Lernbericht statt Zeugnis: Wenn Schwächen nur noch mündlich erwähnt werden dürfen
Stärken werden dokumentiert, Schwächen nur noch besprochen, dürfen aber nicht schriftlich dokumentiert werden: Der Regierungsrat verteidigt die Abschaffung des Zeugnisses mit Prädikaten in der 1. Primarklasse als pädagogisch sinnvolle und kindgerechte Weiterentwicklung. Dabei verweist die Bildungsdirektion auf den Lehrplan und Erfahrungen aus der Praxis. Die zentrale Frage, ob wichtige Informationen über den tatsächlichen Lernstand der Kinder verloren gehen, bleibt weiterhin bestehen.
Kritik an der Abschaffung des Zeugnisses
Ende November 2025 reichte Landrat Pascal Ryf (Die Mitte) die Interpellation «Lernbericht statt Zeugnis am Ende der 1. Klasse» ein. Anlass war die Information des Amts für Volksschulen, wonach mit Beginn des Schuljahres 2024/2025 das traditionelle Zeugnis mit Prädikaten am Ende der 1. Primarklasse durch einen ressourcenorientierten Lernbericht ersetzt wird.
Ryf kritisierte insbesondere, dass der ressourcenorientierte Lernbericht bewusst auf die schriftliche Benennung von Schwächen oder Defiziten verzichtet. Statt festzuhalten, dass ein Kind bestimmte Lernziele noch nicht erreicht habe, sollen künftig ausschliesslich vorhandene Kompetenzen und Fortschritte beschrieben werden. So bestehe die Gefahr, dass Eltern dadurch kein vollständiges Bild über den tatsächlichen Leistungsstand ihres Kindes erhalten.
Auch die Starke Schule beider Basel (SSbB) kritisierte Ende 2025, dass die neue Beurteilungsform ausschliesslich vorhandene Kompetenzen hervorhebt, gleichzeitig aber wichtige Informationen über noch nicht erreichte Lernziele ausblendet. Die diesbezügliche Umfrage der SSbB fiel klar aus: Rund 57 Prozent sprachen sich für Zeugnisse mit Prädikaten aus, während lediglich 31 Prozent ressourcenorientierte Lernberichte bevorzugten. Als wichtigste Vorteile der Zeugnisse nannten die Teilnehmenden die bessere Einordnung des Lernstandes, die transparente Darstellung von Schwächen und die Möglichkeit, Förderbedarf frühzeitig zu erkennen und gezielt anzugehen.
Anpassung an den Lehrplan
Der Regierungsrat weist in seiner Beantwortung der Interpellation zunächst darauf hin, dass die Reform nicht isoliert entstanden sei. Sie gehe auf ein langjähriges Anliegen aus der Schulpraxis zurück und sei gemeinsam mit Schulleitungen, Lehrpersonenverbänden und weiteren Fachgremien entwickelt worden.
Kern der Argumentation ist der Lehrplan des Kantons Basel-Landschaft. Dieser betrachtet den Zeitraum vom Kindergarten bis zum Ende der 2. Klasse als zusammenhängenden ersten Zyklus. Die verbindlichen Grundanforderungen müssen laut Lehrplan erst am Ende der 2. Klasse erreicht werden. Deswegen wird gleichzeitig auch auf einen Beförderungsentscheid Ende der 1. Klasse verzichtet.
Ein Schwachpunkt der Argumentation
Besonders bemerkenswert ist die Antwort der Regierung auf die Frage nach der wissenschaftlichen Grundlage des Entscheids. Die Regierung räumt ausdrücklich ein, dass keine spezifischen wissenschaftlichen Studien vorliegen, welche die Einführung eines Lernberichts in der 1. Klasse unmittelbar begründen. Stattdessen verweist sie auf allgemeine Grundsätze einer entwicklungs- und förderorientierten Beurteilung sowie auf Erfahrungen aus der Praxis.
Die Chancen des Lernberichts
Der Regierungsrat sieht den grössten Vorteil des neuen Systems in einer stärkeren Orientierung an den individuellen Fortschritten der Kinder. Tatsächlich kann ein ressourcenorientierter Lernbericht mehrere Vorteile bieten:
- Weniger Leistungsdruck: Kinder im ersten Schuljahr befinden sich in einer sensiblen Entwicklungsphase. Ein Bericht, der Fortschritte statt Defizite betont, kann Motivation und Selbstvertrauen stärken.
- Individuellere Rückmeldungen: Ein standardisiertes Zeugnis kann die Entwicklung eines Kindes nur begrenzt abbilden. Ein Lernbericht ermöglicht differenziertere Aussagen über Lernverhalten, Sozialkompetenzen oder Selbstständigkeit.
- Bessere Übereinstimmung mit dem Lehrplan: Da die Grundanforderungen erst am Ende der 2. Klasse erreicht werden müssen, passt ein entwicklungsorientierter Bericht grundsätzlich gut zur Struktur des Lehrplans.
