Bericht Standortbestimmung Sprachenkonzept
Diagnose zum gescheiterten Sprachenkonzept: multifaktoriell, 07.06.2026 von Felix Schmutz
Multifaktoriell: So könnte der Befund lauten, wenn die Standortbestimmung zum Sprachenkonzept eine ärztliche Diagnose wäre. Ende Mai gab die Bildungsdirektion Baselland den Schlussbericht frei, nachdem sie ihn einige Monate zurückbehalten hatte. (1) Dabei ging es hauptsächlich um das umstrittene Frühfranzösisch, das ab der dritten Primarklasse eingeführt worden war. Denn sämtliche Evaluationen zeigten, dass die Kenntnisse nach 7 Jahren Französisch mit neuem Konzept klar ungenügend waren. Sie lagen auch deutlich unter dem Niveau der Englischkenntnisse, obwohl Englisch erst im 5. Schuljahr eingeführt wird und obwohl der Lehrplan 21 fordert, dass in beiden Fremdsprachen am Ende der Schulzeit gleiche Kompetenzen vorhanden sein sollten.
Wissenschaftliche Grundlage gewünscht
Der Bericht anerkennt diesen Tatbestand. Die Studie sollte nun «den Sprachenerwerb einer zweiten Landessprache und einer Fremdsprache in der Volksschule BL auf eine wissenschaftlich belastbare Grundlage … stellen.»
Diese Formulierung bedeutet sinngemäss: Untersucht werden soll, wie Kinder und Jugendliche eine Fremdsprache in der Volksschule erwerben können, und dies aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse. Eine Frage, welche die Neurologie, die Psychologie und die Unterrichtspraxis beantworten müssten. Neuere und ältere Forschung dazu gäbe es zuhauf. (2)
Umso erstaunlicher, dass der Auftrag jedoch durch folgende zwei Fragen konkretisiert und drastisch eingeschränkt wird:
1. Wo stehen die BL-Schüler(innen) in Französisch und Englisch?
2. Welche Bedingungen und Praktiken auf Ebene Lehrperson, Unterricht und Klas-se/Schule erklären die beobachteten Leistungen?
Die Frage 1 ist bereits mit den Überprüfungen der Grundkompetenzen und den interkantonalen Checks durch professionelle Institute zur Genüge beantwortet. Die «wissenschaftlich belastbare Grundlage» besteht also. Die Frage 2 zielt darauf ab, die gemessenen Leistungsresultate ausschliesslich auf die Arbeit der Lehrpersonen, die Unterrichtspraxis und die Schülerschaft zurückzuführen.
Nicht berücksichtigt
Aufgedrängt hätten sich natürlich zwei weitere Fragen: Inwiefern beeinflusst die Sprachenstrategie der Bildungspolitik die gemessenen Leistungen? Die Frage würde sich auf das Sprachenkonzept als solches beziehen: Die Erstreckung des Unterrichts auf 7 Jahre bei gleichbleibender Lektionenzahl, die Didaktik der Mehrsprachigkeit, die Steuerung des Unterrichts durch Lehrplan und die obligatorischen Lehrmittel sowie die bisherige Ausbildung der Lehrpersonen durch Angehörige der Fachhochschulen. Mit anderen Worten: Inwiefern ist auch die Bildungspolitik ab 2010 für die ungenügenden Leistungen verantwortlich?
Zwingend wäre zudem die Frage: Wie fügt sich das Sprachenkonzept in das gesamte Bildungsprogramm der Volksschule ein? Dass sich zusätzlicher Lernstoff sowohl auf die Unterrichtszeit als auch auf die Verarbeitungskapazität der Kinder auswirkt, hätte nicht vernachlässigt werden dürfen. Denn die Erweiterung hat Konsequenzen für die anderen Fächer und die Motivation.
Stattdessen reduziert die Studie ihren Blickwinkel auf die Ebene des Unterrichts und der Lehrpersonen. Die Auftraggeber wollen ungeschoren bleiben. Sie richten sich nach dem Velofahrerprinzip: Die Studie soll nach oben buckeln, nach unten treten.
Welche Massnahmen nun auch immer ergriffen werden, die Wahrscheinlichkeit, dass sie kaum wirken werden, ist vorhersehbar, denn, falls das Sprachenkonzept und die gewählte Didaktik selbst Anteil an der Misere haben, kann es ohne Änderung der Strategie keine entscheidenden Verbesserungen geben.
Befunde und Medikation
Die Studie kann keine gesicherten Mängel auf Seiten der Lehrpersonen und des Unterrichts eruieren. Sie spekuliert vielmehr darüber, welche Voraussetzungen aufgrund von Korrelationen zu besseren Resultaten führen könnten. Ihre Folgerungen münden in Vorschläge, die zwar kategorisch verkündet, aber sofort wieder mit dem Argument relativiert werden, dass nur ein Zusammenspiel aller Massnahmen zu Verbesserungen führen könnten.
Nur multifaktorielle Parameter würden wirken. Insbesondere der Frühbeginn mit Französisch sei für sich genommen kein Nach- oder Vorteil. Die Vorschläge werden in sechs Handlungsfeldern zusammengefasst. Man könnte sie etwa folgendermassen wiedergeben:
1. Die Leistungen werden besser, wenn die Lehrpersonen die Zielsprache (Französisch) im Unterricht mehr gebrauchen.
2. Dazu muss die Professionalität der Lehrpersonen mit Weiterbildung verbessert werden.
3. Die Stundendotation soll erhöht werden, mindestens 30% des Fachunterrichts soll in der Zielsprache erteilt werden (CLIL= content and language integrated learning).
4. Die Motivation für Französisch muss gestärkt werden, insbesondere bei den Schwächeren muss mehr Begeisterung geweckt werden.
5. Der Alltagsbezug muss mehr betont, die Stoffauswahl im Lehrmittel geklärt werden.
6. Der Übergang zur Sekundarschule muss besser definiert und abgesprochen werden.
Die Studie und ihre Widersprüche
Zur Untermauerung der Thesen hat Interface auf eine Fülle von wissenschaftlichen Studien zurückgegriffen und diese mittels KI auf die Ausgangsfragen durchforsten lassen. Pikant daran: Viele der Studien stammen von Fachdidaktikern und -didaktikerinnen, die vehemente Verfechter der Mehrsprachigkeitsdoktrin sind und deren sogenannte Forschung Schlagseite aufweisen dürfte. Der wissenschaftliche Beirat, der die Studie begleitete, besteht ausserdem aus Fachhochschullehrkräften, die kaum eigene Unterrichtserfahrung, schon gar nicht auf der Volksschulstufe haben und von ihrer Tätigkeit und Ausbildung her andere Schwerpunkte vertreten.
So ist denn offenbar niemandem ein eklatanter Widerspruch aufgefallen, der unbedingt erwähnt werden muss: Die Studie fordert, dass die Lehrpersonen sich durch Weiterbildung vertieft mit der Mehrsprachigkeitsdidaktik vertraut machen sollen.
Die Mehrsprachigkeitsdidaktik propagiert aber gerade nicht die Fokussierung des Unterrichts auf die Zielsprache, was die Studie als Erfolgskriterium immer wieder aufgreift. Stattdessen fordert sie, dass die anderen Sprachen als eine wichtige Ressource für die Zielsprache betrachtet werden, die im Unterricht ständig mitbedacht werden müssten. Ja, die Mehrsprachigkeitsdidaktik will sogar davon abrücken, eine Sprache als Schulfach zu führen, sondern mehrere Sprachen gleichzeitig als Kombinationsfach unterrichten lassen.
Solche Ideen wurden den Primarlehrpersonen in der obligatorischen Weiterbildung eingetrichtert. Wenn man ihnen jetzt vorwirft, sie benützten die Zielsprache zu wenig, kommt dies einem Verrat gleich. Man lässt sie ausbaden, was sie nicht selbst angerichtet haben, sondern ihnen von der Fachdidaktik eingebrockt worden ist. Auch die Lehrmittel Mille feuilles und Clin d’oeil sind nach dem Dogma der Mehrsprachigkeitsdidaktik aufgebaut. Seit jeher wird der Fremdsprachenunterricht durch die obligatorischen Lehrmittel stark gesteuert. Wer wider diese Vorgaben die Zielsprache häufiger benützte, hat sich also eigentlich nonkonform verhalten.
(1) Karin Büchel, Lukas Oechslin: (Interface 2025) Standortbestimmung Sprachenkonzept, Schlussbericht, veröffentlicht 28.05.2026.
(2) Z.B. Angela D. Friederici: (2017): Language in Our Brain: The Origins of a Uniquely Human Capacity, MIT, Cambridge MA.
Wie viele Studien braucht es noch?, 05.06.2026 von Dario Rigo
Wie viele Studien braucht es eigentlich, bis man eine unbequeme Wahrheit akzeptiert? Beim Frühfranzösisch liegen die Fakten längst auf dem Tisch. Bereits eine grosse nationale Vergleichsstudie zeigte, dass Französisch ab der dritten Klasse im Baselbiet nicht den erhofften Erfolg bringt. Dass nach Jahren Französischunterricht fast die Hälfte der Schülerinnen und Schüler schon an einfachstem Französisch scheitert, wäre ernüchternd genug. Wirklich alarmierend ist aber ein anderer Befund der Studie. Jeder sechste Baselbieter Schüler kann nach neun Schuljahren keinen einfachen deutschen Text verstehen. Wer Deutsch nicht ausreichend beherrscht, findet kaum Anschluss, weder in der Lehre noch im Beruf noch im Alltag. Darum muss die Schule zuerst das sichern, was jedes Kind braucht. Lesen, schreiben und rechnen.
Trotzdem wurde der Landrat im vergangenen Herbst um Geduld gebeten. Man solle nichts übereilen, sondern zuerst eine weitere Studie zum Sprachenkonzept abwarten. Diese lag zwar schon länger vor, blieb aber unter Verschluss. Nun ist sie veröffentlicht – und bestätigt im Kern, was die Zahlen längst gezeigt haben.
Unterdessen starten die Kinder auch im nächsten Schuljahr mit einem Schulkonzept, das gute Absichten mit schulischer Realität verwechselt.
Ein Blick in die heutigen Klassenzimmer zeigt, worum es geht. Viele Kinder wachsen mit einer anderen Erstsprache auf. Für sie ist Hochdeutsch bereits die erste Fremdsprache und auf dem Pausenplatz kommt mit der Mundart gleich die zweite dazu. Gleichzeitig braucht über ein Drittel der Primarschulkinder zusätzliche Förderung. Wenn dann ab der dritten Klasse für alle noch Französisch folgt und später Englisch, wird es für viele zu viel auf einmal. Wer die Unterrichtssprache noch nicht sicher beherrscht oder beim Lesen und Rechnen Mühe hat, braucht zuerst mehr Zeit für die Grundlagen. Das ist keine Ausgrenzung, sondern wirksame Förderung.
Aus dieser Überzeugung heraus haben wir im vergangenen Herbst eine Volksinitiative zur Stärkung der Primarschule lanciert. Sie setzt beim Frühfranzösisch an, verfolgt aber ein breiteres Ziel. In der Primarschule soll wieder mehr Zeit bleiben für die Grundlagen. Lesen, schreiben und rechnen.
Entscheidend ist nicht, möglichst früh möglichst viel in den Stundenplan zu packen. Entscheidend ist, dass am Ende der Schulzeit wieder mehr Jugendliche einfache Texte verstehen, sich verständlich ausdrücken und im Alltag rechnen können. Wer die Grundlagen stärkt, schwächt nicht die Landessprachen.
Genau deshalb ist jedes weitere Abwarten schwer erträglich. Selbst wenn jetzt gehandelt wird, dauert es Jahre, bis eine Änderung in den Schulzimmern ankommt. Bis dahin startet jedes Jahr ein neuer Jahrgang mit einem Konzept, dessen Schwächen längst bekannt sind. Für die Bildungsbürokratie ist es ein Prozess, der Jahre dauert und möglichst gesichtswahrend abgewickelt werden soll. Für die Kinder sind es Schuljahre, die nicht zurückkommen.
Darum reicht es nicht, die neue Studie zur Kenntnis zu nehmen. Wer die Ergebnisse ernst nimmt, muss jetzt den Weg für eine Korrektur freimachen.
