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Was Kinder wirklich brauchen

Was Kinder wirklich brauchen

Der Bildschirm gilt längst als Symbol einer modernen Bildung. Die Folgen sind weithin sichtbar: Das technische Wettrüsten an unseren Schulen geht munter weiter. Kinder und Jugendliche werden heutzutage flächendeckend mit Notebooks, Smartphones und Tablets ausgestattet. Denn die digitalen Möglichkeiten scheinen eine erfolgreiche schulische Zukunft zu verheissen.

Eine Kindheit ohne Computer

Doch die pädagogische Realität ist eine andere. Statt Primarschulen bereits ab der dritten Klasse mit Tablets und iPads hochzurüsten, sollten wir Kindern wieder Zeit und Raum für ihre altersgerechte Entwicklung mit altersgemässen Lehrmitteln einräumen. Kindergärten und Primarschulen, vor allem in der Unterstufe, brauchen Spielzeugkästen, Pinsel und Farben, Bleistifte und Papier, Rhythmus- und Klanginstrumente, Spielzimmer und grosse Pausenhöfe, Zeit zum Zuhören und Erzählen, zum Singen, Malen und Spielen – keine Tablets und iPads. Die erste These von Gerald Lembke und Ingo Leipner in ihrem Buch «Die Lüge der digitalen Bildung» lautet denn auch zu Recht: «Eine Kindheit ohne Computer ist der beste Start ins digitale Zeitalter.» Tablets haben in Kindergarten und Primarschule in der Tat nichts zu suchen, stellten doch Kinderärzte bereits fest, dass die intensive Nutzung digitaler Medien bei Kindern zu Sprachstörungen führt. Sie verhindert oder verlangsamt zumindest die Sprachentwicklung und das Sozialverhalten.

Digitale Medien: nicht vor dem zwölften Lebensjahr

Neuere entwicklungs- und lernpsychologische Studien belegen es: Kinder sollten eine gewisse intellektuelle Entwicklung durchlaufen haben, zu der Wahrnehmung, Gedächtnisleistung und Sprachbeherrschung gehören, bevor sie sinnvoll an Computern arbeiten und mit Tablets umgehen können. Das dürfte realistischerweise nicht vor dem zwölften Lebensjahr der Fall sein. Vorher kann die Konfrontation mit digitalen Medien mehr schaden als nützen. Selbstverständlich müssen wir unseren Schülern auch den Umgang mit den neuen Medien beibringen. Aber wir sollten damit nicht schon in der Unterstufe der Primarschule beginnen, und das aus vorwiegend ökonomischen Überlegungen. Stattdessen wäre es sinnvoller, in Schulbibliotheken zu investieren, um die Lesefähigkeit der Kinder zu fördern. Denn Lesen ermöglicht Lernen. Der Blick auf Kinder mit teils erheblichen Leseschwächen, die zu Lernschwierigkeiten, Schulversagen und letztlich zu Problemen im späteren Erwerbsleben führen, müsste uns endlich hellhörig machen.

Mario Andreotti

Prof. Dr. Mario Andreotti ist ein profunder Kenner der schweizerischen Bildungslandschaft. In verschiedenen Beiträgen und in seinem Buch «Eine Kultur schafft sich ab. Beiträge zu Bildung und Sprache», 2019 im Verlag FormatOst erschienen, hat er die Schulreformen der letzten Jahrzehnte kritisch hinterfragt.

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