milliarden für die Digitalisierung von Schulen ausgeben will.

Das ist einfach nur noch ein Skandal und grenzenlose Dummheit. Während es andere Länder richtig machen, handelt man nach dem Motto: Wir machen es jetzt noch einmal richtig falsch. Damit opfern wir die Bildung und die Gesundheit der nächsten Generation den Profitinteressen grosser amerikanischer Firmen. Das ist unverantwortlich.

In Lehrerkreisen wird kritisiert, dass die Digitalisierung in den Schulen unkontrolliert vor sich hin wuchert, weil alle es cool finden, zu digitalisieren.

Die Militärakademie in Westpoint hat mit 750 Studenten untersucht, wie sich das auswirkt. Die 50 vorhandenen Klassen wurden per Zufall aufgeteilt: Ein Drittel der etwa 17-jährigen Schüler bekamen Tablets, ein weiteres Drittel Tablets und einen Computer, der Rest gar nichts. Dann hat man ein Jahr Unterricht gemacht und anschliessend die Entwicklung der Noten in ihren Klausuren angeschaut.

Das Ergebnis?

Die Schülerinnen und Schüler ohne Computer schnitten deutlich besser ab.

Der Grund?

Man verdaddelt sehr viel Zeit mit digitalen Geräten im Klassenzimmer. Wenn man mit Lehrern redet, sagen die: «Bis die Computer mal laufen und der Letzte seinen Laptop eingeschaltet hat, ist die halbe Unterrichtsstunde schon fast rum.» Man verbringt unglaublich viel Zeit mit der Technik, ohne dass man lernt. Das ist einer der Gründe.

Der andere?

Wenn diese Technik dann mal läuft, lenkt sie erst recht ab. Drittens kann sie dazu verleiten, dass man nicht mehr tief nachdenkt und oberflächlicher ist. Wenn man zum Beispiel das Tafelbild im Klassenzimmer auf seinen Laptop downloaden kann, hat man es zwar heruntergeladen und mit nach Hause genommen, aber im Kopf ist noch nichts passiert.

Was ist denn der Unterschied, wenn es auf der Wandtafel steht oder auf dem Laptop?

Wenn es auf der Tafel steht und ich es abschreiben muss, passiert im Gehirn ganz viel. Wenn ich auf copy und paste drücke, passiert im Gehirn gar nichts. Das ist der Unterschied. Digitale Medien verhindern geistige Arbeit und damit das Lernen.

Digitale Medien können das Lernen doch auch fördern und unterstützen.

Bei Erwachsenen geht das manchmal. Wenn Sie unbedingt mit dem Smartphone Französisch lernen wollen, weil Sie einen Franzosen als Freund oder eine Französin als Freundin haben, sind Sie hoch motiviert, die Sprache zu lernen. Dann können Sie das auch mit dem Smartphone machen, weil Sie nicht ständig ein dickes Lehrbuch mit sich herumschleppen wollen.

Aber?

Ob das tatsächlich besser ist als ein Lehrbuch, wage ich zu bezweifeln. Wenn Sie ein Vokabelheft selbst geschrieben haben, haben Sie schon 50 Prozent des Lernens erledigt. Wenn Sie es ohne Schreiben machen wollen, sind Sie langsamer. Sie können auch mit Smartphone lernen, Sie sind dann aber langsamer. Wenn Sie das wollen, bitteschön.

Wenn das alles so schädlich ist, wie Sie das sagen, warum ändern die Schulen nichts?

Es gibt sehr viele Medienpädagogen, die das alles ganz toll finden. In den letzten Monaten war ich in zwei Expertenkommissionen in zwei Bundesländern. Da sassen fünf Medienpädagogen und ich, also sechs Experten. Ich warnte vor den Auswirkungen der Digitalisierung, die anderen sagten: Alles supertoll. Fünf gegen einen – man hat schon verloren.

Ist die Schule nicht gerade der Ort, wo junge Menschen lernen können, mit den digitalen Medien umzugehen?

In der Oberstufe kann man das zu vermitteln versuchen, aber bringen Sie mal einem Siebenjährigen Medienkompetenz bei. Kommt hinzu: Niemand weiss, was Medienkompetenz wirklich ist. Es gibt keinen Test dafür, also man kann gar nicht feststellen, ob jemand sich diesbezüglich verbessert oder verschlechtert hat. Wer von Medienkompetenz redet, der outet sich als jemand, der Lobbyisten das Wort redet.