Unreife Erhebungsmethode zum gescheiterten Frühfranzösisch, 02.06.2026 von Daniel Wahl
Der lange von der Baselbieter Regierung unter Verschluss gehaltene Bericht «Standortbestimmung Sprachenkonzept» deckt die desaströsten Französischkenntnisse unserer Schülerinnen und Schüler schonungslos auf. Es ist ein framender Bericht, der von einer mit Stoff und Aufgaben überfrachteten Volksschule nur eines fordert: Mehr, mehr, noch mehr.
Einseitiger Auftrag
Rund jeder zweite Sekundarschulabgänger verfehlt die Minimalziele. Das, obschon im Baselbiet Französisch zwei Jahre vor Englisch unterrichtet wird. Noch drastischer fallen die Werte im tiefsten Leistungszug A aus. Dort erreichen im Französisch nur 24 Prozent die Grundkompetenzen im Hörverstehen und lediglich 19 Prozent im Leseverstehen. Im Englisch liegen die Werte derselben Gruppe immerhin bei 70 Prozent im Hörverstehen und bei kläglichen 43 Prozent im Leseverstehen. Der vollständige Bericht hat der Baselbieter Bildungsdirektor Markus Eigenmann erst vor ein paar Tagen publiziert und auch nur auf Druck von aussen – unter anderem auf Druck der Starken Schule beider Basel.
Unverständlich ist, dass die beauftragten Autoren der Studie, Projektleiterin Karin Büchel und Projektmitarbeiter Lukas Oechslin von «Interface Politikstudien Forschung Beratung AG» ausschliesslich die Frage untersucht haben, wie die Leistungen in Französisch und Englisch verbessert werden können.
Sie fragen nicht:
- Was passiert mit Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften oder Geschichte, wenn zusätzliche Lektionen für Französisch geschaffen werden?
- Führt mehr Französisch zu weniger Lernzeit in anderen Kernfächern?
- Welche Auswirkungen hätte dies auf die Gesamtleistung der Schüler?
- Ist der gesellschaftliche Nutzen zusätzlicher Französischkompetenzen grösser als der Nutzen zusätzlicher Mathematik- oder Deutschkompetenzen?
Aus dieser Perspektive gelangen sie immer wieder zu denselben einfältigen Schlussfolgerungen:
- mehr Zielsprachen-Input,
- mehr Lernzeit,
- mehr Austauschformate,
- mehr Immersion/CLIL,
- besser qualifizierte Lehrpersonen,
- stärkere Nutzung der Zielsprache im Unterricht
Besonders deutlich zeigt sich dies in den vorgeschlagenen Handlungsfeldern: «Genügend Lernzeit in der Zielsprache ermöglichen», «Stundendotation erhöhen», «Austausch obligatorisch machen», «Immersionsunterricht fördern» und «Stundentafel anpassen».
Mehr, mehr, mehr – mit den Kernforderungen, es brauche besser qualifiziertere Lehrer und mehr Unterrichtszeit fürs Französisch. Darüber hinaus seien verbindlich Austauschprogramme mit Schulen in französischsprachigen Gebieten zu injizieren.
Quote: Eine Regierung muss nicht nur fragen: «Wie wird Französisch besser?» Sie muss auch fragen: «Wie wird die Gesamtbildung besser?»
Schule im Niedergang
Dabei blenden Büchel und Oechslin aus, dass solche Investments auf Kosten anderer Fächer gehen. Die Einführung von Frühfranzösisch und Frühenglisch ist leider mitverantwortlich, dass die Gesamtleistung der Volkschule erodiert und Deutsch und Mathematik leiden. Diese Entwicklung bildet unter anderem der neueste Bildungsbericht 2026 des Bundes ab, leuchtet sie jedoch leider nicht vertieft aus. Zahlreiche weitere Erhebungen, nicht nur die Pisa-Studien, zeigen, dass immer mehr Jugendliche in der Schweiz die Volksschule verlassen, ohne lehrberufsfähig zu sein.
Das Ignorieren der Opportunitätskosten ist ein methodischer Mangel, der einem Forschungs- und Beratungsunternehmen wie Interface nicht hätte passieren dürfen. Der Auftrag lautete zwar: «Wie können die Kompetenzen in Französisch und Englisch verbessert werden?» Innerhalb dieser Fragestellung ist es logisch, dass die Autoren nach Faktoren suchen, die den Fremdsprachenerwerb verbessern.
Die Profis hätten jedoch die einfältigen Fragesteller darauf aufmerksam machen müssen, dass diese Faktoren für einen bildungspolitischen Entscheid nicht ausreichen. Eine Regierung muss nicht nur fragen: «Wie wird Französisch besser?» Sie muss auch fragen: «Wie wird die Gesamtbildung besser?»
So forderte der von seinen Bildungsbürokraten geführte neue Baselbieter Bildungsdirektor Markus Eigenmann in einem ersten Kommunikationslauf, dass es besser qualifizierteres Lehrpersonal brauche (um das Frühfranzösisch zu retten). Er hat dabei nicht gemerkt, dass er damit in eine Falle läuft. Denn mit dieser Forderung ist es gleichzeitig erlaubt, die bisherige Leistung der Lehrer in Frage zu stellen: Waren die Französischlehrer bislang ungenügend ausgebildet und zu wenig qualifiziert? Für eine solche Aussage liefert die schwache Studie von Interface keine Datenbasis. «Frechheit», schlug es Markus Eigenmann folgerichtig um die Ohren.
Nun, im zweiten Kommunikationslauf bei der Veröffentlichung der Standortbestimmung, bleibt Eigenmann vage und unverbindlich. Er schreibt: «Auf Basis der Standortbestimmung und der darin identifizierten Handlungsfelder werden nun gemeinsam bis im Sommer 2027 Umsetzungsvarianten zur Weiterentwicklung des Sprachenkonzepts geprüft und ausgearbeitet. Die Umsetzung einer Variante soll nach Möglichkeit per Schuljahr 2030/31 beginnen.»
Auf Basis einer geframten Studie, die keine Opportunitätskosten ausweist und keine Datenbasis zur Qualität der Lehrer und des Unterrichts liefert, ist das Resultat absehbar. Jeder politische Entscheid von Regierungsrat Eigenmann wird zum Eigentor.
Frühfranzösisch ist gescheitert: Nur rund die Hälfte der Kinder erreicht Minimalziele, 30.05.2026 von Lavinia Beck
Vor wenigen Tagen hat die Bildungs-, Kultur- und Sportkommission den lange unter Verschluss gehaltenen Bericht zum Sprachenkonzept publiziert. Die Resultate bestätigen weitgehend, dass Primarschulkinder mit dem Frühfranzösisch überfordert sind und die Lernziele bei weitem nicht erreichen können. Über 50% aller Kinder erfüllen die Grundkompetenzen nicht. Am Ende der Primarschulzeit können viele Schulkinder kaum einen Satz Französisch sprechen. Viele sind frustriert und demotiviert: kein gutes Vorzeichen für ein nachhaltiges Lernen dieser schönen, wichtigen, aber auch schwierigen Sprache.
Die BaZ Journalist*innen Julia Robinson, Nina Jecker und Oliver Sterchi haben einen treffenden Bericht dazu geschrieben. Dieser ist online sowie in der Printausgabe vom 29. Mai 2026 zu finden.
Der vollständige BaZ-Artikel im Wortlaut
«Für den Baselbieter Mitte-Landrat und Bildungspolitiker Pascal Ryf hat sich an diesem Donnerstag bestätigt, was nach seiner Einschätzung schon lange bekannt ist: «Der Weg, wie in unseren Schulen Frühfranzösisch unterrichtet wird, ist definitiv als gescheitert zu betrachten.»
Der Kanton hat heute einen lange unter Verschluss gehaltenen Bericht zum Sprachenkonzept in den Baselbieter Schulen veröffentlicht. Die «Standortbestimmung» liefert auf über 130 Seiten Zahlen, die die Debatte um das Frühfranzösisch neu anheizen dürften. Die Untersuchung zeigt: Ein früheres Einstiegsalter bringt den Kindern keine massgeblichen Vorteile. Stattdessen bleibt der Lernerfolg bescheiden.
Besonders deutlich zeigt sich das Problem beim Erreichen der Grundkompetenzen am Ende der obligatorischen Schulzeit. Laut der kantonalen Auswertung der Überprüfung der Grundkompetenzen 2023 erreichten im Englisch, das ab der 5. Klasse startet, 88 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Grundkompetenzen im Hörverstehen und 77 Prozent im Leseverstehen. Im Französisch, das zwei Jahre früher unterrichtet wird, waren es dagegen lediglich 57 Prozent respektive 52 Prozent. Rund jedes zweite Kind verfehlt also die Minimalziele in Französisch.
Keine wissenschaftlichen Argumente gegen Frühfranzösisch
Noch drastischer fallen die Werte im tiefsten Leistungszug A aus. Dort erreichen im Französisch nur 24 Prozent die Grundkompetenzen im Hörverstehen und lediglich 19 Prozent im Leseverstehen. Im Englisch liegen die Werte derselben Gruppe deutlich höher: 70 Prozent erreichen die Grundkompetenzen im Hörverstehen, 43 Prozent im Leseverstehen.
Der Bericht kommt deshalb zum Schluss: Das Einstiegsalter «isoliert wirkt nicht». Damit bestätigt die Untersuchung teilweise jene Kritik, die Gegner des Frühfranzösisch seit Jahren formulieren. Gleichzeitig widerspricht der Bericht aber auch einer einfachen politischen Schlussfolgerung und betont, es gebe «keine wissenschaftlichen Argumente gegen einen frühen Beginn», sofern der Unterricht kohärent aufgebaut sei und genügend Zielsprachenkontakt stattfinde. Die Unterschiede zwischen Englisch und Französisch würden eher durch Motivation, Alltagsbezug und ausserschulischen Kontakt erklärt als durch das Einstiegsalter allein.
Andere Bildungspolitiker wie SP-Landrat Roman Brunner warnen denn auch vor einer überstürzten Reaktion. Der Bericht liefere keine Argumente gegen Französisch als erste Fremdsprache. Über eine Verschiebung in die 5. Klasse könne man durchaus reden. «Aber dann müsste man klar aufzeigen, mit welchen zusätzlichen Ressourcen dies geschehen soll. Denn eine Verschiebung nach hinten an sich bringt nichts, schliesslich muss der Stoff dann in kürzerer Zeit gelernt werden», sagt Brunner. Umgekehrt dürfe man die Schülerpensen nicht überladen. Die Resultate des Berichts beurteilt der Sozialdemokrat gleichwohl als «ernüchternd». Er habe das «in dieser Deutlichkeit» nicht erwartet.
Strukturelle Probleme beim Französischunterricht
Die Studie zeigt auch deutliche strukturelle Probleme im Französischunterricht. 73 Prozent der Französischlehrpersonen auf der Sekundarstufe I beurteilen die zeitlichen Ressourcen als ungenügend. Vier von fünf Französischlehrpersonen schätzen die Sprachkompetenzen der Schülerinnen und Schüler beim Übertritt von der Primar- in die Sekundarschule als unzureichend ein. Zwei Drittel der Schulleitungen geben ausserdem an, es sei schwierig, qualifizierte Französischlehrpersonen zu finden.
Fast die Hälfte der befragten Lehrpersonen und Schulleitungen im Baselbiet spricht sich zudem für einen späteren Beginn des Französischunterrichts aus. Entweder erst ab der 5. Primarklasse oder sogar erst ab der Sekundarschule. Beim Englisch hingegen will eine grosse Mehrheit am heutigen Modell festhalten.
Auch Mitte-Landrat Ryf findet, dass eine Verschiebung des Französischunterrichts in die 5. Klasse angezeigt sei. Die Schülerinnen und Schüler müssten zuerst «richtig Deutsch und Rechnen» lernen, bevor man ihnen eine Fremdsprache aufbürde. Mit Englisch könne man sogar erst auf der Sekundarstufe beginnen. «Ich erwarte, dass die zuständigen Gremien wie der Bildungsrat oder die Bildungskommission diese neuesten Erkenntnisse nun endlich ernst nehmen», sagt Ryf.
