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Lehrpersonen befürworten Altersgrenze für Social Media

Lehrpersonen befürworten Altersgrenze für Social Media

An der breit angelegten Umfrage der Starken Schule beider Basel (SSbB) zum Thema Social Media und Altersgrenzen bei Kindern und Jugendlichen haben insgesamt rund 851 Lehrpersonen, Schulleiter/-innen, Eltern und Bildungsinteressierte teilgenommen (davon 80,5% Lehrpersonen). Die Ergebnisse fallen deutlich aus: Social Media hat im Schulzimmer negative Konsequenzen, eine Altersgrenze für die Nutzung wird von 95% unterstützt.

Negative Folgen im Unterricht

Besonders brisant ist die Beobachtung der Lehrpersonen, dass in ihren Klassen negative Auswirkungen durch exzessive Social-Media-Nutzung spürbar sind. Darunter gehören beispielsweise Schlafmangel, Ablenkung und Konflikte. Über 86% der befragten Lehrpersonen geben an, solche Auswirkungen mindestens gelegentlich zu beobachten, fast die Hälfte sogar häufig. (siehe Grafik)

Viele Lehrpersonen berichten im offenen Antwortfeld von geringerer Lernausdauer, mangelnder Fähigkeit, Dinge zu merken, und dem Wunsch der Schüler/-innen nach «Short-Content»-Didaktik. Lerninhalte sollen möglichst kurz und kompakt vermittelt werden, ähnlich wie beispielsweise Instagram-Reels. Die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne mache sich bemerkbar. Ebenso befänden sich viele Schüler/-innen in einer Scheinwelt: Es würde nur noch über Games und Influencer gesprochen, während Bewegung und echte Gespräche abnehmen würden. Schüler/-innen, die von zu Hause aus ein Verbot hätten oder noch kein Handy besitzen, würden teilweise ausgeschlossen oder sogar gemobbt.

Eine Lehrperson formuliert pointiert: „Ich sehe eine direkte Korrelation zwischen dem Konsum von Social Media und der Aufmerksamkeitsspanne der SuS. Sie schaffen es nicht einmal mehr, ein Lernvideo von 10 Minuten zu schauen, weil sie sich Reels und Shorts von ca. 15 Sekunden tagtäglich reinziehen.“
Dass die Konzentration und Mitarbeit der Schüler/-innen durch ein Social-Media-Verbot besser würde, bestätigt mehr als die Hälfte der teilnehmenden deutlich und rund ein Drittel antwortet mit eher Ja. (siehe Grafik)

Lehrpersonen mit langjähriger Berufserfahrung berichten von spürbaren Veränderungen in den letzten 10-15 Jahren. Der Disziplinaraufwand steige, Prävention beanspruche immer mehr Zeit und die Belastbarkeit der Schüler/-innen nehme ab.

Suchtmittel Social Media

Insgesamt wird die Einführung von Altersgrenzen für die Nutzung sozialer Medien von rund 96% der Umfrageteilnehmenden befürwortet. Dabei sprechen sich drei Viertel der Befragten klar für eine gesetzliche Altersgrenze aus, weitere knapp 20% eher dafür. Die Ablehnung ist insgesamt mit 4.1% sehr gering. (siehe Grafik)

Gemäss den formulierten Texten im offenen Antwortfeld zeigen sich mehrere Argumentationsstränge: Sehr häufig wurde Social Media mit anderen Suchtmitteln wie Alkohol, Nikotin oder Glücksspiel verglichen. Zahlreiche Teilnehmende betonten, dass Kinder und Jugendliche davor gezielt durch eine Alterseinschränkung geschützt werden müssten. Studien würden darauf hinweisen, dass der Konsum von sozialen Medien zur Dopaminausschüttung im Gehirn führe und das Belohnungssystem aktiviere. Dazu eine Lehrperson: „Die Plattformen stimulieren das Gehirn mit Reizen, die das Belohnungssystem triggern, sodass es zur kurzzeitigen Dopaminausschüttung kommt – das fördert Suchtabhängigkeit und beeinträchtigt die Konzentration im Unterricht.“ Das Suchtpotenzial sei erheblich.

