Frühfranzösisch im Baselbiet: BaZ berichtet über Kritik und offene Fragen
Der neue Bildungsdirektor Markus Eigenmann steht bereits nach 100 Tagen unter Druck. Die zentrale Frage ist, ob er sein Wahlversprechen zum Frühfranzösisch gebrochen hat. Ein wichtiger Bericht zum Fremdsprachenkonzept liegt seit Monaten bereit, ist aber für die Öffentlichkeit nur teilweise zugänglich. Die Starke Schule beider Basel (SSbB) fordert seit Langem eine vollständige Veröffentlichung sowie eine Korrektur des Fremdsprachenkonzepts. Auch aus der Politik und aus Bildungskreisen wächst die Kritik. Der BaZ-Journalist Benjamin Wirth hat die aktuelle Lage präzise und gut verständlich aufgearbeitet. Sein überzeugender Text in der Basler Zeitung von gestern ordnet verschiedene Stimmen ein und arbeitet die entscheidenden Punkte klar heraus, ohne sich in Details zu verlieren.
Der vollständige BaZ-Artikel im Wortlaut (Quelle: Basler Zeitung vom 23.04.2026)
«Markus Eigenmann unter Druck: Bricht der Bildungsdirektor gerade ein Wahlversprechen?
Im Baselbieter Bildungswesen rumort es, Markus Eigenmann wird kritisiert – unter anderem soll der Regierungsrat einen öffentlich relevanten Bericht unter Verschluss halten.
Es gehört zu den Eigenschaften von Politikern, die Wähler während eines Wahlkampfs mit grossen Versprechen zu ködern. Die Frage ist: Was kommt danach? In dieser Hinsicht ist der Ruf der Politiker zweifelhaft, häufig heisst es, dass die Gewählten den wohlklingenden Ansagen keine Taten folgen lassen würden – ein Vorwurf, mit dem gegenwärtig auch der Baselbieter Bildungsdirektor Markus Eigenmann (FDP), seit wenigen Monaten im Amt, konfrontiert ist.
Wenn es um das Sprachenkonzept und speziell die Debatte ums Frühfranzösisch geht, bekommt er gerade viel Gegenwind. Erstmals wird an seinem Wirken im Regierungsrat deutliche Kritik laut: Die Starke Schule beider Basel, der Verein, der in der Region immer wieder mit markanten bildungspolitischen Zwischenrufen auf sich aufmerksam macht und sich zum Beispiel gegen das Frühfranzösisch wehrt, moniert seit einigen Tagen, Eigenmann breche sein Wahlversprechen.
In der «Basellandschaftlichen Zeitung» sagte Vorstandsmitglied Charlotte Höhmann, dass der Bildungsdirektor noch im Wahlkampf «starke Signale» gegen das Sprachenkonzept gesendet habe. Sie habe sich daher erhofft, er werde die Abschaffung des Frühfranzösisch vorantreiben. Davon sei jetzt allerdings nichts mehr zu spüren. Eigenmann habe eine Kehrtwende vollzogen.
Experten kritisieren Frühfranzösisch
Dazu muss man wissen: Der Nutzen des Frühfranzösisch an der Primarschule wird im ganzen Land hinterfragt. Auch in der Region Basel hat sich ziemlich einhellig die Haltung verbreitet, dass es Anpassungen braucht. Wiederholt haben hiesige Bildungspolitiker und Experten das Konzept infrage gestellt – zum Beispiel sagte Philipp Loretz, Präsident des Lehrvereins Baselland (LVB), in einem Interview mit der BaZ, dass der Mehrwert der heutigen Praxis in keiner Weise nachgewiesen sei.
Die Starke Schule beider Basel hat vergangenen Herbst sogar eine Initiative lanciert, die verlangt, das System umzukrempeln. Man fordert, dass ab der fünften Klasse Englisch unterrichtet wird und der Französischunterricht erst in der Sekundarschule beginnt. Und tatsächlich hat Markus Eigenmann während des Wahlkampfs im letzten Jahr ebenfalls Kritik durchblicken lassen. Mehrmals sagte er, dass er offen für Änderungen sei, obschon man darüber diskutieren könne, ob es eine komplette Abschaffung des Französischunterrichts auf der Primarstufe oder einen späteren Beginn mit mehr Wochenlektionen benötige. Jedenfalls, betonte er, seien die Ziele des Baselbieter Sprachkonzepts nicht erreicht worden. Inzwischen äussert sich der Bildungsdirektor zurückhaltender. Man dürfe die Debatte um das Sprachenkonzept nicht nur auf das Frühfranzösisch fokussieren, meinte er an einer Pressekonferenz vor wenigen Tagen. Zudem sei der französischen Sprache gerade in der Region Basel mit Grenzen zum französischsprachigen Raum viel Sorge zu tragen.
