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Schule ohne Selektion und Noten?

Schule ohne Selektion und Noten?

Entspanntes Lernen in der Schule, keine Noten mehr, keine Hausaufgaben, kein Leistungsdruck – was alle Bildungsreformen der letzten Jahrzehnte eint, ist der Gedanke, der traditionelle Bildungskanon und das leistungsorientierte Lernen würden nicht mehr in die heutige Gesellschaft passen. In einigen Schweizer Kantonen experimentieren Reformpädagogen und Schulpolitiker denn auch an der Abschaffung der Noten herum. Ihre Argumentation, dass das klassische Notensystem der Persönlichkeit von Kindern nicht gerecht werde, ist dabei nicht völlig falsch.

Ohne Noten geht es nicht

Doch die vielfach proklamierten Alternativen zu Zahlennoten sind, schaut man genauer hin, keine echten Alternativen, denn entweder handelt es sich um geschönte Verbalgutachten oder sie sind in einer Sprache gehalten, die Schüler und Eltern postwendend zur Frage an die Lehrkräfte veranlassen: Welche Note wäre das denn jetzt? Gestehen wir es doch ein: Jahrzehnte pädagogischer Forschung haben Noten und Zeugnisse nicht überflüssig gemacht. Es gibt dazu international zwar mehr als tausend Abhandlungen, vielerlei Modellversuche und eine unüberschaubare Zahl an Pilotprojekten. Aber die in schier undurchdringbarem Fachchinesisch geführte Diskussion um «Rasterzeugnisse», «Bausteinzeugnisse», «Berichtszeugnisse», «zuwachsorientierte Leistungstests» und dergleichen mehr konnte nicht verbergen, dass all dies nichts weiter als Notenattrappen sind.

Bei der Diskussion um die Leistungsbewertung in der Schule vergessen wir gerne, dass Noten in der Regel eine motivierende Wirkung entfalten. Erfolgreiches Lernen wird damit im Sinne eines «Weiter so!» bestärkt. Ungenügende Noten sind demgegenüber eine mehr oder weniger deutliche, häufig auch notwendige Aufforderung an alle Beteiligten, über zukünftiges Lern- und Arbeitsverhalten, ja sogar über die zukünftige richtige Schullaufbahn nachzudenken. Zum Popanz werden Noten und in der Folge Zeugnisse nur, wenn Eltern, Schüler oder Lehrer etwas, beispielsweise ein Persönlichkeitsurteil, hineinprojizieren, was Noten und Zeugnisse nicht beinhalten, oder wenn Eltern gar Zuwendung von Noten abhängig machen.

Zum Fördern gehört das Fordern

Insgesamt aber gilt: Die Schule kann kein Ort ohne eindeutige Leistungsbilanzen sein, sonst befände sie sich in einem Elfenbeinturm – und das inmitten einer Leistungsgesellschaft. Insofern ist die von Reformpädagogen immer wieder erhobene Forderung, wir müssten von einer Schule wegkommen, die selektioniere, kritisch zu hinterfragen. Soll die Schule ihre Schülerinnen und Schüler auf ein erfolgreiches Leben in unserer Gesellschaft vorbereiten – und genau das verlangen ja Wirtschaft und Politik -, dann kommt sie am pädagogischen Grundsatz, dass zum Fördern immer auch das Fordern gehört, nicht vorbei.

Mario Andreotti

Prof. Dr. Mario Andreotti, Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor, ist ein profunder Kenner der schweizerischen Bildungslandschaft. 2019 veröffentlichte er im Verlag FormatOst dazu das vielbeachtete Buch «Eine Kultur schafft sich ab. Beiträge zu Bildung und Sprache».    

Eine Antwort

  1. Felix Schmutz sagt:

    Oft geht vergessen, dass Noten gegenüber Kommentaren den Vorteil haben, dass sie die jeweilige Leistung auf einer Skala einordnen, die leicht zu verstehen ist. Auf einen Blick sehen die Lernenden, wo sie zwischen Maximalerreichung und Totalversagen stehen. In anderen Domänen akzeptieren wir solche Einschätzungen diskussionslos: Zeitverbrauch und Ranglisten im Sport, Stärke der Schmerzen in der Ambulanz, Preisvergleiche bei Angeboten im Internet, etc. Daraus erklärt sich auch die Frage: «Und was gäbe das für eine Note?» Lernende wollen sich an einer Skala orientieren.

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