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News

  • Freitag, September 06, 2019

    Nein zum lohnwirksamen Beurteilungssystem

    Gegen die vom Regierungsrat und Landrat im Frühjahr 2019 entschiedene Umstellung eines neuen Lohnsystems bei Lehrpersonen wehren sich die Schulleitungen des Kantons.

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  • Montag, August 26, 2019

    Initiative ist zustande gekommen

    Die Landeskanzlei hat es bestätigt: Die formulierte Initiative "Die gigantische und unerfüllbare Anzahl von 3'500 Kompetenzbeschreibungen in den Lehrplänen auf ein vernünftiges Mass reduzieren" ist mit 1'845 gültigen Unterschriften zustande gekommen.

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Zu wahr um schön zu sein

    
 

Leserbrief

Unterrichten macht Spass

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schultag?

Diese Woche starten im Kanton Basel-Landschaft über 30'000 Schülerinnen und Schüler in ein neues Schuljahr. Zirka 5500 Kinder beginnen mit dem ersten Kindergartenjahr oder starten mit der ersten Klasse in der Primarschule. Im Vergleich zum Vorjahr ist eine leicht steigende Tendenz der Schülerzahl festzustellen.

Der Eintritt in die Volksschule ist ein wichtiger Abschnitt im Leben eines Kindes.

Nicht nur für Schülerinnen und Schüler beginnt nach den Sommerferien ein neuer Lebensabschnitt auch viele Lehrpersonen starten mit frischen Klassen und an neuen Arbeitsorten.

Dank dem grossen Einsatz der Schulleitungen und der intensiven Suche nach geeignetem Personal während der Sommerpause konnten die im Juni noch fehlenden über 60 Lehrpersonen gefunden und die freien Stellen besetzt werden.

Leider wird sich der Lehrermangel auf der Primarstufe in den nächsten Jahren zuspitzen, denn es stehen grosse Pensionierungswellen bevor. Ähnliches gilt für das fehlende Personal in der Heilpädagogik. Auch in diesem Bereich werden viel zu wenig Berufsleute ausgebildet. Tatsache ist, dass früher eine Klassenlehrperson alle Fächer unterrichtete. Heute dürfen Studierende gewisse Fächer abwählen. Das heisst konkret, dass z. B. die Fächer Französisch oder Englisch, Sport, Werken oder Musik, nicht beleget und später nicht unterrichtet werden müssen. Folglich müssen diese Fächer durch ausgebildetes Fachpersonal abgedeckt werden. Schulleitungen stellt es vor zusätzliche Herausforderung diese kleinen Pensen mit adäquat ausgebildetem Personal zu besetzen.

Was bedeutet dies für die Zukunft?

Um diese drohende Personallücke an den Schulen aufzufangen, muss der Kanton weit mehr Studierende an den Fachhochschulen ausbilden. Ausserdem muss der Lehrerberuf attraktiver werden. Die Ausbildung muss vermehrt so gestaltete werden, dass die Studierenden konkret auf ihren Berufsalltag vorbereitet werden und die unnütze Akademisierung mit sogenannten wissenschaftlichen Arbeiten gestoppt wird. Gerade wegen dieser Akademisierung hat das Image des Lehrerberufes in den letzten Jahren stark gelitten.

Der Tiefpunkt war für mich da erreicht, als Studierende ihre Prüfungslektion vor der Klasse selber filmen, im Nachhinein den Film anschauen und die erteilte Lektion als schriftliche Arbeit reflektieren mussten. Diese verwerfliche Praxis, welche die Arbeit der Studierenden gering schätzte, wurde erst abgeschafft, als sich Dozenten über die vielen geleisteten Überstunden, für das Lesen der Arbeiten und Anschauen der Filme, zur Wehr setzten.

Zwar hinterlassen die vielen Schulreformen der vergangenen Jahre, die intensivierte Arbeit im Team mit Fachlehr- und Assistenzpersonal, Rücksprachen mit Heilpädagogen über Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen etc. im Arbeitsalltag einer Klassenlehrperson ihre Spuren.

Trotz allem freuen wir uns heute mit allen Schülern über den geglückten Schulstart und konzentrieren uns künftig auf das Wesentliche, das Unterrichten, denn das macht Spass.

Regina Werthmüller, Landrätin parteilos, Musik- und Bewegungslehrerin


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Die Gefahren der schulischen Digitalisierung

Ein Plädoyer für ein umsichtiges Vorgehen

Harald Lesch, der aus dem Fernsehen bekannte Astrophysiker, meinte in einem seiner Vorträge, Bedenken seien ein konstitutives Element des Menschseins.[1] Doch gerade bei der Vorwegnahme der Folgen seines Handelns tut sich Homo Sapiens unglaublich schwer. So bedachte er weder die Auswirkungen der Nutzung fossiler Brennstoffe auf die Umwelt noch die Unlösbarkeit des Problems radioaktiven Abfalls. Ein Bereich, in dem Vorausdenken geradezu verweigert wird, ist die Bildungspolitik. Aktuellstes Beispiel: die Digitalisierung.

Elf Stunden vor dem Bildschirm

Als ich in einer meiner Klassen die Zeit erhob, die seitens der Lernenden ausserhalb der Schule täglich vor dem Bildschirm verbracht wird, stellte eine Schülerin den Rekord auf mit über acht Stunden. Der Durchschnitt betrug immerhin ca. drei bis vier Stunden. Zu den Beschäftigungen zählen Computerspiele, Fernsehen sowie Nachrichten und Bilder «checken» auf dem Handy, Tablet oder am PC. Dieser Befund entspricht in etwa den Ergebnissen der auf Sucht Schweiz einsehbaren internationalen Schülerbefragung Health Behaviour in School-aged Children. Demnach «... verbringen die 11- bis 15-Jährigen in der Schweiz heute im Schnitt unter der Woche 4,4 und am Wochenende 7,4 Stunden pro Tag vor dem Fernseher, Computer, Tablet oder Smartphone.»[2] Es handelt sich dabei ausschliesslich um ausserhalb der Schule vor dem Bildschirm verbrachte Zeit.

Die bevorstehende Digitalisierung des Unterrichts zieht bedenkliche Tagesabläufe nach sich. Ein hypothetisches Beispiel aus dem Alltag eines Vierzehnjährigen. 06.45: Der Handywecker läutet, erster Blick auf WhatsApp, Instagram oder Snapchat, eine erste Nachricht an den besten Freund; 07.20: Ankunft in der Schule, kurzer Austausch mit Kollegen der am Vortag auf YouTube neu entdeckten Clips; 07.30: Geometrie, Dreieckskonstruktionen am PC; 08.20: Französisch, einen digitalen Text lesen mit anschliessender Beantwortung von Fragen im Textverarbeitungsprogramm; 09.10: Deutschdoppelstunde, Aufsatz am Bildschirm; 11.05: Geschichtsprüfung online; 12.30: Mittagessen zuhause, der Fernseher läuft zur Unterhaltung im Hintergrund; 13.55: Englisch, Übungen zum Past simple am Computer, YouToube-Clip als Hörverständnisübung; 14.45: Geographie, Filmvorführung zur Erdölförderung im Nahen Osten; 16.00 - 19.00: Ballerspiele am PC - Call of Duty, Fortnite oder dergleichen; 19.00: Nachtessen; 19.30 - 22.00: Netflix-Serie - Vampire Diaries, Riverdale, Walking Dead oder Ähnliches; 22.30: Nachrichtenaustausch am Handy.

