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Fokus auf die echten Grundkompetenzen setzen!

Fokus auf die echten Grundkompetenzen setzen!

Während der Debatte zur Abschaffung des Frühfranzösisch im vergangenen Herbst spielte die Regierung erfolgreich auf Zeit: Eine knappe Mehrheit des Landrats liess sich vertrösten und folgte der Bitte, die laufende Standortbestimmung zum Sprachenkonzept abzuwarten. Der Bericht sollte spätestens Ende 2025 vorliegen und dem Landrat als solide Entscheidungsgrundlage dienen.

Nun haben wir Mai – und die Studie ist noch immer nicht veröffentlicht. Während die Regierung auf Zeit spielt, rückt der Sommer unaufhaltsam näher. Dann werden im Kanton erneut Hunderte Kinder in die dritte Klasse kommen und mit dem Frühfranzösisch starten müssen. Wenn wir aufrichtig wären, müssten wir diesen Kindern und ihren Eltern ehrlicherweise gleich zu Beginn sagen, dass auch nach vielen Jahren Unterricht bei vielen wenig bis gar nichts hängen bleiben wird. Ein solches stures Festhalten an einer bewiesenen Illusion ist gegenüber der jungen Generation schlicht verantwortungslos.

Erreichen der Grundkompetenzen

Quelle: Nationaler Bericht zu der Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen 2023, 2016

Es ist ohnehin schwer nachvollziehbar, weshalb es überhaupt nochmals eine langwierige Studie brauchte. Denn spätestens seit der interkantonalen Überprüfung der Grundkompetenzen (ÜGK) haben wir es schwarz auf weiss. Bricht man die Ergebnisse auf eine durchschnittliche Niveau-A-Klasse in unserem Kanton (mit ca. 17 bis 18 Jugendlichen) herunter, wird das Ausmass des Scheiterns erst richtig greifbar: Nach all den Jahren des Französischunterrichts können in einer solchen Klasse nicht einmal vier Schüler/-innen einen einfachen gesprochenen Satz verstehen. Dabei wurde auf eine Prüfung der aktiven Sprechfähigkeiten konsequenterweise bereits verzichtet.

Dieses eklatante Versagen bei der Fremdsprache wäre vielleicht noch zu verkraften, wenn wenigstens die Basis stimmen würde. Doch die Realität sieht düster aus, in Mathematik erreichen nicht einmal zwei Schüler/-innen einer solchen A-Klasse die Grundanforderungen. Und auch beim Verstehen einfacher deutscher Texte, wie etwa einem simplen Backrezept, scheitert die Hälfte der Schüler. Sie können also eine einfache schriftliche Anweisung nicht verstehen.

Wer davon ausgeht, dass sich die Situation beim Französisch mit einigen didaktischen Korrekturen oder reiner Pflästerlipolitik spürbar verbessern lässt, dürfte enttäuscht werden. Ein Blick auf das Fach Englisch zeigt ein anderes Bild. Obwohl die Schülerinnen und Schüler mit Englisch deutlich später beginnen, erzielen sie dort ungleich bessere Ergebnisse. Das liegt massgeblich daran, dass die Jugendlichen früh erkennen, wie Englisch ihnen durch die fortschreitende europäische Integration neue Wege öffnet und in ihrem heutigen Alltag, in den Medien sowie für die berufliche Zukunft eine zentrale Rolle spielt. Eine vergleichbare Eigenmotivation ist beim Französisch heute oft schwer aufzubauen. Früher bot die Sprache durch das weitherum beliebte «Welschlandjahr» noch einen direkten, greifbaren Nutzen für die Lebensrealität. Dieser natürliche Bezug ist für die meisten Baselbieter Jugendlichen mittlerweile weitgehend verloren gegangen.

Hintergrund: Was bedeuten diese Zahlen?

Wenn wir vom Erreichen der Grundkompetenzen nach 9 Schuljahren sprechen, geht es nicht um gymnasiales Wissen, sondern um das absolute Minimum für den Alltag und die Berufslehre:

  • Deutsch (Lesen): Einen einfachen Text verstehen – zum Beispiel ein Backrezept oder eine kurze Arbeitsanweisung begreifen.
  • Mathematik: Simpler Alltagstransfer – etwa im Kopf ausrechnen, wie viel ein Artikel nach 20% Rabatt noch kostet.
  • Französisch (Hören): Nach Jahren des Unterrichts zumindest einen einfachen Satz verstehen und darauf reagieren können.

Wer diese Mindeststandards nach der gesamten obligatorischen Schulzeit verfehlt, hat nachweislich massive Schwierigkeiten beim Einstieg in eine reguläre berufliche Grundbildung (Lehre) und ein stark erhöhtes Risiko für spätere Arbeitslosigkeit. Daraus muss zwingend folgende Prioritätensetzung abgeleitet werden:

  • Zuerst Lesen und Rechnen (auf Deutsch): Die Beherrschung der absoluten Basis in der Hauptunterrichtssprache muss im Lehrplan wieder die unangefochtene oberste Priorität haben. Wer kein Backrezept versteht, hat denkbar schlechte Startbedingungen für eine Berufslehre oder eine weiterführende Schule.
  • Fremdsprachen nach Fähigkeit: Erst wenn diese Grundkompetenzen sitzen, sollten Fremdsprachen vertieft werden – und zwar primär für jene Schülerinnen und Schüler, die das zusätzliche Pensum auch wirklich bewältigen können, ohne dass das Fundament einbricht.

Zudem ignoriert das aktuelle System die heutige Klassenzimmer-Realität völlig. Für viele Primarschulkinder ist Französisch in der dritten Klasse bereits die dritte oder gar vierte Sprache. Es ist absurd, dass viele Kinder Französisch lernen müssen, noch bevor sie überhaupt die deutsche Sprache richtig beherrschen. Wenn die Schule es nicht einmal schafft, den Jugendlichen das Rüstzeug für den Alltag und die Berufswelt mitzugeben, ist das gesamte System in Schieflage.

Statt auf Berichte zu warten oder Lehrpersonen für ein realitätsfremdes Konstrukt verantwortlich zu machen, müssen wir endlich den Mut haben, die offensichtlichen Fakten anzuerkennen. Es ist unsere elementare Pflicht gegenüber unseren Kindern, ihnen eine Schulbildung zu bieten, die sie befähigt und nicht chronisch frustriert. Wir dürfen nicht länger sehenden Auges zulassen, dass Generationen von Jugendlichen mit massiven schulischen Defiziten aus der obligatorischen Schulzeit entlassen werden.

Dario Rigo
Landrat, Die Mitte

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