Grosser Fortschritt oder unverantwortliches Risiko?
Die Kritik besorgter Muttenzer Eltern bezüglich der Einführung von Schulen in grossräumigen Lernateliers ist nicht aus der Luft gegriffen. Jedes Schulsystem hat seine Kehrseiten, die nicht einfach unterschlagen werden können. Das gilt auch für das «Schulkonzept Lernlandschaften».
Neue Schulmodelle versprechen eine Autonomie des Lernens für jedes Kind, die verlockend tönt. Den eigenen Weg gehen, die Bildungsziele im individuellen Tempo ohne Stress erreichen und die Lehrerin jederzeit als hilfestellende Beraterin zu Verfügung zu haben, das eröffnet grossartige Aussichten für eine kindgerechte Pädagogik. Müsste man da als Eltern seine Kinder nicht mit Freude in eine so fortschrittliche Schule schicken?
Was als Konzept im schönsten Glanzlicht erscheint, blendet häufig eine ganze Reihe pädagogischer Schwachstellen aus. An erster Stelle muss die Reduktion des gemeinsamen Klassenunterrichts genannt werden, der bei Schulen mit einem hohen Arbeitsanteil in Lernlandschaften einhergeht. Kinder und Jugendliche schätzen die Dynamik eines lebendigen Klassenverbands, wo sie das Miteinander des Lernens erleben. Ein attraktiver Klassenunterricht spielt sich im pädagogischen Dreieck von Schüler – Schulstoff – Lehrperson ab. Es ist dieses dialogische Geschehen, das geschickte Lehrpersonen im Klassenunterricht so entfalten können, dass das Interesse an den Lerninhalten geweckt wird. Die direkte pädagogische Führung hilft entscheidend mit, dass ablenkbare und motivationsschwache Jugendliche lernen, konzentriert zu arbeiten.
Engagierte Orchesterdirigentin oder kluge Lernbegleiterin?
Lehrpersonen wissen um ihre zentrale Rolle im Unterricht, ohne dass sie sich dabei unnötig in den Vordergrund drängen. Sie erklären zentrale Inhalte, sie erzählen spannende Geschichten und sie haben ihre Antennen sorgfältig auf die Aufnahmebereitschaft ihrer Schüler ausgerichtet. Sie sind wie Dirigentinnen, die ein Orchester mit Engagement führen und versuchen, das gewählte Musikstück zur Geltung zu bringen, indem sie das Beste aus ihren Musikerinnen und Musikern herausholen. Selbstverständlich sind sie immer wieder auch gut zuhörende Lernbegleiterinnen, wenn dies die Situation erfordert.
Es spielt eine grosse Rolle, wie viel Zeit die Jugendlichen in Lernlandschaften verbringen. Einige Modelle mit Selbstlernunterricht sehen deshalb vor, dass nur etwa ein Drittel der Zeit für individuelles Arbeiten in Ateliers eingesetzt wird. Die klassischen Unterrichtsformen bleiben in den meisten modernen Projektschulen teilweise erhalten, weil sie für erfolgreiches Lernen unabdingbar sind. Das entkräftet einige Vorwürfe, lässt aber weiter einige wichtige Fragen offen.
Stammklassen oder wechselnde Lerngruppen für den gemeinsamen Unterricht?
Warum braucht es eigentliche Grossraumbüros, wenn diese nur zum Teil für die Funktion als Lernlandschaften verwendet werden? Kehren die rund sechzig Schüler eines grossen Lernateliers für den gemeinsamen Klassenunterricht wieder in ihre «Stammklassen» zurück oder werden laufend neue Lerngruppen gebildet? Es braucht nicht viel pädagogisches Wissen um zu erkennen, dass ein häufiger Wechsel in unterschiedlich zusammengesetzten Lerngruppen vor allem schwächere Schüler zutiefst verunsichert.
Über andere Schwachstellen des selbstorganisierten Lernens ist bereits so viel gesagt worden, dass man sie nicht weiter erwähnen muss. Wenig ist hingegen die Rede davon, dass die Komplexität des Auftrags mit den neuen Modellen oft völlig unterschätzt wird. Wer als Lehrerin oder Lehrer in einer Atelierschule mitarbeitet, ist in jeder Hinsicht gefordert. Es ist eine Herausforderung, einen Teil des Lernens in Lernlandschaften zu verlegen und auf einem zweiten Gleis intensives gemeinschaftliche Lernen nicht zu vernachlässigen. Nur wenn beides sehr gut klappt, kann in einem Unterricht mit Lernateliers mit einem schulischen Erfolg gerechnet werden. Lehrkräfte, die sich das zutrauen und auch schaffen, verdienen zweifellos Respekt.
Die Wirkung von Schulreformen zählt, nicht die gemachten Versprechungen
Politisch besteht die Gefahr, dass Lernlandschaften aufgrund ihres modernen Konzepts viele schon zum Vornherein überzeugen. Doch es lohnt sich, zuerst genau auf die gewählten Rahmenbedingungen hinzuschauen. Ohne die Klärung von Grundfragen wie der Sicherung des gemeinsamen Unterrichts oder der möglichen Auflösung sämtlicher Klassenstrukturen, kauft man sich eine Blackbox. Ebenso nötig ist eine enge Begleitung solcher Projektschulen durch eine auch aus kritischen Mitgliedern zusammengesetzte Begleitgruppe. Selbstverständlich genügt es dabei nicht, nur Jahresberichte über die Schulentwicklung zu verfassen. Es braucht bereits nach dem ersten Schuljahr Leistungserhebungen in den zentralen Lernbereichen, um die Qualität der neuen Schule besser ermitteln zu können.
Das «Schulkonzept Lernlandschaften» bleibt ein erhebliches Risiko. Sehr vieles muss stimmen, damit es nicht eine Reihe von Verlierern gibt. Von der personellen Besetzung der Schule bis zur transparenten Einsicht ins gewählte Konzept braucht es grosse Anstrengungen. Nur wenn ein Schulprojekt in all den genannten Punkten wirklich überzeugt, kann das Wagnis dieser einschneidenden Reform eingegangen werden. Sonst lässt man lieber die Finger davon.
Hanspeter Amstutz
Ehemaliger Bildungsrat und Sekundarschullehrer
