Die Fremdsprachendidaktik auf Abwegen
In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts prägten die Fremdsprachendidaktiker den Reformbegriff «Mehrsprachigkeitsdidaktik». Praktizierende Lehrpersonen wurden in Weiterbildungskursen darauf getrimmt, sich neue Methoden anzueignen, welche sich im Gebrauch der Lehrmittel Mille feuilles, Clin d’oeil und New World aufdrängten. Selbstredend war die Ausbildung an den PHs ebenfalls darauf ausgerichtet. Das Ziel bestand darin, die Fremdsprachen im Unterricht effizienter und praxistauglicher zu vermitteln. Damit einher ging auch die Vorverlegung des Fremdsprachenunterrichts in die 3. bzw. 5. Klasse der Primarschule. Die politischen Behörden unter Führung der EDK verbreiteten Aufbruchstimmung und setzten die Empfehlungen der Didaktiker im Schulbereich willfährig um. (1)
Das Fiasko der Fremdsprachendidaktik
Gute 15 bis 20 Jahre später liegen mehrere breit erhobene Testresultate aus der ganzen Schweiz vor, die zeigen, dass die Kenntnisse, insbesondere in Französisch, nicht besser, sondern signifikant schlechter geworden sind. Insbesondere bei mittleren und schwächeren Schülern und Schülerinnen ist dies nachzuweisen, wobei auch die muttersprachlichen Kenntnisse (Leseverstehen) im PISA-Test und in Quervergleichen der Nordwestschweiz (Schreiben, Orthografie) nach abwärts tendieren. Man müsste annehmen, dass dies bei den Didaktikern zu einem Umdenken geführt haben sollte, dass sie zumindest dazu übergehen würden, die Grundannahmen, auf denen ihre Theorien und Unterrichtskonzepte beruhen, kritisch zu überprüfen.
Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein. Im Gegenteil: Sie fühlen sich im Elfenbeinturm ihrer Vorstellungen unangefochten wohl und verfolgen die Konzepte beharrlich weiter, ohne dass ihnen der unerbittliche Gegenwind der Realität etwas anhaben könnte. Der Bund ist den Didaktikern weiterhin wohl gesonnen, sie erhalten Forschungsbeiträge und lassen Studierende Master- und Doktorarbeiten ausarbeiten, die ihre Theorien erhärten sollen. Hut ab vor solcher Standfestigkeit, leider zum Schaden der Lernenden in den Schulen!
«La didactique intégrée des langues»
Beim genaueren Hinsehen sind einige Anpassungen und Verschiebungen zu bemerken. So wurde zum Beispiel der Begriff «Mehrsprachigkeitsdidaktik» ersetzt durch «Integrierte Sprachendidaktik» (didactique intégrée des langues). Die Namensänderung suggeriert eine Art Verharmlosung: Das Wort «mehr» in Mehrsprachigkeit tönt nach «viele Sprachen kennen lernen» und wirkt abschreckender als das Wort «integriert», das eine Zusammenführung des Vielen zu Einem vorgibt. Natürlich ist das reine Kosmetik. Denn die Theorie ist nach wie vor dieselbe. Sie erscheint sogar noch radikaler:
Da ist die Rede von einer «Entgrenzung des Einzelsprachunterrichts hin zu einem ganzheitlichen Lernkonzept» (un décloisonnement de l’enseignement des langues et à une conception holistique de leur apprentissage). Beschworen wird «unser «mehrsprachiges linguistisches Repertoire, in dessen Schoss die erworbenen oder im Lernen begriffenen Sprachen miteinander interagieren» (répertoire langagier plurilingue au sein duquel les langues apprises ou en cours d’apprentissage interagissent). «Die integrierte Sprachendidaktik zielt darauf ab, eine Sprache mit andern Sprachen zu lernen» (La DIL vise à apprendre une langue avec d’autres langues). «Indem Sprachen untereinander verknüpft werden, soll das Sprachenlernen vergenossenschaftet werden» (mutualiser l’apprentissage des langues en faisant des liens entre elles). (2)
Hirnforschung als Legitimation
Die Idee, Muttersprache und Fremdsprachen in ein gemeinsames Lernprogramm zu überführen, gründet auf der gewagten Überinterpretation neurologischer Beobachtungen. Die Didaktiker ziehen aus der Tatsache, dass sprachliche Tätigkeiten aller Art immer in bestimmten Hirnregionen stattfinden, den Schluss, dass die «Sprachen nicht voneinander getrennt seien, weil sie sich im selben Netz von Kenntnissen befinden.» (les langues ne sont pas séparées une des autres, mais se trouvent au sein d’un même réseau de connaissances) (3). Aber stimmt das auch?
Erstens sind die sprachlichen Vorgänge höchst komplex, durchlaufen verschiedene Stadien auditiv-akustischer Prozesse, semantischer und syntaktischer Segmentierung und Aufschlüsselung, kulturell-konventioneller Assoziationen und interagieren dabei immer auch mit nichtsprachlichen neuronalen Tätigkeiten. Schon nur das hohe Tempo von Millisekunden, in denen neuronale Abläufe sprachliche Interaktion steuern und Abgleichungen mit erworbenen Strukturen treffen müssen, lässt darauf schliessen, dass sich das Gehirn dabei auf ein bestimmtes sprachliches System fokussieren muss. (4)
Zweitens haftet der Annahme, Sprachen müssten im Gehirn untereinander interagieren, die ausgeprägt mystische Vorstellung an, Sprachen seien quasi lebende Organismen, die in den Hirnarealen ein Eigenleben führten und miteinander freundschaftlich verkehrten. Als Lernende könnten wir uns unter sie mischen und sie durch unser Zutun zu einer einigen Gesamtgruppe zusammenschweissen. Die oben genannten euphorischen Zitate zum Interagieren der Sprachen überspannen jedenfalls eindeutig den Bogen der Rationalität. Sie sind nichts als schwärmerische Spekulation mit einem fast sektiererischen Einschlag.
