Geschichte braucht wieder Gewicht
Der Geschichtsunterricht ist ein zentraler Bestandteil der politischen Bildung und trägt dazu bei, dass Schüler/-innen sich eine fundierte, eigene Meinung bilden können. Trotzdem hat das Fach in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten deutlich an Bedeutung verloren. In fast allen Kantonen wird Geschichte auf der Sekundarstufe I nicht mehr als eigenständiges Fach unterrichtet, sondern in Sammelfächern zusammengefasst. Basel-Stadt folgt diesem schweizweiten Trend, Baselland bildet die positive Ausnahme mit zwei Jahreslektionen während der gesamten Sekundarschulzeit.
Warum Geschichtsunterricht unverzichtbar ist
In den letzten zwanzig Jahren wurde Geschichte in der Schweiz stark reduziert, Lektionen gekürzt und die fachliche Tiefe ist oft zugunsten abstrakter Kompetenzziele verloren gegangen. Das Problem: Viele Schüler/-innen haben dadurch kein solides Grundverständnis der Chronologie und können historische Zusammenhänge nur schwer einordnen. Geschichte vermittelt nicht nur Faktenwissen, sondern sie fördert Orientierung, kritisches Denken und das Verständnis politischer Prozesse und gesellschaftlicher Konflikte.
Wenn Geschichte vernachlässigt wird, schwächt das langfristig die demokratischen Strukturen unseres Landes. Gerade in der Schweiz, mit ihrem föderalistischen und direktdemokratischen System, ist historisches Wissen eine zentrale Voraussetzung, damit junge Menschen aktiv und informiert mitreden können. Deshalb braucht es verbindliche Bildungsziele und eine strukturelle Aufwertung des Geschichtsunterrichts.
Zehn Thesen zur Aufwertung des Geschichtsunterrichts in der Volksschule
- Der Geschichtsunterricht der Volksschule orientiert sich primär an verbindlichen Inhalten und erst in zweiter Linie an Kompetenzzielen.
- Ein auf grundlegende Inhalte ausgerichteter neuer Kompaktlehrplan enthält verbindliche Bildungsziele für die schweizerische, europäische und globale Geschichte.
- Die Auswahl der geschichtlichen Themen richtet sich nach deren politischen Relevanz und der Attraktivität der Inhalte für Schülerinnen und Schüler.
- In der Sekundarschule wird anhand geschichtlicher Meilensteine ein chronologischer Einblick in die Entwicklung der modernen Schweizer Geschichte vermittelt.
- Es braucht den klaren politischen Willen, die Vermittlung der Erfolgsgeschichte der Schweiz als verbindlichen Auftrag für die Sekundarschule zu erklären.
- In der Lehrerbildung ist der kombinierte Fachbereich «Räume, Zeiten, Gesellschaften» aufzutrennen und durch eigenständige Ausbildungsgänge für Geografie und Geschichte zu ersetzen.
- Das narrative Konzept des neuen Lehrplans verlangt eine verstärkte Förderung der Erzählkunst in der Lehrerbildung.
- Die Qualität des Geschichtsunterrichts ist regelmässig zu überprüfen und die an den Rand gedrängte Lehrerfortbildung in Geschichte aufzuwerten.
- Die Lektionenzahl in der Sekundarschule ist auf mindestens zwei Geschichtsstunden pro Woche zu erhöhen und im 9. Schuljahr ist Staatskunde zusätzlich ins Bildungsprogramm aufzunehmen.
- In der Primarschule ist der kulturell prägende Unterrichtsbereich NMG (Natur, Mensch, Gesellschaft) gegenüber den Fremdsprachen wieder stärker zu gewichten.
Geschichte ist mehr als ein Schulfach
Geschichte ist nicht nur ein Fach, sie ist die Grundlage, um die Welt und unsere Gesellschaft zu verstehen. Wer die historischen Grundlagen nicht kennt, kann politische Entscheidungen, gesellschaftliche Entwicklungen oder die Funktionsweise unseres Staates nur schwer einordnen.
Für eine starke Demokratie braucht es klare Vorgaben, ausreichend Unterrichtszeit und gut ausgebildete Lehrpersonen. Die Aufwertung des Geschichtsunterrichts ist kein Detail, sondern ein bildungspolitischer Auftrag. Bildungsbehörden und politische Entscheidungstragende müssen in allen Kantonen, die Geschichte vernachlässigen, sicherstellen, dass das Fach wieder den Stellenwert erhält, den es verdient – wie es in Baselland seit jeher der Fall ist.
Lena Bubendorf
Vorstand Starke Schule beider Basel
[Quelle: Die 10 Thesen wurden von Hanspeter Amstutz, pensionierter Geschichtslehrer, formuliert.]
