Lehrpersonen machen es aus – nicht Reformen
Im Vorfeld kantonaler Wahlen häufen sich bildungspolitische Versprechen. Ein genauer Blick lohnt sich. Rasch fällt ein vertrautes Vokabular auf: Schule müsse «modern» sein, der Unterricht «innovativ», die Bildung «fit für die Zukunft». Modernität fungiert dabei als politisches Gütesiegel – nicht als pädagogische Kategorie.
Kaum jemand sagt, was konkret besser werden soll. Sicher ist nur: Trotz Reformen, Digitalisierung und immer neuer Formate ist der Unterricht in entscheidenden Punkten nicht bildungswirksamer geworden. Jeder vierte Schulabgänger versteht die Hauptaussage einfacher Texte nicht, knapp die Hälfte hat Mühe mit Lesen. Vielleicht ist es darum an der Zeit, weniger über Modernität zu reden – und mehr über Bildung.
Verheissung der Digitalisierung führt zu Ernüchterung
Ein nüchterner Blick auf die letzten Jahrzehnte genügt. Keine nationale oder internationale Schulleistungsstudie zeigt, dass die vielen Reformen den Unterricht qualitativ verbessert hätten. Die Lernleistungen sinken, während psychosomatische und psychische Belastungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen.
Schule ist dichter, komplexer und überfrachteter geworden. Immer neue Erwartungen, Zusatzaufträge und gesellschaftliche Ansprüche belasten sie zusätzlich. Vieles, was als Innovation verkauft wurde, brachte vor allem organisatorischen, bürokratischen oder technischen Mehraufwand – kaum didaktischen Gewinn. Der Fortschritt, um Johann Nestroy zu zitieren, wirkt oft grösser, als er ist.
Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Digitalisierung. Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen wachsender Bildschirmzeit, Konzentrationsproblemen, Motivationsverlust und abnehmender Lernleistung hin. Dennoch hielt die Bildungspolitik lange unbeirrt an der Verheissung der Digitalisierung fest. Tablets wurden verteilt, Lernsoftware beschafft – häufig entwickelt von Tech-Konzernen, deren Geschäftsmodelle heute politisch infrage stehen. Frühere Warnungen von Hirnforschern und Jugendpsychologen wurden relativiert. Medienkompetenz wurde beschworen, als liesse sich Reife pädagogisch abkürzen.
Inzwischen setzt Ernüchterung ein. Länder wie Schweden oder Dänemark ziehen die Notbremse, verbannen Handys aus Schulen und stärken gedruckte Lehrmittel sowie analoge Lernformen. Nicht aus Nostalgie, sondern aus Erfahrung: Technik allein macht keinen guten Unterricht. Auffällig bleibt das Ausbleiben von Selbstkritik. Kaum jemand aus bildungspolitischen Stäben räumt offen Irrtümer ein. Dabei wäre genau das ein starkes Signal von Verantwortung und Lernfähigkeit.
Künstliche Intelligenz konnte das eigenständige Denken schwächen
Während noch über Social-Media-Verbote für Jugendliche diskutiert wird, steht bereits die nächste Verheissung im Klassenzimmer: Künstliche Intelligenz. Wieder wird suggeriert, Technik könne pädagogische Probleme lösen. Wieder droht dieselbe Illusion wie vor zwanzig Jahren, als soziale Medien als demokratisches Heilsversprechen galten. Es mehren sich Hinweise, dass KI – ihrer Logik folgend – eigenständiges Denken weiter schwächen könnte. Vielleicht wird man auch hier feststellen, dass Denken nicht delegiert werden kann.
Entscheidend ist nicht, wie modern Schule wirkt, sondern wie bildungswirksam sie ist. Bildungswirksam ist Schule dann, wenn sie sich auf ihren Kernauftrag konzentriert: Kinder und Jugendliche fachlich, sozial und persönlich zu bilden. Bildungswirksamkeit verlangt den Mut, sich auf die elementaren Grundlagen zu konzentrieren.
Flexibel wird nur, wer sich zuerst unflexibel dem Aufbau von Wissen, Können und Übung hingibt. Das entsteht nicht durch Reformprogramme, sondern durch Lehrpersonen, die gemeinsam Verantwortung übernehmen, Beziehungen gestalten, klare Rückmeldungen geben und Orientierung bieten. Gute Schulleitungen und verlässliche Elternarbeit schaffen dafür die notwendigen Rahmenbedingungen.
«Modern» ist oft eine politische Beruhigungsformel. Bildungswirksamkeit hingegen verlangt Prioritäten, Selbstkritik und den Mut zur Begrenzung. Bildungspolitik sollte weniger versprechen und klarer entscheiden, was Schule leisten kann – und was nicht. Vielleicht beginnt echte bildungspolitische Modernität genau hier: im Abschied von Heilsversprechen und im Bekenntnis zu einer Schule, die nicht alles können muss, aber das Wesentliche gut macht.
Carl Bossard
Ehemaliger Direktor der Kantonsschule Luzern und Gründungsrektor der Pädagogischen Hochschule Zug
Quote
| «Keine Studie zeigt, dass die vielen Reformen den Unterricht qualitativ verbessert hätten.» |
[Quelle: CH Media vom 16.02.2026, S.2]

2 Antworten
Die Kritik an den Bildungsreformern ist sehr berechtigt, wenn man ihre Versprechungen als Massstab nimmt. Sie haben vor gut zwanzig Jahren Erwartungen geweckt, welche die Schule überfordern mussten. Dank neuer didaktischer Erkenntnisse würden alle Schüler raschere Lernfortschritte machen, war das damalige Credo. Danach folgte eine gewaltige Welle des Bildungsaufbruchs, die jeden noch so vernünftigten Widerspruch überrollte.
Das Ganze schien bestens abgesichert zu sein, denn man versprach alle Reformen sorgfältig zu evaluieren. Die Reformer waren zuversichtlich, dass man schon nach wenigen Jahren die Früchte der Neuerungen ernten würde.
Doch es kam anders. Wie wir unterdessen wissen, wurden wichtige Reformziele nicht erreicht. Ebenso versagten die angekündigten Steuerungsmassnahmen zur Behebung von Schwachstellen. Bildungsprozesse lassen sich offensichtlich nicht einfach auf Knopfdruck von oben beliebig steuern.
Carl Bossard sagt es klar: Die Schule muss sich wieder aufs Wesentliche fokussieren und die Wirksamkeit der Lernkonzepte als Leitlinie nehmen. Diese Neuorientierung bietet die Chance, die Grundfragen des Lernens ohne ideologische Scheuklappen offen zu diskutieren und unsere Volksschule auf Erfolgskurs zu bringen.
Nichts beifügen, nichts weglassen, nichts an dieser «Diagnose» ändern. Könnte man an den zuständigen Orten doch die richtigen Schlüsse daraus ziehen!