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Philipp Loretz: Sicht der Lehrerschaft

Philipp Loretz: Sicht der Lehrerschaft

An der Medienkonferenz zum Fremdsprachenkonzept, zur Ausbildung der Lehrpersonen und zur integrativen Schule hat sich eine parteiübergreifende Gruppe aus Politikern und Politikerinnen sowie Bildungsexperten und Bildungsexpertinnen geäussert. Folgend finden Sie das lesenswerte Statement von Philipp Loretz, Präsident des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes Baselland, welches auf sieben zentrale Themen eingeht.

Zurück zum Kernauftrag der Schule

1. Reduce to the max! Es scheint fast ein Naturgesetz zu sein: Taucht ein gesellschaftliches Problem auf, folgt reflexartig der Ruf nach einem neuen Schulfach: PISA-Schock? Frühfremdsprachen! Verschuldung junger Erwachsener? Finanzkompetenz! Die Folge: Der Fächerkanon wächst stetig – Frühfranzösisch, Frühenglisch, ERG, BNE, WAH, M&I – doch gestrichen wird kaum etwas. Das Additive dominiert, Subtraktion wird zum Fremdwort. Die Konsequenz zeigt sich in überladenen Lehrplänen. Sie fördern Beliebigkeit, verhindern Tiefgang und erschweren einen systematischen, stufenübergreifenden Aufbau. Die Volksschule gerät zunehmend in einen politisch verordneten Sightseeing-Modus: antippen, wischen, weiter.

2. Sprachzerfall ist Realität: Nach der Primarschule beherrschen viele Schüler/-innen den elementaren Grundwortschatz nicht sicher. Auf der Sekundarstufe I lassen sich diese Lücken kaum mehr schliessen. Nicht wenige Kinder haben während der gesamten Primarschulzeit zuhause kein einziges Buch gelesen – die Leseabstinenz setzt sich fort. Selbst in leistungsstarken Klassen zeigen Texte häufig grundlegende Defizite in Wortschatz, Struktur und Rechtschreibung.[1]

3. Kernauftrag Unterrichtssprache: Dabei ist klar: Leseverständnis basiert auf einem breiten Wortschatz und fundiertem Vorwissen. Vielen Jugendlichen fehlen buchstäblich Tausende gelesener Seiten. Die Unterrichtssprache – die Sprache vor Ort – ist der Schlüssel zu emotionalem Lernen, gesellschaftlicher Teilhabe, Integration in den Arbeitsmarkt und einem selbstbestimmten Leben. Angesichts dieser Bedeutung ist es pädagogische Pflicht, alle Kinder gezielt und intensiv in der Unterrichtssprache zu fördern. Nicht eine halbherzige Fünfsprachigkeit[2] ist das Ziel, sondern ein sicheres Beherrschen der Unterrichtssprache. Das gehört zum Kernauftrag der Schule.

4. Konsequenzen und Forderungen: Die entscheidende Frage lautet: Würden wir die bestehenden Fächer, Konzepte, Reformen nochmals einführen, wenn es sie noch nicht gäbe? Lautet die Antwort nein, müssten sie konsequenterweise gestrichen werden. Konsequent zu Ende gedacht heisst das: Die Überfrachtung der Primarschule ist zu beenden. Wir müssen uns darauf besinnen, was für Lehrer/-innen und Schulkinder tatsächlich leistbar ist. Der Blick ist konsequent auf den Grundauftrag der Schule zu richten. Dafür braucht es gestraffte, konkrete und altersgerechte Lehrpläne. Jürgen Kaube bringt es prägnant auf den Punkt: «Was muss Schule? Sie muss die Schüler lesen, schreiben, rechnen und selber denken lehren.»[3]

5. Belastungsfaktor Integrative Schule: Verhaltensauffälligkeiten stellen laut Peter Sonderegger, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, «das Maximum an Belastung für die Lehrpersonen»[4] dar. In Beratungsgesprächen mit Lehrpersonen, die sich an den Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland (LVB) wenden, zeigt sich zunehmend ein Bild von Erschöpfung, Resignation bis hin zur Verzweiflung. Die Zahlen bestätigen dies: 82,4% der Lehrpersonen der Primarstufe und 72,3% der Sekundarstufe I bezeichnen stark verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche als Belastungsfaktor. Auch 70,6% der schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen erleben dies so[5].

Gleichzeitig erklären zahlreiche Vertreterinnen und Exponenten aus Pädagogischen Hochschulen und der Hochschule für Heilpädagogik – häufig ohne eigene Unterrichtserfahrung – den Praktikerinnen und Fachleuten die Realität. Frei nach dem deutschen Kabarettisten Rolf Miller: «Der Idealismus wächst mit der Entfernung zum Problem.»

