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Der Anfang vom Ende des Frühfranzösisch

Der Anfang vom Ende des Frühfranzösisch

Ein juristisches Gutachten im Auftrag des Lehrernetzwerks Schweiz kommt zum Schluss: Der Bund hat sich aus der Frage «Frühfranzösisch an den Primarschulen» herauszuhalten. Ein Eingriff in die Bildungshoheit der Kantone wäre unverhältnismässig und reine Symbolpolitik ohne Rücksicht auf das Kindeswohl.

Mehrere Kantone wie Zürich, St. Gallen und Thurgau wollen Frühfranzösisch abschaffen und die zweite Landessprache erst ab der Oberstufe einführen. Als der Zürcher Kantonsrat anfangs September 2025 seine Bildungsdirektorin Silvia Steiner beauftragte, ein Gesetz auszuarbeiten und die Stundentafeln umzuschreiben, läuteten in Bern die Alarmglocken. Schafft der bevölkerungsreichste Kanton der Schweiz Frühfranzösisch ab, ist das ein Wendepunkt in der teilharmonisierten Bildungsschweiz.

Umgehend drohte die jurassische Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, der Bund würde das Zepter übernehmen und ein nationales Sprachengesetz verabschieden. Man werde die Deutschschweizer Kantone zwingen, Französisch weiterhin in den Primarschulen zu unterrichten. Schliesslich gehe es um den nationalen Zusammenhalt, wie Baume-Schneider als primäres Argument anführt. Der FDP-Nationalrat Damien Cottier fordert eine gesetzliche Verankerung der zweiten Landessprache.

Die Absicht ist klar: Die Bestrebungen in den Kantonen Zürich und St. Gallen, den Französisch-unterricht in die Sekundarschule zu verlegen, sollen im Keim erstickt werden. Denn die Abschaffung des Frühfranzösisch ist nichts anderes als ein Eingeständnis, dass das Frühfranzösisch ebenso gescheitert ist, wie die vor Jahren mit viel Geld eingeführte Schulreform Harmos. Frühfranzösisch sei deshalb weiter an den Primarschulen zu unterrichten – ohne Rücksicht auf die Bildungsverluste im Lesen, Schreiben und in der Mathematik der Primarschulkinder, die in der heute mit Bildungsstoff überfrachteten Unter- und Mittelstufe entstehen. So die Haltung der Bundesrätin.

Juristisches Gutachten

Gegen diese politische Instrumentalisierung des Röstigrabens wehrt sich das Lehrernetzwerk Schweiz mit einem juristischen Gutachten, das alle Parlamentarier in Bern sowie der Bundesrat in den letzten Tagen per Post erhalten haben.

Die zentrale Aussage, die die Politiker erreichen soll:  Der Bund hat keine Kompetenz, den Zeitpunkt des Fremdsprachenunterrichts festzulegen. Die Organisation des Schulunterrichts – also auch die Frage, wann Französisch beginnt – gehört nach der Bundesverfassung in die Hoheit der Kantone. Ein bundesrechtlicher Zwang wäre deshalb nichts anderes als ein neuer Zentralisierungsschritt und eine Machtverschiebung in der Bildungspolitik.

Pädagogisch fragwürdig

Noch bemerkenswerter ist jedoch die zweite Erkenntnis. Die Forschung zeigt laut Gutachten keinen klaren Vorteil eines besonders frühen Fremdsprachbeginns – im Gegenteil. Viele Lehrerinnen und Lehrer sehen täglich ein anderes Problem: Kinder müssen immer früher zwei Fremdsprachen gleichzeitig lernen, während Deutschkenntnisse vieler Schüler immer schwächer werden. Der Schweizer Pädagoge und Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug, Carl Bossard, bringt es so auf den Punkt: «Heute haben wir Frühfranzösisch und Frühenglisch an den Schulen, aber Spätdeutsch.»

Bereits 2016 schockierte eine Zentralschweizer Studie: Nur jeder dreissigste Achtklässler sprach lehrplangerecht Französisch; nicht einmal jeder Zehnte erreichte die Lernziele im Hörverstehen. Auch beim Lesen und Schreiben waren die Resultate unbefriedigend. 2017 betonte die Zürcher Linguistin Simone Pfenninger: «Man könnte beim Zweitsprachenerwerb dasselbe Ziel auf der Oberstufe mit geringerem Aufwand erreichen.» Ihre Stimme verhallte ungehört.

Der Praxisbeweis

Der Kanton Appenzell Innerrhoden macht es aber vor. Mit Erfolg: Er verlegte den Französisch-Unterricht von der Primar- in die Sekundarstufe und unterrichtet hier mit hoher Kadenz. Man befreite die Primarklassen von Französisch und gewann Zeit fürs Kernfach Deutsch. Bei Vergleichstests liegen die Appenzeller Kinder hier schweizweit an der Spitze. Ihr Grundsatz: Fürs Erlernen einer Fremdsprache braucht es präzise Kenntnisse und automatisierte Ausdrucksfähigkeiten der Muttersprache. Carl Bossard sagt dazu: «Besser zuerst scharfzüngig Deutsch als vielzüngig ungenau!» Ihm sei klar geworden, «wenn Bildungsidee und Wirklichkeit nicht übereinstimmen, leidet bloss die Wirklichkeit. Manchen jungen Menschen verleidet darum Französisch.»