Auch Starke Schule kritisiert Sprachenkonzept
Dezidierte Kritik kommt auch vom Verein Starke Schule beider Basel (SSbB): «Seit Jahren zeichnet sich ab, dass sehr viele Primarschulkinder mit Französisch überfordert sind und die Lernziele bei weitem verfehlen. Viele Kinder können beim Wechsel in die Sekundarschule kaum einen Satz sprechen. Nun wird dies durch diesen Bericht weitgehend bestätigt», sagt Charlotte Höhmann vom SSbB-Vorstand.
Jetzt gelte es, die richtigen Entscheide zu fällen. Unter den bisherigen Bedingungen mit dem Frühfranzösisch weiterzufahren, ist aus Sicht der SSbB keine Option. «Frühfranzösisch ist gescheitert. Es wäre schön, wenn die Verantwortlichen dies akzeptieren und daraus die folgerichtigen Entscheide treffen würden: Verschiebung des Fremdsprachenbeginns auf die Sekundarstufe. Dafür auf der Primarstufe mehr Deutsch, Rechnen und kreative Fächer», so Höhmann.
Und was machen die Behörden? Zu konkreten Massnahmen oder allfälligen Folgen in Zusammenhang mit dem Frühfranzösisch könne man sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht äussern, heisst es bei der Baselbieter Direktion für Bildung, Kultur und Sport (BKSD) auf Anfrage. «Auf Basis der Standortbestimmung und der darin identifizierten Handlungsfelder werden nun bis im Sommer 2027 gemeinsam mit Basel-Stadt Umsetzungsvarianten zur Weiterentwicklung des Sprachenkonzepts geprüft und ausgearbeitet.» Die Umsetzung einer Variante solle jedoch nach Möglichkeit per Schuljahr 2030/31 beginnen. Der Bericht nennt seinerseits als mögliche Lösungsvorschläge Austauschprogramme oder auch mehr Unterricht in der Zielsprache. Die Debatte ums Frühfranzösisch ist also noch lange nicht vorbei, sie fängt wohl erst richtig an.»
Klare Position der Starken Schule beider Basel
Der Bericht bestätigt in bemerkenswerter Deutlichkeit die bestehenden Probleme des heutigen Sprachenkonzepts. Umso wichtiger ist nun, dass die Resultate nicht relativiert werden, sondern grundsätzliche Änderungen schnell umgesetzt werden.
Die SSbB erachtet eine Verschiebung des Französischunterrichts auf die Sekundarstufe als zwingend erforderlich. Damit könnten die Schüler/-innen zunächst den Fokus auf die Fächer Deutsch und Mathematik legen, bevor eine weitere Fremdsprache dazukommt. Gleichzeitig würde der Französischunterricht in einem Alter stattfinden, in dem Jugendliche sprachlich und schulisch deutlich aufnahmefähiger sind.
Aus diesem Grund lancierte die SSbB bereits im Oktober 2025 die kantonale Volksinitiative «Zwei Fremdsprachen an der Primarschule sind zu viel». Zurzeit werden die Unterschriften gesammelt.
Philipp Loretz: Sicht der Lehrerschaft, 04.05.2026 von Charlotte Höhmann
An der Medienkonferenz zum Fremdsprachenkonzept, zur Ausbildung der Lehrpersonen und zur integrativen Schule hat sich eine parteiübergreifende Gruppe aus Politikern und Politikerinnen sowie Bildungsexperten und Bildungsexpertinnen geäussert. Folgend finden Sie das lesenswerte Statement von Philipp Loretz, Präsident des Lehrerinnen- und Lehrerverbandes Baselland, welches auf sieben zentrale Themen eingeht.
Zurück zum Kernauftrag der Schule
1. Reduce to the max! Es scheint fast ein Naturgesetz zu sein: Taucht ein gesellschaftliches Problem auf, folgt reflexartig der Ruf nach einem neuen Schulfach: PISA-Schock? Frühfremdsprachen! Verschuldung junger Erwachsener? Finanzkompetenz! Die Folge: Der Fächerkanon wächst stetig – Frühfranzösisch, Frühenglisch, ERG, BNE, WAH, M&I – doch gestrichen wird kaum etwas. Das Additive dominiert, Subtraktion wird zum Fremdwort. Die Konsequenz zeigt sich in überladenen Lehrplänen. Sie fördern Beliebigkeit, verhindern Tiefgang und erschweren einen systematischen, stufenübergreifenden Aufbau. Die Volksschule gerät zunehmend in einen politisch verordneten Sightseeing-Modus: antippen, wischen, weiter.
2. Sprachzerfall ist Realität: Nach der Primarschule beherrschen viele Schüler/-innen den elementaren Grundwortschatz nicht sicher. Auf der Sekundarstufe I lassen sich diese Lücken kaum mehr schliessen. Nicht wenige Kinder haben während der gesamten Primarschulzeit zuhause kein einziges Buch gelesen – die Leseabstinenz setzt sich fort. Selbst in leistungsstarken Klassen zeigen Texte häufig grundlegende Defizite in Wortschatz, Struktur und Rechtschreibung.[1]
3. Kernauftrag Unterrichtssprache: Dabei ist klar: Leseverständnis basiert auf einem breiten Wortschatz und fundiertem Vorwissen. Vielen Jugendlichen fehlen buchstäblich Tausende gelesener Seiten. Die Unterrichtssprache – die Sprache vor Ort – ist der Schlüssel zu emotionalem Lernen, gesellschaftlicher Teilhabe, Integration in den Arbeitsmarkt und einem selbstbestimmten Leben. Angesichts dieser Bedeutung ist es pädagogische Pflicht, alle Kinder gezielt und intensiv in der Unterrichtssprache zu fördern. Nicht eine halbherzige Fünfsprachigkeit[2] ist das Ziel, sondern ein sicheres Beherrschen der Unterrichtssprache. Das gehört zum Kernauftrag der Schule.
4. Konsequenzen und Forderungen: Die entscheidende Frage lautet: Würden wir die bestehenden Fächer, Konzepte, Reformen nochmals einführen, wenn es sie noch nicht gäbe? Lautet die Antwort nein, müssten sie konsequenterweise gestrichen werden. Konsequent zu Ende gedacht heisst das: Die Überfrachtung der Primarschule ist zu beenden. Wir müssen uns darauf besinnen, was für Lehrer/-innen und Schulkinder tatsächlich leistbar ist. Der Blick ist konsequent auf den Grundauftrag der Schule zu richten. Dafür braucht es gestraffte, konkrete und altersgerechte Lehrpläne. Jürgen Kaube bringt es prägnant auf den Punkt: «Was muss Schule? Sie muss die Schüler lesen, schreiben, rechnen und selber denken lehren.»[3]
5. Belastungsfaktor Integrative Schule: Verhaltensauffälligkeiten stellen laut Peter Sonderegger, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, «das Maximum an Belastung für die Lehrpersonen»[4] dar. In Beratungsgesprächen mit Lehrpersonen, die sich an den Lehrerinnen- und Lehrerverein Baselland (LVB) wenden, zeigt sich zunehmend ein Bild von Erschöpfung, Resignation bis hin zur Verzweiflung. Die Zahlen bestätigen dies: 82,4% der Lehrpersonen der Primarstufe und 72,3% der Sekundarstufe I bezeichnen stark verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche als Belastungsfaktor. Auch 70,6% der schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen erleben dies so[5].
Gleichzeitig erklären zahlreiche Vertreterinnen und Exponenten aus Pädagogischen Hochschulen und der Hochschule für Heilpädagogik – häufig ohne eigene Unterrichtserfahrung – den Praktikerinnen und Fachleuten die Realität. Frei nach dem deutschen Kabarettisten Rolf Miller: «Der Idealismus wächst mit der Entfernung zum Problem.»
6. Praxisferne Lehrerbildung: Die Unzufriedenheit mit der Lehrerbildung ist kein Mythos: Rückmeldungen von Studierenden und aus der Praxis zeigen einen ungenügenden Praxisbezug. Im Kanton Basel-Landschaft wurde dies politisch erkannt. Der Vorstoss «Mehr Praxisbezug in der Primarschulausbildung – neuer Ausbildungsweg für Lehrpersonen»[6] wurde mit 77:2 bei 0 Enthaltungen überwiesen – ein klares Signal. Ein SP‑Vorstosspaket[7] fordert zudem «Mehr Praxisbezug im Lehrkörper der PH FHNW» und «Mehr Lehre statt Forschung». Der Hinweis der PH-FHNW-Leitung auf den hohen Praktikumsanteil greift zu kurz. Praxisnähe lässt sich nicht einfach auslagern. Wer Lehrpersonen ausbildet, muss die schulische Realität aus eigener, mehrjähriger und erfolgreicher Unterrichtserfahrung kennen. Deshalb fordert der LVB, dass alle Dozierende für Fachdidaktik über entsprechende Unterrichtserfahrung in den Fächern und Stufen verfügen, für die sie ausbilden.
7. Forschung in der Kritik: Sozialforschung im Bildungsbereich ist keine exakte Wissenschaft. Designfehler, Verzerrungen und widersprüchliche Befunde gehören dazu. Dennoch wird mit «Evidenz» oft gearbeitet, als wäre sie unfehlbar. Eine breit angelegte Metastudie aus dem Jahr 2022[8] kommt etwa zum Schluss, dass für separativ beschulte Kinder mit besonderem Bildungsbedarf weder bei Leistungen noch bei Diskriminierung ein Nachteil nachweisbar ist.[9] Das zeigt: Die Realität ist differenzierter als viele integrationspolitische Annahmen und Postulate. Empirische Befunde sollten daher nicht vorschnell als gesichert gelten. Praktiker/-innen sind gut beraten, Studien kritisch auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen – und sich immer wieder zu fragen: «Kann das sein?»[10]
In diesem Sinne gehört Prof. Dr. Raphael Berthele zu jenen Forschenden, die für methodisch saubere Evidenz[11] einstehen. Er fordert strenges wissenschaftliches Arbeiten statt spekulativer Annahmen. Felix Schmutz, ein Basler Lehrer mit langjähriger Berufserfahrung, fasst dies so zusammen: «Die Gefahr der Pseudowissenschaft besteht darin, aus Ignoranz falsche Empfehlungen an die Politik abzugeben, bei unsicherer Evidenz pädagogische Innovationen auszulösen, die zum Scheitern verurteilt sind, und der eigenen Disziplin zu schaden, indem man schlechte Wissenschaft und vage Theorien verbreitet und Studien so zurechtbiegt, dass sie die eigenen Überzeugungen bestätigen.»[12].
Teilnehmende der Medienkonferenz
An der Medienkonferenz haben folgende Personen teilgenommen: Dr. phil. Carl Bossard, Yasmine Bourgeois, Dr. phil. Beat Kissling, Prof. Dr. phil. Allan Guggenbühl, Philipp Loretz, Res Schmid, Christine Staehelin M.A. und Roland Stark. Bis heute haben wir die äusserst interessanten Statements von Carl Bossard und Christine Staehelin publiziert, weitere folgen.
[1] https://lvb.ch/wp-content/uploads/2025/10/09_Anhaltende-Lese-und-Sprachkrise-im-Klassenzimmer-Warum-die-UeGK-Ergebnisse-alarmierend-sind_lvb-inform-25-26-01.pdf
[2] Fünfsprachigkeit: Muttersprache , Dialekt, Französisch, Englisch und allenfalls ortsfremde Muttersprache (im Kanton Basel-Landschaft sind 37% der Kinder, die die Volkschule besuchen, fremdsprachig. Tendenz steigend.)
[3] Vgl. Jürgen Kaube (2019), Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder? Berlin: Rowohlt, S. 97, 85ff.; 109ff.
