Wenn Bildschirmzeit das Verhalten verändert
Ein Kind kann unruhig, unkonzentriert oder sozial auffällig sein. Schnell kommt der Verdacht auf ADHS oder Autismus. Auffälliges Verhalten kann jedoch viele Ursachen haben. Auch ein hoher Medienkonsum kann das Verhalten von Kindern beeinflussen und eine Diagnose erschweren. Deshalb lohnt es sich, genauer auf den Alltag unserer Kinder zu schauen.
In der «bz Basel» vom 26. August wird über Kinder berichtet, deren Verhalten an ADHS oder Autismus erinnert. Die Autismus-Coachin Mirjam Schlesinger warnt davor, auffälliges Verhalten vorschnell als Entwicklungsstörung zu erklären. Gerade bei kleinen Kindern kann ein sehr hoher Medienkonsum dazu führen, dass wichtige Erfahrungen zu kurz kommen. Dazu gehören Gespräche, gemeinsames Spielen, Bewegung und der direkte Kontakt mit anderen Menschen.
Ein Kind, das sich schlecht konzentrieren kann, wenig mit anderen spielt oder kaum auf seine Umgebung reagiert, hat deshalb nicht automatisch ADHS oder Autismus.
Was fehlt, wenn der Bildschirm dominiert?
Nicht nur in der Schule oder aus Büchern erwerben Kinder wichtige Fähigkeiten. Im täglichen Umgang mit anderen Menschen: beim Reden, Spielen, Streiten und Versöhnen, lernen sie, Gesichtsausdrücke zu verstehen, auf andere zu reagieren und gemeinsam Lösungen zu finden.
Verbringen jedoch Kinder sehr viel Zeit vor einem Bildschirm, können solche Erfahrungen zu kurz kommen. Besonders kleine Kinder brauchen den direkten Kontakt mit ihrer Umwelt. Eine intensive Nutzung von Handy, Tablet oder anderen digitalen Geräten kann Aktivitäten wie Spielen, Sprechen, Lesen und Bewegung verdrängen.
Eine grosse wissenschaftliche Untersuchung mit mehr als einer halben Million Personen fand einen Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Verhaltensweisen, die auch bei Autismus vorkommen können. Daraus lässt sich jedoch nicht schliessen, dass Handys oder Tablets ADHS oder Autismus verursachen. Und die Forschenden warnen davor, dass man daraus einen direkten Zusammenhang abzuleiten.
Kinder brauchen echte Erfahrungen
Eine entscheidende Frage lautet deshalb: Was war zuerst? Verbringt ein Kind viel Zeit am Bildschirm, weil es bereits Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Kindern hat? Oder entstehen solche Schwierigkeiten erst, weil es zu wenig Zeit im direkten Kontakt mit anderen Menschen verbringt? Die Forschung kann diese Frage bisher nicht eindeutig beantworten.
Unabhängig davon brauchen Kinder und Jugendliche in der Schule digitale Kompetenzen. Genauso wichtig ist es jedoch, dass sie genügend Zeit und Raum haben, um konzentriert zu lernen, sich zu bewegen, ihre Sprache zu entwickeln und soziale Kontakte zu pflegen. Die SSbB setzt sich deshalb für einen zurückhaltenden und altersgerechten Einsatz digitaler Geräte ein. Digitale Bildung ist wichtig, aber zum richtigen Zeitpunkt. Ein Bildschirm kann vieles bieten, er kann jedoch die echten Erfahrungen mit anderen Menschen nicht ersetzen. Deshalb sollte insbesondere auf der Primarstufe weitgehend auf den Einsatz digitaler Geräte verzichtet werden
Charlotte Bally
Sekretariat Starke Schule beider Basel
