Dauerferien und Topgehälter? Was an den grössten Lehrerklischees dran ist
Rund um den Lehrerberuf kursieren hartnäckige Mythen – über Arbeitsbelastung, Löhne, Bildungsausgaben und Qualifikation. Was Klischee ist und was die Fakten hergeben.
Mythos 1: «Lehrpersonen arbeiten Teilzeit, haben 13 Wochen Ferien und jammern trotzdem über Überlastung.»
Das Bild von jammernden Lehrpersonen täuscht in der Breite. In einer aktuellen Studie des Dachverbandes der Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) gaben 82 Prozent der Lehrpersonen an, dass ihnen ihr Beruf (sehr) viel Freude mache (Note 5 oder 6 auf der Schulnotenskala). Die Studie macht auch harte Angaben zu den Arbeitszeiten der Lehrerschaft: Die Jahresarbeitszeit einer Vollzeitlehrkraft liegt in der Praxis bei rund 1900 bis 1950 Stunden. Das korrespondiert exakt mit der Jahresarbeitszeit von anderen Arbeitnehmenden in der öffentlichen Verwaltung und liegt leicht über dem schweizerischen Durchschnitt, der bei Vollzeitarbeitnehmenden laut den aktuellen Daten des Bundesamtes für Statistik (BFS) bei rund 1804 Stunden liegt.
Lehrpersonen haben meist 5 Wochen gesetzlich garantierte Ferien. Die restlichen 8 unterrichtsfreien Wochen sind keine Freizeit, sondern dienen der Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, Weiterbildungen sowie dem Abbau von Überstunden.
Erhebungen des LCH zeigen: Während der 39 Schulwochen arbeiten Vollzeitangestellte im Schnitt 48 bis 52 Stunden pro Woche, in Spitzenzeiten über 55 Stunden. Der reine Unterricht macht zudem nur etwa 40 bis 45 Prozent der Gesamtarbeitszeit aus; der Rest entfällt auf Korrekturen, Elterngespräche, Förderplanung und Administration.
Auch der hohe Teilzeitanteil – viele arbeiten in einem Pensum von 60 bis 70 Prozent – schützt nicht vor Überlastung. Teilzeitkräfte tappen oft in die Sockelzeitfalle: Fixe Aufgaben wie Sitzungen, Schulanlässe oder Elterngespräche halbieren sich bei einem 50-Prozent-Pensum nicht. Effektive Arbeitszeiten über das Pensum hinaus sind die Folge.
Mythos 2: «Die Lehrpersonen verdienen viel Geld – und verlangen trotzdem immer mehr.»
Rund 9700 Franken brutto pro Monat auf ein 100-Prozent-Pensum. So hoch ist der Durchschnittslohn einer Lehrperson gemäss Bundesamt für Statistik in der Schweiz. Diese Zahl bedarf aber dringend einer Einordnung. Denn die Löhne von Lehrkräften unterscheiden sich zwischen den Kantonen und je nach Schulstufe, Ausbildung und Berufsjahren frappant. So verdient etwa eine Lehrperson an einer Zürcher Primarschule in ihrem ersten Jahr rund 99’100 Franken, im Kanton Obwalden sind es rund 75’600 Franken.
Gemäss den neusten Daten des Bundesamts für Statistik zur Lohnstruktur beträgt der Schweizer Bruttomedianlohn für eine Vollzeitstelle 7024 Franken pro Monat. Lehrpersonen haben im Vergleich dazu also einen höheren Lohn. Zum Vergleich der Medianlohn aus anderen Branchen:
- Assistenzberufe im Gesundheitswesen: 6200 Franken
- Betriebswirt oder Betriebswirtin 9500: Franken
- Büro- oder Sekretariatsmitarbeitende: 6600 Franken
- Elektriker und Elektroniker: 6400 Franken
- Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure: 8700
Mythos 3: «Obwohl die Bildungskosten seit Jahren immer nur steigen, wird die Schulqualität nicht besser.»