Auf der LNCH-Agenda

Das Lehrernetzwerk Schweiz kritisiert den kindsungerechten Unterricht seit Jahren. Im Positionspapier (abrufbar unter www.positionspapier.ch) fordern wir eine Priorisierung: Statt ineffizientem Fremdsprachenunterricht, sollten Deutsch und Mathematik, aber auch die handwerklichen Fächer, welche im Zuge des Lehrplans 21 geschwächt wurden, wieder höher gewichtet werden. Zusammenfassend kommt das Gutachten in diesem Punkt zum Schluss, dass der frühe Einstieg in die zweite Landessprache die Kinder zusätzlich belastet – ohne nachhaltigen Lernerfolg. Vor diesem Hintergrund ist es unverhältnismässig, das föderale Bildungssystem durch ein Sprachengesetz ausser Kraft zu setzen.

Fake-Argument

Um schliesslich noch auf das zentrale Argument der Sprachzentralisten einzugehen, es gehe beim Frühfranzösisch um den nationalen Landeszusammenhalt. Wäre der nationale Zusammenhalt tatsächlich von einem obligatorischen Frühfranzösischunterricht auf Primarstufe in der Deutschschweiz abhängig, ergäbe sich daraus ein logischer Imperativ, analog auch einen obligatorischen Italienischunterricht – und gar einen Rätoromanischunterricht – flächendeckend einzuführen. Eine abweichende Behandlung würde sonst eine diskriminierende Abstufung der italienisch- und rätoromanischsprachigen Kantone implizieren und somit dem verfassungsrechtlichen Gleichheitsgebot sowie dem föderalen Ausgleichsprinzip widersprechen, heisst es im Gutachten.

«Über anderthalb Jahrhunderte hatte der Bundesstaat ohne obligatorisches Frühfranzösisch auf Primarstufe Bestand, ohne dass der innere Zusammenhalt substanziell in Frage gestellt worden wäre. Weder die historische Entwicklung noch die aktuelle politische Debatte geben belastbare Hinweise darauf, dass der «helvetische Zusammenhalt» davon abhinge oder künftig abhängen würde, ob die deutschsprachigen Kantone Französisch bereits auf Primarstufe oder erst auf der Oberstufe unterrichten, schreibt die Verfasserin des Gutachtens, Rechtsanwältin Nicole Burger.

Mit dem neuen juristischen Gutachten hat die Position des Lehrernetzwerks zur Abschaffung des ineffizienten Fremdsprachenunterrichts nun auch juristische Unterstützung erhalten.

Daniel Wahl, Geschäftsleiter Lehrnetzwerk Schweiz

«Ça va» nichts mehr, Frau Bundesrätin Baume-Schneider (r). Bild: AI/Adobe Stock

Was in den Kantonen läuft

Aufgrund der schlechten Resultate wird der Fremdsprachenunterricht auf Primarschulstufe in vielen Deutschschweizer Kantonen überprüft oder abgeschafft. Widerstand gegen das Frühfranzösisch regt sich vor allem in der Ostschweiz, wo die Affinität zur Romandie geringer ist. In Appenzell Innerrhoden büffeln die Schüler schon länger Französisch erst ab der Oberstufe. Die Ausserrhodner haben die Regierung schon im Frühling 2025 beauftragt, das Französisch auf die Oberstufe zu verschieben. Eine Übersicht über die Veränderungen:

Das Parlament in St. Gallen hat der Verschiebung des Französischunterrichts von der Primar- auf die Sekundarstufe I zugestimmt. Parteien von links bis rechts haben dieses Anliegen unterstützt.

In Zürich gab das Kantonsparlament gegen den Willen von Regierungsrätin Silvia Steiner der Bildungsdirektion den Auftrag, das Frühfranzösisch abzuschaffen.

Die Starke Schule beider Basel hat im Kanton Baselland eine Initiative lanciert, die die Abschaffung des Frühfranzösisch fordert. Bemerkenswert: Hier geht der Druck direkt von der Bevölkerung, beziehungsweise von einem gut organisierten Verein aus.

Auch Schaffhausen rüttelt am Fremdsprachenunterricht. Der Kantonsrat hat im März 2026 einer Motion zugestimmt, die eine Verschiebung des Fremdsprachenunterrichts von der Primar- an die Oberstufe prüfen will. Davon betroffen sein könnte Französisch oder Englisch; Ausgang offen.

In Solothurn mit seinen Grenzen zur frankophonen Schweiz ist die Regierung gegen die Abschaffung. Doch in den Gemeinden regt sich Widerstand.

Im Kanton Aargau laviert man, welche Schüler mit Frühfranzösisch konfrontiert werden wollen und welche nicht. Die SVP hat im Herbst 2025 eine Motion eingereicht, die dem ein Ende setzen sollte und die eine Verschiebung in die Oberstufe verlangt. Die FDP wartet ab; Ausgang offen, analog Schaffhausen

Der Thurgau war einer der ersten Kantone, der Frühfranzösisch bereits 2014 abschaffen wollte. Der damalige Präsident der Erziehungsdirektoren-Konferenz, Christoph Eymann aus Basel, grätschte dazwischen und vermochte den Thurgau zwischenzeitlich zu disziplinieren. Über zehn Jahre später liegt der Abschaffungsentscheid erneut auf dem Tisch.

In Basel-Stadt wurde eine technokratische Evaluation zur Überprüfung des Frühfranzösisch lanciert. Sollen nur starke Schüler dazu verpflichtet werden? Ein Richtungsentscheid liegt nicht vor.

Im zweisprachigen Kanton Bern finden Vorstösse gegen das Frühfranzösisch keine Mehrheit.

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