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Geschichte: bessere Rahmenbedingungen schaffen!

Geschichte: bessere Rahmenbedingungen schaffen!

Französische Revolution, Entstehung des modernen Bundesstaates, Erster und Zweiter Weltkrieg: Immer mehr Schülerinnen und Schüler wissen darüber – nichts. Das gilt selbst für die Zeit des Kalten Krieges, dessen Krisen mehr und mehr im Nebel des Vergessens in eine diffuse Vergangenheit verschwinden. Es droht weitverbreitete Geschichtsvergessenheit.

Daran ist unser Bildungssystem nicht unschuldig, kommt doch das Fach Geschichte, wenn es überhaupt noch unterrichtet wird, an den meisten Gymnasien und Berufsschulen zu kurz. In einigen Kantonen wird gerade noch etwas mehr als eine Wochenlektion für Geschichte gewährt.

Der fatale Niedergang dieses Fachs auch auf der Sekundarstufe II dürfte vor allem drei Gründe haben:

  • Zum einen ist die Vermittlung von Fakten im Unterricht, wie sie im Fach Geschichte nun einmal essenziell ist, bedingt durch die neuen, auf Kompetenzen basierenden Lehrpläne, immer weniger gefragt.
  • Zweitens haben die zunehmende Ausrichtung unserer Bildungspolitik auf die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) und die Schaffung neuer Fächer, wie die Frühfremdsprachen und «Medien und Informatik» das Fach Geschichte an den Rand gedrängt.
  • Und drittens wird Geschichte in vielen Mittelschulen nicht mehr chronologisch, sondern in Längsschnitten zu Themen, wie etwa «Armut und Reichtum», «Kolonialismus» oder «Krisenherde», unterrichtet. Die Vorstellung vom zeitlichen Nacheinander weicht damit einem Durcheinander, in dem es keine Epochen mehr gibt. Dringend benötigtes Überblicks- und Orientierungswissen geht so verloren.

Die Abwertung des Geschichtsunterrichts an unseren Schulen bleibt nicht ohne Folgen. Wie sollen junge Leute um den hohen Wert der Demokratie wissen, den es um jeden Preis zu erhalten gilt, wenn sie im Schulunterricht nie erfahren haben, mit welchen Mühen und Opfern die Entstehung der modernen westlichen Demokratien mit ihrer Sicherung der Freiheitsrechte verbunden war? Gerade heute, wo Staaten wie Russland und China, eine neue, autokratische Weltordnung anstreben, in der Freiheitsrechte keinen Platz mehr haben, ist ein solches Wissen unumgänglich.

Es ist nicht nur Aufgabe der Bildungsräte, sondern der gesamten Politik, dafür zu sorgen, dass das Fach Geschichte bessere Rahmenbedingungen, vor allem genügend Wochenlektionen und verbindliche Bildungsinhalte, erhält.

8 Thesen zur Aufwertung des Geschichtsunterrichts am Gymnasium in unserer Direkten Demokratie

  1. Im Rahmen der vorhandenen Unterrichtszeit ist ein qualitativ hochstehender Geschichtsunterricht zu gewährleisten. Das bedingt, dass dem Fach durchgehend von der erstem bis zur vierten Klasse mindestens zwei Wochenlektionen zur Verfügung stehen. In der Maturaklasse sollte, wenn möglich, eine dritte Lektion dazu kommen.
  2. Das Fach «Politische Bildung» soll in der dritten und vierten Klasse als eigenständiges Fach geführt werden. Eine Wochenlektion soll eigens dafür reserviert sein.
  3. Es existiert ein Lehrplan mit verbindlichen Lernzielen. Geschichte soll chronologisch im Sinne eines zeitlichen Nacheinanders der verschiedenen Epochen und nicht in «Längsschnitten» zu bestimmten, losgelösten Themen unterrichtet werden. Dabei sind auch das Mittelalter und die Reformationszeit angemessen zu berücksichtigen.
  4. Der Schweizer Geschichte der letzten zweihundert Jahre, seit der Helvetik, ist, mit Blick auf unser direkt-demokratisches Land, genügend Raum zu geben; sie ist nicht nur, innerhalb der europäischen Geschichte, am Rande zu streifen.
  5. Das Fach Geschichte ist in der deutschen Muttersprache und nicht auf Englisch (Immersionsunterricht) zu unterrichten. Maturaarbeiten in Geschichte sollen dementsprechend deutsch verfasst und präsentiert werden. Der deutschen Sprache dürfen nicht wertvolle Lektionen verloren gehen.
  6. Das Fach Geschichte muss vollwertiges Maturafach sein und nicht ein Fach, das lediglich an der Vormatura, abwechselnd mit Geografie und Biologie, geprüft wird.
  7. Der Geschichtsunterricht muss von dafür universitär ausgebildeten Fachlehrkräften erteilt werden und nicht von Lehrern, die das Fach nicht oder nur in Ansätzen studiert haben oder die es noch so ganz nebenbei abdecken, um ihr Pensum an Wochenlektionen aufzufüllen.
  8. Der kantonale Bildungsrat sollte stets im Bilde sein, was an unseren Gymnasien im Fach Geschichte vermittelt wird.

Mario Andreotti, Prof. Dr. phil

Eine Antwort

  1. Daniel Vuilliomenet sagt:

    Es ist das immer gleiche Lied vom Bildungsabbau in relevanten Fächern, kaschiert durch das gegenteilige Versprechen der Verantwortlichen, das Bildungsangebot mit dem Lehrplan (bzw. Leerplan) 21 zu verbessern. Nichts ist besser geworden – rein gar nichts. Im Gegenteil!
    Bildung ist ein Netz feiner Zusammenhänge. Alles greift ineinander. Die Erkenntnisse in den Naturwissenschaften sind geschichtlich gewachsen, Sprache hat sich entlang der Geschichte entwickelt. Deshalb spielt Geschichte, das auch in den Fachbereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Sprache immer wieder aufgegriffen gehört, eine zentrale Rolle. Ohne Geschichtsbewusstsein ist Gegenwart nicht denkbar und Zukunft nicht planbar.
    Verheerend aber ist die sog. Schmetterlingspädagogik, die auch im Fach Geschichte greift: Von Themenblüte zu Themenblüte ohne Kenntnis des Weges. Eine chronologische Einordnung der Ereignisse ist so nicht mehr möglich. Gewollt? Ungebildete Bürgerinnen und Bürger sind leichter zu verwirren, zu verführen und zu lenken…

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