Diese These brachte Avenir Suisse nach Publikation der neusten Pisa-Studie zurück ins Gespräch. Die Denkfabrik kommt zum Schluss, dass die Schweiz jährlich rund 24’000 Franken pro Kind in die obligatorische Schule investiere – was seit dem Jahr 2000 einen Anstieg von fast 70 Prozent bedeute. Der Bildungsbericht 2026 beziffert den Anstieg seit 2011 mit 33 Prozent pro Schulkind in der Primarschule – die Kosten sind also klar gestiegen.
Gleichzeitig sind die Pisa-Leistungen der Schweizer Kinder seit 15 Jahren im Sinkflug. Zwar liefert die Schweiz im internationalen Vergleich immer noch Topergebnisse, aber die Leistungen nehmen sowohl in Mathematik als auch in der Lesekompetenz ab. Fast jedes dritte Schweizer Kind kann schlecht lesen.
Landet das viele Geld also nicht im Klassenzimmer? Die Gründe für die gestiegenen Bildungsausgaben sind laut Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, die veränderten Anforderungen an die Schule: In den letzten 20 Jahren seien zahlreiche gesellschaftliche Aufgaben hinzugekommen, die Verwaltungslast gestiegen, Schulhäuser mussten digitalisiert werden, Schulleitungen und Schulsekretariate installiert werden, et cetera.
Dass die Resultate der Kinder immer schlechter werden, sei ein globaler Trend, sagt die nationale Pisa-Projektleiterin Andrea Erzinger. Die Pisa-Studie liefere aber keine konkreten Ursachen für diesen Abfall. Leistungen würden von einem «komplexen Zusammenspiel von Jugendlichen, Schule, Bildungssystem und Gesellschaft abhängen», sagt die Bildungswissenschaftlerin.
Mythos 4: «Vor einer Klasse stehen kann jeder – Hauptsache, man mag Kinder.»
Die Vorgaben für die Ausbildungen der Lehrpersonen kommen von der Politik. Derzeit gilt: Wer in der Schweiz regulär an einer Volksschule unterrichtet, benötigt ein Lehrdiplom einer Pädagogischen Hochschule (PH) mit einem Bachelor- oder Masterabschluss. Zugelassen an eine PH sind aber längst nicht mehr nur Personen mit einem gymnasialen Abschluss: In vielen Kantonen kann man sich auch über Berufs- oder Fachmaturitäten sowie über spezielle Aufnahmeverfahren für die Ausbildung zur Lehrperson qualifizieren.
Bürgerliche Parteien – allen voran die SVP in ihrem neusten Positionspapier – fordern eine radikale Abkehr von diesem System: Sie schlagen vor, die akademische PH-Ausbildung abzuschaffen und stattdessen eine dreijährige Berufslehre für Lehrpersonen einzuführen. Fachleute und PH-Vertreter wie der ehemalige PHZH-Rektor Heinz Rhyn warnen jedoch davor, die Ausbildung so zu «entwerten». Zwar müsse sich die PH flexibler an die Praxis anpassen, der wissenschaftlich-pädagogische Anspruch dürfe aber nicht geopfert werden. Marcel Marti, Sprecher der PH Bern, pflichtet dem bei. Professionell aus- und weitergebildete Lehrpersonen zeichneten sich dadurch aus, dass sie ihr eigenes Handeln reflektieren und ihren Unterricht gezielt weiterentwickeln würden. «Vor dem Hintergrund der steigenden Anforderungen an den Lehrberuf wird das sogar noch wichtiger.»
Der Eindruck, «jede» und «jeder» könne unterrichten, entstand auch durch Notfallmassnahmen gegen den Personalmangel. So stellten Schulen im Kanton Zürich zahlreiche Personen ohne Lehrdiplom an. Weitere Erhebungen des LCH zeigen: Fehlt die pädagogische Ausbildung, führt dies häufig zu Überlastung bei den Betroffenen selbst – und am Ende zu Mehrarbeit für die diplomierten Lehrkräfte, die mit diesen Personen zusammenarbeiten.
Fabienne Sennhauser, Redaktorin Tamedia
Sabrina Bundi, Redaktorin Tamedia
[Quelle: BaZ Online vom 04.10.2026, abgedruckt mit Erlaubnis der Redaktorinnen]
