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LCH-Umfrage: Die ernüchternde Bilanz der Integration

LCH-Umfrage: Die ernüchternde Bilanz der Integration

Jahrelang wurde die Integration als bildungspolitischer Fortschritt verkauft. Nun zeigt eine vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) in Auftrag gegebene Umfrage, wie gross die Kluft zwischen Wunsch und Realität ist. Kinder werden zwar in Regelklassen integriert, doch Förderung, Chancengleichheit und Leistungsniveau bleiben auf der Strecke. Wer diese Ergebnisse ernst nimmt, kann nicht einfach nach noch mehr Ressourcen rufen. Das System Integration ist gescheitert.

Der LCH hat die Entwicklung hin zur inklusionsorientierten Schule über Jahre mitgetragen und unterstützt. Umso erschreckender sind die Resultate seiner eigenen Befragung. Mehr als 10’000 Lehr- und Fachpersonen haben daran teilgenommen. Die Ergebnisse sind kein kleines Warnsignal, das einfach übersehen werden kann. 84 Prozent geben an, dass die Entwicklung hin zur inklusionsorientierten Schule ihre Arbeitsbelastung erhöht habe. 81 Prozent fühlen sich durch herausforderndes Verhalten stark belastet. Nur eine kleine Minderheit sagt, die Idee lasse sich im Berufsalltag gut umsetzen. Noch schwerer wiegt die pädagogische Bilanz: Eine Mehrheit sieht das allgemeine Leistungsniveau gesunken. Viele leistungsstarke Schüler/-innen kommen nach Einschätzung der Befragten zu kurz. Fast die Hälfte beurteilt die inklusionsorientierte Schule sogar als gescheitert (siehe Grafik).

Im Klassenzimmer sitzen reicht nicht

Die Integration kann einen statistischen Erfolg vorweisen: Kinder mit besonderem Förderbedarf besuchen heute häufiger die Regelklasse. Doch genau hier liegt der grundlegende Denkfehler der bisherigen Politik. Anwesenheit wurde mit sinnvoller Förderung verwechselt. Ein Kind ist nicht deshalb gut beschult, weil sein Pult im Regelklassenzimmer steht. Entscheidend ist, ob es dort lernen kann, angemessen gefördert wird und sich entwickeln kann. Ebenso wichtig ist, ob die übrigen Schüler/-innen weiterhin einen Unterricht erhalten, der ihren Bedürfnissen gerecht wird.

Die Umfrage entlarvt diesen Widerspruch besonders deutlich. In Basel-Landschaft bestätigen 80 Prozent der Befragten, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf in Regelklassen integriert sind. Gerade einmal 28 Prozent sehen hingegen gleiche schulische und soziale Chancen für diese Kinder als verwirklicht. 

Das ist ein vernichtender Befund für ein System, dessen zentrales Versprechen gerade darin bestand, bessere Chancen zu schaffen. Die räumliche Integration ist weitgehend gelungen, die pädagogische Zielsetzung jedoch nicht. Integration darf deshalb nicht länger daran gemessen werden, wie viele Kinder möglichst lange in der Regelklasse gehalten werden können. Die entscheidende Frage muss lauten: Ist diese Schulform für dieses Kind tatsächlich die beste?

Die Folgen werden im Schulzimmer abgeladen

Die Politik hat einen Anspruch formuliert, dessen Widersprüche täglich von den Schulen aufgefangen werden müssen. Eine Lehrperson soll gleichzeitig Schüler/-innen mit stark unterschiedlichen Lernzielen unterrichten, Lernschwierigkeiten auffangen, Verhaltensprobleme bewältigen, individuelle Förderprogramme umsetzen, leistungsstarke Schüler/-innen fordern und den regulären Unterricht sicherstellen. Was auf Konzeptpapieren nach Vielfalt und individueller Förderung klingt, führt im Klassenzimmer schnell zu einer Überforderung des Systems.

Besonders problematisch ist, dass dabei eine Gruppe kaum je im Mittelpunkt der Integrationsdebatte steht: die übrigen Schüler/-innen. Auch sie haben ein Recht auf ungestörten Unterricht, Aufmerksamkeit und Förderung. Wenn ein erheblicher Teil der Zeit und Energie für einzelne Schüler/-innen, Kriseninterventionen, Absprachen und Fördermassnahmen benötigt wird, fehlt diese Zeit zwangsläufig andernorts. Dass 76 Prozent der Baselbieter Befragten angeben, leistungsstarke Schüler/-innen kämen zu kurz, darf deshalb nicht als nebensächlicher Kollateralschaden abgetan werden. Eine Schule, die bestimmte Kinder besser fördern will, darf dies nicht dadurch erkaufen, dass andere weniger Förderung erhalten.

Auch der reflexartige Ruf nach mehr Geld greift zu kurz. Natürlich fehlen Zeit, Fachpersonal und rasche Unterstützung. Fast alle Befragten halten ausreichende zeitliche, finanzielle und personelle Ressourcen für entscheidend. Tatsächlich vorhanden sind sie nur bei einem kleinen Teil. Doch selbst mit zusätzlichen Ressourcen bleibt die Frage bestehen, ob jede Integration pädagogisch sinnvoll ist. Nicht jedes Kind profitiert von einer möglichst heterogenen Regelklasse. Manche Schüler/-innen brauchen einen kleineren, ruhigeren und stärker strukturierten Rahmen. Ihnen diesen zu verweigern, nur weil Separation bildungspolitisch als rückständig gilt, ist nicht fortschrittlich, sondern dogmatisch.

Pädagogik statt Integrationsdogma

Die Konsequenz aus diesen Ergebnissen kann deshalb nicht sein, das bestehende Modell mit noch mehr Aufwand irgendwie am Leben zu erhalten. Wir brauchen eine Schule, die wieder vom einzelnen Kind ausgeht statt von einem politischen Prinzip: Integration dort, wo sie funktioniert. Förder- und Kleinklassen dort, wo sie bessere Lernbedingungen schaffen. Spezialisierte Angebote dort, wo sie notwendig sind. Vor allem muss eine nicht funktionierende Integration auch beendet werden können, bevor das betroffene Kind, die Klasse und die Lehrpersonen über Monate oder Jahre darunter leiden.

Die LCH-Umfrage bietet für die Integrationsbefürworter unbequeme, aber klare Hinweise. Gerade weil der LCH die inklusionsorientierte Schule lange unterstützt hat, lassen sich diese Resultate nicht als Kritik einiger weniger Integrationsgegner abtun. Die Integration hat bewiesen, dass man Kinder organisatorisch in dieselbe Klasse setzen kann. Sie hat nicht bewiesen, dass dadurch alle besser lernen.

Eine gute Schule braucht deshalb keine vollständige Integration im Klassenzimmer. Sie braucht unterschiedliche Angebote und den Mut, für jedes Kind die passende Lösung zu wählen. Der Sitzplatz im Regelklassenzimmer darf nicht wichtiger sein als der Lernerfolg.

Aleyna Kara
Sekretariat Starke Schule beider Basel

Eine Antwort

  1. Felix Schmutz sagt:

    Eine ausgezeichnete Schlussfolgerung aus dem Bericht über die Befragung zur integrierten Schule. Gratulation! Es ist schon fast zynisch, dass eine pädagogische Doktrin das pure Gegenteil dessen bewirkt, was sie eigentlich erreichen wollte. Wäre die Schule ein Passagierschiff, würde der Steuermann den Wirbel vor sich sehen und das Steuer herumreissen. Nicht so die Schulverantwortlichen. Das Schiff muss da durch!

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