[4] https://www.srf.ch/play/tv/10-vor-10/video/integratives-schweizer-schulsystem-belastet-lehrerschaft?urn=urn:srf:video:64128911-f359-4773-8100-dce30dbef3dc
[5] Roger von Wartburg, LVB-Mitgliederbefragung, «Belastungsfaktoren im Lehrberuf», lvb inform 2022/23-02
[6] https://gruene-bl.ch/blog/vorstoesse/mehr-praxisbezug-in-der-primarschulausbildung-neuer-ausbildungsweg-fuer-lehrpersonen-ist-dringend-notwendig-einfuehrung-einer-dualen-ausbildung
[7] https://sp-bl.ch/vorstosspaket-paedagogische-hochschule-verbessern/
[8] The effects of inclusion on academic achievement, socioemotional development and wellbeing of children with special educational needs
[9] https://condorcet.ch/2024/06/16968/
[10] https://lvb.ch/wp-content/uploads/2025/04/02_Editorial-Im-Namen-der-Evidenz_lvb-inform_2024-25-03.pdf
[11] Prof. Dr. R. Berthele, Policy recommendations for language learning: Linguists’ contributions between scholarly debates and pseudoscience
[12] https://condorcet.ch/2020/02/wissenschaft-und-pseudowissenschaft-in-der-sprachdidaktik/
Die bz berichtet über die Kritik am Bericht Sprachenkonzept, 29.04.2026 von Charlotte Bally
Derzeit gibt es um den Bericht zur Standortbestimmung des Sprachenkonzepts grosse Disskusionen. Die Starke Schule beider Basel (SSbB) hat mit einem kritischen Artikel dazu Stellung bezogen. Der bz Journalist Luis von Gunten führte ein Interview mit Charlotte Höhmann. Daraus entstand ein spannender Text, welcher die wichtigsten Kritikpunkte über den Standortbericht zusammenfasst. Dabei wird deutlich, dass viele der vorgeschlagenen Lösungen, wie mehr Austauschprogramme oder Immersionsunterricht, in der Praxis an fehlenden Ressourcen und organisatorischen Einschränkungen scheitern.
Der Artikel im Wortlaut (Quelle: bz – die Zeitung für die Region Basel, vom 22.4.2026)
Wegen Französisch in der Bredouille
Der neue Baselbieter Bildungsdirektor Markus Eigenmann steht bereits in der Kritik wegen der Schulsprachpolitik. Das Thema ist emotional und bewegt die ganze Schweiz. Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider bezeichnete es als «Affront», weil es in einigen Kantonen schon beschlossen ist: Die Abschaffung des Frühfranzösisch. Das Fremdsprachenkonzept an der Volksschule ist auch im Baselbiet umstritten. Von der Wahl Markus Eigenmanns zum neuen Bildungsdirektor haben sich einige erhofft, er möge die Abschaffung des Frühfranzösisch vorantreiben. Nach dessen 100-Tage-Medienkonferenz ist die Hoffnung jedoch der Kritik gewichen.
Gegen Frühfranzösisch im Wahlkampf
Noch im Wahlkampf hätte Eigenmann starke Signale gegen das Frühfranzösisch gesendet, sagt Charlotte Höhmann, Vorstandsmitglied im Verein «Starke Schulen beider Basel». Für sie sei klar gewesen, dass Eigenmann das Französisch ab der 3. Klasse abschaffen wolle und für einen Start ab der Sekundarstufe offen sei. Dahingehend hatte sich Eigenmann auch im Wahlkampf im vergangenen Herbst geäussert. Die Ziele des Sprachkonzepts würden klar nicht erreicht und es brauche Änderungen: «Ob das eine komplette Abschaffung des Französischunterrichts auf der Primarstufe oder ein späterer Beginn mit mehr Wochenlektionen sein wird, ist für mich noch offen.«, zitierte Keystone-SDA den Freisinnigen.
An der Medienkonferenz vor Wochenfrist zu seinen ersten 100 Tagen im Amt hat Eigenmann sein Regierungsprogramm vorgelegt. Eines von drei Hauptanliegen ist eine bessere Fremdsprachenkompetenz in der Volksschule. In Bezug auf Frühfranzösisch äussert sich Eigenmann nun vorsichtiger: Der Startzeitpunkt sei nicht entscheidend, sondern nur ein Faktor unter vielen. Die Diskussion darauf zu reduzieren wäre falsch, sagte Eigenmann an der Medienkonferenz. Und: «Ein Verbleib im Harmos-Konkordat wird angestrebt». Darüber hinaus verweist Eigenmann auf den Bericht «Standortbestimmung Sprachenkonzept». Der Bericht wurde bereits Ende Dezember fertiggestellt, ist aber in voller Länge noch nicht öffentlich. Auch das sorgt für Kritik.
Bildungsdirektion hält Studie zurück
«Das ist eine andere Kommunikation als vor den Wahlen», sagt Charlotte Höhmann. Der Verein macht nun mit einem Gesuch Druck auf die Veröffentlichung des Berichts. «Offensichtlich enthält dieser Inhalte, die für die Verantwortlichen politisch oder administrativ heikel sind und daher nur zögerlich publik gemacht werden sollen.», mutmasst Höhmann. Dem Verein liegt aber die Kurzfassung des Berichts vor. Auf dessen Basis hat «Starke Schule» Kritik formuliert.
«Der Bericht zeigt zwar die Probleme auf, schlägt jedoch Massnahmen vor, die nicht umsetzbar und völlig realitätsfremd sind.», bemängelt Höhmann. So fordere der Bericht etwa, dass Austauschprogramme zwischen deutsch- und französischsprachigen Klassen ausgebaut und obligatorisch werden sollen. Das klinge plausibel, scheitere aber in der Praxis daran, dass es deutlich weniger französisch- als deutschsprachige Partnerklassen gebe.
Auch die Forderung nach mehr Immersionsuntericht, also dass Sachfächer wie Geschichte oder auch Sport in einer Fremdsprache unterrichtet werden, sei zwar auf dem Papier wirksam. Aber das setzte eine so hohe Sprachkompetenz der Lehrpersonen voraus, wie das bei vielen nicht der Fall sei. Eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität zeige sich auch im Vorschlag, mehr Halbklassenunterricht einzuführen. Das sei zwar sinnvoll, aber schon heute fehle es in der Primarschule an qualifiziertem Lehrpersonal und finanziellen Mitteln, um das umzusetzen.
Die Erkenntnisse des Berichts müssten in eine andere Richtung führen, ist Höhmann überzeugt: «Es ist überfällig, dass die Reissleine gezogen und das Fremdsprachenkonzept grundlegend korrigiert wird. Das bedeutet: Nur noch eine Fremdsprache ab der fünften Primarklasse.» Der Verein kritisiert seit längerem den frühen Sprachunterricht und hat letzten Oktober eine kantonale Initiative lanciert. Diese fordert, dass Englisch ab der 5. Klasse und Französisch erst ab der Sekundarstufe unterrichtet wird.
Grosser Handlungsbedarf
Der Artikel verdeutlicht, wie gross der Handlungsbedarf im aktuellen Fremdsprachenkonzept der Primarschulen ist und dass die bestehenden Konzepte angepasst werden müssen. Zwar wirken die vorgeschlagenen Massnahmen sinnvoll, doch in der Praxis sind sie praktisch nicht umsetzbar und komplett realitätsfremd. Man sollte einen anderen Ansatz wählen und den Fremdsprachenunterricht erst ab der fünften Primarklasse beginnen. Die bisherigen Ergebnisse mit dem Frühfranzösisch gelten als unbefriedigend und die Belastung für die Schülerinnen und Schüler als zu hoch.
Frühfranzösisch im Baselbiet: BaZ berichtet über Kritik und offene Fragen, 24.04.2026 von Charlotte Bally
Der neue Bildungsdirektor Markus Eigenmann steht bereits nach 100 Tagen unter Druck. Die zentrale Frage ist, ob er sein Wahlversprechen zum Frühfranzösisch gebrochen hat. Ein wichtiger Bericht zum Fremdsprachenkonzept liegt seit Monaten bereit, ist aber für die Öffentlichkeit nur teilweise zugänglich. Die Starke Schule beider Basel (SSbB) fordert seit Langem eine vollständige Veröffentlichung sowie eine Korrektur des Fremdsprachenkonzepts. Auch aus der Politik und aus Bildungskreisen wächst die Kritik. Der BaZ-Journalist Benjamin Wirth hat die aktuelle Lage präzise und gut verständlich aufgearbeitet. Sein überzeugender Text in der Basler Zeitung von gestern ordnet verschiedene Stimmen ein und arbeitet die entscheidenden Punkte klar heraus, ohne sich in Details zu verlieren.
Der vollständige BaZ-Artikel im Wortlaut (Quelle: Basler Zeitung vom 23.04.2026)
«Markus Eigenmann unter Druck: Bricht der Bildungsdirektor gerade ein Wahlversprechen?
Im Baselbieter Bildungswesen rumort es, Markus Eigenmann wird kritisiert – unter anderem soll der Regierungsrat einen öffentlich relevanten Bericht unter Verschluss halten.
Es gehört zu den Eigenschaften von Politikern, die Wähler während eines Wahlkampfs mit grossen Versprechen zu ködern. Die Frage ist: Was kommt danach? In dieser Hinsicht ist der Ruf der Politiker zweifelhaft, häufig heisst es, dass die Gewählten den wohlklingenden Ansagen keine Taten folgen lassen würden – ein Vorwurf, mit dem gegenwärtig auch der Baselbieter Bildungsdirektor Markus Eigenmann (FDP), seit wenigen Monaten im Amt, konfrontiert ist.
Wenn es um das Sprachenkonzept und speziell die Debatte ums Frühfranzösisch geht, bekommt er gerade viel Gegenwind. Erstmals wird an seinem Wirken im Regierungsrat deutliche Kritik laut: Die Starke Schule beider Basel, der Verein, der in der Region immer wieder mit markanten bildungspolitischen Zwischenrufen auf sich aufmerksam macht und sich zum Beispiel gegen das Frühfranzösisch wehrt, moniert seit einigen Tagen, Eigenmann breche sein Wahlversprechen.
In der «Basellandschaftlichen Zeitung» sagte Vorstandsmitglied Charlotte Höhmann, dass der Bildungsdirektor noch im Wahlkampf «starke Signale» gegen das Sprachenkonzept gesendet habe. Sie habe sich daher erhofft, er werde die Abschaffung des Frühfranzösisch vorantreiben. Davon sei jetzt allerdings nichts mehr zu spüren. Eigenmann habe eine Kehrtwende vollzogen.
Experten kritisieren Frühfranzösisch
Dazu muss man wissen: Der Nutzen des Frühfranzösisch an der Primarschule wird im ganzen Land hinterfragt. Auch in der Region Basel hat sich ziemlich einhellig die Haltung verbreitet, dass es Anpassungen braucht. Wiederholt haben hiesige Bildungspolitiker und Experten das Konzept infrage gestellt – zum Beispiel sagte Philipp Loretz, Präsident des Lehrvereins Baselland (LVB), in einem Interview mit der BaZ, dass der Mehrwert der heutigen Praxis in keiner Weise nachgewiesen sei.
Die Starke Schule beider Basel hat vergangenen Herbst sogar eine Initiative lanciert, die verlangt, das System umzukrempeln. Man fordert, dass ab der fünften Klasse Englisch unterrichtet wird und der Französischunterricht erst in der Sekundarschule beginnt. Und tatsächlich hat Markus Eigenmann während des Wahlkampfs im letzten Jahr ebenfalls Kritik durchblicken lassen. Mehrmals sagte er, dass er offen für Änderungen sei, obschon man darüber diskutieren könne, ob es eine komplette Abschaffung des Französischunterrichts auf der Primarstufe oder einen späteren Beginn mit mehr Wochenlektionen benötige. Jedenfalls, betonte er, seien die Ziele des Baselbieter Sprachkonzepts nicht erreicht worden. Inzwischen äussert sich der Bildungsdirektor zurückhaltender. Man dürfe die Debatte um das Sprachenkonzept nicht nur auf das Frühfranzösisch fokussieren, meinte er an einer Pressekonferenz vor wenigen Tagen. Zudem sei der französischen Sprache gerade in der Region Basel mit Grenzen zum französischsprachigen Raum viel Sorge zu tragen.
Bricht der Bildungsdirektor da gerade ein Wahlversprechen?
Die Starke Schule beider Basel befürchtet vor allem, dass Eigenmann die Probleme ums Frühfranzösisch hinausschiebt – eine Angst, die auch andere teilen. Landrat Pascal Ryf (Mitte) übt ebenfalls Kritik und sagt: «Die Hoffnungen in Frühfremdsprachen wurden massiv überschätzt. Der Regierungsrat muss jetzt handeln.»