Lehrpersonen klagen immer wieder über Experten, die an den Pädagogischen Hochschulen Konzepte ausarbeiten, die in der Praxis nicht funktionieren. Wie kommt es, dass dort Papiere erarbeitet werden, die von Lehrpersonen als untauglich beurteilt werden?

Aus meiner Sicht gibt es da einen Systemfehler.

Was heisst das?

Ich habe 41 Jahre lang in der Psychiatrie gearbeitet, davon knapp 30 Jahre als Professor und damit als Ausbilder zukünftiger Ärzte. Wenn ich erklären würde, ich wäre zum letzten Mal vor 20 Jahren in einer psychiatrischen Klinik gewesen, würde man sagen: Moment, da können Sie doch gar keine Ärzte ausbilden. Aber wenn man Pädagogik-Dozierende fragt, «wann waren Sie zuletzt in einer Schule?», bekommt man oft die Antwort: «Na ja, als ich das letzte Mal selbst als Schüler in der Schule war.»

Mit anderen Worten: Es fehlt der Praxisbezug?

Ja. Nochmals der Vergleich mit der Medizin: Assistentinnen und Assistenten werden in Kliniken von Leuten ausgebildet, die selbst in der Medizin arbeiten. Aber Lehrer werden von Leuten ausgebildet, die selbst keinen Unterricht machen. Daher braucht es einen Systemwechsel: Diejenigen die Lehrer ausbilden, müssen selbst Schüler unterrichten. Und damit meine ich nicht irgendwo eine Stunde pro Woche, sondern voll in das Schulsystem eingebunden sein. Da dies nicht der Fall ist, erzählen Professoren für Pädagogik den angehenden Lehrern die aberwitzigsten Theorien, die völlig losgelöst von aller Realität sind.

Sie fordern für die Nutzung des Smartphones eine Altersgrenze wie beim Alkohol. Wo soll sie denn Ihrer Meinung nach liegen?

Bei 16; gesünder wäre 18. Aber man kann sagen, okay, zwischen 16 und 18 können die Jungen tatsächlich mal ein bisschen ausprobieren. Ich weiss es von meinen eigenen Kindern.

Wie viele haben Sie?

Sechs. Und zehn Enkelkinder. Ich weiss also, wovon ich rede. Meine Kinder haben vor 15 kein Smartphone bekommen. Jetzt machen Sie es mit ihren eigenen Kindern genauso. Die Tech-Gurus im Silicon Valley machen es übrigens auch nicht anders. Die wissen, warum.

Die Frage ist, wie man ein Handyverbot überhaupt kontrollieren will.

Dieses Kontrollargument lassen wir bei anderen Verboten ja auch nicht gelten. Jeder 12-Jährige kann zu Hause und unter der Bettdecke Bier trinken. Aber wir verbieten es trotzdem, weil die Eltern ihren 12-Jährigen sagen können, das darfst du nicht, das ist verboten. Natürlich kann man sein Kind nicht 24 Stunden überwachen. Aber wenn etwas staatlich verboten wird, haben die Eltern wenigstens den Rücken frei.

Es geht doch am Alltag der Jungen vorbei, wenn man die digitalen Medien verbieten will.

Nein. Wenn Sie das verbieten, dann bedeutet das zum Beispiel: Wenn Sie als Eltern ein Smartphone kaufen, dürfen Sie das nicht für Ihr Kind oder Ihren Jugendlichen tun. Wenn ich meinem 12-Jährigen einen Kasten Bier schenke, kann ich auch angezeigt werden. Einfach, weil Alkoholkonsum in dem Alter verboten ist.

Die deutsche Kinder- und Jugendschutzkommission hat wieder ein neues Papier publiziert, wo drinsteht, dass man Social Media nicht verbieten soll. Oder allenfalls bis 13.

Während alle Länder um Deutschland herum vernünftig sind und das bis 15 oder 16 verbieten. Aber unsere Kinder- und Jugendschutzkommission schützt unsere Kinder und Jugendlichen nicht, das ist unverantwortlich. Wir wollen ja, dass sie lernen und Bildung erlangen, dass sie gesund sind und zu vernünftigen erwachsenen Mitgliedern unserer produktiven Gemeinschaft werden. Natürlich müssen sie auch KI anwenden können. Aber bevor wir KI in der Schule machen, müssen die Schülerinnen und Schüler erst mal lesen, schreiben und rechnen lernen.

[Quelle: Sonntagszeitung vom 13. September 2026, abgedruckt mit Erlaubnis der Journalistin]

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