Am Ende des Tages verbringt der Junge gegen elf Stunden vor dem Bildschirm. Der vom Bundesamt für Sozialversicherungen und der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften herausgegebenen Broschüre Medienkompetenz ist zu entnehmen: «10- bis 12-Jährige sollten pro Woche nicht mehr als 10 Stunden vor dem Bildschirm verbringen.»[3] Folgen für die Gesundheit sind auf diesem Hintergrund unausweichlich. (Lesen Sie hier den Artikel weiter)

Gastbeitrag von Felix Hoffmann, Sekundarlehrer
 


[1] https://www.tele-akademie.de/03_suche.php?suchw=die+menschheit+schafft+sich+ab+lesch
[2]
https://www.suchtschweiz.ch/aktuell/medienmitteilungen/article/jugendliche-mediennutzung-im-griff/
[3]
https://www.jugendundmedien.ch/fileadmin/user_upload/Brosch%C3%BCren_Flyer/Brosch%C3%BCre_Tipps_Medienkompetenz/Brosc%C3%BCre_Medienkompetenz_D_2015_5_Auflage.pdf
 
 

Passepartout – Mahnmal einer expertokratischen Schulreform

 
Erklärungen als Übergriff

«Das ist Luigi, unser neuer Hund. Ich habe meinen Mann übergezeugt, dass wir brauchen einen treuen Freund in der Familie. Er hat sich schon gut einlebt», rief mir die Expat aus Sussex zu. Ich liess mir wegen der lustigen Verbformen nichts anmerken, fragte mich allerdings, ob ich meiner déformation professionelle nachgeben und meine Bekannte auf die korrekte Bildung des Partizips 2 aufmerksam machen oder vielleicht doch besser auf diesen «Übergriff» verzichten sollte.

Wie hätten Sie sich entschieden? Hätten Sie der sprachaffinen Engländerin erklärt, wie sie erkennen kann, warum man ein-ge-kauft, aber ver-kauft und nicht ver-ge-kauft sagt? Oder hätten Sie die Dame ganz im Geiste der Didaktik der Mehrsprachigkeit dazu angehalten, die Regel selber herauszufinden, sie mit ihrem Mann zu diskutieren und am nächsten Barbecue gemeinsam zu «offizialisieren»[1]?

Torpedierung der Methodenfreiheit

It depends, pflegen die Engländer zu sagen. Nicht so die Promotoren der Didaktik der Mehrsprachigkeit, die sich seit der Lancierung des sechskantonalen Fremdsprachenkonzepts Passepartout anmassen, sämtlichen Fremdsprachenlehrpersonen vorschreiben zu wollen, wie «zeitgemässer» Unterricht auszusehen habe und welche bewährten Methoden aus dem didaktischen Repertoire zu streichen seien.

Mit der Einführung einer im internationalen Vergleich exotischen Didaktik ohne Wirksamkeitsnachweis, gepaart mit einem strikten Lehrmittelobligatorium, wurde die Methodenfreiheit dramatisch eingeschränkt. Eine kleine Gruppe von «Experten» hat es unter Mitwirkung reformfreudiger Akteure aus Politik und Verwaltung «geschafft», einen heftigst umstrittenen Schulversuch zu initiieren, der tausende Lernende als Versuchskaninchen einsetzt und die Lehrpersonen sowohl bevormundet wie belastet.

Drängende Fragen

  1. Wie war es möglich, dass ein renommierter Verlag wie «Klett und Balmer» ein Passepartout-konformes Englischlehrmittel produzierte, das im Widerspruch zur Firmentradition steht?
  2. Warum konnte der «Schulverlag plus» es sich leisten, die Kritik an seinen Lehrmitteln Mille feuilles und Clin d’oeil sechs Jahre lang zu ignorieren?
  3. Wie konnte es sein, dass der Lehrerschaft eine Didaktik verordnet wurde, auf die sich international erfolgreiche Verlage wie Oxford Press oder Macmillan Education nicht im Traum einlassen würden?

Marketing und vollmundige Versprechungen

Die Didaktik der Mehrsprachigkeit mit den Lehrmitteln New World, Mille feuilles und Clin d’oeil wurden mittels eines bis dato ungekannten Marketings beworben. Den Auftrag für die professionelle Website sicherten sich die Firmen «nemuk AG»[2], Agentur für digitales Marketing, und «wortgewandt», zuständig für «kluge Texte» und «ehrliche Kommunikation»[3].

Damit war die Bahn frei für das mit Steuergeldern finanzierte Promoten angeblich überlegener Lehrmittel, deren Einsatz «den Fremdsprachenunterricht an der Volksschule von Grund auf […] erneuern» solle[4].

Fortan würden die Kinder die Fremdsprache wie ihre Muttersprache lernen: mühelos, ganz ohne Vokabeln büffeln und Regeln lernen zu müssen.[5]

Pauschales Bashing

Gleichzeitig zeichneten Passepartout-Verfechter öffentlich ein Zerrbild des bestehenden Fremdsprachenunterrichts: Fehlende Handlungsorientierung, einseitige Fokussierung auf Grammatik, sinnentleertes Auswendiglernen, ja selbst die Zerstörung des Selbstvertrauens der Lernenden wurden angeprangert.

Man tat so, als ob vielfältige Wortschatzspiele, kreative Memorisierungstechniken oder variantenreiche Präsentationen niemals zuvor zu einem anregenden Fremdsprachenunterricht gehört hätten. Man redete den Status quo bewusst schlecht, um dem eigenen Konzept leichter zum Durchbruch zu verhelfen.

Flächendeckende Umerziehungskur

Sämtliche Fremdsprachenlehrpersonen verpflichtete man zu überdimensionierten «Fortbildungen». Wer sich weigerte, dem drohte gar der Entzug der Lehrberechtigung! Angesichts dieses übergriffigen Vorgehens blieb den Betroffenen nichts anderes übrig, als sich von Kursleitungen, die teilweise nicht einmal über stufenspezifische Unterrichtserfahrungen verfügten, die Kuriosiäten der neuen Didaktik erklären zu lassen, und zwar rekordverdächtige 24 Halbtage lang.

Zum Einstieg wurde gestandenen Lehrkräften beispielsweise Texte vorgelegt, in denen behauptet wurde, der Unterricht habe sich seit den Schriften von Comenius kaum verändert, er sei statisch und militärisch geblieben. Nun müsse endlich alles anders werden, schliesslich sei Lernen wie Sex, solle also aufregend und vergnüglich sein.

Wesen der Didaktik der Mehrsprachigkeit

Vorsicht: Realsatire! Die Hauptmerkmale der magischen Didaktik lassen sich anhand der folgenden Beispiele erläutern:

  • Ein Balljunge darf an einer Exhibition gegen Rafael Nadal spielen. Passt sich die Nummer 1 an oder zieht er voll durch mit der Begründung, Anfänger würden besonders gut Tennis spielen lernen, wenn sie sich von Beginn an mit authentischen Situationen konfrontiert sähen?
  • Deb Roy konnte mit dem Human Speechome Project[6] aufzeigen, welche Wörter Kinder zuerst erwerben. Gehören good, tree, cat dazu oder doch eher engloutit, moulachou, prestidigitateur[7]?
  • Wie lernen Kinder Rad fahren? Mit einem an ihre Körpergrösse angepassten Laufvelo oder einem Bike für Erwachsene mit 29-Zoll-Rädern und 27 Gängen?
  • Warum wurde David Garrett zum Starviolinisten? Weil er täglich ausgiebig übte oder ab und zu spielerisch ein paar ausgewählte Töne ausprobierte?
  • Was sagen Eltern zu ihrem Dreijährigen, der im Zoo auf einen Tiger zeigt und «Löwe» ruft? «Das ist ein Tiger, den erkennt man am orangen Fell mit schwarzen Streifen» oder «Genau, sehr gut, das ist ein gestreifter Löwe»?

Sie ahnen es: Die Hardcore-Verfechter der Didaktik der Mehrsprachigkeit müssten sich stets für die zweite Option entscheiden – falls sie ihre Theorie selber in Alltagssituationen anwenden würden. Das tun sie jedoch nicht, wie mir eine Kursleiterin versicherte, denn im Kurs gehe es um den modernen Fremdsprachenerwerb, nicht um den Alltag. Ja, wie nun?

