«Wir haben die schlechtesten Schülerleistungen aller Zeiten»
Der bekennende Linke Mathias Brodkorb erklärt, warum die «Gleichheitsideologie» in der Bildungsdebatte den Schulen mehr schade als nütze – und er sagt, welche Schulen die Kinder heute brauchen. Das Interview führte die Journalistin Nadja Pastega für die Sonntagszeitung.
Der Sozialdemokrat Mathias Brodkorb (49), ehemals oberster Bildungschef in Mecklenburg-Vorpommern, hat mit Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer eine Streitschrift vorgelegt. Titel: «Tyrannei der Gleichheit. Für mehr Gerechtigkeit in Schule und Gesellschaft». Die Kompetenzen der deutschen Schülerinnen und Schüler würden kontinuierlich sinken, kritisieren die Autoren, und fordern wieder mehr Leistung. Im Vergleich zu den deutschen schneiden Schweizer Kinder zwar weiterhin gut ab – aber in einer aktuellen Umfrage des Schweizer Lehrerverbands LCH bei über 10’000 Lehrpersonen stimmen 52 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass das allgemeine Leistungsniveau auch an hiesigen Schulen gesunken sei.
Herr Brodkorb, «Tyrannei der Gleichheit» steht vorne auf Ihrem Buch. Wer tyrannisiert denn hier wen?
Die Gleichheit tyrannisiert die Leistung. Es gibt einen grossen Abstand zwischen den besten und den schlechtesten Schülern. Gerechtigkeit wird an der Gleichheit gemessen. Die Schüler müssen sich annähern, damit mehr Gleichheit erreicht wird. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder wird der Schlechtere besser, das ist mühsam und hat Grenzen. Oder der Beste wird schlechter – das geht schnell. Was hat man also gemacht? Man hat das Leistungsniveau gesenkt, damit sich die Schüler einander annähern. Und das wird als ein Fortschritt in Sachen Gerechtigkeit verkauft.
Können Sie ein Beispiel geben?
Niedersachsen will zum Beispiel die vollständige schriftliche Division in der Grundschule abschaffen, weil das manche Kinder nicht mehr schaffen. Das soll dann später nachgeholt werden. Dort fehlt dann die Zeit für anderes, das auch noch gelernt werden muss. Und in zehn Jahren wundern sich alle, dass die Schüler in Mathe schlechter geworden sind. Ein zweites Beispiel ist das Abitur in Berlin. Dort liest man an einigen Gymnasien Goethe nicht mehr im Original, sondern in «vereinfachter Sprache», weil manch ein Jugendlicher das Original nicht mehr versteht. Aber möglicherweise hat er dann einfach das Abitur respektive die Matur nicht verdient.
Wie konnte es so weit kommen?
Bei Pisa 2000 kam aus deutscher Perspektive heraus, dass die Leistungen nur mittelmässig sind, das war die Kränkung der Dichter- und Denkernation. Ausserdem sollten in Deutschland die Lernerfolge der Schüler mehr als im OECD-Durchschnitt vom sozialen Hintergrund der Familie abhängen. Das wird als grosse soziale Ungerechtigkeit gebrandmarkt.
Sehen Sie das anders?
Auch dabei wird Gerechtigkeit mit Gleichheit verwechselt. Man schaut sich zwei Schüler und ihren Hintergrund an, und wenn sie Unterschiede in der Leistung aufweisen, wird dieser Mangel an Gleichheit als Ungerechtigkeit interpretiert. Echte Gerechtigkeit würde hingegen bedeuten, dass man jeden Schüler gemäss seinen Begabungen fördert.
Welche Folgen hat dieser «Gleichheitswahn», wie Sie es nennen?
Die besten Schüler sind sehr viel schneller schlechter geworden als der Durchschnitt. Wer keine Leistung mehr einfordert, muss sich nicht wundern, wenn er keine mehr bekommt. Wir haben die schlechtesten Schülerleistungen aller Zeiten.
Müssen die Lehrer ausbaden, was die Politik versäumt hat?
Das ist die zweite Haupttyrannei. Weil die Politik mehr Gleichheit herstellen will, macht sie in den Schulen eine Reform nach der anderen. Es stellt sich immer wieder heraus, dass es nicht klappt, jedenfalls nicht ohne Leistungsverlust. Dann werden immer neue Reformen losgetreten. Man stellt sich nie die Frage, ob das Ziel vielleicht falsch ist. Dass es also nicht an den Instrumenten liegt, sondern am Ziel selbst.
Konkret?
