Frühfranzösisch ist gescheitert: Nur rund die Hälfte der Kinder erreicht Minimalziele
Gestern hat die Bildungs-, Kultur- und Sportkommission den lange unter Verschluss gehaltenen Bericht zum Sprachenkonzept publiziert. Die Resultate bestätigen weitgehend, dass Primarschulkinder mit dem Frühfranzösisch überfordert sind und die Lernziele bei weitem nicht erreichen können. Über 50% aller Kinder erfüllen die Grundkompetenzen nicht. Am Ende der Primarschulzeit können viele Schulkinder kaum einen Satz Französisch sprechen. Viele sind frustriert und demotiviert: kein gutes Vorzeichen für ein nachhaltiges Lernen dieser schönen, wichtigen, aber auch schwierigen Sprache.
Die BaZ Journalist*innen Julia Robinson, Nina Jecker und Oliver Sterchi haben einen treffenden Bericht dazu geschrieben. Dieser ist online sowie in der Printausgabe vom 29. Mai 2026 zu finden.
Der vollständige BaZ-Artikel im Wortlaut
«Für den Baselbieter Mitte-Landrat und Bildungspolitiker Pascal Ryf hat sich an diesem Donnerstag bestätigt, was nach seiner Einschätzung schon lange bekannt ist: «Der Weg, wie in unseren Schulen Frühfranzösisch unterrichtet wird, ist definitiv als gescheitert zu betrachten.»
Der Kanton hat heute einen lange unter Verschluss gehaltenen Bericht zum Sprachenkonzept in den Baselbieter Schulen veröffentlicht. Die «Standortbestimmung» liefert auf über 130 Seiten Zahlen, die die Debatte um das Frühfranzösisch neu anheizen dürften. Die Untersuchung zeigt: Ein früheres Einstiegsalter bringt den Kindern keine massgeblichen Vorteile. Stattdessen bleibt der Lernerfolg bescheiden.
Besonders deutlich zeigt sich das Problem beim Erreichen der Grundkompetenzen am Ende der obligatorischen Schulzeit. Laut der kantonalen Auswertung der Überprüfung der Grundkompetenzen 2023 erreichten im Englisch, das ab der 5. Klasse startet, 88 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Grundkompetenzen im Hörverstehen und 77 Prozent im Leseverstehen. Im Französisch, das zwei Jahre früher unterrichtet wird, waren es dagegen lediglich 57 Prozent respektive 52 Prozent. Rund jedes zweite Kind verfehlt also die Minimalziele in Französisch.
Keine wissenschaftlichen Argumente gegen Frühfranzösisch
Noch drastischer fallen die Werte im tiefsten Leistungszug A aus. Dort erreichen im Französisch nur 24 Prozent die Grundkompetenzen im Hörverstehen und lediglich 19 Prozent im Leseverstehen. Im Englisch liegen die Werte derselben Gruppe deutlich höher: 70 Prozent erreichen die Grundkompetenzen im Hörverstehen, 43 Prozent im Leseverstehen.
Der Bericht kommt deshalb zum Schluss: Das Einstiegsalter «isoliert wirkt nicht». Damit bestätigt die Untersuchung teilweise jene Kritik, die Gegner des Frühfranzösisch seit Jahren formulieren. Gleichzeitig widerspricht der Bericht aber auch einer einfachen politischen Schlussfolgerung und betont, es gebe «keine wissenschaftlichen Argumente gegen einen frühen Beginn», sofern der Unterricht kohärent aufgebaut sei und genügend Zielsprachenkontakt stattfinde. Die Unterschiede zwischen Englisch und Französisch würden eher durch Motivation, Alltagsbezug und ausserschulischen Kontakt erklärt als durch das Einstiegsalter allein.
Andere Bildungspolitiker wie SP-Landrat Roman Brunner warnen denn auch vor einer überstürzten Reaktion. Der Bericht liefere keine Argumente gegen Französisch als erste Fremdsprache. Über eine Verschiebung in die 5. Klasse könne man durchaus reden. «Aber dann müsste man klar aufzeigen, mit welchen zusätzlichen Ressourcen dies geschehen soll. Denn eine Verschiebung nach hinten an sich bringt nichts, schliesslich muss der Stoff dann in kürzerer Zeit gelernt werden», sagt Brunner. Umgekehrt dürfe man die Schülerpensen nicht überladen. Die Resultate des Berichts beurteilt der Sozialdemokrat gleichwohl als «ernüchternd». Er habe das «in dieser Deutlichkeit» nicht erwartet.