Angesichts solch verquerer Logik erstaunt es nicht, dass der Abschlussbericht der flächendeckenden Baselbieter Fachhearings mit Primar- und Sekundarlehrpersonen[8] die von verschiedener Seite seit Jahren geübte Kritik an besagter Didaktik bzw. den Passepartout-Lehrmitteln vollumfänglich bestätigte:

  1. Missachtung des universalen Prinzips vom Einfachen zum Schwierigen: «Die Orientierung an authentischen [also nicht didaktisierten] Inhalten wird als wenig zielführend wahrgenommen», diese «Texte stellen oft zu hohe Ansprüche […], thematisch seien sie wegen des fehlenden Alltagsbezugs […] wenig ansprechend.»
  2. Exotischer Wortschatz: «Alltagstauglicher Wortschatz» fehle, ein «aufbauender und verbindlicher Wortschatz wird nicht gezielt angelegt.»
  3. Kein geführter, systematischer Aufbau der Grundstrukturen: «Grammatische Strukturen werden […] nicht sichtbar gemacht und […] nicht als solche erkannt […], bei der Anwendung können die Lernenden nicht auf gefestigtes Vorwissen aufbauen.»
  4. Sight-Seeing-Didaktik: «Die grosse Mehrheit […] ist sich einig, dass Festigungs- sowie Vertiefungsmöglichkeiten fehlen. Etliche Themen werden in den Lehrmitteln nur angetippt und dann als gefestigt vorausgesetzt.»
  5. Fetisch Fehlertoleranz: Im Zusammenhang mit der passepartoutspezifischen Fehlerkultur «tauchte die Frage auf, warum nicht sofort die korrekte Schreibung eingeübt» werde.[9] Kommentar: Wenn jemand behauptet, «dass Fehler das spätere Erlernen der richtigen Form in keiner Weise beeinträchtigen», dann fordern Sie diese Person dazu auf, nicht an einen rosaroten Elefanten zu denken und fragen Sie sie dann, was sie sehe.

Weitere Kuriositäten

In der mini-grammaire lassen die Lehrmittelautorinnen Kinder (nicht etwa studierte Linguisten!) auf einer Metabene mehr als 40 Sprachen – von Isländisch über Vietnamesisch bis zum Inuktikut – reflektieren, die sie noch nicht einmal ansatzweise kennen.

Dozierende der PH FHNW propagieren gar das Code Switching – das beständige Wechseln zwischen mehreren Sprachen – als Unterrichtsziel für die Volksschule und demonstrieren damit Abgehobenheit und Realitätsferne. 

Beschwichtigen, Diffamieren, Ignorieren und die Macht des Faktischen

Bereits 2015 machte Philippe von Escher, Stufenpräsident Sek I des Berner Lehrerverbandes, auf die Unzulänglichkeiten aufmerksam: «Es muss sich wohl um einen Systemfehler handeln, dass nach vier Jahren Frühfranzösisch […] die Top-300-Wörter […] in einem isolierten Satz nicht verstanden werden».[10] Umfragen der Verbände aus den Kantonen GR, BE, SO und BL zeichneten allesamt ein negatives Bild.

Die bernischen Gymnasien strichen den Grammatikteil aus der Aufnahmeprüfung, weil man nicht prüfen könne, was nicht vorhanden sei. In Solothurn wurde das geplante Obligatorium der Passepartout-Lehrmittel für die Sek P rückgängig gemacht. Susanne Zbinden wies in ihrer Masterarbeit nach, dass das Leseverständnis von Clin d’oeil-Lernenden signifikant schlechter ist als dasjenige von SchülerInnen, die mit didaktisiertem Material Französisch gelernt hatten.

Trotz erdrückender Faktenlage lenkten die Verantwortlichen nicht ein. Im Gegenteil: Sie beschwichtigten, vertrösteten, stellten mahnende Stimmen bloss. Sie erklärten prämierte Studien wie jene von Simone Pfenninger für qualitativ ungenügend. Sie verwehrten Kritikern den Unterrichtsbesuch und schüchterten aufmüpfige Eltern ein. «TeleBasel» musste Stimmen verändern und Gesichter verpixeln, damit Betroffene sich getrauten, Klartext zu sprechen.

Dank Aldous Huxley wissen wir, dass Tatsachen nicht aufhören zu existieren, nur weil sie ignoriert werden. Im März 2018 sah sich Gesamtprojektleiter Reto Furter zu einer Stellungnahme veranlasst. Offenbar lagen die Nerven blank. Anders ist es nicht zu erklären, dass er sich auf SRF4 zu dieser Aussage verstieg: «Ein Geschichtslehrmittel, das den Holocaust leugnet, muss man verbieten, aber sicher nicht zwei Französischlehrmittel und ein Englischlehrmittel.»[11] Dieser «Vergleich» stellt eine Assoziation her zwischen Rechtsextremismus und dem Entscheid des Baselbieter Landrats, den Ausstieg aus Passepartout gutzuheissen. Einer sachlichen Auseinandersetzung ist das nicht zuträglich.

Die Realität sieht so aus: Viele praxiserfahrenen Lehrpersonen – ihrem Berufsethos und dem Lernerfolg ihrer SchülerInnen verpflichtet – greifen längst korrigierend ein und halten sich nicht an krude Theorien von «Experten», die am finanziellen Tropf des teuersten Fremdsprachenprojekts aller Zeiten hängen.

Ausweg aus der Sackgasse

Dass es auch anders geht, bewies Monica Gschwind in Baselland: Sie nahm die Kritik ernst, holte alle Anspruchsgruppen an den runden Tisch und handelte: Die Fortbildung wurde gekürzt, die Einschränkung der Methodenfreiheit revidiert, das Ergebnis der Fachhearings[12] transparent veröffentlicht, der «schulverlag plus» unmissverständlich dazu aufgefordert, die Lehrmittel grundlegend zu überarbeiten.

Damit in allen Passepartout-Kantonen Ruhe einkehren kann, müssen Selbstverständlichkeiten wieder selbstverständlich werden:

Lehrplan

Lernziele können am besten erreicht werden, wenn die Stoffinhalte konkret definiert sind. Mit schwammigen Kompetenzformulierungen lässt sich kein stufenübergreifend aufbauender Fremdsprachenunterricht realisieren.

Lehrmittelfreiheit

Staatlich protektionierte Lehrmittelmonopole sind träge, einschränkend und teuer. Für beide Sprachen gibt es ausgereifte, weitgehend selbsterklärende Lehrmittel, welche international gesicherte didaktische Erkenntnisse umsetzen.

Methodenfreiheit

Richtziel eines jeden Sprachunterrichts ist der Transfer, die Anwendung in der Zielsprache. Der Weg dorthin ist lediglich Mittel zum Zweck. Es gibt daher weder die Lehrmethode noch die Fremdsprachendidaktik.

Passepartout als Präzedenzfall?

In speziellen Schulungen lernen Piloten, sich den Autoritätsgehorsam wegzutrainieren, damit Ungereimtheiten im Cockpit schnell und offen angesprochen werden können[13]. Genau dieses Selbstverständnis benötigen wir Lehrpersonen im Umgang mit praxisfernen «Experten».

Philipp Loretz, Sekundarlehrer, Aesch

[Quelle: Dieser Artikel ist zuerst im Magazin "Einspruch! 2 - Auswirkungen der Schulreformen, eine kritische Bestandesaufnahme aus der Sicht der Betroffenen" erschienen.]