Bildungsdirektor muss sich erklären
Um den Druck auf Eigenmann zu erhöhen, wird Ryf am Donnerstag zwei Vorstösse einreichen. Darin geht es unter anderem auch um die Standortbestimmung, die beide Basel vergangenes Jahr lanciert haben. Der Bericht, der wichtige Erkenntnisse zum Fremdsprachenkonzept liefern soll, ist zwar seit Dezember fertig, doch der Öffentlichkeit noch immer nicht im Detail bekannt. In Politikerkreisen kursiert zwar eine Kurzfassung, die vollständige Version haben selbst Insider aber noch nicht gesehen. Für Ryf unverständlich. Er kritisiert: «Dieses Vorgehen erschwert eine breite fachliche und politische Diskussion und weckt Zweifel an der Transparenz des Prozesses.» Man müsse jetzt und nicht erst am Ende darüber informiert werden.
Laut der Starken Schule beider Basel ist der Kurzfassung zwar zu entnehmen, dass die Probleme durchaus aufgezeigt werden. Doch die vorgeschlagenen Massnahmen seien kaum umsetzbar. Zum Beispiel werde gefordert, dass Austauschprogramme zwischen deutsch- und französischsprachigen Klassen obligatorisch werden sollten. Dass es deutlich weniger französisch- als deutschsprachige Partnerklassen gebe, werde hingegen ignoriert.
Auf Nachfrage bei der Bildungsdirektion und bei Markus Eigenmann äussert man sich vorsichtig. Sprecherin Rebekka Gysel erläutert einerseits, dass zurzeit noch unklar sei, welche der im Bericht aufgezeigten möglichen Massnahmen wirklich umgesetzt würden. Andererseits werde die Standortbestimmung aktuell verschiedenen bildungspolitischen und schulinternen Anspruchsgruppen vorgestellt – in der nächsten Phase sollen mehrere «Umsetzungsvarianten» erarbeitet und bewertet werden. Und voraussichtlich in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres sollen diese für alle zugänglich gemacht werden. So oder so ist nun klar, dass sich Eigenmann zumindest dem Parlament erklären muss.«
Wie lange will die Regierung beim Frühfranzösisch auf Zeit spielen?
Die Kurzfassung des Berichts «Standortbestimmung Fremdsprachenkonzept» und die aktuelle Diskussion zeigen ein bekanntes Bild: Die Probleme beim Frühfranzösisch sind seit Jahren offenkundig, trotzdem lassen konkrete Lösungen auf sich warten. Besonders kritisch ist der Umgang mit dem vollständigen Bericht, der als Grundlage für weitere Entscheide dienen sollte und bis mindestens zum Sommer 2026 unter Verschluss bleiben soll. Wenn zentrale Informationen zurückgehalten werden, wird eine offene und sachliche Diskussion behindert. Gerade in der Bildungspolitik sind Transparenz und Klarheit jedoch wichtig.
Für die SSbB ist die Situation eindeutig: Viele Primarschülerinnen und -schüler erreichen mit dem heutigen System im Fach Französisch nicht die gewünschten Lernziele. Gleichzeitig werden wertvolle Unterrichtszeit und Ressourcen verbraucht. Ein späterer Beginn des Französischunterrichts würde ein gezielteres und erfolgreicheres Arbeiten ermöglichen. Englisch soll weiterhin früh unterrichtet werden, da diese Sprache im Alltag und im späteren Berufsleben eine zentrale Rolle spielt.
Hinzu kommt die politische Dimension: Im Wahlkampf wurden grosse Erwartungen geweckt, heute rudert der Bildungsdirektor sichtbar zurück. Wer Verantwortung übernimmt, muss sich an seinen Aussagen messen lassen. Es braucht jetzt klare Entscheide und eine konsequente Umsetzung. Weitere Verzögerungen helfen niemandem – am wenigsten den Schülerinnen und Schülern.
Interface-Studie zu Frühfranzösisch: Gefälligkeitsbericht?, 23.04.2026 von Charlotte Bally
Der Bericht „Standortbestimmung Fremdsprachenkonzept“ sorgt im Baselbiet für anhaltende Diskussionen. Besonders kritisch wird die Wahl des beauftragten Forschungsbüros Interface hinterfragt. Statt einem universitären Fachinstitut wurde einem privaten Evaluationsunternehmen den Untersuchungsauftrag vergeben. Dies wirft grundsätzliche Fragen zur Unabhängigkeit der Untersuchung und zur Aussagekraft der Ergebnisse auf.
Die Starke Schule beider Basel (SSbB) stellt im Zusammenhang mit dem Bericht „Standortbestimmung Frühfranzösisch“ eine zentrale Frage: Warum wurde diese Studie nicht von einem universitären Institut wie dem Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg durchgeführt?
Zwei unterschiedliche Möglichkeiten Forschung zu betreiben
Interface ist ein privates Forschungs- und Beratungsunternehmen, das im Auftrag von Bund, Kantonen und anderen Institutionen arbeitet und Studien sowie Evaluationen erstellt, die direkt in politische Entscheidungsprozesse einfliessen. Die Fragestellungen werden dabei in enger Abstimmung mit den Auftraggebern festgelegt, wodurch diese bereits früh Einfluss darauf haben, welche Aspekte untersucht werden und wie der Rahmen der Studie gesetzt wird. Demgegenüber steht das Institut für Mehrsprachigkeit der Universität Freiburg. Als Teil einer öffentlichen Universität arbeitet es wesentlich unabhängiger von konkreten politischen Aufträgen.
Diese Unterschiede sind zentral, weil sie zeigen, dass es nicht nur um zwei Organisationen geht, sondern um zwei unterschiedliche Arten, wie Forschung betrieben wird. Forschung im Auftrag ist eng an politische Bedürfnisse gebunden und darauf ausgerichtet, Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Universitäre Forschung arbeitet stärker unabhängig und ist in erster Linie darauf ausgerichtet, neues Wissen zu erarbeiten.
Die entscheidende Frage nach dem Einfluss
Die Kritik richtet sich weniger gegen einzelne Resultate der Studie, sondern gegen die Bedingungen, unter denen sie entstanden ist. Bei einer Auftragsstudie werden nicht nur Daten erhoben und ausgewertet, sondern bereits im Voraus festgelegt, welche Fragen gestellt werden und welche Kriterien im Zentrum stehen. Dadurch wird der Rahmen der Untersuchung wesentlich durch den Auftraggeber mitbestimmt.
Interface versichert zwar methodische Sorgfalt und transparente Arbeitsweise. Dennoch bleibt bestehen, dass der Bericht im Auftrag einer politischen Behörde entstanden ist. Diese strukturelle Nähe zum Auftraggeber kann dazu führen, dass bestimmte Themen stärker gewichtet werden, während andere weniger sichtbar bleiben oder gar nicht erst in den Fokus rücken.
Gerade in der Bildungspolitik ist das von grosser Bedeutung, weil solche Studien häufig die Grundlage für weitreichende Entscheide bilden, die Schüler/-innen, Lehrpersonen und Schulen direkt betreffen.
Offene Frage zur Wahl der Forschungsinstitution
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob der Bericht „Standortbestimmung Fremdsprachenkonzept“ unter der Leitung eines universitären Instituts anders ausgefallen wäre. Ein Fachinstitut wie jenes der Universität Freiburg arbeitet weniger direkt im Auftrag der Politik und kann seine Forschung stärker an wissenschaftlichen Fragestellungen ausrichten, ohne dass politische Erwartungen den Rahmen im Vorhinein definieren.
Die eigentliche Diskussion betrifft damit nicht nur den Inhalt der Studie, sondern auch die Wahl der Institution, die sie getroffen hat. Diese Entscheidung ist nicht rein technisch, sondern hat Auswirkungen darauf, aus welcher Perspektive ein Thema analysiert wird und welche Aspekte dabei sichtbar werden.
Frühfranzösisch: ein politischer Irrtum, 22.04.2026 von Pascal Ryf
Die Standortbestimmung zum Sprachenkonzept wirkt wie eine Absicherung des Bestehenden. Kein Wunder, sitzen doch in der Verwaltung seit Jahren Entscheidungsträger, die das Frühfranzösisch-Konzept eingeführt haben. Trotz schwacher Resultate und sinkender Motivation bleibt im Bericht die zentrale Frage unbeantwortet, ob Frühfranzösisch unter realen Bedingungen überhaupt funktioniert. Die Antwort ist längst offensichtlich. Es ist Zeit, dies auch politisch einzugestehen.
Wenn Fakten ignoriert werden
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Schülerinnen und Schüler erzielen in Englisch klar bessere Leistungen als in Französisch – bei gleichzeitig deutlich höherer Motivation. Französisch ist für viele zum Frustfach geworden. Nach über zehn Jahren Erfahrung müsste dies eine grundlegende Kurskorrektur auslösen. Stattdessen werden die Probleme relativiert. Der Bericht beschreibt die Probleme, weigert sich aber, sie ernst zu nehmen.
Ein Modell fern der Realität
Selbst der Bericht räumt ein, dass der frühe Beginn keinen entscheidenden Vorteil bringt. Gleichzeitig wird argumentiert, Frühfranzösisch könne unter idealen Bedingungen wirken: mit mehr Unterrichtszeit, konsequenter Zielsprache und optimalen Rahmenbedingungen. Doch genau diese Voraussetzungen existieren im Schulalltag nicht. Wer trotzdem daran festhält, argumentiert nicht mit der Realität, sondern mit Wunschdenken. Was theoretisch plausibel klingt, scheitert in der Praxis.
Die falschen Prioritäten
Teilhabe an der Gesellschaft und beruflicher Erfolg hängen in erster Linie vom sicheren Beherrschen der Sprache vor Ort ab – bei uns Deutsch. Gleichzeitig ist gut belegt, dass solide Kompetenzen in der Schulsprache die Grundlage für den Wissenserwerb in allen Fächern sind. Genau hier zeigen sich jedoch wachsende Defizite. Statt die Primarstufe auf diese Schlüsselkompetenzen zu fokussieren, wird sie mit einem überladenen Fremdsprachenkonzept zusätzlich belastet. Das ist keine evidenzbasierte Bildungspolitik, sondern das Festhalten an einem Irrtum. Es ist Zeit für einen Kurswechsel: weniger Ideologie, mehr Realitätssinn – und der Mut, Frühfranzösisch als gescheitert zu erkennen.
Bildungsdirektion kommt zunehmend stärker unter Druck, 22.04.2026 von Charlotte Höhmann
Morgen Donnerstag reicht Landrat Pascal Ryf (Die Mitte) betreffend «Standortbericht Fremdsprachenkonzept» eine Interpellation mit kritischen Fragen ein. Er bemängelt die Geheimhaltung des Berichts scharf. Mit der Weigerung, den Bericht zu veröffentlichen, hat sich Regierungsrat Markus Eigenmann ein Ei gelegt.
Die Interpellation im Wortlaut
Die Grundlage des geltenden Sprachenkonzepts mit zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe bildet die EDK-Sprachenstrategie von 2004. Diese wurde unter anderem mit neuropsychologischen Argumenten begründet, wonach frühes Lernen für den Spracherwerb «besonders wichtig und profitabel» sei, effizienter verlaufe, günstige Voraussetzungen für das Erlernen weiterer Sprachen schaffe und Strategien des Sprachenlernens fördere. Diese Annahme beruht jedoch auf einer Vermischung von natürlichem Spracherwerb bei sehr hoher Kontaktzeit mit schulischem Fremdsprachenlernen mit wenigen Wochenlektionen; beide Lernkontexte sind wissenschaftlich nicht vergleichbar. Erkenntnisse des natürlichen Spracherwerbs dürfen daher nicht zur Rechtfertigung von frühem schulischem Fremdsprachenunterricht herangezogen werden.
Internationale und nationale Forschung zeigt seit Jahren, dass ein früher schulischer Fremdsprachenbeginn keinen nachweisbaren Vorteil gegenüber einem späteren Einstieg bringt und dass die Hoffnungen in Frühfremdsprachen massiv überschätzt wurden. Ein wirksamer Mehrwert wäre nur unter sehr spezifischen, im Volksschulalltag unrealistischen Bedingungen zu erwarten (muttersprachliche Lehrpersonen, kleine Klassen, viel höhere Kontaktzeit, viel höhere Lektionendotation pro Fremdsprache).