Zum Beweis werden zweisprachig aufwachsende Migrationsjugendliche angeführt, bei denen häufiges Code-Switching zu beobachten ist: «Tina chiamò e chiese: Chunnsch au an d’Party?” Allerdings werden hier nicht Sprachen vermischt, beide Äusserungen entsprechen den systembedingten Regeln von Italienisch und Deutsch. Vielmehr wird der Einsatz der jeweiligen Sprache von inhaltlichen Assoziationen bestimmt. Wo der Inhalt näher mit Italienisch assoziiert ist, spricht das Mädchen Italienisch, im andern Fall kommt automatisch Deutsch. Betonung auf automatisch: Die Inhalte und die Gesprächssituation mit der gleichaltrigen Migrantin triggern den jeweiligen Sprachcode wie von selbst.
Zweisprachig Aufwachsende: Die Realität
Dass das Gehirn Sprachen als getrennte Systeme behandelt, belegen Untersuchungen zu zweisprachig aufwachsenden Kindern zuhauf. Jie Lötscher zitiert zum Beispiel in ihrer Dissertation von 2020 mehrere Forschende, die zum Schluss kommen, «dass die morphosyntaktischen Strukturen der beiden Sprachen von bilingualen Kindern sich von Anfang an getrennt voneinander entwickeln und bleiben würden, ausserdem seien die beiden Sprachsysteme zum Grossteil in sich abgeschlossen und würden nicht interagieren.» (Hervorhebungen F. Schmutz) (5)
Sprachen weisen strukturelle Ähnlichkeiten auf, Wortschatz übernehmen sie voneinander, sie existieren in verschiedenen Varianten, sie befruchten sich gegenseitig. Allerdings gibt es auch Verwechslungen und Fehlleistungen bei der Sprachverwendung, das ist natürlich nicht zu bestreiten. Aber Lehrpersonen haben immer schon auf Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten hingewiesen. Das ist keine Errungenschaft der gegenwärtigen Didaktik. Auch Lernstrategien werden seit je vermittelt, sie gehören schon lange zu den Selbstverständlichkeiten des professionellen Unterrichts: Wie lernt ihr Wörter? Wie bereitet ihr euch auf das Gespräch vor? Wie merkt ihr euch die Regel? Wo könnt ihr nachsehen? etc.
Fazit
Es ist leider eine Tatsache: Die momentane Fremdsprachendidaktik an den PHs befindet sich in einer tiefen Krise. Bereits eine ganze Schülergeneration wurde mit ihren Vorgaben vom effizienten Lernen der schulischen Fremdsprachen abgehalten und mit abstrusen Theorien vergrault. Millionen wurden in ungeeignetes Kursmaterial und nutzlose Kurse investiert. Bei den Lehrpersonen an den Schulen ist der Frust unübersehbar. Eine Umkehr wäre dringend nötig.
Stattdessen verlegen die Didaktiker ihre Forschung nun auf die Sekundarstufe II. Lapaque und Freytag-Lauer legen in ihrem Artikel dar, wie sie sprachliche Integration und Lernstrategien auf der Gymnasialstufe in einem breiten Versuch ausprobieren und positive Effekte nachweisen wollen. Dabei wird mit keinem Satz erwähnt, dass die Resultate keinerlei Gültigkeit für die Primarstufe und die Sekundarstufe I beanspruchen können, wo die Methode bisher nicht erfolgreich war. Vielmehr wird der Eindruck erweckt, mit der Studie könne die didaktische Theorie für alle Stufen generalisiert und legitimiert werden. (6)
Felix Schmutz
(1) Zum Beispiel: Victor Saudan: Ursache Zukunft: Die Neukonzeption des Fremdsprachenunterrichts und ihre Auswirkungen auf die Lehrerinnen- und Lehrerbildung BEITRÄGE ZUR LEHRERBILDUNG, 25 (2), 2007.
Oder: Ad Backus, Durk Gorter, Karlfried Knapp, Rosita Schjerve-Rindler (†), Jos Swanenberg,Jan D. ten Thije and Eva Vetter: Inclusive Multilingualism: Concept, Modes and Implications, De Gruyter Mouton 2013 EuJal 1, S. 179-215.
(2) Lapaque, P., Freytag-Lauer, A. (2023). Renforcer l’apprentissage dufrançais langue étrangère grâce à la didactique intégrée des langues : une nouvelle recherche empirique en Suisse. LHUMAINE, (2).
(3) id.
(4) Martin Meyer: Sprache und Kommunikation, in: Lutz Jäncke: Lehrbuch Kognitive Neurowissenschaften, Bern 2024.
(5) Jie Lötscher (2020) Bilingualer Erstspracherwerb und Sprachkompetenz der Kinder in Schweizer-chinesischen Familien – Untersuchung in einem dialektalen Umfeld der Deutschschweiz, Inauguraldissertation an der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern
(6) cf. (2)