Man kann Kinder mit unterschiedlichen Begabungen nicht zu gleichen Leistungen bringen. Nicht alle können Mathematikprofessor werden.
Was bedeutet denn Leistung für Sie? Wieder mehr Noten, Hausaufgaben, Tests?
Es braucht erst mal klare Vorgaben in Rahmenlehrplänen, was zu lernen ist und auf welchem Niveau. So etwas haben wir gar nicht mehr. Wir haben Kern-Curricula. Das sind nahezu poetische Texte, auch in Mathematik. Da stehen kaum noch Lerninhalte drin. Dann denkt sich jede Schule aus, was sie daraus macht. Das ist auch für die Bildungsgerechtigkeit ein Riesenproblem. Ich würde mir zweitens ein Ende des Bildungsföderalismus wünschen. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern – wie auch zwischen den Kantonen in der Schweiz – sind ja Wahnsinn. Drittens braucht es einmal im Jahr zentrale Prüfungen, wo nicht der Lehrer entscheidet, was geprüft wird. Das würde die Schulen zwingen, das Leistungsniveau wieder hochzuschrauben.
Ein etablierter Wissenschaftler, der den Thesen Ihres Buchs zustimmt, antwortete auf Ihre Frage, ob Sie ihn zitieren können: «Auf keinen Fall. Diesen Kampf dürfen Sie gerne alleine durchstehen.»
Ja. Das Wegdiskutieren des Leistungsproblems, das wir an den Schulen haben, und das In-den-Vordergrund-Stellen der Gleichheitsdimension ist in der Tat ideologisch so vermint, dass einige Wissenschaftler nicht mehr den Mut haben, öffentlich zu sagen, was sie denken.
Welche Reaktionen haben Sie auf Ihr Buch bekommen?
Es gibt verschiedene Rezensionen, die bis jetzt alle eher positiv ausfallen. Aus der Wissenschaft haben wir eine Reihe von positiven privaten Rückmeldungen. Interessanterweise sind das überwiegend Professorinnen und Professoren, die kurz vor der Emeritierung stehen oder schon emeritiert sind.
«Ich vermute, in Wahrheit schwingt dabei eine Verachtung gegenüber körperlicher und handwerklicher Arbeit mit.»
Wie erklären Sie sich das?
In Deutschland gibt es dafür eine Formulierung: «Das ist der Mut der alten Männer.» Diese Professoren müssen sich nicht mehr in der Wissenschaftscommunity beweisen. Dadurch werden sie mutiger.
Eine zentrale These Ihres Buchs lautet, dass echte Bildung zwangsläufig Ungleichheit produziere. Ein beunruhigender Befund. Können Sie ihn belegen?
Was ist daran beunruhigend? Wir sind eine komplexe, arbeitsteilige Gesellschaft und brauchen unterschiedliche Begabungen. Beunruhigend finde ich eine Strategie, bei der alle am Ende das Gleiche können sollen. Dann würde der ganze Laden nicht mehr funktionieren.
Warum verfolgt man ein solches Ziel überhaupt?
Ich vermute, in Wahrheit schwingt dabei eine Verachtung gegenüber körperlicher und handwerklicher Arbeit mit. Dass man also denkt: Die richtige Menschwerdung beginnt mit der Matur und wird erst mit dem Studium abgeschlossen. Alles davor ist irgendwie nicht wirklich achtenswert oder nicht so wertvoll. Anders kann ich mir nicht erklären, warum möglichst alle studieren sollen. Das muss ja bedeuten, dass das ein höherwertiges Ziel ist, als ein fantastischer Handwerker zu sein.
Es gibt pragmatische Gründe, warum man möglichst viele junge Menschen an die Uni bringen will: Bei Ärzten oder in technischen Berufen gibt es einen Fachkräftemangel.
Das ist etwas völlig anderes. Was es zum Funktionieren der Gesellschaft braucht, ist eine andere Frage als diese ideologische Debatte, dass der Staat durch Schulen jedes Kind zum selben befähigen soll. Das eine ist pragmatisch, das andere ideologisch.
Dass mithilfe des Staates alle zur gleichen Befähigung gebracht werden können, ist eine klassisch sozialistische Position. Als Sozialdemokrat können Sie da eigentlich nichts dagegen haben.
Ich würde sagen, das ist keine klassische sozialistische Position. Schon Karl Marx und Friedrich Engels haben einer Gesellschaft der Gleichen widersprochen. Sozialismus heisst nicht, dass alle gleich sind. Die Sozialdemokraten haben sich schon damals nicht beraten lassen von Marx und Engels, sondern in der Praxis eine starke Gleichheitspolitik verfolgt, teilweise auch aus guten Gründen, die heute aber nicht mehr gelten, weil viele unberechtigte Ungleichheiten längst beseitigt sind. Das Frauenwahlrecht zum Beispiel und die Bildungsbeteiligung der Mädchen. Aber von ihrer primitiven Gleichheitsideologie kommen sie nicht runter.
