Rahmenbedingungen aus Sicht der Schulleitungen
Jedes Kind hat nur eine Bildungsbiographie. Darum hat jedes Kind das Recht auf einen Unterricht, der wirklich wirkt, hier und jetzt. Doch im Schulalltag sehen wir Entwicklungen, die genau das zunehmend erschweren. Gerne gehe ich auf drei Beispiele ein:
Erstens: die integrative Schule.
Der Gedanke dahinter ist richtig. Aber in vielen Klassen ist die Spannweite der Lernvoraussetzungen heute so gross, dass gemeinsames Lernen kaum mehr möglich ist. Viel Stützpersonal wird benötigt und die Beziehung zwischen Lehrperson und Klasse leidet, die für erfolgreiches Lernen zentral ist. Und wenn ein Kind tatsächlich mehr Unterstützung braucht? Dann beginnt ein langwieriger Abklärungsprozess. Schulische Heilpädagogin, schulpsychologischer Dienst, Elterngespräche, Berichte, Zuweisungen. Wochen vergehen, manchmal Monate. Das Kind wartet. Die Lehrperson wartet. Und die Zeit läuft, unwiederbringlich. Integration ist wichtig, aber nicht auf Biegen und Brechen. Wer ein Kind mit erheblichem Förderbedarf um jeden Preis im Regelklassenzimmer belässt, handelt nicht im Interesse dieses Kindes, sondern ideologisch. Jedes Kind hat Anspruch auf eine Bildung, die wirklich zu seinen Bedürfnissen passt.
Zweitens: Die Schule wird mit immer mehr Aufgaben überladen.
Lehrpersonen sollen neben dem Unterricht eine Vielzahl zusätzlicher Programme und gesellschaftlicher Themen abdecken. Ob Medienbildung, Sexualpädagogik, Demokratieerziehung, Ernährungsverhalten oder Klimasensibilisierung – alles landet auf dem Pult der Lehrperson. Vieles ist gut gemeint, doch in der Summe bleibt immer weniger Zeit für das Wesentliche: für Lesen, Schreiben, Rechnen und konzentriertes Lernen. Ich sage klar: Die Schule ist kein Reparaturbetrieb für gesellschaftliche Versäumnisse. Wer den Kernauftrag schützen will, muss den Mut haben, Nein zu sagen – auch zu gut gemeinten Projekten.
Drittens: Auch Schulleitungen werden zunehmend von Administration und Schulentwicklung gebunden.
Statt sich auf Unterrichtsqualität, Teamführung und gute Rahmenbedingungen für Kinder und Lehrpersonen zu konzentrieren, verbringen viele Schulleitungen einen grossen Teil ihrer Zeit mit Berichten, Konzeptpapieren und Controlling. Das schwächt die Qualität. Und dann kommt noch die Schulentwicklung dazu. Der Begriff klingt gut – natürlich soll sich Schule weiterentwickeln. Aber in der Praxis bedeutet er oft: immer neue Leitbilder, immer neue Schwerpunktthemen, immer neue Entwicklungsziele – Jahr für Jahr.
Ein konkretes Beispiel: das Schulprogramm. Es muss regelmässig aktualisiert werden – also wird etwas Neues hineingeschrieben. Nicht weil es immer dringend nötig wäre, sondern weil das Dokument Punkte braucht. Und dann? Werden sie an aufwändigen Teamsitzungen präsentiert, diskutiert, abgenickt oder gar Arbeitsgruppen dazu gebildet. Zeit, die niemand hat und die am Ende nicht dem Unterricht zugutegekommen ist. So sammeln sich über die Jahre Themen an, die häufig kaum jemand mehr aktiv verfolgt. Qualität entsteht nicht durch mehr Vorhaben, sondern durch konsequente Umsetzung von relevanten Themen.
Ein zweites Beispiel: Mitarbeiterbeurteilungen. Schulleitungen füllen standardisierte Formulare Jahr für Jahr aus. Und die Lehrpersonen werden verpflichtet, ihre «persönlichen Entwicklungsziele» in ebenfalls standardisierten Formularen zu dokumentieren – jährlich, nach vorgegebenem Raster. Was als Instrument zur Förderung gedacht war, wird zum Pflichtprogramm. Man schreibt etwas hin. Der Fokus liegt auf dem Ausfüllen, nicht auf dem Entwickeln.
Schulleitungen werden so zu Projektmanagerinnen und Projektmanagern, die das nächste Konzept erarbeiten, statt das Wesentliche zu tun: dafür sorgen, dass morgen früh in jedem Klassenzimmer guter Unterricht stattfindet. Wer ständig an der Schule arbeitet, arbeitet irgendwann nicht mehr für die Schule. Ich fordere: weniger Entwicklungstheater, mehr Wirkung. Schulleitungen brauchen den Freiraum, um wirklich zu führen und mehr Wirkung zu erzielen. Darum braucht es wieder mehr Fokus auf den Kernauftrag der Schule: guten Unterricht. Denn eines ist klar: Jedes Kind geht nur einmal zur Schule.
Yasmine Bourgeois
Schulleiterin, Alt-Gemeinderätin FDP