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[1] Clind’oeil, Bienvenue dans le futur, fil rouge, p. 17
[2] https://nemuk.com
[3] https://www.wortgewandt.ch/de.html
[4] https://www.passepartout-sprachen.ch/ueber-passepartout/worum-geht-es/
[5] https://www.passepartout-sprachen.ch/informationen-fuer/eltern/worum-geht-es/
[6] http://www.ted.com, http://www.ted.com/talks/deb_roy_the_birth_of_a_word
[7] Mille feuilles 3.1, Le monstre de l’alphabet, S. 15 ff.
[8] Ergebnisbericht: Fachhearings Französisch, https://www.baselland.ch/politik-und-behorden/regierungsrat/dossiers/passepartout
[9] Ergebnisbericht: Fachhearings Französisch, https://www.baselland.ch/politik-und-behorden/regierungsrat/dossiers/passepartout
[10] https://www.lvb.ch/docs/magazin/2015_2016/02_Dezember/10_Diese-Didaktik-schuettet-das-Kind-mit-dem-Bade-aus_LVB_1516-02.pdf
[11] Reto Furter, SRF, 27.3.2018, https://www.srf.ch/sendungen/4x4/der-kanton-basel-land-will-aus-passepartout-aussteigen
[12] Ergebnisbericht: Fachhearings Französisch, https://www.baselland.ch/politik-und-behorden/regierungsrat/dossiers/passepartout
[13] Rolf Dobelli, Die Kunst des klaren Denkens, "The authority bias" 
 
 

Der alljährliche Irrsinn

Die Lehrkräfte des OSZ-Orpund blickten bei der Kaffemaschine auf ein Bild, das der Materialverantwortliche in den Ferien gemacht hatte. Condorcet-Autor Alain Pichard erstellte daraufhin eine Rechnung!

Französisch Reste

Dem Orpunder Materialchef standen die Haare zu Berge, als er vor den Sommerferien den Abfallcontainer erblickte. Dieser quoll vor lauter weggeworfenen «Clin d’oeil»-Boxen regelrecht über. Das Ganze war eine Plastikorgie sondergleichen, die unweigerlich an die Abermilliarden Tonnen an Kunststoff-Abfällen in den Weltmeeren denken liess.

Kurz vor Schuljahresbeginn nahm er dann die Bestellungen für das neue Schulmaterial an die Hand. Zum Vorteil der Schule und der Umwelt ist unser Materialchef allerdings nicht nur ein umweltbewusster Zeitgenosse mit gesundem Menschenverstand, er schaut zusätzlich auch aufs Geld. So machte er zur Verdeutlichung der gewaltigen Materialverschwendung durch die «Clin d’oeil»-Lehrmittel ein Foto von der entsprechenden Palette und hängte es im Lehrerzimmer auf.

Clin d'oeil Schülerbox mini-grammaire

«Clin d’oeil» ist ein Einweglehrmittel. Es kann also nicht wiederverwendet werden wie beispielsweise das früher verwendete Französisch Lehrbuch «Bonne Chance». Eine «Clin d’oeil»-Plastikbox kostet pro Schüler Fr. 32.– Dazu werden weitere Materialien angeboten, wie zum Beispiel die «mini-grammaire» für Fr. 32.–. 200 SchülerInnen mal Fr. 32Fr.  ergibt Fr. 6’400.–. Dieser enorme Betrag wird auch nächstes Jahr wieder in der Abfalltonne landen.

Wie die ÜGK 2019 (Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen) und weitere Studien zeigen, verfehlt der Unterricht mit den neuen Lehrmitteln «Clin d’oeil» und «Mille feuilles» (Unter- bzw. Mittelstufe) praktisch alle Bildungsziele. Darüber hinaus erweist sich Passepartout auch als Geldvernichtungsmaschine erster Güte. Sie reisst klaffende Löcher in den Haushalt von Schulen und Gemeinden.

Angesichts der sich aktuell verschärfenden Klimaproblematik ist die Passepartout-Ideologie mit ihrer Materialschlacht ein ökologischer Irrsinn. Sie zeugt in dieser Hinsicht von absoluter Verantwortungsabstinenz seitens der Entwickler und Auftraggeber der Passepartout Lehrwerke, «Mille feuilles», «Clin d’oeil» und «New World».

Alain Pichard, Condorcet-Autor

[Quelle: Condorcet Blog, erschienen am 16.08.2019]

 

Appenzell - Basel 3:0

Die Ergebnisse der ersten schweizerischen Erhebung von Grundkompetenzen in der Volksschule, mit Verzögerung von der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) publiziert, haben die Öffentlichkeit erstaunt und aufgeschreckt. Nun können wir uns ein Bild machen, wie gut die Sechstklässler ihre Schulsprache beherrschen, wie weit sie im Lernen der ersten Fremdsprache sind und wie viel an Mathematik bei Sekundarschülern am Ende der Schulzeit hängen geblieben ist.

Die Untersuchung offenbart grosse kantonale Differenzen. Die NZZ wählt einen drastischen Titel: «Katastrophales Zeugnis für die Basler Schulen». Und fasst dann zusammen: Die Schüler aus Freiburg, Wallis und Appenzell Innerrhoden beweisen sowohl bei Mathematik wie bei den Sprachen überdurchschnittliche Kompetenzen. Am unteren Ende der Skala finden sich beide Basel und Solothurn. Besonders augenfällig ist das schlechte Abschneiden der Schüler aus Basel-Stadt, wo in Mathematik nicht einmal die Hälfte der Schüler genügt, wo aber auch bezüglich der Sprachkompetenzen weniger erreicht wurde als in fast allen anderen Kantonen.

Als Ausrede tischt Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP) gebetsmühlenartig die schwierige Zusammensetzung der städtischen Schülerschaft auf. Die EDK allerdings lässt diese Erklärung nicht gelten: «Die Analysen zeigen», hält sie fest, «dass die unterschiedlichen Anteile nicht oder nur zu einem äusserst geringen Teil auf die Schülerzusammensetzungen zurückgeführt werden können.» Weder die soziale Herkunft noch die zu Hause gesprochene Sprache noch der Migrationsstatus sind demnach entscheidend für das Erreichen der Kompetenzen. Defekt ist das System.

Gegen den ausdrücklichen Rat zahlreicher Fachleute wurde zuerst der Französisch- dann auch noch der Englischunterricht in die Primarschule verlegt. Nun zeigt sich, wenig überraschend: Viele Primarschülerinnen und Primarschüler sind mit zwei Fremdsprachen heillos überfordert. Dabei wird erst noch übersehen, dass für einen erheblichen Teil der Schülerschaft die Standardsprache Deutsch ebenfalls eine Art Fremdsprache ist. Der Erziehungswissenschaftler Carl Bossard lobt die Appenzeller: «Sie verlegten den Französischunterricht von der Primar- in die Sekundarstufe und unterrichten hier mit hoher Kadenz. Sie befreiten die Primarschule von Französisch und gewannen Zeit fürs Kernfach Deutsch.»

Anders gesagt: besser zuerst scharfzüngig Deutsch als vielzüngig, aber ungenau! Viele erfahrene Lehrpersonen wissen das. Doch die Bildungspolitik hört nicht auf sie. («NZZ am Sonntag», 22.6.2019)

Oder mit den Worten von Marcel Proust: «Die Wirklichkeit dringt nicht in die Welt des Glaubens.»

[Quelle: Basler Zeitung, 8. August 2019, von Roland Stark, ehemaliger SP-Grossrat]

 

Seven Years Of Fight

Sie kennen sicher den Film «Seven Years in Tibet». Der berühmte Bergsteiger Heinrich Harrer nimmt nach seiner erfolgreichen Erstbesteigung der Eigernordwand an einer Himalaya-Expedition teil und wird im Rahmen der Kriegswirren für insgesamt sieben Jahre im Tibet interniert. Er lernt den Dalai-Lama kennen und verändert seine Weltsicht.

Sieben Jahre sind lang. Und kurz. Doch sie reichen aus, um Stand- und Trittfestigkeit zu erreichen und die Sicht auf die Dinge zu festigen.