Mehrere Fachpersonen betonten zudem, dass beispielsweise die ADHS-Problematik verstärkt, Reizüberflutung begünstigt und die sensomotorische Entwicklung beeinträchtigt würden.

Deutliche Mehrheit befürwortet Altersgrenze zwischen 14 und 16 Jahren

Bezüglich der Altersgrenze ist fast die Hälfte der Umfrageteilnehmenden für eine Altersgrenze von 16 Jahren. Mehr als ein weiterer Drittel spricht sich für eine Altersgrenze von 14 oder 15 Jahren aus. Insgesamt befürwortet damit eine sehr deutliche Mehrheit eine Altersgrenze im Bereich zwischen 14 und 16 Jahren. (siehe Grafik)

Besonders oft wurden im offenen Antwortfeld die Themen psychische Gesundheit und Selbstwert genannt. Soziale Medien würden (nicht nur) bei jungen Menschen unrealistische Schönheitsideale fördern, es herrsche ein ständiger Vergleich. Häufige schwerwiegende Folgen davon seien Selbstzweifel, Depressionen und Essstörungen. Eine Lehrperson bringt es auf den Punkt: „Der Selbstwert sollte vor der Konfrontation mit Social Media entwickelt sein, die Gehirnfunktionen ausgereift(er), die Medienkompetenz gefestigt sein.“ Eine Altersgrenze solle dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche zunächst einen stabilen Selbstwert entwickeln und über Risiken sowie einen verantwortungsvollen Umgang aufgeklärt werden.

Teilnehmende, welche Altersgrenzen ablehnen oder kritischer dazu stehen, warnen hingegen vor «Überregulierung», «moralischer Panik» und «einseitiger Schuldzuweisung». Die Gesellschaft befände sich nun in einer Übergangsphase, in der es wichtig sei, lösungsorientiert zusammenzuarbeiten, statt Verantwortung abzuschieben. Eine vollständige Isolation von der digitalen Realität könne ebenfalls Nachteile bringen. Zudem würden Verbote auch den Anreiz schaffen, diese zu umgehen. Altersgrenzen allein würden das Problem nicht lösen.

Die Frage der Verantwortung

Wird eine Altersgrenze eingeführt, stellt sich die Frage nach der Verantwortung für deren Einhaltung. Fast die Hälfte der Teilnehmenden sieht diese primär bei den Plattformbetreibern. (siehe Grafik)

Der Staat könne zwar, wie mehrfach erwähnt wurde, gesetzliche Rahmenbedingungen schaffen und eine technische Altersverifikation einführen. Die Verantwortung für die Einhaltung der Altersgrenzen müsse aber bei den Plattformbetreibern bleiben, auch wenn diese sich vehement dagegen wehren.

Mehrere Teilnehmende weisen darauf hin, dass Eltern die Einhaltung nicht sicherstellen könnten und damit schlichtweg überfordert seien. Zudem würden viele selbst keinen reflektierten Umgang mit Social Media pflegen. Trotzdem läge eine grosse Verantwortung bei den Eltern.

Schulen und Lehrpersonen würden betreffend der Thematisierung von Social Media mehr Unterstützung benötigen, denn es gäbe eine deutliche Ambivalenz: Einerseits würden handyfreie Schulen gefordert und Kritik an «Bring your own device» ausgeübt, da dadurch viel zu viel Bildschirmzeit generiert und analoge Lehrmittel immer weniger genutzt würden. Andererseits gehöre Medienkompetenz in den Lehrplan und die Aufklärung über Fake News, KI und soziale Medien sei unverzichtbar. Die Schule als Mittel für Sensibilisierung und Aufklärung zu nutzen, würde am meisten Sinn machen, da damit alle Kinder erreicht werden könnten und der Zeitpunkt der Aufklärung geregelt wäre. Nicht überraschend ist deshalb die klare Forderung von 45.7% und weitere Unterstützung von 31.5% der Teilnehmenden, dass Social Media ein Teil des Lehrplans sein soll. (siehe Grafik)

Oder wie es eine Lehrperson kurz und bündig ausdrückt: „Die Verantwortung trägt die gesamte Menschheit: Plattformbetreiber, Eltern und staatliche Stellen.“

Stellungnahmen

259 Umfrageteilnehmende nutzten die Möglichkeit, ein kurzes Statement, ein Argument oder eine Einschätzung zum Thema Social Media und Altersgrenzen aufzuschreiben. Klicken Sie hier, um einige ausgewählte Stellungnahmen lesen zu können.


