Mehr Kleinklassen, weniger Überlastung
Das Thema Integration an Schulen ist schon seit einiger Zeit ein polarisierendes bildungspolitisches Anliegen. Nun hat Lisa Leisi mit Charlotte Höhmann, Vorstandsmitglied Starke Schule beider Basel, dazu ein Interview geführt, welches nachfolgend abgedruckt ist.
Warum funktioniert schulische Integration in vielen Fällen nicht, obwohl sie grundsätzlich gut gemeint ist?
Integration verfolgt das Ziel, allen Lernenden gleiche Chancen zu bieten. In der Praxis müssen Lehrpersonen jedoch sehr unterschiedliche Lern- und Verhaltensbedürfnisse gleichzeitig berücksichtigen. Die hohe Heterogenität innerhalb einer Klasse erschwert eine gezielte Förderung und führt zu Überlastung. Zudem leidet die Konzentration der ganzen Klasse, wenn einzelne Lernende ständig intensive Betreuung benötigen. Besonders herausfordernd sind verhaltensauffällige Schüler/-innen, die den Unterricht erheblich stören.
Wann soll eine Integration weiterhin stattfinden und wann nicht?
Integration soll dann stattfinden, wenn Kinder und Jugendliche gegebenenfalls mit Unterstützung folgen können, ohne dass das Lernklima wesentlich beeinträchtigt wird. Wenn jedoch das Verhalten einzelner Schüler/-innen einen ruhigen Unterricht verhindert und das Lernen von Mitschüler/-innen gestört wird, ist ein getrennter Unterricht sinnvoller. Schüler/-innen mit körperlichen Behinderungen können hingegen meist problemlos integrativ beschult werden.
Welche Lösungen schlägt die SSbB für den Umgang mit der heutigen Integrationspraxis vor?
Der Vorstand der SSbB fordert, dass Integration nicht als ideologisch geprägtes Prinzip umgesetzt wird, sondern sich an der pädagogischen Realität im Klassenzimmer orientiert. Entscheidend ist, dass ein ruhiger, strukturierter und konzentrierter Unterricht möglich ist, in dem sich alle Schüler/-innen sicher und wohl fühlen können. Das Recht aller Kinder auf ungestörtes Lernen sowie der Schutz der Lehrpersonen müssen im Vordergrund stehen.
Die SSbB fordert ein flexibles Schulsystem, in dem neben integrativen Settings auch Kleinklassen und spezialisierte Förder- und Schulformen als gleichwertige Optionen zur Verfügung stehen. Ziel ist nicht Integration um jeden Preis, sondern eine schulische Förderung, die für alle Beteiligten sinnvoll ist.
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Welche Rolle spielen die verfügbaren Ressourcen für das Gelingen der Integration?
Ausreichende personelle, zeitliche und fachliche Ressourcen sind eine notwendige Voraussetzung. Ohne heilpädagogische Unterstützung, Assistenz und zusätzliche Förderlektionen können die unterschiedlichen Lern- und Verhaltensbedürfnisse in einer Klasse kaum angemessen unterstützt werden. Die heute zur Verfügung stehenden Mittel reichen oftmals nicht aus und tragen wesentlich dazu bei, dass Integration in der Praxis häufig scheitert.
Gleichzeitig weist die SSbB darauf hin, dass Ressourcen nicht beliebig ausgebaut werden können und nicht allein über den Erfolg von Integration entscheiden. Auch bei hohem Mitteleinsatz bleibt eine stark heterogene Klasse pädagogisch anspruchsvoll. Das Erreichen der Lernziele wird dadurch erschwert. Zudem kann der gleichzeitige Einsatz mehrerer Fachpersonen im Klassenzimmer den Unterricht fragmentieren und einen ruhigen, konzentrierten Lernprozess beeinträchtigen. Entscheidend ist deshalb nicht die maximale Ausstattung, sondern ob unter den gegebenen Rahmenbedingungen ein lernwirksamer und störungsarmer Unterricht für alle möglich ist.
Wie beurteilt die SSbB die Belastung der Lehrpersonen im integrativen Unterricht?
Lehrpersonen sind oft mit einer sehr hohen Arbeitsbelastung konfrontiert. Sie müssen gleichzeitig unterrichten, individuell fördern, auffälliges Verhalten auffangen und administrative Aufgaben erfüllen. Diese Mehrfachbelastung führt dazu, dass der eigentliche Unterricht zunehmend in den Hintergrund tritt und die langfristige Berufszufriedenheit gefährdet wird.
Zusätzlich geraten viele Lehrpersonen in einen dauerhaften Konflikt zwischen den Bedürfnissen einzelner Schüler/-innen mit besonderem Unterstützungsbedarf und dem Anspruch, der gesamten Klasse gerecht zu werden. Der hohe Koordinationsaufwand mit Heilpädagoginnen und -pädagogen, Assistenzen, Fachstellen und Eltern sowie die Verantwortung für ein funktionierendes Lern- und Sozialklima verstärken den Druck weiter. Die SSbB befürchtet, dass unter diesen Bedingungen die Belastungsgrenze vieler Lehrpersonen überschritten wird und Erschöpfung, Frustration und Berufsausstiege die Konsequenzen sein können.
Die in den letzten Jahren stark ausgeweitete und teilweise sehr konsequent durchgesetzte Integrationspraxis ist möglicherweise ein Faktor für den beobachteten Leistungsabbau an den Schulen, da unter den gegebenen Rahmenbedingungen immer weniger Zeit und Ruhe für einen lernwirksamen Unterricht zur Verfügung stehen.
Welche Auswirkungen hat die heutige Integrationspraxis auf die übrigen Lernenden in der Klasse?
Häufige Unterbrechungen, ein unruhiges Lernumfeld und der hohe Betreuungsaufwand für einzelne Kinder oder Jugendliche können den Lernfortschritt der gesamten Klasse beeinflussen. Lernende, die konzentriert arbeiten möchten, erhalten weniger Aufmerksamkeit und weniger Lernzeit, was sich auch auf das Leistungsniveau auswirken kann.
Welche Bedeutung misst die SSbB Kleinklassen und spezialisierten Angeboten bei?
Kleinklassen und spezialisierte Lernangebote werden von der SSbB als wichtige Ergänzung zur Regelklasse verstanden. Sie ermöglichen eine intensivere Betreuung und gezieltere Förderung und bieten für bestimmte Kinder und Jugendliche bessere Lernvoraussetzungen.
Wie versteht die SSbB eine zukunftsfähige Form von Integration?
Eine zukunftsfähige Integrationspraxis bedeutet, dass nicht ein politisches oder ideologisches Prinzip im Vordergrund steht, sondern die pädagogische Tragfähigkeit im Schulalltag. Für jedes Kind und jede Klasse soll jene Schul- und Förderform gewählt werden, in der ein ruhiger und lernwirksamer Unterricht möglich ist. Kleinklassen und andere spezialisierte Förder- und Schulformen müssen flächendeckend und gleichwertig zur Verfügung stehen, um dort eingesetzt werden zu können, wo die integrative Schule an ihre Grenzen stosst. Solche Angebote ermöglichen eine bessere Förderung durch eine intensivere Betreuung. Ziel ist ein flexibles Schulsystem mit verlässlichen Lernbedingungen für alle Schüler/-innen.
