Lernlandschaften führen zu grösseren Leistungsunterschieden von Schüler/-innen
Die Starke Schule beider Basel (SSbB) hat in einer breit angelegten Umfrage zum Thema Lernlandschaften die Meinungen und Einschätzungen von rund 660 Personen eingeholt, davon 548 Lehrpersonen. Besonders brisant ist die Beurteilung, dass vor allem leistungsstärkere Schüler/-innen von Lernlandschaften profitieren. Dies steht im Widerspruch zur Argumentation bei der Realisierungsplanung der Lernlandschaften, dass leistungsschwächere von leistungsstärkeren profitieren würden.
Rund 45% der Teilnehmenden geben an, dass vor allem leistungsstärkere Schüler/-innen profitieren. Lediglich etwas mehr als ein Drittel glaubt, dass alle Schüler/-innen profitieren. Knapp 10% sind der Meinung, dass Lernlandschaften zum Nachteil aller Lernenden seien (siehe Grafik).

Auch das Thema Chancengleichheit für Schüler/-innen wird in der Umfrage aufgegriffen. Angesichts der oben dargestellten Ergebnisse überrascht es kaum, dass mehr als ein Drittel der Umfrageteilnehmenden der Ansicht ist, Lernlandschaften würden bestehende Ungleichheiten verstärken. Rund ein Viertel hingegen sieht in Lernlandschaften einen Beitrag zur Förderung der Chancengleichheit. Auffällig ist zudem, dass sich fast ein Fünftel der Befragten enthalten, was ein vergleichsweise hoher Anteil ist. Etwas weniger als ein Fünftel ist der Meinung, Lernlandschaften hätten keinen Einfluss auf die Chancengleichheit (siehe Grafik).

Diese beiden Grafiken bestätigen, dass Lernlandschaften in der heutigen Form kritisch hinterfragt werden sollten. Es kann nicht das Ziel sein, ein System weiterzuführen, das offensichtlich vor allem die leistungsstarken Schüler/-innen fördert und damit bestehende Ungleichheiten verstärkt.
Umstrittene Wirkung von Lernlandschaften auf die Klassenleistung
Eine weitere wichtige Frage ist, ob Lernlandschaften die durchschnittliche schulische Leistung einer Klasse verbessern. Auch hier zeigt sich ein uneinheitliches Bild: Mit etwas mehr als 23% enthält sich ein vergleichsweise grosser Anteil der Umfrageteilnehmenden. 29.8% nehmen eine Leistungssteigerung wahr, während mit 28.1% fast gleich viele den gegenteiligen Eindruck haben. Fast ein Fünftel sieht keinen nennenswerten Unterschied.
Die Wirkung von Lernlandschaften auf die durchschnittliche Klassenleistung scheint umstritten zu sein und hängt vermutlich stark von der Klassenkonstellation ab. Klassen mit mehr leistungsstarken Schüler/-innen würden – entsprechend der Einschätzung, dass diese stärker profitieren – tendenziell auch eine grössere Leistungszunahme verzeichnen (siehe Grafik).

Bemerkenswert ist, dass über die Hälfte der Teilnehmenden Lernlandschaften aus pädagogischer Sicht eher positiv bis sehr positiv einschätzen. Demgegenüber stehen nur rund 28%, die diese eher negativ bis sehr negativ beurteilen (siehe Grafik).
Dies steht in einem deutlichen Widerspruch zu den vorherigen Ergebnissen zur Chancengleichheit und zur Förderung der Schüler/-innen: Während Lernlandschaften insgesamt pädagogisch mehrheitlich positiv bewertet werden, zeigen die Einschätzungen in diesen zentralen Bereichen ein wesentlich kritischeres Bild.

Abschliessend wurde die Schulentwicklung in den beiden Basler Halbkantonen im Zusammenhang mit Lernlandschaften thematisiert. Trotz der insgesamt positiven pädagogischen Einschätzung spricht sich nur knapp ein Fünftel der Umfrageteilnehmenden für eine flächendeckende Einführung an Sekundarschulen aus. Am meisten Zustimmung erhält mit rund einem Drittel das Modell einer freien Wahl für die Schüler/-innen. 14% wollen keine weiteren Lernlandschaften einführen, die bestehenden jedoch weiterführen, während etwa 17% eine Reduktion oder sogar eine vollständige Abschaffung befürworten (siehe Grafik).
Auch dieses Ergebnis wirkt vor dem Hintergrund der zuvor geäusserten pädagogischen Zustimmung überraschend. Es deutet jedoch darauf hin, dass das Vertrauen in den tatsächlichen Erfolg von Lernlandschaften begrenzt ist. Möglicherweise spielen dabei die zuvor angesprochenen Aspekte der Chancengleichheit sowie die wahrgenommene einseitige Förderung einzelner Schülergruppen eine entscheidende Rolle.

