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Zeugnis oder Lernbericht – wie beurteilen?

Zeugnis oder Lernbericht – wie beurteilen?

Eine Debatte folgt der Nächsten im Schulkosmos. Es kehrt keine Ruhe ein – Ruhe, die dringend nötig wäre. Aktuell geht es um Zeugnis versus Lernbericht. Für alle Schulstufen finden sich Appelle – namentlich auch seitens des Schulleiter-Verbandes – die Noten abzuschaffen. Doch macht es ein Lernbericht besser? Im Folgenden geht es um Schuleinsteiger. Noten sind auf dieser Stufe zu Recht noch tabu. Doch wie gestalten sich dann Lernberichte bzw. Zeugnisse?

Beurteilen?

Lehrpersonen sind gehalten, den ihnen anvertrauten Schülerinnen und Schülern sowohl durchs Jahr hindurch aufgrund von Lernstandserhebungen wie auch zum Schluss des Schuljahres Rückmeldungen zu geben über den gewonnenen Lernfortschritt. Ab der dritten Klasse der Primarschule erfolgen diese Rückmeldungen zumeist mit Noten, in den unteren Schulstufen eher noch «verkleidet» in von Form von Symbolen wie z. B. Smilies. Die Rückmeldungen können bestärkend oder motivationsbremsend ausfallen. Dieser Form der Rückmeldung wird Defizitorientiertheit angelastet, da sie sich eigentlich immer wieder auch auf das Nichterreichte fokussiert.

Etwas anderes sind textbasierte Lernberichte, die zwar auch Nichterreichtes ansprechen können, den Fokus aber eher auf das Bestärkende legen. Die Krux bei dieser Form von Zeugnissen ist die nur schwer nachvollziehbare Vergleichbarkeit mit anderen Berichten der gleichen Schulstufe.

Beurteilen ist immer auch verbunden mit Einordnen. Kinder sind zwar meistens kompetitiv ausgerichtet – ein nicht ganz so guter Bericht kann auch anspornen. Schwieriger wird es aber, wenn bereits im laufenden Unterricht immer wieder die Rückmeldung kommt: Es reicht nicht. Das kann ein Kind oder auch einen Teenie stark ausbremsen. Eine solche Rückmeldung hat zwar ihren Sinn und erfordert ggf. Konsequenzen wie z. B. Repetition oder Niveauwechsel, doch der psychologische Aspekt ist nicht zu vernachlässigen.

Nur noch positiv?

Deshalb laufen aktuell Bestrebungen, Lernberichte in den unteren Primarschulstufen nur noch ressourcenorientiert zu verfassen, will heissen: Es werden ausschliesslich Stärken der Schülerinnen und Schüler erwähnt und ggf. detaillierter ausgeführt.

Die Konsequenz

Die Problematik der Entmutigung fällt weg. Allerdings fehlen so Hinweise, was ggf. noch fehlt oder der Verbesserung bedarf. Im Kontext von Programmen wie «Lesen durch Schreiben» bzw. «Schreiben nach Gehör», bei denen externe Korrekturen geradezu verboten sind, wären solch ausschliesslich ressourcenorientierte Lernberichte die konsequente Folge dieser stark individualisierenden Pädagogik. Wohin die beiden oben erwähnten Programme geführt haben, sieht man z. B. an Nachhilfekursen an Universitäten im Fach Deutsch für angehende Juristinnen und Juristen. Wollen wir das Beurteilen von Schülerleistungen nun demselben Credo unterordnen und der schulischen Bauchnabelschau Tür und Tor öffnen? Ich warne davor!

Daniel Vuilliomenet
ehemaliger Sekundarlehrer Niveau E, P, A und Kleinklasse

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