Genau das ist der Starken Schule gelungen. Am 20. Juni 2011 wurde der Verein «Gute Schule Baselland» ins Leben gerufen. Dies vor allem als Antwort auf die basellandschaftlichen Spar- und Reformprogramme. Einerseits, um dem kantonalen Ansinnen entgegenzuwirken, Sekundarschülerinnen und -schüler bei Bedarf künftig innerhalb eines Schulkreises zu verschieben, um die Klassen füllen zu können und so die Beschulung im Wohnort nicht mehr garantieren zu müssen (Komitee «Keine Zwangsverschiebungen»). Andererseits, um der grassierenden Reformitis Einhalt zu gebieten, mit dem Ziel, ein Mindestmass an Unterrichtsqualität zu erhalten (Komitee «Gute Schule Baselland»). An diesem 20. Juni 2011 fand denn auch die erste Mitgliederversammlung des neu gegründeten Vereins statt, an welcher der Vorstand gewählt und die Statuten verabschiedet wurden.

Der Name «Gute Schule Baselland» schien ideal für den bildungspolitisch tätigen Verein. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Der Kanton Baselland hatte inzwischen die Marke «Gute Schule Baselland» rechtlich schützen lassen und drohte mit juristischen Schritten, sollte dieser Name weiterhin als Vereinsbezeichnung auftauchen.

Der Gescheitere gibt nach… aus «Gute Schule Baselland» wurde «Starke Schule Baselland». Damit setzte die Starke Schule Baselland eine Entwicklung in Gang, die weitere «Starke Schulen» in anderen Kantonen hervorrief, so zum Beispiel in Appenzell oder in St. Gallen.

Die Geschäftsleitung wurde später Saskia Olsson und Alina Isler übertragen, die das Sekretariat betreuen. Beide sind auch Vorstandsmitglieder der Starken Schule neben (heute Ex-) Landrat Jürg Wiedemann, Michael Pedrazzi und Landrätin Regina Werthmüller. Daneben steht die Mitgliederversammlung, die einmal jährlich einberufen wird. Die Starke Schule beider Basel (SSbB), wie sie seit 2017 heisst, umfasst neben 4'496 Personen aus dem Kanton Baselland auch 308 Personen aus Baselstadt sowie 33 andere Personen.

Die aktuell im Kanton Baselland im Amt stehende Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Monica Gschwind verdankt ihre Erstwahl zu einem Gutteil der Unterstützung durch die Starke Schule. Der gemässigte Reformkurs sowie der vom Artikelverfasser bereits 2010 (an der damaligen AKK-Plenarversammlung) geforderte und schliesslich auch vorgenommene Marschhalt sind ihr zu verdanken. So verwandelte sich der Lehrplan 21 in den «Lehrplan Volksschule Baselland» und die derzeit diskutierte (beschränkte) Lehrmittelfreiheit lässt hoffen.

Die Starke Schule beider Basel ist zu einem wichtigen bildungspolitischen Player herangewachsen, der sich in diversen Gremien auf kantonaler Ebene einbringen kann - nebst anderen, wie z. B. dem Lehrerinnen- und Lehrerverband Baselland (LVB). Wenn man das bildungspolitische Kernanliegen der Starken Schule beider Basel in einem Satz zusammenfassen wollte, dann vielleicht so: «Die Starke Schule beider Basel setzt sich ein für einen qualitativ hochwertigen und Reformideologie-befreiten Unterricht, verbunden mit der entsprechend zu gewichtenden pädagogisch-methodischen Autonomie der Lehrpersonen.»

Folgende Initiativen hat die Starke Schule seit ihrer Gründung lanciert:

  • Keine Zwangsverschiebungen an Baselbieter Sekundarschulen (14. April 2011)
  • Bildungsqualität auch für schulisch Schwächere (30. Juni 2011
  • Ja zur guten Schule Baselland: überfüllte Klassen reduzieren (1. September 2011)
  • Ja zur guten Schule Baselland: Betreuung der Schüler/-innen optimieren (1. September 2011)
  • Ja zur Weiterführung der zweijährigen Berufsvorbereitenden Schule BVS 2 (09. Februar 2012)
  • Ja zu fachlich kompetent ausgebildeten Lehrpersonen (27. Februar 2014)
  • Ja zum Austritt aus dem überteuerten und gescheiterten Harmos-Konkordat (27. Februar 2014)
  • Ja zu den Fächern Geschichte, Geografie, Biologie, Physik und Chemie (25. Juni 2015)
  • Stopp dem Verheizen von Schüler/-innen: Ausstieg aus dem gescheiterten Passepartout-Fremdsprachenprojekt (15. Oktober 2015)
  • Stopp der Überforderung von Schüler/-innen: Eine Fremdsprache auf der Primar genügt (15. Oktober 2015
  • Ja zu Lehrplänen mit klar definierten Stoffinhalten und Themen (7. Juli 2016)
  • Ja zu einer pädagogisch sinnvollen Stundentafel (22. Juni 2017)
  • Die gigantische und unerfüllbare Anzahl von 3'500 Kompetenzbeschreibungen in den Lehrplänen auf ein vernünftiges Mass reduzieren (27. September 2018)
  • Passepartout-Lehrmittel Mille feuilles, Clin d’œil und New World durch gute Schulbücher ersetzen (27. September 2018)

In letzter Zeit zeigt sich Erfreuliches. So hat der Landrat der SSbB-Initiative «Ausstieg aus den Passepartout-Lehrmitteln» zugestimmt. Deren Annahme durch den Landrat bedeutet, dass die Bildungsdirektion eine Gesetzesvorlage ausarbeiten muss, mit welcher diese Initiative umgesetzt werden kann, wobei die Bildungsdirektion einen gewissen Spielraum hat. Dieser Spielraum zeigt sich in der bereits erwähnten «beschränkten Lehrmittelfreiheit». Diese Entwicklung wiederum führte aktuell dazu, dass die Starke Schule sich bewusst dazu entschieden hat, mit der Einreichung ihrer letzten Initiative "Mille feuilles, Clin d'oeil und New World durch gute Schulbücher ersetzen" zuzuwarten. Es scheint, als bewege sich der Apparat BKSD langsam aber sicher in die richtige Richtung. Doch es gilt, weiterhin wachsam zu bleiben!

Man kann sich auch fragen, worauf die politischen Erfolge der Starken Schule beruhen. Nebst dem unermüdlichen Einsatz von Geschäftsleitung und Vorstand ist dies vor allem der Vereinskonstellation zu verdanken. Die Starke Schule beider Basel ist ein Mitte-Links-Komitee, dem es gelungen ist, die Linke zu spalten bzw. ideologisch aufzuweichen und zusammen mit den Mitteparteien und den Bürgerlichen immer wieder Allianzen und Mehrheiten im Parlament zu bilden. Das überzeugt auch die Stimmbürgerinnen und -bürger.

Der Starken Schule wird immer wieder mal vorgeworfen, sie bombardiere die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger andauernd mit neuen Initiativen – die Bildungslandschaft käme so nie zur Ruhe.

Falsch! Die Initiativen der SSbB sind durchs Band Reaktionen auf den nicht enden wollenden Feldzug des nimmersatten Reformgoliath, der die schweizerische und damit auch die basellandschaftliche Bildungslandschaft ständig von neuem umpflügt. Dass diese Reformbemühungen in einer Sackgasse enden, ist mehr als abzusehen – der kürzlich national erhobene Bildungsvergleich spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache. Genau so deutlich äussern sich die Abnehmeretagen der Volksschulabgängerinnen und -abgänger. Ohne den ständig aufrechtzuerhaltenden Druck zur Kurskorrektur - z. B. seitens der Starken Schule - wäre das Fiasko mehr als programmiert. Die Starke Schule beider Basel leistete und leistet in dieser Hinsicht wertvolle Arbeit – Seven Years Of Fight!

Danke!
Daniel Vuilliomenet, Sekundarlehrer

 
 

Mehr Fairness an den Schulen

An vielen Schulen ist das Verhältnis zwischen Lehrkräften, Schulleitungen und Schulbehörden konfliktbelastet. Dies zeigen Medienberichte von Lehrer-Massenkündigungen aus verschiedenen Kantonen. Ein aktueller Bericht des Kantons Thurgau listet verschiedene Schwachstellen auf und empfiehlt den Schulleitern, den Lehrern «den nötigen Respekt entgegenzubringen». Insbesondere sei bei Organisationsanpassungen «ein ausreichender Einbezug der Lehrpersonen sicherzustellen».

