Wie ernst werden Schulkinder genommen? – Eine kritische Betrachtung
In einem Schreiben an die Lehrerinnen und Lehrer sowie an die Eltern verordnet die Bildungsdirektion, dass ein Lernbericht mit Textbausteinen das Zeugnis am Ende der 1. Klasse ersetzen soll. Präsentiert wird das Ganze als sanftere pädagogische Rückmeldung. In Wahrheit handelt es sich um ein bis ins Detail reglementiertes Formularwesen, das Lehrpersonen kaum mehr erlaubt, die Realität klar zu benennen – geschweige denn ehrlich zu beurteilen.
Aussagekräftige Feststellungen wie «Das Kind kennt noch nicht alle Buchstaben» müssen zwingend durch weichgezeichnete Formulierungen wie «Das Kind kennt zehn Buchstaben» oder «Das Kind kennt die Buchstaben in seinem Namen» ersetzt werden. Schwächen und Defizite dürfen bewusst nicht erwähnt werden, sie sind im Entwicklungsprozess unerwünscht. Das ist eine Abkehr von unseren Grundwerten: Ehrlichkeit und Fairness gegenüber den Eltern bleiben auf der Strecke.
Schulstart ausschliesslich mit ressourcenorientierten Kommentaren
Das von oben verordnete Promotionssystem soll angeblich Druck aus dem 1. Schuljahr nehmen und «Raum für eine differenzierte Entwicklung» schaffen. Doch was genau soll differenziert sein, wenn alle Kinder mit denselben sprachlich weichgespülten Massstäben beurteilt werden? Ist eine pädagogische Realität, die Unterschiede ausblendet, tatsächlich differenziert? Ist sie ehrlich gegenüber den Eltern, die ein Recht darauf haben, die Leistung und die Kompetenzen ihrer Kinder zu kennen?
Keine Repetition der 1. Primarklasse
Offenbar will das Amt für Volksschulen vor allem eines sicherstellen: Kein Kind soll am Ende der 1. Klasse repetieren dürfen. Grundansprüche werden deshalb einfach ins 2. Schuljahr verschoben. Der Übertritt geschieht automatisch – ob das Kind bereit ist oder nicht. In einem System, das Einführungsklassen im grossen Stil abgeschafft hat, müssen Fehlentscheide aus dem Kindergarten weitergezogen werden, und überforderte und oft zu junge Kinder werden bis zum Ende der zweiten Klasse mitgezogen. Das ist nicht kindgerecht.
AVS will in Lernberichten ausschliesslich ressourcenorientierte Wohlfühlaussagen
Seitens AVS wird argumentiert, erfolgreiches Lernen basiere auf ressourcenorientierten Wohlfühlaussagen. Doch bildet die systematische Verblendung der Realität wirklich eine solide Grundlage für eine tragfähige schulische Laufbahn? Wird dann konsequenterweise auch bei Übertrittsgesprächen darauf verzichtet, Schwächen – die jeder Mensch hat – zu benennen? Wie ernst dürfen Erziehungsberechtigte solche Gespräche überhaupt nehmen? Zu Hause erleben sie ihr Kind umfassend – mit Stärken, aber auch mit Dingen, die ihm schwerfallen. Führt das Weglassen realer Herausforderungen nicht eher zu Verunsicherung als zu Sicherheit?
Ein Beurteilungsraster, das sich so weit von der Lebenswirklichkeit verabschiedet, hilft niemandem. Spätestens bei den Grundkompetenzen treten Defizite unweigerlich und ungeschönt hervor. Der Leistungsdruck steigt umso mehr, je verspielter und unpräziser die Schulkarriere beginnt. Eine Schule, die Schwierigkeiten sprachlich ausradiert, löst sie nicht – sie vertuscht sie. Je später die Realität auf sich warten lässt, desto heftiger trifft sie.
Anita Biedert, Landrätin SVP
