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Der nationale Zusammenhalt hängt nicht vom Frühfranzösisch ab

Der nationale Zusammenhalt hängt nicht vom Frühfranzösisch ab

Es braucht schon sehr viel Voreingenommenheit, ausgerechnet das Frühfranzösisch zum nationalen Symbol des eidgenössischen Zusammenhalts zu erheben, wie dies Bundesrätin Baume-Schneider getan hat. Fast könnte man meinen, Französisch solle aus der Volksschule verbannt und die Bedeutung der Romandie bei uns generell missachtet werden. Doch das trifft überhaupt nicht zu. 

Ganz sicher tragen die Primarschulen keine Schuld, dass die Allerweltsprache Englisch das elegante Französisch nicht nur bei unserer Jugend verdrängt hat. Die angloamerikanische Popkultur in der Musik ist heute allgegenwärtig, im Tourismus ist Englisch als verbreitete Verständigungssprache nicht mehr wegzudenken und die Werbung glaubt, mit unzähligen Anglizismen mehr Wirkung erzielen zu können. Dass unter diesen Voraussetzungen die Lernbereitschaft des grössten Teils unserer Jugend fürs Englisch weit grösser ist als fürs Französisch, dürfte wohl nur wenige überraschen.

Forciertes Sprachenlernen schafft Frustration statt Freude am Französisch

Die entscheidende bildungspolitische Frage müsste lauten: Wie schaffen wir es, das Französisch in der Volksschule so zu vermitteln, dass es neben dem Englisch als attraktive Sprache bestehen kann? Ganz sicher nicht, indem wir es als dritte Sprache neben Deutsch und dem populären Englisch den Primarschülern aufzwingen. Das aktuelle Mehrsprachenkonzept der Primarschule ist eine didaktische Fehlkonstruktion, die zu unzähligen Verlierern geführt hat. Man kann dieses Debakel unterdessen mit Zahlen belegen, welche zeigen, dass nicht einmal die Hälfte der Schüler die elementaren Bildungsziele im Frühfranzösisch erreicht. Die Schüler, die durch die mehrsprachliche Verzettelung im Frühfranzösisch auf keinen grünen Zweig kommen, bilden ein nicht zu unterschätzendes Frustrationspotenzial, das sich lähmend auf den Unterricht auswirkt. Dieser Zustand ist absolut inakzeptabel, wenn man den Auftrag der Volksschule ernst nimmt.

Ein in den meisten Kantonen in die Sekundarschule verschobener Einstieg ins Französisch erhöht hingegen die Chance, dass ein Grossteil unserer Schüler mit gefestigten sprachlichen Grundkenntnissen die zweite Landessprache lernen wird. Mit sprachlich speziell ausgebildeten Lehrkräften und der Möglichkeit eines Unterrichts in unterschiedlichen Niveaus darf ein effizienteres Lernen erwartet werden. Die Primarschule kann sich auf den wichtigen Deutschunterricht konzentrieren und ohne viel Leistungsdruck ab der fünften Klasse erste Schritte in einer Fremdsprache wagen. Für die Kantone nahe der Sprachgrenze zur Romandie gilt umgekehrt, dass mit einem späteren Einstieg ins Englisch dessen Lernerfolg nicht geschmälert wird.

Ist Frühfranzösisch politisch wichtiger als unsere Landesgeschichte?

Die direkte Einmischung der Bundesrätin in die Schulhoheit der Kantone hat deutlich gemacht, dass dabei pädagogische Überlegungen kaum eine Rolle spielten. Doch auch die staatspolitische Besorgnis der Bundesrätin überzeugt nicht. Wäre dieses Anliegen wirklich vorhanden, müsste sich die Sozialministerin dringend für einen besseren Unterricht in Schweizer Geschichte an der Volksschule einsetzen. Da geht es um unsere gemeinsame Kultur und den nationalen Zusammenhalt.

Kaum ein Schulabgänger ist heute über das Entstehen unseres modernen Bundesstaats von 1848 und über die neueren geschichtlichen Meilensteine unserer Landesgeschichte im Bild. Viele Schüler haben nie etwas vom Generalstreik, vom Rütlirapport des Generals im 2. Weltkrieg oder vom langwierigen Kampf ums Frauenstimmrecht gehört. Diese Gleichgültigkeit gegenüber der politischen und wirtschaftliche Erfolgsgeschichte unseres Landes mit ihren Höhen und Tiefen ist erschütternd und hätte längst eine Intervention des Bundesrats verdient. Doch die magere geschichtliche Grundbildung unserer Jugend scheint Bern überhaupt nicht zu kümmern.

Die Schule hat den Auftrag, unsere Jugend gründlich und effizient zu bilden. Eine Symbolpolitik mit Frühfranzösisch ist da völlig fehl am Platz. Die Schule hat mit aller Kraft dafür zu sorgen, dass unsere Schüler unter fairen und erfolgversprechenden Rahmenbedingungen unterrichtet werden. Deshalb muss die gescheiterte Mehrsprachendidaktik durch ein Konzept mit nur einer Fremdsprache in der Primarschule ersetzt werden. Und das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit ist durch einen attraktiven Unterricht über unsere Landesgeschichte mit verbindlichen Bildungszielen zu stärken.

Hanspeter Amstutz
Ehemaliger Bildungsrat und Sekundarschullehrer

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