Diese Rüge aus dem Thurgauer Erziehungsdepartement lässt aufhorchen. Bisher konnten sich die Schulleiter auf die Rückendeckung der lokalen und kantonalen Behörden verlassen. Doch hier muss ein Umdenken stattfinden. Die Schweizer Volksschule lebt von der aktiven und kritischen Begleitung durch die Lehrpersonen. Diese darf weder von beflissenen Schulleitungen noch von der Schulbehörde eingeschränkt oder abgewürgt werden.

Es geht nicht darum, schlechte Lehrpersonen zu schützen. Es gehört zu den Führungsaufgaben der Schulleitung, schwachen oder ungeeigneten Lehrpersonen Alternativen aufzuzeigen. In der Zusammenarbeit zwischen den an der Schule Beteiligten muss aber mehr Fairness geübt werden. Insbesondere sollen sich die involvierten Personen an folgende vier Grundsätze halten:

  1. Die Methodenfreiheit muss garantiert sein. Auch mit dem Lehrplan ist grundsätzlich die Methodenfreiheit gewährleistet. Diese sorgt dafür, dass die örtlichen Verhältnisse (Schülerstruktur, Klassengrössen, Zusammensetzung des Lehrkörpers) in bester Weise berücksichtigt werden können. Das Prinzip der Methodenfreiheit gilt es deshalb hochzuhalten.
  2. Reformen müssen mit dem Lehrerteam zusammen angepackt und nicht top-down verordnet werden. Willkürliche Massnahmen, insbesondere mit Kündigungsandrohung, haben in einem pädagogisch geprägten Umfeld nichts zu suchen und wirken sich nachteilig auf die Schulqualität aus.
  3. Widerspruch kann heilsam sein. An vielen Schulen wird es den Lehrpersonen untersagt, Anordnungen der Schulleitung oder der Schulbehörden zu kritisieren. So dürfen sich die Unterrichtenden nicht äussern zu pädagogisch relevanten Fragen. Das Resultat davon ist ein Klima der Angst und der Heuchelei. Entsprechende, auch von den kantonalen Ämtern gebilligte Maulkörbe, gehören abgeschafft und sind der demokratisch legitimierten Schweizer Volksschule unwürdig.
  4. Die Schulbehörden sind neutral. Oft können die Schulleitungen auf die blinde und fast bedingungslose Unterstützung der politischen Behörde, die sie gewählt hat, zählen. Die Schulbehörden sind zu verpflichten, bei Konflikten die Grundsätze der Neutralität und Unabhängigkeit zu beachten - zum Wohl der Schule. 
Urs Kalberer
 
 

Was ist los mit unserem Geschichtsunterricht?

Haben Sie lebendige Erinnerungen an Ihren Geschichtsunterricht in der Volksschule? Wenn ja, dann dürften packende Erzählungen und anregende Klassengespräche wohl eine wichtige Rolle gespielt haben. Wenn nein, dann besuchten Sie vermutlich bei einem Langweiler den Geschichtsunterricht.

Nur noch ein Restprogramm eines geschichtlichen Basiswissens
Wenn man auf die aktuelle Situation des Geschichtsunterrichts blickt, so stellt man fest, dass das Fach in den letzten Jahren stark an den Rand gedrängt wurde. Die Lektionenzahl wurde teils bis auf eine Wochenlektion reduziert und das Fach selber ist versteckt in einem Konglomerat aus mehreren Fächern. Die meisten Lehrpersonen beklagen sich zu recht, dass für einen vernünftigen stofflichen Aufbau schlichtweg die Zeit fehle. Der zweite Grund für eine Distanzierung vieler Lehrpersonen gegenüber dem Fach ist eine tiefe Verunsicherung, die durch grundlegend neue Ansätze in der Geschichtsdidaktik ausgelöst wurde. Dabei bleibt die wichtige Frage, wieweit geschichtliche Inhalte noch verbindlich sind und welche Rolle der erzählerischen Gestaltungkraft der Lehrperson zukommt, trotz verschiedener Hinweise im neuen Lehrplan weiterhin in der Schwebe.

Die Abwertung des Geschichtsunterricht durch fehlende Zeitgefässe bei gleichzeitiger Austauschbarkeit wesentlicher Inhalte ist offensichtlich. Da es von der Zielsetzung des neuen Lehrplans her primär auf das Vermitteln von geschichtlich relevanten Kompetenzen geht, glaubt man, durch kluges Auswählen aus einer Vielfalt von Inhalten den Mangel des seriösen Aufbaus kompensieren zu können. Die Lehrpersonen sind bei diesem unübersichtlichen Selbstbedienungsbuffet nicht zu beneiden. Wie sollen denn die Schüler eine Kontinuität geschichtlicher Abläufe erkennen, wenn zu viel zusammengestrichen werden muss? Eine Geschichtsdidaktik, die glaubt, auf einen Grossteil geschichtlichen Grundwissens verzichten zu können, wird beim Vermitteln der Kompetenzen so immer wieder mit unvermeidlichen Lücken zu kämpfen haben.

Wenig beliebte Schweizer Geschichte
In der Sekundarschule benötigt man bei schülergerechtem Lerntempo für eine nur in exemplarischen Schwerpunktthemen vermittelte Geschichte Europas von den Entdeckungen im 15. Jahrhundert bis zur aktuellen Globalisierung rund zwei Wochenlektionen während dreier Jahre. Es erstaunt deshalb nicht, dass Themen aus der Schweizer Geschichte am ehesten vernachlässigt werden, da sie als besonders heikel gelten. Kritisch denkende Lehrkräfte möchten sich nicht unnötig dem Stallgeruch eines selbstgefälligen Nationalstolzes aussetzen. Viele Lehrpersonen beschränken sich in der Schweizer Geschichte deshalb auf Kapitel, die ihnen gerade naheliegen oder machen gar einen Bogen um wesentliche historische Epochen. Doch diese Haltung darf keine Entschuldigung dafür sein, unserer Jugend das Werden der modernen Schweiz vorzuenthalten.

Akademisch konzipierte Geschichtsdidaktik
Die Stoffauswahl ist das eine, das lebendige Vermitteln historischen Geschehens das andere. In der Geschichtsdidaktik wird den Lehrpersonen nahegelegt, geschichtliche Erzählungen als Ergänzungen zu sehen und den Schülern einen breiten Zugang zur Vergangenheit durch die Auseinandersetzung mit geschichtlichen Quellentexten zu öffnen. Die neue Geschichtsdidaktik geht oft von einem reichen Vorwissen aus, das nicht vorhanden ist und neigt zu akademischen Fragestellungen, die viele überfordern. Wer mit Lehrerinnen und Lehrern spricht, stellt fest, dass ein weitgehender Verzicht auf direkte Instruktion zugunsten von Erkenntnissen aus selbsterarbeiteten Lernprogrammen zeitraubend und für viele Jugendliche zu wenig motivierend ist.

Die Geprellten bei dieser umstrittenen Konzeption des Geschichtsunterrichts sind unsere Schülerinnen und Schüler. Ihr Hunger nach anschaulichen Schilderungen lässt sich kaum mit individualisierten Aufträgen zu seitenlangen Dokumenten und Serien von Arbeitsblättern ausreichend stillen.

Ermutigung zum spannenden Erzählen
Der neue Trend in der Fachdidaktik hat seinen Preis. Statt angehende Lehrpersonen in faktenorientierter Erzählkunst zu fördern und zu ermutigen, setzt man in erster Linie auf anspruchsvolle Konzepte zur Selbsttätigkeit der Schüler. Nichts gegen neue Wege mit optimalen Zugängen zum altersgerechten Forschen, aber die Förderung des entdeckenden Lernens darf nicht mit einem Abbau des narrativen Unterrichts erkauft werden.