6. Praxisferne Lehrerbildung: Die Unzufriedenheit mit der Lehrerbildung ist kein Mythos: Rückmeldungen von Studierenden und aus der Praxis zeigen einen ungenügenden Praxisbezug. Im Kanton Basel-Landschaft wurde dies politisch erkannt. Der Vorstoss «Mehr Praxisbezug in der Primarschulausbildung – neuer Ausbildungsweg für Lehrpersonen»[6] wurde mit 77:2 bei 0 Enthaltungen überwiesen – ein klares Signal. Ein SP‑Vorstosspaket[7] fordert zudem «Mehr Praxisbezug im Lehrkörper der PH FHNW» und «Mehr Lehre statt Forschung». Der Hinweis der PH-FHNW-Leitung auf den hohen Praktikumsanteil greift zu kurz. Praxisnähe lässt sich nicht einfach auslagern. Wer Lehrpersonen ausbildet, muss die schulische Realität aus eigener, mehrjähriger und erfolgreicher Unterrichtserfahrung kennen. Deshalb fordert der LVB, dass alle Dozierende für Fachdidaktik über entsprechende Unterrichtserfahrung in den Fächern und Stufen verfügen, für die sie ausbilden.

7. Forschung in der Kritik: Sozialforschung im Bildungsbereich ist keine exakte Wissenschaft. Designfehler, Verzerrungen und widersprüchliche Befunde gehören dazu. Dennoch wird mit «Evidenz» oft gearbeitet, als wäre sie unfehlbar. Eine breit angelegte Metastudie aus dem Jahr 2022[8]  kommt etwa zum Schluss, dass für separativ beschulte Kinder mit besonderem Bildungsbedarf weder bei Leistungen noch bei Diskriminierung ein Nachteil nachweisbar ist.[9] Das zeigt: Die Realität ist differenzierter als viele integrationspolitische Annahmen und Postulate. Empirische Befunde sollten daher nicht vorschnell als gesichert gelten. Praktiker/-innen sind gut beraten, Studien kritisch auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen – und sich immer wieder zu fragen: «Kann das sein?»[10]

In diesem Sinne gehört Prof. Dr. Raphael Berthele zu jenen Forschenden, die für methodisch saubere Evidenz[11] einstehen. Er fordert strenges wissenschaftliches Arbeiten statt spekulativer Annahmen. Felix Schmutz, ein Basler Lehrer mit langjähriger Berufserfahrung, fasst dies so zusammen: «Die Gefahr der Pseudowissenschaft besteht darin, aus Ignoranz falsche Empfehlungen an die Politik abzugeben, bei unsicherer Evidenz pädagogische Innovationen auszulösen, die zum Scheitern verurteilt sind, und der eigenen Disziplin zu schaden, indem man schlechte Wissenschaft und vage Theorien verbreitet und Studien so zurechtbiegt, dass sie die eigenen Überzeugungen bestätigen.»[12].

Teilnehmende der Medienkonferenz

An der Medienkonferenz haben folgende Personen teilgenommen: Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Dr. phil. Beat Kissling, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A. und Roland Stark. Bis heute haben wir die äusserst interessanten Statements von Carl Bossard und Christine Staehelin publiziert, weitere folgen.

Charlotte Höhmann
Vorstand Starke Schule beider Basel


[1] https://lvb.ch/wp-content/uploads/2025/10/09_Anhaltende-Lese-und-Sprachkrise-im-Klassenzimmer-Warum-die-UeGK-Ergebnisse-alarmierend-sind_lvb-inform-25-26-01.pdf
[2] Fünfsprachigkeit: Muttersprache , Dialekt, Französisch, Englisch und allenfalls ortsfremde Muttersprache (im Kanton Basel-Landschaft sind 37% der Kinder, die die Volkschule besuchen, fremdsprachig. Tendenz steigend.)
[3] Vgl. Jürgen Kaube (2019), Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? Berlin: Rowohlt, S. 97, 85ff.; 109ff.
[4] https://www.srf.ch/play/tv/10-vor-10/video/integratives-schweizer-schulsystem-belastet-lehrerschaft?urn=urn:srf:video:64128911-f359-4773-8100-dce30dbef3dc
[5] Roger von Wartburg, LVB-Mitgliederbefragung, «Belastungsfaktoren im Lehrberuf», lvb inform 2022/23-02
[6] https://gruene-bl.ch/blog/vorstoesse/mehr-praxisbezug-in-der-primarschulausbildung-neuer-ausbildungsweg-fuer-lehrpersonen-ist-dringend-notwendig-einfuehrung-einer-dualen-ausbildung
[7] https://sp-bl.ch/vorstosspaket-paedagogische-hochschule-verbessern/
[8] The effects of inclusion on academic achievement, socioemotional development and wellbeing of children with special educational needs
[9] https://condorcet.ch/2024/06/16968/
[10] https://lvb.ch/wp-content/uploads/2025/04/02_Editorial-Im-Namen-der-Evidenz_lvb-inform_2024-25-03.pdf
[11] Prof. Dr. R. Berthele, Policy recommendations for language learning: Linguists’ contributions between scholarly debates and pseudoscience
[12] https://condorcet.ch/2020/02/wissenschaft-und-pseudowissenschaft-in-der-sprachdidaktik/

