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Maturareform: Können wir uns weniger Deutsch leisten?

Maturareform: Können wir uns weniger Deutsch leisten?

Studien im Vorfeld der Maturitätsreform haben es erneut an den Tag gebracht: Ein grosser Teil der Maturanden erreicht kein für ein Hochschulstudium genügendes Niveau in der Erstsprache Deutsch. Prüfungsexperten bestätigen, dass es Maturanden gibt, die kaum einen einzigen deutschen Satz grammatikalisch und stilistisch korrekt schreiben können. Fehler in der Rechtschreibung seien zudem bei fast allen nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dazu komme, dass literarisches Wissen bei der Mehrzahl der Maturanden nur rudimentär vorhanden sei.

Das Gymnasium vermittelt die Fähigkeit des mündlichen und schriftlichen Ausdrucks; es verlangt von seinen Absolventen einen möglichst fehlerfreien Umgang mit der Muttersprache. Dies gemäss dem Maturitätsanerkennungsreglement (MAR) als zwingende Voraussetzung für den prüfungsfreien Zugang zu den universitären Hochschulen – eine Voraussetzung notabene, die nicht hoch genug einzuschätzen ist, beeinflusst die Sprachkompetenz doch die Denk- und Wahrnehmungsfähigkeit erheblich. Die genaue Beschreibung von Sachverhalten gehört zu den Kernaufgaben jeder Wissenschaft. Schwierigkeiten im Studium entpuppen sich bei näherem Betrachten nur allzu oft als mangelnde Sprachbeherrschung.

Doch trotz der offenkundigen Malaise in der Sprachkompetenz unserer Schülerinnen und Schüler hat der St. Galler Regierungsrat, auf Empfehlung des Bildungsrates, im Zusammenhang mit der Maturareform den Deutschunterricht im vierjährigen Gymnasium gekürzt. Künftig sollen nicht mehr wie bisher sechzehn, sondern nur noch vierzehn Jahreslektionen Deutsch unterrichtet werden. Ob man mit weniger Lektionen das vom Lehrplan geforderte Niveau im Fach Deutsch halten kann, ist mehr als fraglich. Dabei geht es nicht nur um die zwei fehlenden Jahreslektionen, sondern noch weit mehr um das zweifelhafte Signal, das mit diesem Abbau des Deutschunterrichts ausgesendet wird: Grundlegende Kenntnisse in Deutsch, vor allem was das gründliche Erlernen von Grammatik, Stilistik und Rechtschreibung betrifft, sind offenbar nicht mehr so wichtig.

Es ist zu befürchten, dass der Abbau von Deutschlektionen in erster Linie auf Kosten des Literaturunterrichts geschieht. Der Literaturunterricht ist in den letzten Jahren, selbst an den Gymnasien, zunehmend unter Druck geraten, ja zugunsten der Behandlung von Sachtexten, zu etwas Nebensächlichem herabgestuft worden. Die Literatur gilt für viele als schwer und vor allem als elitär; der Kanon der Literatur, der einst für Generationen von Schülern bindend war, wird zudem häufig als überholt abgetan. Dazu kommt, dass sich die Literatur nur schwer in sogenannte Kompetenzraster integrieren lässt.

Bei all dem übersieht man aber gerne, dass die Literatur, ja jede Dichtung in dem, was sie sagt, ein Stück Welt repräsentiert, das nicht die Welt unseres Alltags ist. Durch die Beschäftigung mit ihr, vor allem wenn es sich um Werke der Vergangenheit handelt, lernen die Schülerinnen und Schüler demnach andere Welten, oder besser gesagt, andere Sichtweisen von der Welt kennen. Das ermöglicht es Ihnen, ihr eigenes Weltverständnis zu erweitern, es vergleichend zu reflektieren, ja zu hinterfragen, und führt sie so zu einer Haltung der Toleranz. Zudem ist die Literatur nicht nur künstlerischer Ausdruck, sondern auch ein Medium, das Denkprozesse anregt, hinterfragt und schult, indem sie etwa gesellschaftliche Normen in Frage stellt. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Denkschule, ja eine Schule für kritisches Denken – für eine Haltung und Methode also, die im Grunde jedes schulische Fach fördern soll, ohne dass es dazu ein eigenes Fach braucht. Und noch etwas: Die Aushöhlung des Literaturunterrichts führt dazu, dass zum einen die Lesefähigkeit unserer Schülerinnen und Schüler z.T. drastisch abnimmt und dass sich zum andern keine Lesemotivation entwickeln kann, die anhält. Das wird gerne vergessen, wenn man den Deutschunterricht und mit ihm die Beschäftigung mit Literatur abbaut.

Mario Andreotti
Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor

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