Psychologische und gesellschaftliche Entwicklungen im Schulkontext
In der Schule geht es wesentlich um Menschenführung. Schülerinnen und Schüler müssen für Lerninhalte gewonnen, ihre Interessen geweckt und ihre Motivation gestärkt werden. Dies gelingt eher, wenn Fantasien, Emotionen und innere Bilder angesprochen werden. Der Kompetenzerwerb hängt stark von inneren Befindlichkeiten ab – nicht allein von der Qualität der Instruktion. Schulen sind daher keine reinen Lernlaboratorien, sondern Imaginationsräume. Diese entstehen durch Bilder, Geschichten und Symbole – an Wänden und in Korridoren ebenso wie in freien Gestaltungsräumen. Geschichten und narrative Zugänge geben dem Lernen Sinn und Tiefe.
Inflation der Bezugspersonen
Beim Schuleintritt sind Kinder grundsätzlich bereit, Beziehungen zu ausserfamiliären erwachsenen Bezugspersonen aufzubauen. Diese Beziehungen haben eine besondere Qualität: Sie verbinden Nähe und Distanz und sind in einen Gruppenkontext eingebettet. Heute begegnen Schülerinnen und Schüler jedoch einer Vielzahl – oft wechselnder – Bezugspersonen: Neben Lehrpersonen treten Sozialpädagoginnen, Klassenassistenzen, Schulpsychologen, Logopädinnen und weitere Fachkräfte auf. Jede dieser Personen bringt eigene Beziehungskompetenzen ein – Empathie, persönliche Nähe, individuelle Zuwendung. Paradoxerweise erschwert diese Vielzahl die Anbindung an die Schule. Je mehr Erwachsene im System präsent sind, desto diffuser wird die Beziehung zur Institution. Schule kann so als „Beziehungsjahrmarkt“ erlebt werden. Eine stabile Bindung – zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen – wird dadurch geschwächt.
Selbstwertbestätigung
Das erste Feedback, das Kinder von einer ausserfamiliären Institution erhalten, ist häufig defizitorientiert. Diagnosen wie ADHS, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Dyskalkulie, AutismusSpektrum-Störung, Störung des Sozialverhaltens oder Angststörung sollen helfen und gezielte Unterstützung ermöglichen. Die gute Absicht steht ausser Frage. Doch selten wird bedacht, welche Wirkung solche Zuschreibungen auf Kinder haben. Die erste gesellschaftliche Rückmeldung über ihre Person verweist auf ein Defizit. Sie betreten die ausserfamiliäre Welt und erfahren zunächst, dass „etwas nicht stimmt“. Was fehlt, sind positive, identitätsstiftende Rückmeldungen, die auf zukünftige Rollen und Potenziale verweisen. Statt primär Defizite zu benennen, sollte Schule Persönlichkeitsstärken sichtbar machen: den kleinen Helden, die tapfere Kämpferin, den Künstler, die Anführerin, den genauen Beobachter, den Witzbold. Solche Zuschreibungen sollten narrativ eingebettet sein – als Teil einer Geschichte über das Kind und seine Möglichkeiten.
Mehr Gegenwart und Vergangenheit
Aktuelle pädagogische Konzepte betonen selbstständiges Lernen, Eigenverantwortung und individuelle Themenwahl. Lehrpersonen werden zu Coaches autonomer Lernprozesse, Schülerinnen und Schüler zu selbstverantwortlichen Akteuren ihres Fortschritts. Dieser Ansatz beruht auf einer idealisierten Vorstellung vom Menschen als autonom, intrinsisch motiviert, tolerant und teamorientiert. Idealismus und Veränderungswille gehören zwar zur Erziehung, doch der Kernauftrag der Schule liegt in der Einführung in das Leben – so wie es ist und nicht wie es sein sollte. Schule ist auch eine Anpassungs- und Sozialisationsinstitution, nicht primär eine Arena der Selbstverwirklichung. Sie konfrontiert mit gesellschaftlichen Realitäten und Herausforderungen. Wer in der Gesellschaft bestehen will, braucht Frustrationstoleranz, Geduld, Anpassungsbereitschaft, Wettbewerbsfähigkeit und die Fähigkeit, Scheitern zu verarbeiten, Ungerechtigkeiten auszuhalten und Machtkonflikte zu bewältigen. Die Vorbereitung auf das Leben geschieht durch die Auseinandersetzung mit Konflikten – und durch Geschichten. Lehrpersonen haben deshalb eine zentrale Aufgabe als Erzählerinnen und Erzähler: Sie vermitteln persönliche Erfahrungen, nationale Mythen und literarische Berichte. Diese Geschichten werden später zu wichtigen inneren Referenzen im Umgang mit den Realitäten des Lebens.
Prof. Dr. Allan Guggenbühl