Erziehungswissenschaftliche Forschung betont zudem, dass sprachliche Fähigkeiten in der Unterrichtssprache zentral für emotionales Lernen, Selbstregulation, Schulerfolg und gesellschaftliche Teilhabe sind. Dennoch bleibt die Primarstufe mit zwei Fremdsprachen, komplexen Lehrplänen und zahlreichen Zusatzaufgaben überfrachtet, während die Grundkompetenzen in Deutsch gemäss Bildungsberichten und ÜGK-Resultaten abnehmen und rund 25% der Volksschulabgänger nicht in der Lage sind, einem einfachsten Text die relevanten Informationen zu entnehmen. Ferner lag der Anteil fremdsprachiger Kinder in der obligatorischen Schule gemäss Bildungsbericht 2023 im Kanton BL bei 37% lag. Tendenz steigend.
Vor diesem Hintergrund stellen sich grundlegende Fragen zur wissenschaftlichen Grundlage, zur pädagogischen Angemessenheit und zur Transparenz des Vorgehens der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) bei der Weiterentwicklung des Sprachenkonzepts. Der im Kurzbericht «Sprachkonzept Policy Brief» der Firma Interface aufgeführte Massnahmenkatalog, der offenbar auf der Grundlage des unter Verschluss gehaltenen Gesamtberichtes beruht, vermittelt gemäss kritischen Analysen den Eindruck, eher der Absicherung des bestehenden Frühfremdsprachenkonzepts zu dienen, als die Wirksamkeit unter realen schulischen Bedingungen kritisch zu beurteilen. Die angekündigte Veröffentlichung von Varianten zur Verbesserung der Französischkompetenzen voraussichtlich im Herbst 2026 ohne vorgängige Offenlegung des vollständigen Berichts von Interface erschwert eine breite fachliche und politische Diskussion und weckt Zweifel an der Transparenz des Prozesses.
Gestützt darauf bitte ich den Regierungsrat, folgende Fragen zu beantworten:
1. Weshalb wird der vollständige, mit öffentlichen Mitteln finanzierte Interface-Bericht zur Standortbestimmung nicht bereits heute veröffentlicht, sondern erst zusammen mit den Varianten im Herbst 2026?
2. Interface ist ein privates Beratungsunternehmen, das auf seiner Website ausdrücklich hervorhebt, auf Kundenbedürfnisse fokussiert zu arbeiten. Wie lautet der genaue Wortlaut des Auftrags der BKSD an Interface (inklusive Zielsetzung, Fragestellungen, erwartete Produkte, Vorgaben zur Literaturauswahl und zur Darstellung von Alternativen)?
3. Welche Rolle und welches Gewicht hatten Studien der Pädagogischen Hochschulen (PHs), insbesondere solche, welche die von ihnen selbst vertretene Mehrsprachigkeitsdidaktik und das Frühfremdsprachenkonzept stützen?
4. Gibt es nach Kenntnis des Regierungsrats auch nur eine belastbare Studie, welche die Wirksamkeit des frühen schulischen Fremdsprachenunterrichts unter realistischen Volksschulbedingungen zweifelsfrei belegt?
5. Wie wurden die Rückmeldungen an der Validierungskonferenz vom 3.12.25 von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung sowie und der Lehrpersonen – die nicht nur theoretisch, sondern aus der Praxis berichten können – gewichtet?
6. Wie gewichtet der Regierungsrat die Bedeutung solider Kompetenzen in der Unterrichtssprache Deutsch im Vergleich zu zusätzlichen Fremdsprachen auf der Primarstufe – insbesondere im Hinblick auf Schulerfolg, Integration und berufliche Perspektiven?
7. Wie stellt der Regierungsrat sicher, dass bei der Weiterentwicklung des Sprachenkonzepts nicht die Verteidigung früherer Entscheidungen, sondern die bestmögliche Förderung der Schülerinnen und Schüler im Zentrum steht?
Klare Forderung der SSbB
Die SSbB erwartet, dass die Interpellation rasch beantwortet und sämtliche Unterlagen betreffend «Standortbestimmung Fremdsprachenkonzept» umgehend öffentlich gemacht werden.
Frühfranzösisch: Ein Massnahmenkatalog fernab jeglicher Realität, 21.04.2026 von Charlotte Höhmann
Der Bericht zur «Standortbestimmung Sprachenkonzept» erkennt ansatzweise zwar die Probleme, wirksame Lösungsvorschläge zeigt er jedoch keine auf. Statt die strukturellen Ursachen des Scheiterns des Fremdsprachenkonzepts klar zu benennen, präsentiert er ein Sammelsurium von Massnahmen, die an den Schulen kaum umsetzbar sind. Lehrpersonen sollen ausbaden, was die Bildungsverwaltung verursacht hat und die Politik nicht korrigieren will. Der Massnahmenkatalog ist kein Beitrag zur Lösung des Fremdsprachenproblems an den Primarschulen, sondern Ausdruck von Wunschdenken und Symbolpolitik.
Den Bericht «Standortbestimmung Sprachenkonzept» gibt es in zwei Versionen: Eine ausführliche Version im Umfang von rund 130 Seiten und eine 15-seitige Kurzversion, die bereits im Oktober und November 2025 an rund 50 verwaltungsexterne Personen zur Information verteilt wurde. Die vollständige Version behält die BKSD hingegen unter Verschluss.
Bericht erkennt die Probleme, Reissleine zieht er nicht
Der Bericht hält fest, dass erfolgreicher Fremdsprachenerwerb nur dann funktioniert, wenn mehrere Voraussetzungen gleichzeitig erfüllt sind: hohe Sprachkompetenz der Lehrpersonen, genügend Lernzeit, Lehrmittel mit alltagstauglichen Inhalten und aufeinander abgestimmte Rahmenbedingungen. Genau diese Voraussetzungen sind im heutigen Fremdsprachenkonzept nicht gegeben. Die Probleme werden zwar erkannt, statt aber die Reissleine zu ziehen und das Fremdsprachenkonzept grundsätzlich zu überarbeiten, wird der «Schwarze Peter» den Lehrpersonen zugeschoben. Lehrer/-innen sollen die Probleme ausbaden, welche die Bildungsverwaltung verursacht hat. Damit wird ein strukturelles Problem zu einem pädagogischen umgedeutet.
Acht im Bericht vorgeschlagene Massnahmen im Einzelnen
1. Flächendeckende Austauschprogramme
Austauschprogramme zwischen deutsch- und französischsprachigen Klassen sollen ausgebaut und sogar obligatorisch werden. Was plausibel klingt, scheitert in der Praxis, denn es gibt deutlich weniger französischsprachige Partnerklassen als deutschsprachige, weshalb ein flächendeckender Austausch gar nicht möglich ist. Gleichzeitig sind solche Austauschprogramme teuer und organisatorisch zeitaufwändig. Bereits heute existieren Austauschmöglichkeiten, die oft nicht genutzt werden, weil sie nur mit erheblichem Aufwand realisiert werden können.
2. Zertifikate statt echter Lernfortschritt
Als weitere Massnahme wird vorgeschlagen, das französische Sprachdiplom DELF Junior (A1 bis B2) auf freiwilliger Basis anzubieten. Die Schüler/-innen sollen damit ihre Sprachkenntnisse mit einem anerkannten Zertifikat nachweisen und zusätzliche Motivation gewinnen.
Diese Idee ignoriert jedoch, dass ein Grossteil der Schüler/-innen selbst am Ende der Sekundarschule über ungenügende Französischkenntnisse verfügt (siehe Grafik).

Wenn die grundlegenden sprachlichen Kompetenzen nicht vorhanden sind, führt ein Zertifikat kaum zu besseren Lernergebnissen. Gefragt sind wirksame Massnahmen, die möglichst vielen Schüler/-innen helfen, ihre Französischkenntnisse substantiell zu verbessern.
3. Weiterbildungsprogramme lösen das echte Problem nicht
Das vorgeschlagene Weiterbildungsprogramm für Lehrpersonen klingt auf den ersten Blick sinnvoll, ist in der Praxis jedoch kaum umsetzbar. Schon heute gibt es viel zu wenig adäquat ausgebildete Französischlehrpersonen. Das Problem wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. Zudem erscheint es wenig überzeugend, Lehrpersonen ausgerechnet an jene Institution in die Weiterbildung zu schicken, die massgeblich zum gescheiterten Frühfremdsprachen-Konzept beigetragen hat. Umfangreiche Weiterbildungen mit dem Ziel, die Sprachkompetenzen der Lehrpersonen deutlich zu erhöhen, sind sowohl zeit- als auch kostenintensiv. Ohne erhebliche zusätzliche Investitionen bleibt auch diese Massnahme ein frommer Wunsch.
4. Immersionsunterricht – didaktisches Wunschdenken
Besonders fragwürdig ist die Forderung, dass Klassenlehrpersonen vermehrt Unterricht in der Zielsprache erteilen sollen. Immersionsunterricht für Primarschulkinder setzt eine sehr hohe Sprachkompetenz voraus, was bei vielen Lehrpersonen nicht der Fall ist. Die Annahme, dass nicht muttersprachliche Klassenlehrpersonen zusätzlich Fachunterricht auf Französisch erteilen könnten, ignoriert diese Realität. Damit wird ein hoch anspruchsvolles didaktisches Konzept als Lösung verkauft, ohne dass die dafür notwendigen Voraussetzungen auch nur ansatzweise erfüllt sind. Der Arbeitsmarkt gibt derart hoch qualifizierte Lehrpersonen gar nicht her. Insbesondere für die Primarschule bleibt echter Immersionsunterricht ein Konzept ohne realistische Erfolgschancen.
5. Reduzierte Lernziele – eine Bankrotterklärung
Was haben die Passepartout-Promotoren versprochen? Die Primarschulkinder würden mühelos Französisch lernen und schon nach kurzer Zeit problemlos sprechen und lesen können. Nun wird – nach dem offensichtlichen Verfehlen dieser Erwartungen – über eine «neue Zielvorstellung» nachgedacht. Mindestens A1 soll Ende der Primarstufe erreicht werden. Diese Massnahme ist ein stilles Eingeständnis, dass das bisherige Fremdsprachenkonzept gescheitert ist.
Statt den Ursachen wirkungsvoll zu begegnen (viel zu kleine Wochenlektionendotation, zu wenig entsprechend qualifizierte Lehrpersonen und mangelnde Kontinuität im Sprachaufbau), wird eine Anpassung des Anspruchsniveaus vorgeschlagen. Politisch ist das pragmatisch, pädagogisch jedoch umstritten. Die Idee, Ziele aufgrund des ausbleibenden Erfolgs nach unten zu korrigieren, ist nichts anderes als eine bildungspolitische Bankrotterklärung. Letztlich werden damit nicht die Ursachen des Problems behoben, sondern lediglich die Zielvorgaben an das unbefriedigende Resultat angepasst. Ein Schildbürgerstreich.
6. Halbklassenunterricht einführen ist illusorisch
Auch der Vorschlag, vermehrt Halbklassenunterricht einzuführen, zeigt die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität. Kleinere Gruppen wären zweifellos sinnvoll, doch gerade auf der Primarstufe fehlt es bereits heute an genügend gut qualifizierten Lehrpersonen und finanziellen Mitteln. Eine Ausweitung solcher Modelle ist unter den aktuellen Bedingungen schlicht unmöglich und würde andere Fächer in Bedrängnis bringen.
7. Technische Spielereien
Ähnlich sonderbar ist die Idee, durch das Umstellen der Betriebssysteme die Französischkenntnisse verbessern zu wollen. Schon heute ist der pädagogisch gezielte Einsatz von Tablets im Unterricht anspruchsvoll genug. Wird das Betriebssystem zudem auf Französisch umgestellt, erhöht sich die Komplexität weiter, ohne dass daraus erkennbarer didaktischer Mehrwert entsteht.
Die Sprache von Benutzeroberflächen besteht aus stark standardisierten, sehr begrenzten Begriffen und kurzen Befehlen. Dieser isolierte Wortschatz ist weder systematisch aufgebaut noch in kommunikative Lernprozesse eingebettet und leistet daher nur einen sehr begrenzten Beitrag zum nachhaltigen Spracherwerb. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass die sprachliche Umstellung die Bedienung unnötig erschwert und von den eigentlichen Lernzielen ablenkt.
Zudem zeigen bildungswissenschaftliche Erkenntnisse, dass digitale Geräte im Unterricht nur dann lernwirksam sind, wenn sie gezielt und sparsam eingesetzt werden. Spracherwerb lässt sich nicht durch technische Umstellungen verbessern, sondern durch strukturierten Unterricht mit altersgerechten Lehrmitteln und gut strukturierten Texten.