Die Vorbereitung einer narrativen Lektionsreihe mit einer didaktisch aufbereiteten Fortsetzungsgeschichte für einen dialogischen Unterricht ist aufwändig. Die meisten Lehrpersonen wären deshalb froh um kommentierte Folienfolgen für bildgestütztes Erzählen und prägnante Hintergrundinformationen zum gewählten Thema. Da sich die Fachdidaktik dafür aber nur begrenzt zuständig sieht, muss man sich nicht wundern, wenn viele Lehrpersonen sich ein erfolgreiches Einarbeiten in die Erzählkunst gar nicht mehr zutrauen.

Lebendiger Geschichtsunterricht ist sprachbildend
Doch der Aufwand würde sich vielfältig lohnen.Lebendiger Geschichtsunterricht ist sprachbildend, sofern dem Erzählerischen wirklich Raum gegeben wird. Kinder und Jugendliche sind voll aufnahmefähig, wenn sie während farbiger Schilderungen ein Sprachbad im dramatischen Geschehen nehmen können. In narrativen Geschichtslektionen entstehen innere Bilder und Vorstellungen von prägender Kraft, welche die Basis für solide Analysen bilden. Daraus entwickeln sich als erwünschte Nebenwirkungen geschichtliche Kompetenzen und eine nicht zu unterschätzende Ausweitung des sprachlichen Horizonts.

Schweizer Geschichte im europäischen Kontext sehen
Kaum eine kultivierte Nation würde es akzeptieren, wenn die landeseigene Geschichte im Unterricht hinten angestellt würde. Doch wir schaffen das. Viele Lehrpersonen gehen davon aus, dass die neuere Schweizer Geschichte nicht viel Aufregendes zu bieten habe, wenn man abseits der bekannten Mythen kritisch darüber berichte. Doch diese Befürchtung ist fehl am Platz. Die neuere Schweizer Geschichte ist eine Fundgrube für spannende und erhellende Auseinandersetzungen. Wenn relevante Themen geschickt vor dem Hintergrund des europäischen Donnerrollens geschildert werden, erkennen die Schüler meist die grossen Zusammenhänge von Entwicklungen und gleichzeitig die Besonderheiten des Schweizer Wegs.

Reicher Stoff für narratives Gestalten
Das Eintauchen ins historische Geschehen gelingt am besten, wenn Lehrpersonen die Fähigkeit entwickelt haben, im Lektionskonzept Spannungslinien aufzubauen und die dramatischen Verstrickungen wieder aufzulösen. Die Schüler merken bald, dass unsere Historie keine verstaubte Angelegenheit ist. Doch es gilt, die richtigen Themen auszuwählen. Der Landesstreik liegt schon gut hundert Jahre Zeit zurück. Aber die Dramatik des scharfen Gegensatzes zwischen dem aufgeschreckten Bürgertum und der wütenden Arbeiterschaft ist ein Stoff, aus dem sich Geschichte gestalten lässt. Die sich überschlagenden Ereignisse vom November 1918 und die nachfolgenden Jahre sind Musterbeispiele für historisches Geschehen, welches letztlich grosse gesellschaftliche Veränderungen in unserem Land ausgelöst hat.

Faktenorientierte Erzählkunst fördert Urteilskraft
Schweizer Geschichtsunterricht soll auch Verständnis für den Zeitgeist einer Epoche schaffen. Dieser kann durchaus von den Wertvorstellungen unserer Tage abweichen und etwas irritieren. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs bietet attraktiven Stoff, um die Situation eines Kleinstaats im Ring feindlicher Grossmächte schildern zu können. Die Abgrenzung gegenüber dem Nazitum, der Wille unserer Bevölkerung zum Überleben und die Reduit-Strategie von General Guisan stossen bei Jugendlichen auf grosses Interesse. Unverantwortlich wäre es hingegen, wenn kritische Fragen zur restriktiven Flüchtlingspolitik oder zu unserer wirtschaftlichen Abhängigkeit von den Achsenmächten ausgeklammert würden. Die Jugendlichen haben ein Recht darauf, auch die unschönen Seiten unserer Vergangenheit kennen zu lernen. Meist entstehen gehaltvolle Klassengespräche mit differenzierten Urteilen, wenn Licht und Schatten menschlichen Verhaltens in schweren Zeiten faktengetreu zur Sprache gekommen sind.

Über Meilensteine unserer jüngsten Geschichte im Bild sein
In vielen Klassen wird die neue Schweizer Geschichte spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs abgeschlossen. Doch die Zeit nach 1945 ist für eine Reihe politischer Weichenstellungen von grosser Bedeutung. Je näher wir ans 21. Jahrhundert kommen, desto deutlicher ist der Atem der aktuellen Politik zu spüren. Zudem bestehen mehr Möglichkeiten, um die Wirklichkeit der Geschichte erlebbar zu machen. Zeitzeugen können befragt werden und ausgewählte Film- und Tondokumente helfen mit den Unterricht zu bereichern. Es gehört zum Basiswissen, dass die Schüler am Ende der Oberstufe über den Kampf ums Frauenstimmrecht sowie generell über unsere Grundstimmung während des Kalten Krieges im Bild sind. Aber all das Wissen bekommt erst seinen Wert, wenn dahinter lebendige Bilder und wesentliche historische Erkenntnisse stehen.

Eine lebendige Demokratie setzt voraus, dass die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger über ein solides geschichtliches Grundlagenwissen verfügen. Dieses wird für die meisten weitgehend abschliessend in der Volksschule vermittelt. Wenn unserer Jugend ein magerer Geschichtsunterricht vorgesetzt wird, darf uns das nicht länger egal sein.

Hanspeter Amstutz, erschienen am 2. Juli in der NZZ
 

Schwarze Liste für Lehrpersonen

Seit 2004 führt die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren eine «Schwarze Liste», auf welcher Lehrpersonen aufgelistet werden, die in den jeweiligen Kantonen ihre Unterrichtsberechtigung verloren haben – sei es durch psychische Krankheiten, Drogenproblemen oder wegen Sexualdelikten. Die Kantone müssen alle Pädagoginnen und Pädagogen melden, denen in einem rechtskräftigen Verfahren die Unterrichtsbefugnis entzogen wurde. Obwohl es diese Meldepflicht gibt, machen nicht alle Kantone mit. Dies zeigt nun auch das Beispiel eines Basler Sekundarlehrers, der sich im Internet unter falschem Decknamen das Vertrauen von Kindern erschlich und ihnen freizügige Bilder im Gegenzug von Nacktbildern und pornografischen Videos versprach. Das Strafgericht Basel-Stadt verurteilte den Mann wegen sexueller Handlungen mit Kindern und illegaler Pornografie. Mit seiner Masche lockte er fast 200 Buben in die Falle und erhielt dadurch eine Freiheitsstrafe von drei Jahren, eines davon unbedingt. Trotz dieses Delikts steht sein Name nicht auf der angesprochenen Schwarzen Liste.

Nicht nur in Basel-Stadt, sondern auch im Tessin und in der Waadt gab es Fälle, bei denen die Lehrpersonen nicht gemeldet wurden: In diesen Kantonen fehlt eine gesetzliche Grundlage, um sich an der Schwarzen Liste zu beteiligen. Im Tessin will man auch weiterhin auf die Meldungen verzichten. Laut der dortigen Erziehungsdirektorin werden bei Bewerbungen immer ein Strafregisterauszug und ein Sonderprivatauszug, der Auskunft über bestehende Berufsverbote gibt, verlangt. Ausserdem müssen Anwärter belegen, dass sie keine Verfahren gegen sich laufen haben. Diese Instrumente erfüllten laut Tessiner Bildungsdirektorin denselben Zweck wie die Schwarze Liste.