Kinder mit reichen Eltern machen öfter die Matur und gehen häufiger an die Uni als Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Kann Geld etwas verändern?
Diese Unterschiede im Bildungserfolg haben wenig mit dem Geld zu tun. Kluge Eltern bekommen in der Regel kluge Kinder. Und kluge Eltern haben in der Regel auch gut bezahlte Jobs. Wenn man dann die Leistungen der Kinder misst und auf das Einkommen der Eltern schaut, treten ein hohes Einkommen der Eltern und die Klugheit der Kinder häufig gleichzeitig auf. Dieser statistische Befund stimmt.
Aber?
Die Kausalität ist umgekehrt. Nicht das hohe Einkommen der Eltern macht die Kinder klug. Sondern die Kinder sind klug, weil ihre Eltern klug sind. Das hat mit kultureller Vererbung zu tun, wenn Kinder in einem anregenden Haushalt gross werden, in dem ihnen täglich vorgelesen wird, sie die Musikschule besuchen und die Eltern mit ihnen ins Theater gehen. Dann haben sie ganz andere Fördermöglichkeiten als Kinder aus einem sozial prekären Haushalt, in dem nicht deutsch gesprochen wird.
Also ist es doch richtig, dass man versucht, diese Nachteile mit Förderung an den Schulen auszugleichen.
Die Schulen können das nicht vollständig ausgleichen. Das ist die grosse Illusion! Wie soll der Staat zehn Jahre Lebenszeit in einem Elternhaus ausgleichen? Wenn man ein Kind mit schlechten Voraussetzungen fördert, kann man es sicher besser machen, deswegen macht Förderung schon Sinn. Aber wir werden damit nicht Gleichheit erreichen. Das ist dem Staat nicht möglich, das ist keiner Gesellschaft möglich. Wir können die Schöpfung nicht aus den Angeln heben.
Was ist denn das Problem, wenn Sie die Fördermassnahmen gar nicht abschaffen wollen?
Es macht einen Unterschied, mit welcher Perspektive man fördert. Wenn das mit dem Ziel geschieht, aus jedem das Bestmögliche herauszuholen, dann ist das richtig. Wenn man dasselbe macht mit dem Ziel, Gleichheit herzustellen, wird man scheitern.
Was lösen diese Dauerreformen bei den Lehrern aus?
Irgendwann schalten sie auf Normalbetrieb um oder landen im Burn-out.
Sie sagen: Die Leistungen in Deutschland sind so schlecht wie noch nie – gleichzeitig sind die Abiturnoten so gut wie noch nie. Wie passt das zusammen? Wurden die Prüfungen vereinfacht?
Das ist eine Option.
Und die zweite?
Ein pädagogisches Problem. Nehmen wir mal an, ein Lehrer bekommt eine Klasse, die sehr viel schlechter ist als jene im Jahr davor. Die beste erzielte Note wäre eigentlich eine Drei, in der Schweiz entspricht das einer Vier. Dann stehen die Lehrer sofort vor einem pädagogischen Problem, die Schüler noch zu motivieren, wenn selbst der Beste der Klasse nur eine Drei bekommen würde und vielleicht 20 Prozent die schlechteste Note. Der Lehrer wäre sehr unbeliebt und würde von Eltern und Schulleitung Fragen bekommen, was bei ihm schiefläuft. Um diese Konflikte nicht zu haben, passen Lehrer die Bewertungsmassstäbe häufig an.
Dann bekommt der Beste der Klasse, der nach Schweizer Notenskala eine Vier verdient hätte, eben doch eine Fünf oder eine Sechs.
Genau, so verschiebt sich der Notendurchschnitt immer weiter nach oben, obwohl die Leistungen dramatisch einbrechen.
Was hat das für Folgen, wenn die Elite wegbricht?
Das ist verheerend, nicht nur humanistisch gesehen, sondern auch ökonomisch. Wir erwirtschaften die Hälfte unseres Reichtums auf dem Weltmarkt, weil wir gute Bildung und kluge Ideen hatten. Wenn man das Niveau der Spitzenleister immer weiter absenkt, untergräbt man langfristig das gesamte Wohlfahrtsmodell.
Welche Folgen hat eigentlich die Migration auf die Schulen?