8. Zu späte Einsicht bei Lehrmitteln und Inhalten
Dass Lehrmittel überprüft und stärker auf alltagsnahe Inhalte ausgerichtet werden sollen, gehört zu den wenigen tatsächlich sinnvollen Forderungen. Zugleich ist dies ein Eingeständnis, dass die bisherigen Fremdsprachenlehrmittel, insbesondere das auf der Primarstufe immer noch teilweise eingesetzte «Mille feuilles», untauglich sind. Diese Kritik ist seit Jahren bekannt und wurde von vielen Lehrpersonen, der Starken Schule beider Basel und dem Lehrerinnen- und Lehrerverein immer wieder geäussert. Statt sie rechtzeitig ernst zu nehmen, wurde viel zu lange an den bestehenden mangelhaften Konzepten festgehalten.

Fazit: Der Bericht erkennt das Problem, verweigert jedoch die Lösung
Auffällig ist, dass die eigentlichen Ursachen des Problems im Bericht durchaus benannt werden: unzureichend ausgebildete Lehrpersonen, zu wenig Unterrichtszeit, ungenügende Lehrmittel und eine überlastete Primarstufe. Statt diese strukturellen Defizite konsequent zu beheben, werden punktuelle pädagogische Massnahmen vorgeschlagen, um das grundlegende Problem zu lösen.
Viele der vorgeschlagenen Massnahmen sind entweder nicht umsetzbar, wenig wirksam oder realitätsfern. Solange die grundlegenden Rahmenbedingungen nicht angepasst werden, wird sich an der Situation nichts ändern. Der vorgeschlagene Massnahmenkatalog verschiebt das Frühfranzösisch-Debakel damit weiter auf die lange Bank. Weder den Schüler/-innen noch den Lehrpersonen ist damit geholfen – und auch dem viel beschworenen nationalen Zusammenhalt nicht.
Kritik an zurückgehaltenem Standortbericht Sprachenkonzept wächst, 21.04.2026 von Lena Bubendorf
Zum Thema Veröffentlichung wichtiger Dokumente des Standortberichts Sprachenkonzept ist in den letzten Tagen viel passiert. Die ausführliche Version hält die Regierung unter Verschluss. Dies wird im breiten Kreis kritisiert. Die Regierung muss diese Nichtveröffentlichung kommenden Donnerstag rechtfertigen, denn Landrat Dario Rigo (Die Mitte) hat zuhanden der Fragestunde folgende Frage eingereicht.
«In der Debatte im Landrat vom 13. November 2025 zur Vorlage 2025/259 «Abschaffung Frühfranzösisch auf der Primarstufe» bat der Regierungsrat den laufenden Prozess abzuwarten. Zuerst finde die Validierungskonferenz statt, bereits Ende Jahr 2025 liege der Schlussbericht vor; damit läge dem Landrat eine solide Grundlage für die weitere bildungspolitische Debatte vor. Im Vertrauen auf den bis Ende 2025 angekündigten Schlussbericht lehnte der Landrat den Vorstoss mit 39 zu 27 Stimmen bei 3 Enthaltungen ab. Am 8. Dezember 2025 informierte die Regierung schliesslich über den Abschluss der Arbeiten zur Standortbestimmung Sprachenkonzept. Frage: Wie ist der aktuelle Stand der Veröffentlichung des im November 2025 angekündigten Schlussberichts?»
Angesichts der aktuellen Entwicklungen können wir nun gespannt auf die Antwort der Regierung warten. Die Starke Schule beider Basel hat gestern bereits ein Gesuch eingereicht, das die Veröffentlichung des vollständigen Standortberichts Sprachenkonzept fordert.
SSbB reicht Gesuch um Zugang zu amtlichen Dokumenten ein, 21.04.2026 von Lena Bubendorf
Die Heimlichtuerei der Bildungsdirektion rund um den Bericht zur Standortbestimmung Sprachenkonzept wirft Fragen auf. Wieso wird Transparenz so klein geschrieben und politische Beteiligung erschwert? Die Starke Schule beider Basel (SSbB) fordert die Bildungsdirektion dazu auf, diesen essenziellen Bericht zu veröffentlichen, den politischen Diskurs zu fördern und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, anstatt hinter geschlossenen Türen über diese fundamentale bildungspolitische Angelegenheit entscheiden.
Es gibt zwei Versionen des Berichts «Standortbestimmung Sprachenkonzept». Eine ausführliche Version im Umfang 130 Seiten und eine Kurzversion im Umfang von 15 Seiten. Die Kurzversion wurde bereits im Oktober und November 2025 breit verteilt. Erhalten haben diese Version alle an der Validierungskonferenz zur Standortbestimmung des Sprachenkonzepts vom 3. Dezember angemeldeten Teilnehmenden. Die vollständige Version hingegen wird weiterhin unter Verschluss gehalten. Dies ist nicht zu rechtfertigen. Folgend das Gesuch, welches die SSbB gestern bei der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD) eingereicht hat.
Gesuch um Zugang zu amtlichen Dokumenten nach IDG BL (Validierungskonferenz vom 3. Dezember 2025 sowie Bericht „Standortbestimmung Sprachenkonzept“ – definitive Fassung, Stand Dezember 2025)
Gestützt auf das Gesetz über die Information und den Datenschutz (IDG, SGS 162) des Kantons Basel-Landschaft ersuchen wir hiermit um den vollständigen Zugang zu den folgenden amtlichen Dokumenten:
- Sämtliche Präsentationsfolien (PowerPoint o. Ä.), die anlässlich der Validierungskonferenz zur Standortbestimmung des Sprachenkonzepts vom 3. Dezember 2025 in der Aula der Sekundarschule Sissach gezeigt wurden.
- Sämtliche Handouts, Auswertungen und Arbeitspapiere, die den Teilnehmenden an dieser Konferenz physisch oder elektronisch zur Verfügung gestellt wurden.
- Das offizielle Protokoll, die schriftliche Zusammenfassung der Ergebnisse oder der entsprechende Ergebnisbericht dieser Validierungskonferenz (unabhängig vom Bearbeitungsstand).
- Den Bericht „Standortbestimmung Sprachenkonzept“ (definitive Fassung, Stand Dezember 2025), inklusive allfälliger Vorversionen, Entwürfe oder an der Validierungskonferenz abgegebener Kurzfassungen, unabhängig von Bezeichnung, Bearbeitungsstand oder Zeitpunkt der Fertigstellung.
Begründung: Gemäss den offiziellen Publikationen der BKSD nahmen an der Validierungskonferenz vom 3. Dezember 2025 rund 50 externe Vertretungen von Wirtschafts- und Branchenverbänden, Schulleitungskonferenzen, Schulräten und Gemeinden teil. Viele der angeforderten Dokumente wurden somit bereits einem grossen, verwaltungsexternen Kreis zugänglich gemacht. Ein allfälliger Verweis auf den Schutz der behördlichen Meinungsbildung (Ausnahmegrund gemäss IDG) erscheint vor diesem Hintergrund nicht haltbar. Sollten einzelne Dokumente ganz oder teilweise nicht zugänglich gemacht werden können, ersuchen wir um eine entsprechende, schriftlich begründete Verfügung unter Angabe der einschlägigen gesetzlichen Grundlage.
Wir bitten Sie, uns die gewünschten Dokumente gemäss den gesetzlichen Fristen elektronisch im PDF-Format an folgende E-Mail-Adresse zuzustellen: starke.schule.beider.basel@gmx.ch
Die Starke Schule beider Basel erwartet eine zeitnahe und positive Beantwortung des Gesuchs. Wir werden auf unserer Website weiter darüber berichten.
Fokus auf die echten Grundkompetenzen setzten!, 20.04.2026 von Dario Rigo
Während der Debatte zur Abschaffung des Frühfranzösisch im vergangenen Herbst spielte die Regierung erfolgreich auf Zeit: Eine knappe Mehrheit des Landrats liess sich vertrösten und folgte der Bitte, die laufende Standortbestimmung zum Sprachenkonzept abzuwarten. Der Bericht sollte spätestens Ende 2025 vorliegen und dem Landrat als solide Entscheidungsgrundlage dienen.
Nun haben wir Mai – und die Studie ist noch immer nicht veröffentlicht. Während die Regierung auf Zeit spielt, rückt der Sommer unaufhaltsam näher. Dann werden im Kanton erneut Hunderte Kinder in die dritte Klasse kommen und mit dem Frühfranzösisch starten müssen. Wenn wir aufrichtig wären, müssten wir diesen Kindern und ihren Eltern ehrlicherweise gleich zu Beginn sagen, dass auch nach vielen Jahren Unterricht bei vielen wenig bis gar nichts hängen bleiben wird. Ein solches stures Festhalten an einer bewiesenen Illusion ist gegenüber der jungen Generation schlicht verantwortungslos.
Erreichen der Grundkompetenzen

Es ist ohnehin schwer nachvollziehbar, weshalb es überhaupt nochmals eine langwierige Studie brauchte. Denn spätestens seit der interkantonalen Überprüfung der Grundkompetenzen (ÜGK) haben wir es schwarz auf weiss. Bricht man die Ergebnisse auf eine durchschnittliche Niveau-A-Klasse in unserem Kanton (mit ca. 17 bis 18 Jugendlichen) herunter, wird das Ausmass des Scheiterns erst richtig greifbar: Nach all den Jahren des Französischunterrichts können in einer solchen Klasse nicht einmal vier Schüler/-innen einen einfachen gesprochenen Satz verstehen. Dabei wurde auf eine Prüfung der aktiven Sprechfähigkeiten konsequenterweise bereits verzichtet.
Dieses eklatante Versagen bei der Fremdsprache wäre vielleicht noch zu verkraften, wenn wenigstens die Basis stimmen würde. Doch die Realität sieht düster aus, in Mathematik erreichen nicht einmal zwei Schüler/-innen einer solchen A-Klasse die Grundanforderungen. Und auch beim Verstehen einfacher deutscher Texte, wie etwa einem simplen Backrezept, scheitert die Hälfte der Schüler. Sie können also eine einfache schriftliche Anweisung nicht verstehen.
Wer davon ausgeht, dass sich die Situation beim Französisch mit einigen didaktischen Korrekturen oder reiner Pflästerlipolitik spürbar verbessern lässt, dürfte enttäuscht werden. Ein Blick auf das Fach Englisch zeigt ein anderes Bild. Obwohl die Schülerinnen und Schüler mit Englisch deutlich später beginnen, erzielen sie dort ungleich bessere Ergebnisse. Das liegt massgeblich daran, dass die Jugendlichen früh erkennen, wie Englisch ihnen durch die fortschreitende europäische Integration neue Wege öffnet und in ihrem heutigen Alltag, in den Medien sowie für die berufliche Zukunft eine zentrale Rolle spielt. Eine vergleichbare Eigenmotivation ist beim Französisch heute oft schwer aufzubauen. Früher bot die Sprache durch das weitherum beliebte «Welschlandjahr» noch einen direkten, greifbaren Nutzen für die Lebensrealität. Dieser natürliche Bezug ist für die meisten Baselbieter Jugendlichen mittlerweile weitgehend verloren gegangen.
Hintergrund: Was bedeuten diese Zahlen?
Wenn wir vom Erreichen der Grundkompetenzen nach 9 Schuljahren sprechen, geht es nicht um gymnasiales Wissen, sondern um das absolute Minimum für den Alltag und die Berufslehre:
- Deutsch (Lesen): Einen einfachen Text verstehen – zum Beispiel ein Backrezept oder eine kurze Arbeitsanweisung begreifen.
- Mathematik: Simpler Alltagstransfer – etwa im Kopf ausrechnen, wie viel ein Artikel nach 20% Rabatt noch kostet.
- Französisch (Hören): Nach Jahren des Unterrichts zumindest einen einfachen Satz verstehen und darauf reagieren können.