2 Antworten

  1. Vielen Dank für Ihre Einschätzungen. Ihr Hinweis hebt einen zentralen Aspekt hervor, den ich vollumfänglich teile.

    In meinem Beitrag verweise ich auf die Metastudie «The effects of inclusion on academic achievement, socioemotional development and wellbeing of children with special educational needs», weil sie zeigt, dass selbst ein Korpus von rund 21’000 Studien keine einfache, eindeutige Schlussfolgerung zulässt.

    Dass in einer solchen Metastudie ein grosser Teil der vorhandenen Einzelstudien wegen methodischen Schwächen, fehlender Randominisierung, mangelnder Differenzierung, theoretischen Lücken und Bias ausgeschieden werden muss, macht sichtbar, wie fragil ein Teil der sozialwissenschaftlichen Evidenz ist. Das ist kein Argument gegen Forschung, sondern ein Argument gegen selektive Berufung auf Einzelresultate, die zufällig zur eigenen Position passen.

    Wenn die Metastudie am Ende festhält, dass sich weder klare Leistungsnachteile noch erhöhte Diskriminierung für separativ beschulte Kinder nachweisen lassen und dass sowohl separative wie integrative Settings ihre Vor- und Nachteile haben, dann bedeutet das nicht: „Integration ist widerlegt“, sondern: Die empirische Lage ist deutlich weniger eindeutig, als es integrationspolitische Programme häufig suggerieren. Genau das ist mein Punkt: Sozialforschung im Bildungsbereich ist keine exakte Wissenschaft, Designfehler und widersprüchliche Befunde gehören dazu, und deshalb sind politische Gewissheiten auf Basis einzelner Studien hochproblematisch.

    Deshalb tun Praktikerinnen und Praktiker gut daran, Studien kritisch auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen. Der Befund dieser Metastudie stützt meine Aussage: Weder integrationspolitische Wunschbilder noch pauschale Anti-Inklusionsparolen sind „evidenzbasiert“ sicher zu haben. Die Evidenzlage ist ambivalent – und der professionelle Praxisverstand der Lehrpersonen bleibt deshalb ein unverzichtbares Korrektiv.

    In diesem Zusammenhang erlaube ich mir, Sie auf den aufschlussreichen Artikel «Es fehlt der Mut zur Ambivalenz» hinzuweisen.

    «Man solle sich endlich einmal von der systemischen Frage lösen, meinte darauf Roland Reichenbach und wies auf die Unendlichkeit der Integrationsdebatte hin. Wer und was soll hier noch alles integriert werden? Wenn man jetzt auch noch die soziökonomischen Aspekte in die Diskussion werfe, kenne das ganze keine Grenzen mehr. Es dominiere die «Good Intention» und das führe jeweils zu einem Heilsarmee-Diskurs. Hart ins Gericht ging er mit den Studien und der «evidenzbasierten Bildungspolitik». Sie geben vor, objektiv zu forschen, dabei seien die Fragestellungen fast unisono normativ und vom «guten Willen» durchsetzt. Die Forderung nach einer «evidenzbasierten Bildungspolitik habe für ihn den Duktus der Allmachtsphantasie. Und er endete mit der Bemerkung: «Viele Leute glauben an die evidenzbasierte Bildungspolitik! Ich nicht!»»

    https://condorcet.ch/2025/01/es-fehlt-der-mut-zur-ambivalenz/

  2. C. Graf sagt:

    Amüsiert liest es sich auf dieser Seite in immerwährenden Redundanz zur praxisfernen Theorie, nur um dann selbst auf ausgewählte Empirie zurückzugreifen ( plus der Warnung vor Pseudowissenschaft). Blöd nur, wenn die theorieferne Praxis mit Meta-Studien argumentiert (hier die umworbene Quelle 9), die einerseits andere Konklusionen wie der Autor vertreten und andererseits gar die eigenen erhobenen Daten als nicht signifikant deklariert. Ich schließe mich dementsprechend dem Autor an: «Praktiker/-innen sind gut beraten, Studien kritisch auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen»

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