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Zwischen Schönreden und Schwarzmalen gibt es einen dritten Weg: hinschauen – benennen – handeln

Zwischen Schönreden und Schwarzmalen gibt es einen dritten Weg: hinschauen – benennen – handeln

Die Befunde beunruhigen: Die Lernleistungen sinken – besonders im Lesen. Doch die Bildungspolitik reagiert darauf oft mit neuen Programmen – statt mit wirksamerem Unterricht. Unsere Überzeugung ist klar: Nicht, was gut gemeint ist, zählt – sondern das, was wirkt. Das Entscheidende an Reformen ist ihre Wirkung aufs Lernen. Doch viele Reformen verändern Strukturen – verbessern das Lernen aber kaum.

Wenn beispielsweise über ein Viertel unserer Schulabgänger Texte nicht mehr sicher verstehen, geht es nicht um Details. Es geht um ihre Zukunft. Das ist kein Randproblem. Das ist ein Kernproblem. Und das beschäftigt uns. Drei Punkte entscheiden, ob Lernen gelingt – oder nicht.

Erstens – Der Verlust des systematischen Lernens

Lernen ist kein Zufall. Lernen folgt einer klaren Ordnung: aufbauen – verstehen – festigen – üben – anwenden. Das sind anspruchsvolle Vorgänge mit den beiden Grundpfeilern des Verstehens und Festigens. Genau diese Ordnung ist vielerorts geschwächt worden. Grundlagenarbeit – im Lesen, Schreiben und Rechnen – gilt zu oft als überholt. Üben hat an Gewicht und Bedeutung verloren.

Die Forschung aber ist eindeutig: Lesen, Schreiben und Rechnen – das, was wir im Alltag am meisten brauchen – müssen konsequent aufgebaut und intensiv geübt werden. Es braucht Kohärenz und Kontinuität, den berühmten roten Faden.

Gleichzeitig wird früh Selbständigkeit eingefordert – etwa im «Selbstorientierten Lernen». Und das, bevor Grundlagen gesichert sind. Selbständigkeit aber ist kein Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis von Anleitung, Struktur und Übung. Ohne Fundament keine Selbständigkeit.

Bilanz 1: Nicht die Kinder sind schwächer geworden – das systematische Lernen wurde geschwächt.

Zweitens – eng damit verbunden: Die Entkoppelung von Lehren und Lernen.

Lehren und Lernen gehören zusammen. Doch unter dem Schlagwort «Vom Lehren zum Lernen» wurde die Rolle der Lehrperson teilweise geschwächt – und hin zur blossen Lernbegleitung, zum Coach verschoben. Kinder aber brauchen Erklärung. Führung – als konsequente und verstehende Zuwendung –. Rückmeldung.

Wenn Lehren an Bedeutung verliert, verliert Lernen seine Orientierung – besonders bei lernschwächeren Schülerinnen und Schülern. Guter Unterricht ist darum weder reine Instruktion noch blosses Selbstlernen. Es ist eine anspruchsvolle Verbindung von beidem: gezielte Steuerung durch die Lehrperson – und hohe Aktivität der Schülerinnen und Schüler. Entscheidend ist das Sowohl-als-auch.

Die Forschung zeigt: Bildungswirksam ist Unterricht dort, wo Lehrpersonen fachlich kompetent und pädagogisch fundiert unterrichten, klare Erwartungen setzen, gezielt üben lassen und Feedback geben, das wirklich weiterbringt.

Noch heute erinnere ich mich ans Feedback meines 6.-Klasslehrers: «Carl, die Hauptaussage gehört nicht in den Nebensatz, sondern in den Hauptsatz. Darum heisst er so!»

Bilanz 2: Gutes Lernen braucht wirksames Lehren. Nicht weniger – sondern professionell verantwortetes Lehren.

Drittens – mit Folgen für alles bisher Gesagte: die Distanz zur Praxis.

Die Lehrerbildung an den Pädagogischen Hochschulen ist akademischer geworden – das ist richtig und nicht das Problem. Problematisch wird’s dort, wo sie sich vom Klassenzimmer entfernt. Guter Unterricht darf nicht vom Schreibtisch aus definiert werden. Gleichzeitig entstehen immer neue Programme. Doch Programme lösen kein Lernproblem. Guter Unterricht tut es.

Bilanz 3: Pädagogische Hochschulen müssen stärker an die Praxis rückgebunden werden. Entscheidend istnicht die Struktur der Ausbildung, sondern ihre Wirkung im Klassenzimmer.

Fazit

Jedes Kind geht nur einmal zur Schule. Diese Jahre sind kein Probelauf. Bildungswirksamkeit entsteht im Unterricht durch gute Lehrpersonen, klare Struktur und ausreichend Zeit und Ruhe zum Üben. Am Ende zählt nicht die Reform. Am Ende zählt, ob ein Kind lesen, schreiben und rechnen kann – ob es die «Basics» beherrscht. Dafür tragen wir gemeinsam die Verantwortung. Das kommt in unserem Manifest zum Ausdruck.

Carl Bossard

Eine Antwort

  1. Hanspeter Amstutz sagt:

    Das systematische Lernen, wie es Carl Bossard so treffend beschreibt, geht im Bereich der Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen nicht ohne eine kluge Führung durch eine kompetente Lehrerin oder einen Lehrer. Gewisse Hürden müssen beim systematischen Lernen übersprungen werde. Dafür ist eine motivierende, anschaulich erklärende und geschickt lenkende Lehrperson von zentraler Bedeutung. Dabei geht es nicht ohne Anstrengung. Ein fairer Wettbewerbsgeist im Rahmen einer gut geführten Klasse hilft mit, dieses Überspringen leichter zu machen. Was man miteinander anstrebt, macht vieles leichter.

    Auf der anderen Seite stehen Lernmodelle, die auf Eigenverantwortung setzen. Diese funktionieren bei den meisten Schülern nur dort, wo ein Lerngegenstand attraktiv erscheint oder Spielerisches im Vordergrund steht. Aber es gibt Hindernisse beim Lernen, wo es einige Überwindung braucht, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Wer diese Hürden nicht nimmt, hat oft empfindliche Lücken in zentralen Lernprozessen. Das grammatikalische Grundsystem einer Fremdsprache mit Verbformen in verschiedenen Zeiten lernen die wenigsten Schüler nur auf spielerische Weise. Es braucht geführtes Üben, um die Formen zu festigen und tiefere Einsichten in eine Sprachstruktur zu erhalten. Aber dank dieser grammatikalischen Grundlagen wird das Lernen eine Sprache effizienter.

    Einen klaren Aufbau braucht es nicht nur in Sprache und Mathematik. Auch ein Fach wie Geschichte bekommt einen ganz anderen Stellenwert, wenn systematisch ausgewählte Meilensteine wichtiger Entwicklungsslinien den Unterricht prägen. Kinder und Jugendliche sollen durch spannende Erzählungen verstehen, was die Menschen einer Epoche bewegt hat und wofür sie gekämpft haben. Die ausgewählten Bildungsinhalte müssen in einem inneren Zusammenhang stehen und immer wieder in Klassengesprächen verknüpft werden. Es braucht in jedem Realienfach Wissenskerne in Form starker innerer und äusserer Bilder, an welche die Schüler Neues andocken können. Durch dieses gemeinsame systematische Festigen, und eher weniger durch das Ausfüllen unzähliger Arbeitsblätter zu langen Fragenkatalogen, wächst verstehendes geschichtliches Denken mit einem wachsenden Urteilsvermögen.

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