Vorteile und Nachteile von Lernlandschaften
In einem offenen Antwortfeld konnten die Teilnehmenden die wichtigsten Vorteile von Lernlandschaften schildern. Rund 284 Personen nutzten diese Möglichkeit und formulierten Vorteile, 304 Personen Nachteile.
Vorteile: Am häufigsten wurde die Individualisierung genannt: Die Schüler/-innen können im eigenen Tempo und auf dem eigenen Niveau arbeiten. Ebenso würde die Selbstständigkeit gefördert, da mehr Selbstorganisation, Eigenverantwortung und Zeitmanagement nötig sei. Die grössere Wahlfreiheit könne zudem die intrinsische Motivation stärken. Im Vergleich zum bisherigen klassischen Unterricht im Klassenzimmer würden leistungsstarke Schüler/-innen nicht mehr gebremst und können ihr Potential besser ausschöpfen. Bei genügend Ressourcen hätten die Lehrpersonen dann die Möglichkeit, individueller auf die einzelnen Bedürfnisse einzugehen und auch leistungsschwächeren Schüler/-innen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Nicht zuletzt wurde auch der soziale Aspekt betont: Zusammenarbeit und Austausch seien in Lernlandschaften zentral.
Nachteile: Am meisten genannt wurde die Überforderung schwacher Schüler/-innen. Fehlende Struktur, mangelnde Unterstützung und organisatorische Probleme würden dazu führen, dass insbesondere leistungsschwächere Schüler/-innen überfordert und benachteiligt seien. Die Leistungsschwachen würden zurückfallen, während die Starken profitieren. Kritisiert wurde zudem der hohe Arbeitsaufwand für Lehrpersonen, da die Vorbereitung und Organisation viel zeitintensiver und anspruchsvoller seien. Weitere Kritikpunkte waren der Klassenzusammenhalt, der mit Lernlandschaften abnehmen würde, sowie die Abhängigkeit des Lernerfolgs von der Selbstmotivation, welche in diesem Alter oftmals nicht vorhanden sei. Es würde häufig nur nach dem Lustprinzip gearbeitet. Dazu käme die Ablenkung durch Unruhe oder Kontakt mit anderen Schüler/-innen, der in diesen grossen Räumen kaum zu vermeiden sei. Insgesamt bräuchte es für eine angemessene Betreuung aller Schüler/-innen mehr Ressourcen, ansonsten bestünde die Gefahr, dass die angestrebte Förderung aller Schüler/-innen scheitere.
In der Theorie überzeugend, in der Praxis problematisch
Der grösste Widerspruch innerhalb der Umfrageresultate besteht darin, dass Lernlandschaften einerseits als pädagogisch sinnvoll bewertet werden, gleichzeitig aber erkannt wird, dass sie bestehende Ungleichheiten zwischen Schüler/-innen verstärken. Dieser Widerspruch lässt sich möglicherweise durch die Differenz zwischen theoretischem Konzept und praktischer Umsetzung erklären. In der Theorie überzeugen Lernlandschaften: Aspekte wie Individualisierung, Selbstständigkeit und modernes Lernen werden grundsätzlich positiv bewertet. In der praktischen Umsetzung setzen sie aber ein hohes Mass an Selbstorganisation, Motivation und teilweise noch zusätzliche Unterstützung von zu Hause voraus. Dies sind Faktoren, die vor allem für leistungsstarke Schüler/-innen erhebliche Vorteile bringen. Das Konzept scheint auf den ersten Blick fortschrittlich zu sein, erweist sich in der Umsetzung jedoch als anspruchsvoll und problematisch.
Lena Bubendorf
Vorstand Starke Schule beider Basel

Eine Antwort
Tolle Auswertung!
Mit dem Ergebnis, dass man freie Wahl beim Besuch von Klassen im Modus Lernlandschaften oder nicht hat, kann unsere Gesellschaft/Wirtschaft gut leben. Da unser Schulsystem viele Möglichkeiten bietet, sich umzuorientieren (Bsp.: Berufsmaturitaet, Passarelle, etc.) ist eine frühere persönliche Entscheidung ja immer auch wieder umkehrbar.