Dennoch bleibt die Frage offen, ob die Abschaffung des Zeugnisses zwingend mit dem Verzicht auf eine schriftliche Darstellung von Schwierigkeiten verbunden sein muss. Zwischen einer klassischen Defizitorientierung und dem vollständigen Ausblenden von Schwächen gäbe es durchaus Zwischenformen.

Die grösste Herausforderung
Die zentrale Kritik betrifft die Transparenz gegenüber den Eltern, wenn Schwächen nicht protokolliert werden dürfen und auch nicht erwähnt werden darf, welche Lerninhalte das Schulkind noch nicht erreicht hat. Zwar betont der Regierungsrat, dass Schwierigkeiten und Förderbedarf weiterhin erkannt und in Standortgesprächen thematisiert würden. Die Verlagerung zentraler Informationen von einem schriftlichen Dokument in persönliche Gespräche birgt jedoch Risiken:
- Fehlende schriftliche Dokumentation: Was nicht schriftlich festgehalten wird, kann leichter unterschiedlich interpretiert oder später nicht mehr nachvollzogen werden. Dies ist sowohl für Eltern als auch bei Lehrpersonenwechsel problematisch. Neue Lehrpersonen kennen somit Schwierigkeiten oder gar Hinweise auf nötige Fördermassnahmen nicht.
- Unterschiedliche Gesprächsqualität: Nicht alle Lehrpersonen kommunizieren gleich klar. Während einige Schwierigkeiten offen ansprechen, könnten andere zurückhaltender formulieren.
- Abhängigkeit von der Elternbeteiligung: Das System setzt voraus, dass Eltern an Gesprächen teilnehmen und die Informationen richtig verstehen. Gerade bei sprachlichen oder sozialen Hürden könnte dies problematisch sein.
Ob der Lernbericht langfristig tatsächlich auf die 1. Klasse beschränkt bleibt, wird letztlich von den Erfahrungen in der Praxis und künftigen politischen Mehrheiten abhängen.
Fazit
Die Beantwortung der Interpellation macht deutlich, dass der Regierungsrat den Lernbericht als pädagogisch sinnvolle Weiterentwicklung betrachtet und keine Rückkehr zum bisherigen Zeugnissystem anstrebt. Seine Argumentation, wonach die Grundanforderungen erst am Ende der 2. Klasse erreicht werden müssen und deshalb ein klassisches Zeugnis am Ende der 1. Klasse wenig zielführend sei, scheint auf den ersten Blick nachvollziehbar, zumal der Wunsch, junge Kinder nicht frühzeitig unter unnötigen Leistungsdruck zu setzen, plausibel ist. Dennoch bleiben erhebliche Zweifel bestehen: Besonders problematisch ist, dass der Lernbericht bewusst auf die schriftliche Nennung von Schwierigkeiten, Defiziten oder Förderbedarf verzichtet.
Es geht keinesfalls darum, Kinder frühzeitig unter Druck zu setzen oder ihre Schwächen in den Vordergrund zu stellen. Eine altersgerechte Beurteilung sollte vielmehr sowohl Stärken als auch Entwicklungsfelder benennen. Kinder profitieren davon, wenn sie lernen, Rückmeldungen differenziert einzuordnen. Wer ausschliesslich über Erfolge spricht, fördert nicht automatisch das Selbstvertrauen. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, eigene Schwierigkeiten zu erkennen, konstruktiv damit umzugehen und gezielt an ihnen zu arbeiten. Eine gesunde Feedbackkultur umfasst deshalb beides: die Anerkennung von Fortschritten und die ehrliche Benennung von Herausforderungen.
Wer Förderung ernst nimmt, darf Schwierigkeiten nicht verschweigen. Früh erkannte Defizite sind keine Stigmatisierung eines Kindes, sondern häufig die Voraussetzung dafür, dass rechtzeitig Unterstützung organisiert werden kann. Eltern haben ein berechtigtes Interesse daran zu erfahren, welche Lernziele ihr Kind bereits erreicht hat – und welche noch nicht. Eine ehrliche und transparente Rückmeldung umfasst immer beide Seiten.
Der Verzicht auf schriftlich dokumentierte Auffälligkeiten und Förderbedarfe erscheint deshalb als Fehlentwicklung. Sinnvoller wäre ein ausgewogener Ansatz, der sowohl Stärken als auch bestehende Schwierigkeiten festhält. Eine Schule, die Kinder ernst nimmt, darf sie weder auf ihre Defizite reduzieren noch Schwierigkeiten sprachlich ausblenden. Lernrückstände und Unterstützungsbedarf müssen vielmehr transparent benannt und dokumentiert werden. Nur so können Eltern, Lehrpersonen und Kinder gemeinsam Verantwortung für den weiteren Lernweg übernehmen. Ob sich der Lernbericht bewährt, wird sich in den kommenden Jahren in der Praxis zeigen.
Lena Bubendorf
Vorstand Starke Schule beider Basel