Ungesteuerte Migration bedeutet, die Schulen zum Kollaps zu bringen. Das hören viele nicht gern: Wenn man unkontrolliert, ungesteuert zu viele Migranten ins Land holt, dann hat man am Ende nicht nur zu wenig Wohnungen, sondern die Zuwanderer werden in bestimmten Stadtteilen segregiert, mit dem Ergebnis, dass dort dann 80 bis 90 Prozent der Schüler kein richtiges Deutsch sprechen. Egal, wie viele Lehrer man in diese Schulen gibt, das Problem wird sich dadurch nicht lösen – man wird diese Schüler nicht zu einem durchschnittlichen Lernniveau führen können. Wer die Bildungssprache nicht beherrscht, hat in fast allen Fächern Probleme.
In einer Schule in Ludwigshafen gab es unlängst einen Notruf, dass zugewanderte Schüler zum Teil den Satz nicht mehr verstünden: «Wir nehmen jetzt die Hefte raus.» Manche lägen beim Schulstoff bis zu drei Jahre hinter den anderen. Brauchen diese Migrantenkinder eine völlig andere Pädagogik?
Nein, der Mensch ist seit vielen Tausenden Jahren ziemlich gleich. Wir müssen keine neue Pädagogik erfinden. Die Politik muss begreifen, dass in manchen Schulen infolge falscher politischer Entscheidungen riesige Feuer lodern. Da können die Kinder nichts dafür. Wir versündigen uns an ihnen und den Lehrern, wenn wir nicht strukturell andere Bedingungen schaffen. Die Migration muss viel stärker oder restriktiver reguliert werden. Da hilft auch keine andere Pädagogik.
Hat die AfD demnach recht, wenn sie die Migration steuern will?
Selbstverständlich hat sie damit recht. Mit der AfD kann man auf verschiedene Art und Weise umgehen. Eine kluge Art wäre, sie als einen Seismografen zu verstehen. Wenn in einer Demokratie ein grosser Teil der Bevölkerung unzufrieden ist und die AfD wählt, sollte man sich als Politiker fragen, was man falsch gemacht hat.
Und die weniger kluge Art?
Die AfD zu verteufeln und nicht ernst zu nehmen, dass sie vielleicht auch mal Probleme korrekt anspricht.
Diese Systemfrage ist irrelevant. Man kann mit gegliederten Schulen exzellente Leistungen erzielen, aber wenn die Leistungsanforderungen unter dem Gleichheitsdruck abgesenkt werden, führt auch ein gegliedertes System zu schlechten Ergebnissen.
Wo würden Sie als ehemaliger Bildungsminister die Bildungsinvestitionen hinleiten, um die Schulen künftig zu verändern?
Als ich Bildungsminister war, ist es mir in keinem einzigen Jahr gelungen, das Geld auszugeben, das ich hatte. Ein Bildungspolitiker, der sich vor allem darauf konzentriert, mehr Geld für Bildung zu fordern, offenbart damit, dass er selbst keine eigenen Ideen hat, ein System besser zu machen. Das ist das Geistloseste, was man sich ausdenken kann. Als Bildungsminister würde ich mich am wenigsten um Geld kümmern.
Sondern?
Ich würde mich darauf konzentrieren, wie ich die besten Lehrer ausbilden und sie so weit wie möglich von Bürokratie entlasten kann – Lehrer sind zu den teuersten Verwaltungsmitarbeitern der Welt geworden. Auch das frustriert sie und ist Geldverschwendung.
Es gibt die Forderung, aus Gründen der Gerechtigkeit alle Kinder möglichst lange gemeinsam zu unterrichten und das Gymnasium in Deutschland abzuschaffen. In der Schweiz dreht sich diese Debatte um das Langzeitgymnasium. Was halten Sie davon?
Gar nichts. Das ist einer der grössten Irrtümer der Bildungsdebatte. Diese Systemfrage ist irrelevant. Man kann mit gegliederten Schulen exzellente Leistungen erzielen, aber wenn die Leistungsanforderungen unter dem Gleichheitsdruck abgesenkt werden, führt auch ein gegliedertes System zu schlechten Ergebnissen. Und genauso ist es bei Systemen mit längerem gemeinsamem Lernen. Nur eine Frage ist relevant: Mit welchem Geist und mit welchem Ziel mache ich Schule? Will ich Gleichheit oder die bestmögliche Bildung für jeden? Das ist die entscheidende Debatte.
[Quelle: Tagesanzeiger vom 16.08.2026, https://www.tagesanzeiger.ch/mathias-brodkorb-migration-bringt-schulen-zum-kollaps-742266229907]