In der nachfolgenden Graphik ist ersichtlich, wie viele Pädagoginnen und Pädagogen von jedem Kanton in der Schwarzen Liste eingetragen sind. Während Zürich mit 34 eingetragenen Personen Spitzenreiter ist, sind es in den beiden Basler Halbkantonen Null.
 

 
Ein wesentlicher Vorteil der Schwarzen Liste ist, dass sie sich nicht auf bestimme Strafrechtsurteile beschränkt, sondern auch Entzüge wegen Suchtkrankheiten oder Drogendelikten umfasst. Ausserdem können die Kantone auch schon während des noch laufenden Strafverfahrens die Unterrichtsberechtigung zumindest provisorisch entziehen. Trotzdem bietet die Schwarze Liste natürlich keine Garantie. So nämlich beim Basler Lehrer, der nun in Basel-Stadt zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Als die Staatsanwaltschaft 2014 ein Verfahren gegen ihn eröffnete und dies den Behörden im Kanton Basel-Landschaft meldete, wo die Person bis 2013 unterrichtet hatte, wurde er nicht auf die Liste getragen. Danach arbeitete er im Kanton Aargau, jedoch nur als Aushilfe im Sekretariat, wo er zwei Herbstlager der Kinder begleitete. Von den Vorwürfen erfuhr man erst 2018, teilte die Schule während des Prozesses mit. Da er nicht als Lehrer tätig gewesen sei, wurde er auch jetzt nicht auf die Schwarze Liste gesetzt.

Somit bleibt die Gefahr, dass selbst verurteile Straftäter in anderen Kantonen an einer neuen Arbeitsstelle mit Jugendlichen zusammenarbeiten, obwohl eine Schwarze Liste für solche Fälle existieren würde. Die Starke Schule bittet alle Kantone, sich am Register zu beteiligen und die schwarze Liste zu berücksichtigen.

Saskia Olsson, Vorstand Starke Schule
 
 

Gigantische Anzahl Kompetenz-beschreibungen reduzieren

Der neue Lehrplan Volksschule Baselland, mit welchem seit dem Schuljahr 2018/19 an den Sekundarschulen gearbeitet wird, ist nicht zielführend: Er ist unübersichtlich, schwammig formuliert und deutlich zu umfangreich. Bedenklich ist zudem, dass ein wesentlicher Teil des Lehrplans vom Amt für Volksschulen (AVS) in Eigenregie mit dem Ziel formuliert wurde, den selbstorganisierten und konstruktivistischen Unterricht in den Klassenzimmern zu manifestieren. Fachexpertinnen und -experten wurden nicht oder lediglich als Marionetten eingebunden, welche den Lehrplan faktisch nur noch absegnen durften.

Der Lehrplan Volksschule Baselland der Primar- und Sekundarstufe 1 besteht aus zwei Teilen: einerseits aus der gigantischen Anzahl von 3'536 Kompetenzbeschreibungen, andererseits aus Stoffinhalten und Themen mit Jahreszielen, differenziert ausgerichtet auf die drei Leistungsniveaus A, E und P. Beide Teile sind enorm umfangreich und haben einen sehr hohen Detaillierungsgrad, was den Lehrplan Volksschule Baselland unübersichtlich und für die Lehrpersonen faktisch unbrauchbar macht. Gleichzeitig ist auch der Lehrplanteil mit den Stoffinhalten und Themen in Form von Kompetenzbeschreibungen verklausuliert. Der Bildungsrat hat den Lehrplan Volksschule Baselland denn auch nur provisorisch für 3 Jahre eingeführt, damit dieser in der Zeit überarbeitet und verbessert werden kann.

 Fach (Primar- und Sekundarstufe 1)
 Anzahl Kompetenz-beschreibungen
 Deutsch  502
 Französisch  250
 Englisch  250
 Italienisch  192
 Latein  151
 Mathematik  452
 Natur, Mensch, Gesellschaft
 411
 Biologie, Chemie, Physik
 154
 Hauswirtschaft  80
 Geografie, Geschichte
 127
 Ethik, Religion, Gemeinschaft
 86
 Bildnerisches Gestalten
 166
 Textiles und technisches Gestalten
 154
 Musik  207
 Bewegung und Sport
 244
 Medien und Informatik
 75
 Berufliche Orientierung
 35
 Total  3'536

Diese gigantische und unerfüllbare Anzahl in den Lehrplänen der Volksschule sollte auf ein vernünftiges Mass reduziert werden, zumal viele Kompetenzbeschreibungen akademisch anmuten und damit stufenfremd formuliert sind. Hier einige Beispiele aus den Fachbereichen Deutsch, Englisch, Geschichte und Mathematik:

  • Die Schülerinnen und Schüler können ihr Verständnis eines Redebeitrags mit Bezug auf das Gehörte begründen.
  • Die Schülerinnen und Schüler können die Bedeutung von Rechtschreiberegeln reflektieren.
  • Die Schülerinnen und Schüler können Erfahrungen mit den Begriffen: Futur und Plusquamperfekt; vier Fälle; Nominativ, Akkusativ, Dativ und Genitiv sammeln.
  • Die Schülerinnen und Schüler können sich darauf einlassen, immer wieder neue Bilderbücher, Hörbücher, Hörspiele, Filme anzuschauen, zu lesen und darüber zu sprechen.
  • Die Schülerinnen und Schüler können ihr Hörverhalten und Hörinteresse reflektieren.
  • Die Schülerinnen und Schüler können beim Vortragen Texte gestalten und eine ästhetische Wirkung erzielen.
  • Die Schülerinnen und Schüler können Geschichte zur Bildung und Unterhaltung nutzen.
  • Die Schülerinnen und Schüler können erklären wie Geschichte ihr Leben beeinflusst hat und worin für sie selber der Nutzen der Beschäftigung mit Geschichte liegt.
  • Die Schülerinnen und Schüler sind bereit, sich mit unbekannten Fragestellungen zu Kombinatorik und Wahrscheinlichkeit auseinanderzusetzen.

Aufgrund dieser immensen Quantität an Kompetenzbeschreibungen und der teilweise schwer verständlichen, wenig aussagekräftigen Formulierungen mit einem grossen Interpretationsspielraum, bekunden viele Lehrpersonen erhebliche Mühe, sich einen Überblick zu verschaffen. Viele Kompetenzbeschreibungen sind zudem so schwammig formuliert, dass damit die Leistungen der Schüler/-innen gar nicht objektiv überprüfbar und bewertbar sind.

Die Starke Schule hat reagiert und reicht am 24. Juni die formulierte Initiative «Die gigantische und unerfüllbare Anzahl von 3'500 Kompetenzbeschreibungen in den Lehrplänen auf ein vernünftiges Mass reduzieren» ein, um den kompetenzorientierten Lehrplanteil umsetzbar zu machen.

Die Starke Schule lehnt umsetzbare und überprüfbare Kompetenzbeschreibungen nicht grundsätzlich ab, jedoch sollten sie im Lehrplan in einem vernünftigen und erfüllbaren Mass sowie in einer klareren Sprache aufgeführt werden, damit die Lehrpersonen diese bewältigen und zielführend einsetzen können. Erhaltene Rückmeldungen aus Sekundarschulen bestätigen: Die Lehrpersonen verwenden die reinen Kompetenzbeschreibungen nahezu gar nicht. Selbst der Teil Stoffinhalte und Themen wird aufgrund des hohen Detaillierungsgrad nur punktuell berücksichtigt. Der Lehrplan der 1. Klasse der Sekundarstufe I umfasst beispielsweise für das Fach Mathematik 10 Seiten, für das Fach Deutsch 9 Seiten. Dieser übertriebene Umfang ist nicht zweckmässig.

Die Starke Schule ist überzeugt, dass die gigantische Anzahl von Kompetenzbeschreibungen in beiden Teilen des Lehrplans das Erreichen der Lernziele erschwert und deshalb stark reduziert und aufs Wesentliche beschränkt werden muss.

Alina Isler, Vorstand Starke Schule