Wer diese Mindeststandards nach der gesamten obligatorischen Schulzeit verfehlt, hat nachweislich massive Schwierigkeiten beim Einstieg in eine reguläre berufliche Grundbildung (Lehre) und ein stark erhöhtes Risiko für spätere Arbeitslosigkeit. Daraus muss zwingend folgende Prioritätensetzung abgeleitet werden:
- Zuerst Lesen und Rechnen (auf Deutsch): Die Beherrschung der absoluten Basis in der Hauptunterrichtssprache muss im Lehrplan wieder die unangefochtene oberste Priorität haben. Wer kein Backrezept versteht, hat denkbar schlechte Startbedingungen für eine Berufslehre oder eine weiterführende Schule.
- Fremdsprachen nach Fähigkeit: Erst wenn diese Grundkompetenzen sitzen, sollten Fremdsprachen vertieft werden – und zwar primär für jene Schülerinnen und Schüler, die das zusätzliche Pensum auch wirklich bewältigen können, ohne dass das Fundament einbricht.
Zudem ignoriert das aktuelle System die heutige Klassenzimmer-Realität völlig. Für viele Primarschulkinder ist Französisch in der dritten Klasse bereits die dritte oder gar vierte Sprache. Es ist absurd, dass viele Kinder Französisch lernen müssen, noch bevor sie überhaupt die deutsche Sprache richtig beherrschen. Wenn die Schule es nicht einmal schafft, den Jugendlichen das Rüstzeug für den Alltag und die Berufswelt mitzugeben, ist das gesamte System in Schieflage.
Statt auf Berichte zu warten oder Lehrpersonen für ein realitätsfremdes Konstrukt verantwortlich zu machen, müssen wir endlich den Mut haben, die offensichtlichen Fakten anzuerkennen. Es ist unsere elementare Pflicht gegenüber unseren Kindern, ihnen eine Schulbildung zu bieten, die sie befähigt und nicht chronisch frustriert. Wir dürfen nicht länger sehenden Auges zulassen, dass Generationen von Jugendlichen mit massiven schulischen Defiziten aus der obligatorischen Schulzeit entlassen werden.
Wenn Fakten ignoriert werden: Der Bericht zu Frühfranzösisch im Kreuzfeuer, 19.04.2026 von Anita Biedert
Ein grosser Teil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger erreicht die angestrebten Kompetenzen nicht. Der Bericht zum Frühfranzösisch lässt eine kritische Analyse der Realität vermissen, er hält am bestehenden System fest und vermeidet grundlegende Konsequenzen.
Der vorliegende Bericht zum Frühfranzösisch im Kanton Basel-Landschaft verfehlt die Realität in eklatanter Weise. Er blendet zentrale Fakten aus und entzieht sich damit einer ehrlichen und notwendigen Auseinandersetzung. Die Überprüfung der Grundkompetenzen zeigt es deutlich auf: Der Grossteil der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ist am Ende der obligatorischen Schulzeit nicht in der Lage, einen einfachen französischen Satz zu verstehen oder selbst zu formulieren. Der frühe Beginn des Französischunterrichts hat die Erwartungen klar nicht erfüllt. Dieser Befund wird im Bericht jedoch weitgehend ignoriert.
Frühfranzösisch ist kein Erfolgsmodell
Vor diesem Hintergrund ist es nicht nachvollziehbar, weshalb am bestehenden System festgehalten werden soll. Frühfranzösisch erweist sich nicht als Erfolgsmodell – dennoch suggeriert der Bericht, dass genau dieses Konzept weiterhin die Grundlage bilden soll. Ein kritisches Hinterfragen oder gar ein grundlegendes Umdenken scheint ausdrücklich nicht gewollt.
Stattdessen entsteht der Eindruck, der Bericht sei Ausdruck einer gewissen Realitätsverweigerung. Er setzt sich mit dem Konzept Frühfranzösisch nicht mit der notwendigen fachlichen Tiefe und Ehrlichkeit auseinander. Fundierte Kritik bleibt aus, offensichtliche Schwächen werden relativiert oder übergangen.
Besonders problematisch ist zudem, dass das Fach Frühfranzösisch isoliert betrachtet wird. Eine Einbettung in den Gesamtkontext des Bildungssystems fehlt weitgehend. Dies ist umso gravierender, als auch in anderen zentralen Bereichen – insbesondere in der deutschen Sprache – vergleichbar schwache Leistungen festzustellen sind. Eine ganzheitliche Analyse wäre dringend erforderlich, bleibt jedoch aus.
Standortbericht hält an einem kostspieligen System fest
Insgesamt vermittelt der Bericht den Eindruck, dass weder Qualität noch Wirksamkeit des Unterrichts im Zentrum stehen. Statt evidenzbasiert zu evaluieren und Konsequenzen zu ziehen, wird an einem kostspieligen System festgehalten, dessen Nutzen offensichtlich begrenzt ist. Ein solches Vorgehen wird den Herausforderungen des Bildungssystems nicht gerecht.
Frühfranzösisch gescheitert: Standortbericht erteilt Lehrpersonen die «Arschkarte», 18.04.2026 von Jürg Wiedemann
Die Standortbestimmung zum Sprachenkonzept im Kanton Basel-Landschaft vermittelt den Anschein einer wissenschaftlichen Analyse. Vielmehr erscheint sie faktisch als Absicherung des bestehenden Fremdsprachenkonzepts an den Primarschulen. Trotz demotivierter Schüler/-innen und seit Jahren ausbleibendem Lernerfolg im Fach Französisch beantwortet der Bericht die entscheidende Frage nicht: Kann Frühfranzösisch unter den realen schulischen Rahmenbedingungen überhaupt funktionieren? Für die erhoffte Wirksamkeit von Frühfranzösisch gibt es bis heute keine belastbare wissenschaftliche Grundlage.
Klare Resultate, trotzdem keine Konsequenzen
Die Ausgangslage ist unmissverständlich: Die im Bericht präsentierten Zahlen zeigen deutlich, dass Schüler/-innen in Englisch wesentlich bessere Leistungen erzielen als in Französisch. Im Leistungsniveau A ist dieser Unterschied sogar noch deutlicher. Nur rund 20% erfüllen im Französisch die Grundkompetenzen (siehe Grafik 1). Über alle drei Niveaus sind es nur etwas über die Hälfte, welche die Grundkompetenzen im Französisch erreichen (siehe Grafik 2).


Gleichzeitig ist die Motivation für Französisch erheblich tiefer. Französisch ist für viele Primarschulkinder zum Frustfach geworden, da der Lernerfolg ausbleibt. Es ist daher wenig überraschend, dass die Akzeptanz von zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe gering ausfällt.
Ein solches Fazit nach über zehn Jahren Erfahrung müsste zwingend eine grundlegende Kurskorrektur auslösen. Doch genau an diesem Punkt bleibt der Bericht auffallend zahnlos. Die negativen Resultate werden zwar benannt, ihre Tragweite jedoch systematisch relativiert und verharmlost. Kritische Bemerkungen bleiben die Ausnahme, und wenn sie auftauchen, werden sie in ein Geflecht von Bedingungen und Einschränkungen eingebettet, sodass ihre Brisanz weitgehend verpufft.
Warum eine grundlegende Infragestellung des Fremdsprachenkonzepts ausbleibt
In der Verwaltung sitzen seit Jahren Entscheidungsträger/-innen, die das Frühfranzösisch-Konzept aktiv eingeführt und politisch vertreten haben. Ein grundlegendes Infragestellen dieses Modells würde bedeuten, anzuerkennen, dass die damaligen Entscheidungen Fehlentscheidungen waren. Entsprechend gross ist die Versuchung, am eingeschlagenen Weg festzuhalten und Probleme nicht als systemisch, sondern als optimierbar darzustellen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb der Bericht kritische Schlussfolgerungen nur zurückhaltend zieht.
Diese Zurückhaltung zeigt sich im Bericht an einigen Stellen. So räumt er ein, dass das Einstiegsalter für den Erwerb einer Fremdsprache nicht isoliert wirkt. Das bedeutet, dass der frühe Beginn für sich allein keinen entscheidenden Vorteil bringt.
Statt diese Analyse ernst zu nehmen und die dringend erforderlichen Konsequenzen zu ziehen, wird die Aussage umgehend relativiert: Der Bericht hält fest, dass ein früher Beginn unter bestimmten Bedingungen Vorteile bringen könne, etwa bei ausreichend Lernzeit, konsequenter Verwendung der «Zielsprache» und passenden Rahmenbedingungen. Damit verschiebt sich die Argumentation weg von der Frage, ob Frühfranzösisch grundsätzlich sinnvoll ist, hin zur Frage, unter welchen idealen Bedingungen nachweisbarer Mehrwert geschaffen würde. Genau darin liegt die Schwäche der Analyse, da sie von einem Modell ausgeht, das im Schulalltag völlig unrealistisch ist.
Statt das System zu hinterfragen, wird die Umsetzung in den Vordergrund gerückt
Besonders deutlich wird dies beim Thema Unterrichtsqualität. Der Bericht hält fest, dass mehr zielsprachlicher Input mit besseren Ergebnissen einhergeht. Diese Erkenntnis ist didaktisch unbestritten. Sprachen werden durch Anwendung gelernt, nicht durch abstrakte Vermittlung. Doch genau hier entsteht ein grundlegender Widerspruch: Wenn eine hohe Lektionendotation entscheidend ist, müsste das System so ausgestaltet sein, dass diese auch tatsächlich stattfinden können.
In der Praxis zeigt sich jedoch das Gegenteil. Mit zwei bis drei Wochenlektionen lässt sich kein «Sprachbad» realisieren, das für einen nachhaltigen Spracherwerb notwendig wäre. Dafür wären mindestens zehn Wochenlektionen erforderlich, die konsequent auf Französisch gehalten werden – und zwar durch Lehrpersonen mit entsprechend hohen Sprachkompetenzen. Ein solches Setting ist jedoch illusorisch.
Der Bericht deutet also eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg an, die unter den gegebenen Bedingungen gar nicht erfüllbar ist, ohne diese konkret einzufordern. Stattdessen wird die Verantwortung indirekt auf Lehrpersonen, Unterrichtsgestaltung und Rahmenbedingungen verlagert. Ein strukturelles Problem wird so zu einem Umsetzungsproblem umgedeutet. Damit werden die Lehrpersonen zu Sündenböcken für ein Problem gemacht, das im Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und Verwaltung entstanden ist.
Ein Bericht ohne Alternativen
Auffällig ist zudem, dass grundlegende Alternativen kaum aufgezeigt werden. Zwar wird die Komplexität des Sprachenlernens betont, doch die Möglichkeit, den Zeitpunkt des Beginns grundsätzlich zu hinterfragen, wird nicht in Erwägung gezogen. Stattdessen hält der Bericht fest, dass der wissenschaftliche Beirat keine wissenschaftlichen Argumente gegen einen frühen Beginn sehe. Diese Aussage ist bezeichnend. Es wird nicht gesagt, dass Frühfranzösisch wirksam ist, sondern lediglich, dass es an eindeutigen Gegenargumenten fehle. Damit wird die Beweislast umgekehrt: Nicht die Wirksamkeit muss belegt werden, sondern das Scheitern des Konzepts.
Eine solch dünne Argumentation reicht bei weitem nicht aus, um ein derart komplexes und kostspieliges Fremdsprachenkonzept zu rechtfertigen, dessen erhebliche Schwächen längst offensichtlich sind.
Fazit
Der Bericht zeigt Schwächen auf, relativiert sie jedoch sofort wieder. Er benennt Voraussetzungen für einen erfolgreichen Spracherwerb, ohne zu prüfen, ob diese im bestehenden System überhaupt realisierbar sind. Damit bleibt er widersprüchlich: Er beschreibt zwar die Probleme, zieht daraus aber keine griffigen Konsequenzen, nicht zuletzt aus Rücksicht auf jene Verantwortlichen, die das Frühfranzösisch-Konzept eingeführt haben und um jeden Preis daran festhalten wollen. Statt überfällige Korrekturen anzustreben, begnügt er sich mit der Optimierung des Status quo.
Genau darin liegt der gravierende Konstruktionsfehler des Berichts: Wer das Problem erkennt, kommt kaum darum herum, die grundsätzliche Funktionsfähigkeit des Frühfranzösisch-Konzepts in seiner heutigen Form zu hinterfragen. Diesen Schritt vollzieht der Bericht nicht und wird damit seinem eigenen Anspruch nicht gerecht.
Das Team des Sekretariats der Starken Schule beider Basel (SSbB) bewertet diesen Bericht folgerichtig mit der Note «ungenügend».