Strukturelle Probleme beim Französischunterricht
Die Studie zeigt auch deutliche strukturelle Probleme im Französischunterricht. 73 Prozent der Französischlehrpersonen auf der Sekundarstufe I beurteilen die zeitlichen Ressourcen als ungenügend. Vier von fünf Französischlehrpersonen schätzen die Sprachkompetenzen der Schülerinnen und Schüler beim Übertritt von der Primar- in die Sekundarschule als unzureichend ein. Zwei Drittel der Schulleitungen geben ausserdem an, es sei schwierig, qualifizierte Französischlehrpersonen zu finden.

Fast die Hälfte der befragten Lehrpersonen und Schulleitungen im Baselbiet spricht sich zudem für einen späteren Beginn des Französischunterrichts aus. Entweder erst ab der 5. Primarklasse oder sogar erst ab der Sekundarschule. Beim Englisch hingegen will eine grosse Mehrheit am heutigen Modell festhalten.
Auch Mitte-Landrat Ryf findet, dass eine Verschiebung des Französischunterrichts in die 5. Klasse angezeigt sei. Die Schülerinnen und Schüler müssten zuerst «richtig Deutsch und Rechnen» lernen, bevor man ihnen eine Fremdsprache aufbürde. Mit Englisch könne man sogar erst auf der Sekundarstufe beginnen. «Ich erwarte, dass die zuständigen Gremien wie der Bildungsrat oder die Bildungskommission diese neuesten Erkenntnisse nun endlich ernst nehmen», sagt Ryf.
Auch Starke Schule kritisiert Sprachenkonzept
Dezidierte Kritik kommt auch vom Verein Starke Schule beider Basel (SSbB): «Seit Jahren zeichnet sich ab, dass sehr viele Primarschulkinder mit Französisch überfordert sind und die Lernziele bei weitem verfehlen. Viele Kinder können beim Wechsel in die Sekundarschule kaum einen Satz sprechen. Nun wird dies durch diesen Bericht weitgehend bestätigt», sagt Charlotte Höhmann vom SSbB-Vorstand.
Jetzt gelte es, die richtigen Entscheide zu fällen. Unter den bisherigen Bedingungen mit dem Frühfranzösisch weiterzufahren, ist aus Sicht der SSbB keine Option. «Frühfranzösisch ist gescheitert. Es wäre schön, wenn die Verantwortlichen dies akzeptieren und daraus die folgerichtigen Entscheide treffen würden: Verschiebung des Fremdsprachenbeginns auf die Sekundarstufe. Dafür auf der Primarstufe mehr Deutsch, Rechnen und kreative Fächer», so Höhmann.
Und was machen die Behörden? Zu konkreten Massnahmen oder allfälligen Folgen in Zusammenhang mit dem Frühfranzösisch könne man sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht äussern, heisst es bei der Baselbieter Direktion für Bildung, Kultur und Sport (BKSD) auf Anfrage. «Auf Basis der Standortbestimmung und der darin identifizierten Handlungsfelder werden nun bis im Sommer 2027 gemeinsam mit Basel-Stadt Umsetzungsvarianten zur Weiterentwicklung des Sprachenkonzepts geprüft und ausgearbeitet.» Die Umsetzung einer Variante solle jedoch nach Möglichkeit per Schuljahr 2030/31 beginnen. Der Bericht nennt seinerseits als mögliche Lösungsvorschläge Austauschprogramme oder auch mehr Unterricht in der Zielsprache. Die Debatte ums Frühfranzösisch ist also noch lange nicht vorbei, sie fängt wohl erst richtig an.»
Klare Position der Starken Schule beider Basel
Der Bericht bestätigt in bemerkenswerter Deutlichkeit die bestehenden Probleme des heutigen Sprachenkonzepts. Umso wichtiger ist nun, dass die Resultate nicht relativiert werden, sondern grundsätzliche Änderungen schnell umgesetzt werden.
Die SSbB erachtet eine Verschiebung des Französischunterrichts auf die Sekundarstufe als zwingend erforderlich. Damit könnten die Schüler/-innen zunächst den Fokus auf die Fächer Deutsch und Mathematik legen, bevor eine weitere Fremdsprache dazukommt. Gleichzeitig würde der Französischunterricht in einem Alter stattfinden, in dem Jugendliche sprachlich und schulisch deutlich aufnahmefähiger sind.
Aus diesem Grund lancierte die SSbB bereits im Oktober 2025 die kantonale Volksinitiative «Zwei Fremdsprachen an der Primarschule sind zu viel». Zurzeit werden die Unterschriften gesammelt.
Lavinia Beck
Vorstand Starke Schule beider Basel