Bricht der Bildungsdirektor da gerade ein Wahlversprechen?
Die Starke Schule beider Basel befürchtet vor allem, dass Eigenmann die Probleme ums Frühfranzösisch hinausschiebt – eine Angst, die auch andere teilen. Landrat Pascal Ryf (Mitte) übt ebenfalls Kritik und sagt: «Die Hoffnungen in Frühfremdsprachen wurden massiv überschätzt. Der Regierungsrat muss jetzt handeln.»
Bildungsdirektor muss sich erklären
Um den Druck auf Eigenmann zu erhöhen, wird Ryf am Donnerstag zwei Vorstösse einreichen. Darin geht es unter anderem auch um die Standortbestimmung, die beide Basel vergangenes Jahr lanciert haben. Der Bericht, der wichtige Erkenntnisse zum Fremdsprachenkonzept liefern soll, ist zwar seit Dezember fertig, doch der Öffentlichkeit noch immer nicht im Detail bekannt. In Politikerkreisen kursiert zwar eine Kurzfassung, die vollständige Version haben selbst Insider aber noch nicht gesehen. Für Ryf unverständlich. Er kritisiert: «Dieses Vorgehen erschwert eine breite fachliche und politische Diskussion und weckt Zweifel an der Transparenz des Prozesses.» Man müsse jetzt und nicht erst am Ende darüber informiert werden.
Laut der Starken Schule beider Basel ist der Kurzfassung zwar zu entnehmen, dass die Probleme durchaus aufgezeigt werden. Doch die vorgeschlagenen Massnahmen seien kaum umsetzbar. Zum Beispiel werde gefordert, dass Austauschprogramme zwischen deutsch- und französischsprachigen Klassen obligatorisch werden sollten. Dass es deutlich weniger französisch- als deutschsprachige Partnerklassen gebe, werde hingegen ignoriert.
Auf Nachfrage bei der Bildungsdirektion und bei Markus Eigenmann äussert man sich vorsichtig. Sprecherin Rebekka Gysel erläutert einerseits, dass zurzeit noch unklar sei, welche der im Bericht aufgezeigten möglichen Massnahmen wirklich umgesetzt würden. Andererseits werde die Standortbestimmung aktuell verschiedenen bildungspolitischen und schulinternen Anspruchsgruppen vorgestellt – in der nächsten Phase sollen mehrere «Umsetzungsvarianten» erarbeitet und bewertet werden. Und voraussichtlich in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres sollen diese für alle zugänglich gemacht werden. So oder so ist nun klar, dass sich Eigenmann zumindest dem Parlament erklären muss.«
Wie lange will die Regierung beim Frühfranzösisch auf Zeit spielen?
Die Kurzfassung des Berichts «Standortbestimmung Fremdsprachenkonzept» und die aktuelle Diskussion zeigen ein bekanntes Bild: Die Probleme beim Frühfranzösisch sind seit Jahren offenkundig, trotzdem lassen konkrete Lösungen auf sich warten. Besonders kritisch ist der Umgang mit dem vollständigen Bericht, der als Grundlage für weitere Entscheide dienen sollte und bis mindestens zum Sommer 2026 unter Verschluss bleiben soll. Wenn zentrale Informationen zurückgehalten werden, wird eine offene und sachliche Diskussion behindert. Gerade in der Bildungspolitik sind Transparenz und Klarheit jedoch wichtig.
Für die SSbB ist die Situation eindeutig: Viele Primarschülerinnen und -schüler erreichen mit dem heutigen System im Fach Französisch nicht die gewünschten Lernziele. Gleichzeitig werden wertvolle Unterrichtszeit und Ressourcen verbraucht. Ein späterer Beginn des Französischunterrichts würde ein gezielteres und erfolgreicheres Arbeiten ermöglichen. Englisch soll weiterhin früh unterrichtet werden, da diese Sprache im Alltag und im späteren Berufsleben eine zentrale Rolle spielt.
Hinzu kommt die politische Dimension: Im Wahlkampf wurden grosse Erwartungen geweckt, heute rudert der Bildungsdirektor sichtbar zurück. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich an seinen Aussagen messen lassen. Es braucht jetzt klare Entscheide und eine konsequente Umsetzung. Weitere Verzögerungen helfen niemandem – am wenigsten den Schülerinnen und Schülern.
Charlotte Bally
Sekretariat Starke Schule beider Basel