«Die permanente Berieselung durch Social-Media birgt ein enormes Suchtpotential und stellt einen vermeidbaren Zeitfresser dar, der sehr viel Aufmerksamkeit und somit geistige Aufnahmefähigkeit bindet. Um die Aufmerksamkeitsspanne, die in den letzten Jahren enorm geschrumpft ist, wieder zu erhöhen, ist eine Zurückdrängung von Social Media unerlässlich.»

«Persönlich sehe ich den Begriff Soziale Medien sogar etwas kurz gegriffen. Frühzeitiger aber auch unausgewogener Medienkonsum (Fernsehen, Gaming und Handy) sind nachweislich schädlich für die Gehirnentwicklung. Den Sucht- und Problemfaktor der sozialen Medien sehen wir offenkundig auch bei den „Erwachsenen“. Zusätzlich sollte der Gebrauch von Plattformen, auf denen sich auch haufenweise Erwachsene tummeln, aus mehreren ersichtlichen Gründen für Minderjährige untersagt sein. Wenn die Betreiber kein Interesse daran haben, dann sollte der Staat eingreifen. Zum Schutz seiner Bevölkerung.»

«Ich finde es verantwortungslos, dass die Kinder und Jugendlichen via den Sozialen Medien fast ungehinderten Zugang zu so viel Inhalt haben, welche ihrer Entwicklung nicht gut tut. Zudem ist ja schon längst erwiesen, dass Social Media ein grosses Suchpotenzial hat. Mir kommt es vor, wie wenn wir den Kindern/Jugendlichen einen Haufen Rauschgift auf den Tisch legen. Ihnen dann den Rat geben, sie sollen einen guten Umgang damit finden und sie dann alleine lassen. Wenn doch schon wir Erwachsenen oft Mühe haben, mit diesen Dingen einen guten, suchtfreien Umgang zu finden, wie sollen es dann die Jungen schaffen? Das ist doch eine grosse Überforderung! Ich bin für Handys frühestens ab 13 Jahren, lieber noch später!«

«Als Psychomotoriktherapeutin weise ich immer darauf hin, dass die senso-motorische Entwicklung sehr wichtig ist für ein Kind. Stören wir diese Entwicklung mit grösseren Mengen an digitalen Einflüssen in einem immer noch jüngeren Alter, werden viele Kinder und Jugendliche in ihrem Entwicklungsprozess geschwächt. Die vulnerablen Kinder, z.B. gerade im Bereich der ADHS-Thematik, würden von einer naturnahen, praxisorientierten Pädagogik viel mehr profitieren, wie dem Ausgesetzt Sein von digitalen Reizen, die primär unser Belohnungssystem im Gehirn füttern und deshalb auf Entzug stellen, wenn dieses System dann nicht ständig wieder bedient wird. Es braucht einen hohen Bewusstseinsgrad, wir als erwachsene Verantwortliche sind wir in der Pflicht: primär die Sinne fördern.»

«Die Wirkungsweisen von Social Media Plattformen sind marktgetrieben und nehmen auf die psychische und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen keine Rücksicht. Social Media Plattformen sind so designt, dass sie Kinder und Jugendliche in die Abhängigkeit treiben können. Dasselbe gilt für Tools von künstlicher Intelligenz. Meiner Ansicht nach hat die Gesellschaft, die Politik gegenüber den Kindern und Jugendlichen eine Verantwortung. Die Schulen brauchen diesbezüglich auch gesetzliche Unterstützung, wenn sie ihren Bildungsauftrag wahrnehmen können.»

«Soziale Medien verzerren die Realität der SuS, indem sie sie in einer Blase aus Scheinkomfort einschliessen.»

«Social Media Plattformen sind gewinnorientierte Geschäftsmodelle: Jugendliche sollen möglichst lange auf den jeweiligen Seiten verweilen. Dementsprechend sind die Seiten designt, die Algorithmen liefern genau das, was den Belohnungsmechanismus triggert. Jugendliche sind dem umso mehr ausgeliefert, als das sich ihr Hirn noch in der Entwicklung befindet. Wir sollten darum Social Media als das behandeln, was es ist: ein Suchtmittel wie Alkohol, Nikotin oder dergleichen.»

