Wissenschaftler Roland Reichenbach: Mehr Schule, weniger Ideologie
Im Interview mit der NZZ äussert sich der Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach kritisch zur aktuellen Entwicklung des Schweizer Bildungssystems. Sein Hauptargument lautet: Die Schule werde zunehmend mit gesellschaftlichen Erwartungen überfrachtet, während grundlegende Bildungsaufgaben aus dem Blick geraten. Besonders problematisch sei, dass Reformen und pädagogische Konzepte oft die leistungsstarken Kinder begünstigten, während schwächere Schüler*innen weiter zurückbleiben.
Warum die Schule ihren Kernauftrag wieder ernster nehmen muss
Reichenbach beschreibt eine wachsende Kluft zwischen privilegierten und benachteiligten Kindern. Diese entstehe nicht nur durch die Schule, sondern auch durch gesellschaftliche Veränderungen wie Migration, Digitalisierung und unterschiedliche familiäre Voraussetzungen. Dennoch reagiere das Bildungssystem nicht entschlossen genug auf diese Realität. Besonders betroffen seien Kinder, die die Unterrichtssprache nur unzureichend beherrschen. Wie er festhält, sei die Situation besorgniserregend, denn «wenn am Ende ein Viertel der 15-Jährigen massive Probleme mit Lesen und Schreiben hat, ist das eine tickende Zeitbombe».
Ein zentrales Anliegen des Pädagogen ist die Rückbesinnung auf die elementaren Grundkompetenzen: Lesen, Schreiben, Sprechen und Rechnen. Diese müssten stärker geübt werden, statt Kinder mit immer neuen Reformprojekten zu überfordern. Früh eingeführte Fremdsprachen oder stark individualisierte Lernformen beurteilt er kritisch, da sie insbesondere leistungsschwächere Kinder zusätzlich belasten können.
Kritik an Individualisierung und Reformpädagogik
Zudem kritisiert Reichenbach, dass über pädagogische Konzepte wie Inklusion[1] oder Selbstverantwortung oft sehr einseitig diskutiert werde. Ihre Auswirkungen auf den Schulalltag würden zu wenig kritisch geprüft. Individualisierung und selbstgesteuertes Lernen klängen zwar vielversprechend, könnten aber dazu führen, dass gerade jene Kinder benachteiligt werden, die auf Orientierung, Struktur und Unterstützung angewiesen sind. Er bezeichnet dies als «Pädagogik der Privilegierten». Schulen bräuchten deshalb wieder Lehrpersonen, die als verlässliche Autoritäts- und Bezugspersonen auftreten. Pädagogik dürfe nicht von moralischen Schlagworten bestimmt werden, sondern müsse sich an konkreten Bedürfnissen der Kinder und an der Praxis orientieren.
Darüber hinaus warnt Reichenbach vor einer Überfrachtung der Schule mit gesellschaftlichen Aufgaben. Pointiert formuliert er, «die Bildungsklasse bürdet der Schule alle gesellschaftlichen Probleme auf». Themen wie Integration, Medienkompetenz oder Gesundheit seien wichtig, dürften jedoch nicht dazu führen, dass der eigentliche Bildungsauftrag und die Vermittlung grundlegender Kompetenzen in den Hintergrund geraten.
Die Schule muss neue Prioritäten setzen
Das Interview wirft grundlegende Fragen zur Rolle der Schule in unserer Gesellschaft auf. Reichenbach erinnert daran, dass Bildungspolitik sowohl die individuelle Förderung als auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Blick behalten muss. Seine Kritik richtet sich weniger gegen einzelne Reformen als gegen eine Entwicklung, in der die Schule immer mehr gesellschaftliche Probleme lösen soll.
Besonders bemerkenswert ist sein Hinweis auf die Spannung zwischen Individualisierung und Chancengerechtigkeit. Während selbstständige Lernformen für Kinder aus bildungsnahen Familien oft gut funktionieren, benötigen andere mehr Anleitung und Verbindlichkeit.
Gleichzeitig plädiert er für eine offenere Diskussion über bildungspolitische Entwicklungen. Reformen müssten überprüfbar bleiben, und Kritik dürfe nicht vorschnell moralisch bewertet werden. Wie er selbst feststellt: «Wir haben verlernt, produktiv zu streiten.»
Seine Überlegungen münden letztlich in eine einfache, aber zentrale Forderung: Die Schule sollte sich wieder stärker auf ihren Kernauftrag konzentrieren: Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten. Dabei sind verlässliche Strukturen entscheidend, die allen Kindern zugutekommen.
Lavinia Beck
Vorstand Starke Schule beider Basel
[Quelle: NZZ vom 12. Juni 2026, S. 9]
[1] Inklusion bezeichnet das Prinzip, dass Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Bedürfnissen gemeinsam in Regelklassen unterrichtet werden.