«Ich finde der Schaden, welcher den Konsum sozialer Medien in frühem Alter verursacht ist imens. Angefangen von sozialer Isolstion und dem Rückgang echter physischer Begegnungen mit Freunden und der Entwicklung von Sozialkompezenz bis zu unrealen Vorstellungen des Selbstbildes und des Selbstwertes. Ständiges Vergleichen ist gerade in diesem Alter ungesund und es wird eine Egokultur gefördert. Leider nehmen auch die Konzentration und die Kreativität ab, was zu einer Verarmung führt.»

«Kinder brauchen die Natur und viel weniger Bildschirme!»

«Ich vergleiche den Konsum mit anderen Genuss-/Suchtmitteln. Niemand würde seine kleinen Kinder/Teenager mit Alkoholika, Kannabis, Berge von Schokolade, Eis + Pommes alleine zuhause lassen + sagen, dass sie Wasser trinken, den Brokkoli im Kühlschrank kochen und essen sollen, ohne irgendwelche Kontrollen und Einschränkungen zu machen. Gesetzliche Altersbeschränkungen sind wichtig, reichen alleine aber lange nicht aus. Eltern müssen sich bewusst sein, dass der Handykonsum die Hirnstrukturen zum Nachteil der Kinder verändert + damit auch der Erfolg in der Schule, aber auch sozial gefährdet ist. So müssen Eltern + Schule den Handykonsum der Kinder eng begleiten + klare Strukturen + Regeln vorgeben. Meine Kinder (15+18 Jahre) berichten wie in Lektionen ungestört gezockt wird. Wo ist die Lehrkraft?»

«Social Media wird morgen das Asbest und das Rauchen von heute sein.»

Fazit

Die Auswertung der Fragen sowie der offenen Stellungnahmen zeigt ein deutliches Bild: Die überwiegende Mehrheit erlebt Social Media als entwicklungshemmend und suchtfördernd und spricht sich für eine Altersgrenze aus. Gleichzeitig bleibt offen, wie diese konkret umgesetzt und kontrolliert werden soll. Psychische Belastungen werden stark mit Sozialen Medien verknüpft. Die Forderung nach besserer Aufklärung und Sensibilisierung ist zentral. Die Debatte ist emotional aufgeladen und von Unsicherheit, aber auch einem beachtenswerten Schutzgedanken geprägt.

Position der Starken Schule beider Basel (SSbB)

Die SSbB setzt sich für eine leistungsorientierte und chancengerechte Volksschule sowie für die Stärkung der grundlegenden Fächer Deutsch und Mathematik und der Fremdsprachen ein. Aus Sicht der SSbB führt eine zu frühe und umfassende Digitalisierung nicht automatisch zu besserem Lernen, sondern kann die Konzentration, die Lernprozesse und die soziale Entwicklung beeinträchtigen. Deshalb befürwortet die SSbB eine klare Altersbegrenzung für Social Media sowie insgesamt weniger Digitalisierung im Unterricht, insbesondere auf der Primarstufe, zugunsten bewährter analoger Lernmittel. Wiederrum gilt es am Ende der Primarstufe die Kinder langsam an digitale Geräte und den Umgang damit, inklusive Aufklärung über Fake News, Soziale Medien etc. heranzuführen. Nur so kann ein gesunder Umgang gefördert, Kinder geschützt aber auch auf das spätere Leben vorbereitet werden.

Lena Bubendorf
Vorstand Starke Schule beider Basel

2 Antworten

  1. Daniel Vuilliomenet sagt:

    Ich beobachte, dass auf jede gesellschaftliche Fehlentwicklung sofort der Ruf nach Aufklärung und Prävention in der Schule erfolgt. Doch wo führt das hin und auf welche Kosten wird Zeit, Raum und Personal geschaffen für diese Zusatzaufgaben?

  2. Paul Hofer sagt:

    Die Ergebnisse sind so klar und eindeutig – jetzt muss die Politik dringend agieren.

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